„Der Aralsee bricht alle Rekorde – aber er lebt weiter!“ – Geo-Forscher im Experten-Interview

Der führende Aralsee-Experte Pjotr Sawjalow erklärt, warum man das einzigartige Gewässer noch nicht aufgeben sollte, die Aral-Region jedoch gerettet werden muss. Folgender Artikel von Natalja Nikitina erschien im russischen Original bei Fergana News, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Die systematische Beobachtung des Wasserstandes des Aralsees, des einst viertgrößten Sees der Welt, begann Mitte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Anfangs gab es keine Auffälligkeiten. Doch bald schon führte der Klimawandel von historischem Ausmaß sowie der aktive Eingriff des Menschen zu einer ökologischen Katastrophe für den Aralsee selbst und die gesamte Region. Eines der bedeutendsten Binnengewässer des Planeten wird zu einem der ökologisch angeschlagensten Orte des Kontinents.

Mitte der Sechziger Jahre begann der See sich zurückzuziehen. Die Sowjetunion, auf deren Territorium er sich befand, beutete schonungslos die Böden aus und verfolgte dabei das fragwürdige Ziel, einen unabhängigen Baumwollanbau und einen Überfluss an Reis zu erwirtschaften. Dabei war sich niemand im Klaren darüber, dass für „die Geschenke des Ostens“ gezahlt werden muss.

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Etwa um 1990 teilte sich der See in den Kleinen (im Norden) und den Großen (im Süden) Aralsee. Wohl wissend, dass die soziale Lage in dem Gebiet äußerst prekär ist, suchte Moskau nun nach Mitteln, um die Auswirkungen der Umweltkatastrophe zu minimieren. Doch dann zerfiel die UdSSR. Und die Reste des Aralsees teilte nun die usbekisch-kasachische Staatsgrenze. Wissenschaftlichen Expeditionen fehlte es an Finanzierung.

Aktuell versuchen Kasachstan und Usbekistan mit Unterstützung der Weltbank, die ökologische Lage in der Region zu stabilisieren. Es scheint unmöglich, ein beinahe verschwundenes Ökosystem so zu rehabilitieren, dass der Ausgangszustand wieder hergestellt würde.

Zu den ergriffenen Maßnahmen und ihren Erfolgen hat Fergana News mit dem Vize-Direktor der Physik-Abteilung des Schirschow-Instituts für Meereskunde und Doktor der Geowissenschaften an der Russischen Akademie der Wissenschaften, Pjotr Sawjalow, gesprochen.

Fergana: Was war bei der Katastrophe des Aralsees ausschlaggebend – die Summe aller geohistorischen Faktoren und ein damit verbundenes natürliches Absinken des Wasserpegels oder der Einfluss des Menschen?

Pjotr Sawjalow: Dieses Thema wurde viel diskutiert. Kurz gesagt, es ist das Werk des Menschen und der Natur: zu 70 Prozent der Einfluss des Menschen und zu 30 Prozent klimatische Tendenzen. Es ist wohlbekannt, dass eine solche Austrocknung wie die des Aralsees nicht die erste in der Geschichte ist. Ähnliche Ereignisse gab es auch schon ohne jeden menschlichen Einfluss.

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Um wie viel ist die Fläche des Aralsees früher zurückgegangen? War das vergleichbar mit dem, was jetzt passiert?

Für meine Begriffe ist gerade ein erheblicher Rückgang zu beobachten, die extremste Austrocknung seit Beginn der Aufzeichnungen. Aber das geschah vor nicht allzu langer Zeit. Dabei war der Wasserpegel bereits vor rund zweitausend Jahren schon einmal auf diesem Stand, nur wenig höher als jetzt. Dennoch, blickt man auf den Großen Aralsee, sind alle Rekorde gebrochen. Denn dessen Rückgang ist tatsächlich der extremste in der Geschichte.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion war das Problem nicht einfach erledigt. Es wurde ein internationaler Fonds für die Rettung des Aralsees gegründet. Wie erfolgreich war diese Maßnahme?

