Al-Farabi-Universität in Almaty

Bildungspolitik in Kasachstan: Eine Politik des kollektiven Selbstmords?

Andrew Wachtel, Rektor der Narhoz-Universität in Almaty, ist überzeugt, dass das System zur Verteilung von Stipendien zu einer Verschlechterung der Lehrqualität an den Hochschulen Kasachstans sowie zur Flucht der Hochschulabsolventen ins Ausland führt. Für Informburo.kz legt Wachtel seine Sicht auf das kasachstanische Hochschulsystem dar. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Das zweite Jahr in Folge vergibt das Bildungsministerium der Republik Kasachstan ca. 54 000 staatliche Stipendien (so genannte Budget-Studienplätze, auf denen Studierende kostenlos studieren können, Anm. d. Red.) für das Studium an kasachstanischen Universitäten. Als Folge erhalten von den etwa 80 000 Schulabgängern, die erfolgreich die Zentrale Nationale Prüfung ablegen, mehr als zwei Drittel die Möglichkeit, auf Staatskosten zu studieren.

Unterfinanzierung der Universitäten

Das klingt nach einer guten Idee in einem Land mit einer großen Anzahl an jungen Menschen, einem Land, das ausgebildete Arbeitskräfte braucht. Diese Idee hat jedoch auch eine Kehrseite. Um den Stipendiaten die Ausbildung zu ermöglichen, erhalten die kasachstanischen Universitäten jährlich vom Staat 342 900 Tenge (ca. 788 Euro) pro Studierenden (635 800 Tenge bzw. 1462 EUR sind es für technische Studiengänge).

Zum Vergleich: 2016 beliefen sich die Ausgaben für einen Studierenden – die direkten Studienkosten – in den OECD-Ländern auf 10 000US-Dollar jährlich. Auch wenn die Ausgaben in Kasachstan eindeutig geringer sind als in Europa, so doch nicht 12 mal niedriger. In einigen Fällen, wie bei der Beschaffung von Bildungstechnologien oder Bibliothekabonnements, sind sie sogar identisch.

Es gibt nur eine Ausnahme in dieser bedrückenden Situation, nämlich die Nasarbajew-Universität. Das Flaggschiff des Landes schreibt jährlich 1000 Studierenden in Bachelor-Studiengänge ein und erhält dafür 4,7 Millionen Tenge (ca. 11 000 EUR) pro Jahr und Studierenden.

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In der Folge erhalten die Studierenden an den Universitäten eine qualitativ schlechte Ausbildung. Arbeitgeber beklagen sich stets, dass sie trotz der riesigen Zahl an Uni-Absolventen keine neuen qualifizierten Arbeitskräfte finden können. Um die Ursachen dieses Problems zu verstehen, lassen Sie uns auf die Arbeitsweise der kasachstanischen Universitäten im Rahmen des existierenden Systems schauen.

Entsprechend den Anforderungen des Bildungsministeriums der Republik Kasachstan darf das Verhältnis der Studierenden zur Lehrkraft 12:1 nicht übersteigen. Ohne jegliche Zweifel sind dies sehr erstrebenswerte Ziele. Jedoch können selbst viele Universitäten, die zu den Top 200 der Welt zählen, diese Relation nicht vorweisen.

Das fragliche Verhältnis beträgt an den Universitäten in den USA im Durchschnitt 16:1 und nur sehr wenige Universitäten könnten den Anforderungen entsprechen, die in Kasachstan verbindlich sind.

Wozu führen diese Anforderungen? Dazu, dass die Hochschulen gezwungen sind, eine bestimmte Anzahl an Lehrkräften vorzuhalten. Und jetzt lassen Sie uns mal nachrechnen. Bei einem wirklich optimistischen Szenario werden circa 60 Prozent des Universitätsbudgets (nach Abzug der Kapitalkosten) für den Lehrbetrieb ausgegeben. Es ist nicht schwer zu verstehen, dass sich das maximale Entgelt einer durchschnittlichen Lehrkraft auf maximal 200 000 Tenge (460 EUR) beläuft.

Nach Abzug der Einkommensteuer von 20 Prozent verbleiben 160 000 Tenge (368 EUR). Dies ist weniger als das durchschnittliche Einkommen aller Berufe in den zwei wichtigsten Städten Kasachstans und – lassen Sie uns realistisch bleiben – , absolut unzureichend für ein würdiges Lebensniveau in jeder beliebigen kasachstanischen Stadt.

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Es ist nicht schwierig sich vorzustellen, welche Lösungen die Lehrkräfte unter den vorherrschenden Bedingungen finden. Wenn sie ehrlich sind, sind sie gezwungen, gleichzeitig an mehreren Universitäten zu unterrichten. Das bedeutet, dass sie absolut keine Zeit haben, die Studierenden außerhalb des Hörsaals zu treffen, Forschung zu betreiben oder sich weiter zu qualifizieren. Und wenn sie nicht ehrlich sind, dann sind sie korrupt und nehmen Bestechungsgelder von den Studierenden. Ich denke, es ist überflüssig zu sagen, dass weder das eine noch das andere zu guten akademischen Ergebnissen führt.

Welche Lehrkräfte wollen in einem solchen System arbeiten? Auch wenn uns keine offiziellen Daten zur demografischen Verteilung der Lehrkräfte vorliegen, so ist es offensichtlich, dass bei einer solchen Einkommenshöhe junge und ambitionierte Menschen die akademische Karriere nicht attraktiv finden. Im Gegenteil, die Universitäten sind voll von Lehrkräften im Alter von 60 bis 70 Jahren, die ihre Promotionen in den sowjetischen Einrichtungen erhalten haben. Das sind Lehrkräfte, die keine Möglichkeiten haben – selbst wenn sie es wollten – die neuesten Entwicklungen auf den akademischen Forschungsfeldern zu verfolgen.

