Das ist Termirtau, Baby (1/3)

Temirtau, 180 Kilometer südlich von der kasachischen Hauptstadt Astana, ist vor allem für eines bekannt: die Fabrik „Arselor Mittal Temirtau“. Was bewegt die Bewohner einer Stadt, die von ihren Hochöfen abhängt? Tengrinews.kz poträtiert die Stadt und ihre Bewohner in einer dreiteiligen Fotoreportage, die Novastan mit freundlicher Genehmigung der Redaktion übersetzt.

Der Hochofen im Metallurgiekombinat von Temirtau, in dem einst auch der Präsident Kasachstans Nursultan Nasarbajew arbeitete, wird momentan restauriert. Das Gusseisen wird in drei anderen Öfen geschmolzen. Obwohl sich die heutigen Arbeitsbedingungen von den früheren unterscheiden, bleibt die Arbeit eines Hochofenarbeiters bis heute eine der schwersten in der Industrie. Man muss über einen starken Charakter verfügen und Durchhaltevermögen haben, um die hohen Temperaturen und die Arbeit an der Grenze des Möglichen auszuhalten. Deshalb kommt hier niemand zufällig hin, und sollte das doch einmal passieren, dann nicht für lange Zeit.

Selbst wenn Sie das erste Mal in Temirtau sind – den Weg zum Metallurgiekombinat zu finden ist nicht schwer. Wie die Anwohner gern im Scherz sagen: „Alle Wege führen ins Kombinat“.

Eigentlich ist es mit dem Weg zu „Arselor Mittal Temirtau“ sogar noch um einiges leichter – immer dem Rauch nach.

Dann kommen wir am berühmten Metallurgiekombinat an. Heute arbeiten hier etwa 13.000 Menschen, früher einmal waren es 40.000.

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Über das Fabrikgelände bewegt man sich am Besten mit dem Auto.

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Das erste, was einem auffällt, wenn man das Territorium des Kombinats betritt, ist der eigenartige Geruch. Wer hier schon lange arbeitet, bemerkt ihn gewöhnlich nicht mehr und erzählt Neuankömmlingen, diese Luft sei „heilend“.

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Außerdem verwundert Neuankömmlinge auf dem Kombinat ein lautes Geräusch, welches man hier von Zeit zu Zeit hört.

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Dieses Signal wird von einem Ausstoß von Rauch begleitet.

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Die Frage des Umweltschutzes wird zwischen den Bewohnern von Temirtau und der Fabrikleitung bis heute diskutiert. Die Menschen beschweren sich darüber, dass man in der Stadt aufgrund der Ausstöße zeitweise nicht atmen könne und sprechen gar von einem Anstieg von Krebserkrankungen, die Folgen der Luftverschmutzung seien. Im Betrieb hingegen versichert man, dass man in den letzten Jahren die Umweltverschmutzung für die Stadt bereits bedeutend verringert hat.

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Wie die Mitarbeiter erzählen, investiert die Firma heutzutage sehr viel Geld in Projekte zum Umweltschutz.

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„Wir beschäftigen uns sehr ernsthaft mit der Frage der Sicherung der Umgebung. Wir verstehen, dass wir einen großen Einfluss auf die ökologische Situation der Stadt haben. Die Herstellung von Metall ist verbunden mit dem Ausstoß von Schadstoffen, mit hohen Temperaturen und chemischen Prozessen, was unweigerlich die Umgebung beeinflusst. Aber wir führen jedes Jahr ökologische Veranstaltungen durch, welche wir mit dem Ministerium für Energie abstimmen. Diese Veranstaltungen werden unter ständiger Kontrolle durchgeführt. Unser Ziel ist es, die schädliche Auswirkung auf die Umgebung soweit es geht zu reduzieren“, sagt die Umweltbeauftragte der Firma Galina Drosdowa.

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Zur gleichen Zeit erwähnen sie jedoch, dass das Kombinat mit nicht sehr hochwertigem Erz arbeitet, in dem wenig Eisen und viele schädliche Beimischungen enthalten seien.