Bei dieser Frage bin ich kein Experte und kann deshalb den Erfolg des Fonds nicht bewerten. Ich weiß, dass es diesen Fonds gibt, und dass er einer gewissen Aufgabe nachgeht, aber ich bin nur wenig über die Details der Arbeit informiert.

Welche Forschungsarbeiten laufen derzeit am Aralsee? Welche Rolle spielt Russland dabei? Welche der zentralasiatischen Republiken engagiert sich ihrer Meinung nach am aktivsten für die Rettung des Aralsees?

Forschungsarbeiten gibt es in Kasachstan und Usbekistan unter Beteiligung russischer Experten. Das Schirschowa-Institut für Meereskunde an der Russischen Akademie der Wissenschaften spielt seit Beginn der 2000er Jahre eine führende Rolle bei diesen Forschungen. Es findet unsererseits mindestens eine Expedition pro Jahr statt, meistens aber zwei bis drei. Wir arbeiten dabei mit Kollegen aus den zentralasiatischen Republiken zusammen.

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Leider ist die Durchführung zuletzt schwieriger geworden. Wo wir früher in der Lage waren, während einer Expedition alle Gewässer abzudecken, ist das heute unmöglich. Die Strecke am westlichen Ufer des Aralsees über das Ustjurt-Plateau galt früher als ungehinderter Grenzübergang zwischen Usbekistan und Kasachstan. Heute kann man die Grenze nur an einem Übergang in Karakalpakstan überqueren. Technisch ist das äußerst unpraktisch und mit unserer entflammbaren Ausrüstung in den Autos unmöglich. Deshalb findet die Arbeit abwechselnd in Usbekistan und Kasachstan statt.

Aber deshalb passiert nicht weniger. Ich kann nicht sagen, dass der Forschungsumfang ausreichend ist, man möchte immer mehr machen. Aber wir bleiben dran und bekommen eine Vorstellung der Veränderungen, die vor sich gehen. Ebenso die Partner in Kasachstan und Usbekistan.

Bekommen russische Wissenschaftler ausreichend Zugang zu allen Feld- und Forschungsarbeiten?

Natürlich. Wir arbeiten da, haben Zugang, niemand legt uns Steine in den Weg. Aber es gibt, wie gesagt, einige objektive Schwierigkeiten.

Zur Rettung des Aralsees gibt es eine Vielzahl von Veröffentlichungen. Aber müsste nicht mittlerweile, da der Aralsee an sich nicht mehr existiert, eher über die Rettung der Aralregion gesprochen werden?

Der Aralsee hat an sich nicht aufgehört zu existieren. Das ist ein gängiger Irrtum. Er hat sich sehr stark verändert, ist jedoch weiterhin in jeder Hinsicht ein gewaltiges und lebendiges Gewässer. Der Aralsee ist in mehrere Teile zerfallen: den Kleinen Aralsee, die Bucht Tuschtschibas (heute ein See) und den Großen Aralsee, der zu den hypersalinischen Seen (Binnengewässer mit höherem Salzgehalt als Meerwasser – Anm. d. Red.) zählt.

Jeder von ihnen verfügt über einzigartige Eigenschaften, jeder von ihnen hat sein eigenes Schicksal. Sie sind immer noch riesig, der westliche Teil des Großen Aralsees erreicht eine Tiefe von 30 Metern und eine Ausdehnung von zehn Kilometern. Darum: Der Aralsee existiert. Ich glaube, dass er nicht verschwinden wird. Unabhängig vom weiteren Verlauf der Ereignisse ist es zu früh, ihn abzuschreiben.

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Eine andere Frage ist die Rettung der Aralregion: Natürlich muss darüber gesprochen werden! Denn solch große Bauprojekte, über die von Zeit zu Zeit gesprochen wird, wird niemand starten, nur weil er gerne einen See an dieser Stelle oder in der Nähe seiner Grenzen sieht. Das passiert nur, um die Wasserversorgung der gesamten Region ins Auge zu fassen, die das dringend braucht. Das ist das Hauptziel aller hiesigen Maßnahmen, die zur Minderung der Folgeerscheinungen der Austrocknung des Sees getroffen werden.