Geringe Qualität führt zu Abwanderung ins Ausland

Als Ergebnis studieren viele kasachstanische Studenten bei Lehrkräften, die das Pensionsalter längst erreicht und keine Ahnung davon haben, wie sehr sich die akademische Welt 2019 von derjenigen 1985 unterscheidet. Dies ist umso offensichtlicher, da nur wenige von diesen Lehrkräften Englisch beherrschen und folglich keinen Zugang zum größten Teil der wissenschaftlichen Arbeiten auf ihren Gebieten.

Gemäß den vorliegenden statistischen Daten studieren fast 90 000 kasachstanische Bürger im Ausland, die überwiegende Mehrheit von ihnen in Russland. Russische Universitäten ermöglichen ein kostenloses Studium für den größten Teil derjenigen Studierenden, die die Schule mit Bestnoten abgeschlossen haben.

Die staatlichen Stipendien in Russland unterscheiden sich je nach Studiengang und Qualität der Universität. Die minimale Summe, die die Universität für die Ausbildung eines Studierenden erhält, beläuft sich jedoch auf 3000 US-Dollar jährlich. Auch wenn diese Summe bescheiden im Vergleich zu Westeuropa und den USA aussieht, ist sie fast vier mal höher als die Finanzierung der kasachstanischen Universitäten.

In vielen Fällen werden diese jungen Männer und Frauen nach dem Studienende nicht nach Kasachstan zurückkehren. Das bedeutet, dass das bestehende System einen Zustand fördert, bei dem die verarmten, nicht ambitionierten und am wenigsten talentierten Studierenden in Kasachstan bleiben, wo sie eine Ausbildung von schlechter Qualität erhalten und danach keine Arbeit finden, während die jungen Menschen aus halbwegs gut situierten Familien das Land verlassen, um nie wieder zurückzukehren.

Drei Ansätze, um das Problem zu lösen

Um ein Problem zu lösen, ist es zunächst notwendig anzuerkennen, dass dieses Problem existiert. Leider gibt es zumindest zum jetzigen Zeitpunkt keine Anzeichen dafür, dass Kasachstans Regierung begreift, wie schwierig die Lage ist. Erst wenn das Problem erkannt wird, kann die Suche nach Lösungen beginnen.

Meiner Meinung nach, gibt es mehrere Möglichkeiten, um aus diesem Teufelskreis auszubrechen.

Erstens, die offensichtlichste Variante – das Bildungsministerium muss die Kosten für eine qualitativ hochwertige Ausbildung in Kasachstan realistisch einschätzen und dafür Sorge tragen, dass die Universitäten eine ausreichende Finanzierung erhalten (gleichzeitig soll die Arbeit der Universitäten nach internationalen Standards evaluiert werden um sicherzustellen, dass die Mittel effektiv ausgegeben werden). Möglicherweise zieht dies eine Verringerung der Anzahl staatlicher Stipendien um mindestens 50 Prozent nach sich. Jedoch ist es für Kasachstan ohne jeden Zweifel besser, wenn etwa 20 000 Studierende eine gute Ausbildung erhalten als 54 000 eine schlechte.

Die Lösung des Finanzierungsproblems ist eine notwendige, jedoch nicht hinreichende Bedingung, um eine gute universitäre Ausbildung für die kasachstanischen Studierenden zu gewährleisten. Es gibt keine Garantie dafür, dass die Universitäten ohne eine angemessene Überwachung Verbesserungen anstoßen, anstatt sich das Geld sich in die Tasche zu stecken.

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Die zweite Möglichkeit ist ein Stipendiengutschriftsystem, die Entwicklung eines Systems, bei dem es den Universitäten erlaubt wird, zusätzliche Gebühren einzufordern, die die Differenz zwischen dem staatlichen Stipendium und den realen Studienkosten decken. Es ist möglich verschiedene Prüfungen einzuführen, um nicht zu einer Situation zu gelangen, in der Studierende aus Familien mit niedrigen Einkommen von einem solchen System benachteiligt würden. Bei einer richtigen Umsetzung würde dieses System der Regierung erlauben, weiterhin eine hohe Anzahl an Stipendien zu gewähren, gleichzeitig wären die Universitäten nicht gezwungen, eine Ausbildung niedriger Qualität zu bereitzustellen.

Die dritte Möglichkeit wäre ein Programm von leicht zugänglichen studentischen Darlehen mit einer niedrigen Verzinsung, welches die Fehler von vergleichbaren Programmen in der Welt nicht wiederholen würde. Langfristig würde entweder der Staat in Form eines Stipendiums oder die Kreditgeber aus der Realwirtschaft die Ausgaben decken.

So oder so, es ist notwendig, das Problem anzuerkennen und zu lösen, da sich die Situation jedes Jahr weiter verschlechtert: Unterfinanzierte Universitäten haben keine Ressourcen, um die Lehrqualität zu verbessern, die Lehrkräfte altern weiter und entfernen sich immer weiter von den Problemen der modernen Welt.

Informburo.kz

Aus dem Russischen von Gulsana Barpiyeva

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Das kasachstanische Hochschulsystem hat ein Problem (Symbolbild)
Sidne Ward
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