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„Die Art des Erzes, das wir bearbeiten, beeinflusst die Umwelt sehr. Auch wenn unsere Ökologen, wenn sie den Stand von 1995 mit dem heutigen vergleichen, von einer vielfachen Verringerung der Ausstöße sprechen“, sagt einer der Mitarbeiter.

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Der Manager der Abteilung für Technologieentwicklung Aleksej Kuzmin bestätigt, dass sich die Fabrikleitung um die Umwelt sorgt. Er arbeitet hier seit sieben Jahren. Angefangen hat er, wie auch Präsident Nursultan Nazarbajew seinerzeit, als Hochofenarbeiter, danach stieg er auf der Karriereleiter auf bis hin zum Posten des Verwalters.

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„Für die Firma ist die Umwelt ein äußerst wichtiger Aspekt. Dafür verwenden wir zu Beispiel bei diesem Ofen neuartige Filter, die so genannten Ärmelfilter, für die Reinigung von Gas und Staub. Das heißt wir kümmern uns um die Umwelt – das war früher nicht so“, bestätigt Aleksej.

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An den Wänden hängen Plakate, die von der Geschichte des Kombinats erzählen. Den Mittelpunkt stellt dabei die Person Nursultan Nazarbajews dar.

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Im Übrigen geben Spezialisten an, dass seit der Zeit, zu der der Präsident des Landes im Betrieb gearbeitet hat, der Prozess des Gusseisenschmelzens mehrmals automatisiert worden ist und der Gußhof modernisiert wurde.

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Das, was die Mettalurgen früher mit Hand getan haben, erledigen heutzutage Maschinen.

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Hier sieht man auch nicht mehr die „Feuerbäche“, die es früher gab. Nichtsdestotrotz ist der Beruf eines Hochofenarbeiters bis heute einer der Schwersten.

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„Als ich hier angefangen habe, haben mich viele gefragt: Warum gehst du dort hin? Das ist sehr schwere Arbeit, du hältst das nicht aus! Viele halten es nicht aus und gehen wieder. Ich kann dem teilweise zustimmen, habe schon oft gesehen, dass Menschen, die hierherkamen, um mit mir zusammen am Hochofen zu arbeiten, innerhalb eines Monats oder eines halben Jahres wieder gingen“, sagt Aleksej im Rückblick auf seine Zeit als Hochofenarbeiter.

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„Um am Hochofen zu arbeiten, muss ein Mensch in erster Linie Charakter haben, im positiven Sinne des Wortes. Das heißt er muss geerdet sein. Denn es kommt häufig zu Situationen, in denen der Mensch zu 150 Prozent seine Möglichkeiten ausschöpft“, betont er außerdem.

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Einer der Leute, die eine solche schwere Arbeit nicht gescheut haben, ist der Hochofenälteste Aleksandr Dawidow.

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Es scheint ihm sogar eine Art Freude zu bereiten, wenn er sich bei der Arbeit dem erhitzten Ofen nähert, wo Temperaturen bis zu 1500 Grad herrschen.

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„Die Arbeit gefällt mir. Sie ist schwer, aber angenehm. Sie hebt die Stimmung, ist gut für den Geist. Und man muss nicht trainieren gehen – hier ist es gut“, sagt Aleksandr. Er arbeitet seit 15 Jahren im Kombinat, davor war er in einem anderen Betrieb.

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Mir gefällt, wie das Metall fließt, dieses Gefühl kann man nicht wiedergeben: es ist etwas Schönes, die Funken fliegen- das ist schön anzusehen“, erzählt der Mann. Er ist 47 Jahre alt. Zusammen mit ihm arbeiten sein Sohn und sein Schwiegersohn im Kombinat.

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Das schwierigste an seiner Arbeit, sagt Aleksandr, ist es, im Sommer am Hochofen zu stehen.

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„Das schwerste ist es, im Sommer zu arbeiten, wenn es heiß ist. Im Winter ist es gut“, sagt er.

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Jede Stunde kommen die Metallurgen aus dem Gußhof hierher, um sich abzukühlen, Tee zu trinken und sich etwas zu erholen.