Der Fortbestand der Vegetation auf dem ausgetrockneten Meeresboden und die Erschließung der Böden zielen nicht auf die Rettung des Sees als solchen ab, sondern auf die Abmilderung der Folgen seiner Austrocknung und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung. Und das ist natürlich auch richtig so. Wenn einmal Wasser in die Region geliefert werden sollte, dann nicht zur Rettung des Aralsees, sondern zur Belebung der Region. Natürlich hilft das indirekt auch dem See.

Wie gefährlich ist das Staub-Salz-Gemisch am Grund des Sees? Es gibt Anhaltspunkte, dass Partikel davon sich über den ganzen Globus sogar bis in die Antarktis verteilt haben könnten. Welchen Schaden verursacht das?

Es stimmt, das der Salzstaub noch sehr weit entfernt nachweisbar ist, Bis zur Antarktis halte ich für eine Übertreibung, aber ein paar hundert oder tausend Kilometer entfernt ist das mit Sicherheit der Fall. Auf dem Grund des Sees haben sich tatsächlich Pestizide angesammelt. Sie sind durch die Flüsse Amudarja und Syrdarja aus landwirtschaftlich genutzten Böden dorthin gelangt, haben sich auf dem Grund abgesetzt und verteilen sich jetzt durch den Wind.

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Ich habe noch nichts davon gehört, dass irgendwelche gesundheitsgefährdenden Konzentrationen aufgetreten sind. Man darf diese Gefahr nicht überbewerten, zum Großteil ist das nur Salz. Natürlich ist aber nichts Positives daran, dass sich Salz in der Umwelt und der Lunge absetzt, das ist nicht gesund. Um dieses Problem muss man sich kümmern. Auf der anderen Seite warne ich vor unnötiger Panikmache, es handelt sich so oder so nicht um toxische oder radioaktive Emissionen.

Was die Beschleunigung der Gletscherschmelze unter einer Schicht dieser verwehten Partikel an Aral-Staub anbelangt, ist das nur ein theoretischer Vorgang, der in der Realität, soweit mir bekannt ist, keine große Rolle spielt.

Inwiefern gibt es im Moment Projekte, den Salzboden des ausgetrockneten Sees durch Bepflanzung urbar zu machen? Kann auf solchen Böden überhaupt irgendetwas gedeihen? Ist es realistisch, dort irgendeine Form von Landwirtschaft zu etablieren?

So ein Projekt ist aktuell im Gange. Das passiert schon seit einigen Jahren und das, soweit ich weiß, recht erfolgreich. Wenn aber davon die Rede ist, die Abtragung des ausgetrockneten Bodens des Aralsees zu reduzieren, dann wirkt der Vorschlag natürlich clever, ihn zu bepflanzen und damit die Abtragung zu mindern. Ob das möglich ist? Wenn man sich den ausgetrockneten Boden ansieht, wird deutlich, wie sich seine Beschaffenheit im Laufe der Zeit ändert.

Als der See sich nur zu einem Teil zurückzog, wurde dort tatsächlich eine tote, von einer Krusten überzogene Wüste freigelegt, auf der nichts wuchs. Aber nach fünf Jahren finden sich dort schon vereinzelt Pflanzen und in etwa 20 Jahren steht dort ein Saxaul-Wald  (Sträucher aus der Familie der Fuchsschwanzgewächse – Anm. d. Red.). Dann wird man sich kaum mehr vorstellen können, dass das mal der Grund eines Sees war. Der Boden bleibt urbar für Vegetation. Aber es ist eine Frage der Zeit.

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Das hat sich auch bei unserer Expedition 2019 gezeigt: Die vollständige Erholung des Bodens, wo der See einst war, wird 20 Jahre brauchen. Landwirtschaftliche Nutzung ist eine andere Sache. Ich glaube nicht, dass das möglich ist, denn wenn schon kaum anspruchslose Arten auf diesem Boden wachsen können, wird man dort kaum Reis oder Wassermelonen pflanzen können.  So oder so ist das kein fruchtbarer Boden.

