1,5 Millionen Kasachstaner „nicht-traditioneller“ Orientierung

Ein Kasache erzählt über die LGBT-Gemeinschaft in Almaty, sein coming-out und Selbstmord unter Homosexuellen. Nur.kz berichtete über seine Geschichte. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Vor bereits mehr als einem Jahr wurde eine Internetseite eingerichtet, die die LGBT-Gemeinschaft in Kasachstan vernetzen soll. Der Kasache Daniyar Sabitow gehört zu den Mitbegründern der Seite. So berichtet er, dass die Seite am 1. März 2017 mit den Worten „Kok.team келдi“ veröffentlicht wurde, was so viel heißt wie „Kok.team ist gekommen“. Der Name der Seite sei ein Wortspiel und bewusst so gewählt worden. Denn einerseits spiele es auf die Bezeichnung der LGBT-Community an, andererseits auf das kasachische Wort „көктем“ (koktem), welches Frühling bedeutet. Sabitow erklärt: „Die Zeit für eine Erneuerung der kasachischen Gesellschaft ist gekommen, eine neue Etappe in der Entwicklung der LGBT-Bewegung im Land ist eingetreten.“

Die grundlegende Idee sei es, Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle zusammenzubringen und gemeinsam für die eigenen Menschenrechte zu kämpfen. Zweitens war der Gedanke, eine Seite in kasachischer Sprache zu entwickeln. Der Grund dafür sei, dass bisher keine kasachischen Texte über sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität erschienen sind, abgesehen von den Zeitungsartikeln, in denen Autoren der LGBT-Community weitestgehend negativ begegneten.

Fremde Familie, Nachbarn, Kollegen?

Das Verhältnis zur LGBT-Bewegung ist in Kasachstan nicht die beste. „Die Leute glauben, dass irgendwo in westlichen Ländern seltsame LGBT-Leute leben. Aber wenn sie herausfinden, dass ihr Bruder, Nachbar, Kollege, Freund homosexuell, bisexuell oder transsexuell ist, erkennen sie, dass wir ganz normale Menschen sind“, sagt Sabitow. Bisher sei die Situation gemäß dem jungen Kasachen so, dass die Mehrheit der Kasachstaner keine Schwulen oder transsexuelle Frauen kennen würden. Aus diesem Grund würden LGBT-Menschen als etwas Fremdes, und daher Gefährliches wahrgenommen.

„Daher kommt die Aggression – zum Beispiel in Astana und Almaty, als eine Schlägergruppe gezielt nachts vor einem Schwulenclub wartete und Besucher des Clubs zusammenschlug. Oder erinnern Sie sich an die Geschichte aus Ust-Kamenogorsk, als einige Männer ihren Freund töteten, nachdem er ihnen seine Orientierung gestand “, berichtet Sabitow.

Selbstmord wegen sexueller Orientierung

Vor kurzem wurde eine Studie der Nasarbajew Universität veröffentlich, gemäß derer mehr als die Hälfte der homo- und bisexuellen Befragten angaben, über Selbstmord nachgedacht zu haben oder schon kurz vor diesem gestanden hätten. „Dieser Prozentsatz ist eigentlich viel höher, da in diese Studie nicht die Antworten derjenigen Schwulen enthalten sind, die bereits Selbstmord begangen haben. Ich persönlich kenne Schwule, die leider ihr Leben verloren haben. Ich glaube nicht, dass, wenn Sie 100 Heterosexuelle fragen, sich herausstellt, dass 50 von ihnen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung über Selbstmord nachgedacht haben“, sagt Sabitow.

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Sabitow hält es daher für wichtig, Bedingungen zu schaffen, die LGBT-Menschen das Gefühl geben, dass der Staat auf ihrer Seite stehe. Ein Schritt in diese Richtung sei eine Antidiskriminierungsgesetzgebung. „Homophobe Menschen glauben, dass wir exklusive Rechte für uns verlangen. Aber das ist nicht richtig. Wir wollen die gleichen Rechte wie alle anderen Menschen auch“, sagt Sabitow. Der Kasache weist auf die Gesetzesregelung zur Ehe und Familie hin. Früher hätte es einfach nur geheißen, die Ehe werde zwischen Frau und Mann geschlossen. Dies wurde nun zu einer direkten Diskriminierung verschärft, indem hinzugefügt wurde, dass eine Ehe nicht zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Menschen geschlossen werden dürfte.

Die Redaktion von Kok.team besteht darauf, dass in Kasachstan 1,5 Millionen Bürger leben, die zur LGBT-Gemeinschaft gehören. Das sind 10 % der Gesamtbevölkerung des Landes. Sabitow glaubt, dass all diese Menschen keine Gelegenheit haben, ehrlich und offen zu lieben, ohne Angst um ihr Leben zu haben.

Juna Korosteljowa

Nur.kz

Aus dem Russischen von Lydia Wachs

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LGBT*IQ Aktivisten nach einer Aktion in Zentralasien
gay.az
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Kommentare
  • Ich kam in 90ger aus Kas-n. Damals haben wir alle uns tief im Keller versteckt. Heute ist dort Islam auf Vormarsch, ich lese die Kommentare in Joytoob, die Situation wurde dort noch schlimmer.

    9 Januar 2019

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