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„Es kommt vor, dass Menschen das nicht aushalten. Besonders die, die Hitze nicht vertragen. Hier sind sogar schon Leute in Ohnmacht gefallen, deshalb halten es manche einfach nicht aus und gehen. Ist eine schwere Arbeit. Aber wir haben Duschkabinen, ohne die geht es nicht, denn wenn du dich überhitzt, wird es nur noch schlimmer“, sagt Davidow.

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„Im alten Ofen war alles offen, jetzt ist hier alles geschlossen. Jetzt ist es besser. Es ist bequemer und einfacher geworden. Früher war es schwerer“, sagt er. Und die anderen Metallurgen, die hier schon lange arbeiten, stimmen ihm zu.

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Sman Datkabajew ist schon 20 Jahre im Kombinat. Auf die Frage, ob er während dieser Zeit nicht darüber nachgedacht hätte, die Arbeit zu wechseln, antwortet er: „Und wo soll ich hingehen? Wo verdient man denn sonst in Temirtau solches Geld? Andernorts kriegt man nur 40.000 bis 50.000 Tenge ( zwischen 120 und 150 Euro, Anm. d. Red.). Ich muss doch meine Familie ernähren. Gott sei Dank bin ich in diese Fabrik gekommen, hab meine Kinder groß gekriegt, ihnen die Ausbildung ermöglicht. Mein Sohn und Schwiegersohn arbeiten auch im Betrieb“, sagt der Mann. Nach Angaben des Pressedienstes „ArselorMittal Temirtau“ beträgt der Lohn im Monatsdurchschnitt 190.000 Tenge (ca. 560 Euro, Anm. d. Red.).

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„Der Beruf eines Hochofenarbeiters ist keine leichte Arbeit. Auch wenn jetzt alles an europäische Standards angeglichen wird, bleibt es immer noch Schwerstarbeit. Früher war es natürlich noch schwerer, jetzt ist es schon leichter geworden“, sagt Sman und erzählt, dass der Boden des Gießhofes früher nicht mit Betonplatten ausgelegt war wie jetzt.

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Heutzutage versucht das Kombinat, junge Mitarbeiter zu gewinnen. Der Hochofenarbeiter Nauryskhan Setow hat hier auf eigene Kosten die Ausbildung durchlaufen, einen Arbeitsplatz erhalten und macht nun Zukunftspläne.

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„Die Arbeit ist gefährlich und ungesund, aber sie gefällt mir, weil sie mit Metall verbunden ist. Hier ist alles ernsthaft, die Menschen auch. Ich habe mir das Ziel gesetzt, hier zu arbeiten. In ein paar Jahren sehe ich mich als Hochofenältester oder Meister“, sagt Naurjzkhan.

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Der junge Mann ähnelt in gewisser Weise dem Präsidenten Nursultan Nasarbajew in seinen Jahren der Arbeit im Betrieb. Und tatsächlich verbindet ihn auch seine eigene Geschichte mit dem Staatsoberhaupt.

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Nauryskhan schaffte es, bei der Produktion des Filmes „Putj Lidera“ (Weg des Anführers) als Statist mitzuspielen.

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Im letzten Jahr wurde der Inder Paramschit Kalon Generaldirektor von „ArselorMittal Temirtau“, er ist zugleich der Leiter einer Fabrik in der Ukraine. Kalon gehört der indischen Kaste der Kshatriya, der Krieger und Herrscher, an.

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Über ihren indischen Chef sagen einige Mitarbeiter des Kombinats: „Man kann nicht sagen, dass er ein einfacher Mensch ist“.

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„Er nennt seinen Stand „Kshatriya“. Aber soweit ich mich im Kastensystem auskenne, sind in der höchsten Kaste Priester, Bramanen. Davon abgesehen, sind Krieger auch toll. Hier hat er das Management ausgewechselt, zum Guten, natürlich. Ich denke, dass es einer seiner Verdienste ist, dass man angefangen hat, neue Leute im Betrieb aufzunehmen. Wo hier vorher alles irgendwie geschlossen war, fangen wir jetzt an, unser Team zu vergrößern“, sagt einer der Mitarbeiter.

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Nächsten Montag folgt der zweite Teil: Die Menschen in Termirtau frieren. Woran liegt´s?

Im Russischen Original erschienen auf tengrinews.kz
Aus dem Russischen übersetzt von Katharina Kluge

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