Auf dem brachen Boden fanden Archäologen einige Objekte und gaben ihnen den klangvollen Namen „Aral-Atlantis“. Wo genau lagen diese Dinge und was können sie uns erzählen?

In der Tat kommt es vor, dass Archäologen auf dem ausgetrockneten Seegrund solche Objekte finden, das ist Fakt. Einige archäologische Funde kamen im östlichen Becken des Großen Aralsees, südlich der Insel Barsakelmes vor. Dort fand man Überreste mittelalterlicher Bauten, vermutlich religiösen Charakters, Gräber von Menschen, wahrscheinlich auch Werkzeuge und sehr schönen Goldschmuck für Frauen. Diese archäologischen Funde sind sichtbare und unwiderlegbare Beweise dafür, dass der See bereits ähnliche Veränderungen hinter sich hat und dort vor 500 Jahren Land war. Dann kehrte das Wasser aus irgendeinem Grund zurück – an jener Stelle war es 20 Meter tief – und verschwand von Neuem. Diese Sichtungen unterstreichen den zyklischen Charakter der Veränderungen, die wir beobachten.

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Arbeiten dort jetzt momentan Archäologen?

Ich bin bekannt mit ein paar Archäologen, es finden tatsächlich Arbeiten statt, sowohl seitens lokaler Experten als auch zum Beispiel von Kollegen aus Deutschland. Von unserer Seite nehmen Archäologen und Paläoklimatologen aus Nowosibirsk teil, ihre Erkenntnisse werden in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht.

Gibt es im Moment eine vertragsrechtliche Basis für Entwicklungsprojekte in der Aralregion?

Hinsichtlich der von uns betriebenen Forschungen gibt es zweierlei Absprachen zur Zusammenarbeit mit usbekischen Instituten: mit der Karakalpakischen Staatlichen Universität und der Akademie der Wissenschaften Usbekistans. Außerdem gibt es eine Vereinbarung mit dem Internationalen Kasachisch-Türkischen Jasawi-Institut. Zumindest in der Wissenschaft gibt es diese also auf jeden Fall. Wenn es allerdings um die Möglichkeit zur Umsetzung größerer Projekte, etwa zur Wasserverteilung in den Grenzgebieten geht, so steht eine rechtliche Grundlage hier noch aus. Das müssen Politiker und Juristen des internationalen Rechts entscheiden.

Wie kann eine effektivere Nutzung der Wasserressourcen der Region aussehen, ohne dass Interessen in Konflikt geraten?

Es existiert hierzu noch kein ausgefeiltes Konzept, aber zweifelsohne müssen alle Länder, die an den beiden Flüssen Amudarja und Syrdarja liegen, das Wasser in Absprache miteinander nutzen. Es gab jahrelange Lösungsversuche, jetzt sieht es meiner Meinung nach so aus, als würden rationalere Entscheidungen gefällt. Es ist schwierig für mich, über die Verteilung des Wassers zu sprechen, das ist ein vollkommen anderes Thema: größtenteils ein politisches, zu einem gewissen Teil natürlich aber auch ein naturwissenschaftliches.

Die Umweltkatastrophe des Aralsees betrifft nicht nur Zentralasien. Welche Staatsregierungen sind noch an der Problemlösung beteiligt?

Es ist wahr, dass dieses Problem indirekt auch andere Staaten betrifft. Selbst wenn man die Salzemissionen einmal außen vor lässt, gibt es hier einen ganzen Problemkomplex. Wenn sich in der Aralregion eine schlechte ökologische wie wirtschaftliche Lage manifestiert, wird die Bevölkerung von hier in andere Ländern auswandern, Russland eingeschlossen. Deshalb befremdet mich der Gedanke, Kasachstan und Usbekistan mit der entstandenen Situation sich selbst zu überlassen. Russland muss sich aktiv daran beteiligen. Außerdem gibt es eine Vielzahl von Experten aus anderen Ländern, die sich an den Untersuchungen der Problematik in der Aralregion beteiligen. Auch finanzielle und humanitäre Hilfsprojekte gibt es.

Ist nach den soliden Erfolgen bei der Rehabilitation des Kleinen Aralsees in den Nullerjahren diese Frage in Kasachstan nicht schon erledigt? Der See befindet sich ja, wie schon vor zehn Jahren, wieder 40 Kilometer vor der Stadt Aralsk?

Nein, sie ist immer noch aktuell. Einiges wurde bisher geschafft, sodass jetzt am Kleinen Aralsees eine zufriedenstellende, ökologisch günstige Lage herrscht. Der Fischbestand ist zurückgekehrt, wenn auch mit einem etwas anderen Artenspektrum als früher, aber die Fischerei entwickelt sich wieder. Dank der Anstrengung der kasachischen Regierung hat man dieses separate Stück des Aralsees in eine mehr oder weniger günstige Situation manövriert. Der See befand sich einst viel mehr als 40 Kilometer von Aralsk weg, allerdings war gar nicht angedacht, ihn näher an die Stadt zu rücken, sondern das Niveau zu erreichen, das jetzt aktuell ist. Um den Kleinen Aralsee so zu füllen, dass sein Wasser unmittelbar an Aralsk reichte, müsste man seinen Pegel um vier bis fünf Meter anheben. Dafür müsste man zusätzlich noch einen Staudamm von mindestens fünf Metern Höhe errichten. Soweit ich weiß, wird das als möglicher weiterer Schritt der Unternehmungen in Betracht gezogen.

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Man sollte in diesem Zusammenhang das Projekt zur Verlegung von Zuläufen sibirischer Flüsse nach Asien erwähnen. Wird darauf nun endgültig verzichtet, weil es wissenschaftlich nicht untersucht wurde, oder ist das Sache der Politik? In Kasachstan werden immer mehr Stimmen laut, die eine Rückkehr zu dieser Idee fordern.

Meiner Meinung nach handelt es sich dabei um eine Frage von Politik und der Finanzierung. Ich habe es schon mehrmals gesagt und sage es jetzt nochmal aus persönlicher Warte: Ich sympathisiere mit dem Projekt – wenn auch vorsichtig. Ich glaube, dass man nicht aus objektiven Gründen und ökologischen Berechnungen davon abgerückt ist, sondern hauptsächlich aus populistischen Motiven, obwohl das Projekt seinerzeit recht gut ausgearbeitet war.

Wenn von der Verlegung von Zuläufen sibirischer Flüsse die Rede ist, stellt man sich als Laie vor, dass wir große Flüsse komplett in den Aralsee umleiten. Natürlich war das nie die Absicht. Die jüngste Variante dieses Projekts sah eine Umleitung von sieben Prozent des Wassers nicht aller sibirischen Flüsse, sondern nur des Irdisch in die Aralregion vor. Angesichts dessen, dass die natürliche Schwankung seiner Wasserführung die sieben Prozent übersteigt, ist es nur logisch, dass dieses Unternehmen keinerlei ökologische Schäden für Russland zur Folge hätte.

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In Russland gibt es einen Überfluss an Wasser. Wenn wir auf kommerzieller Basis unseren Kohlenwasserstoff und andere Ressourcen handeln, warum dann nicht auch darüber nachdenken, unseren Nachbarn zu günstigen Bedingungen Wasser zur Verfügung zu stellen? Zudem reden wir hier von einer erneuerbaren Ressource, im Gegensatz zum Öl. So viel Wasser wie in der Natur vorkommt, so viel bleibt auch erhalten.

Selbstverständlich müssen derartige Projekte mit der notwendigen gründlichen Expertise auch aus ökologischer Sicht sorgfältig analysiert werden. Abgesehen davon, dass es für Russland von Vorteil sein könnte, wäre das eine gewaltige Hilfe für die Aralregion. Technisch wäre die Durchführung kein Problem, Russland hat eine Menge Erfahrung mit hydrotechnologischen Projekten. Aber soweit ich weiß, ist diese Diskussion im Moment nicht auf der Agenda.

Welche interessanten technischen Ideen gibt es noch, die das Ökosystem des Aralsees wiederherstellen oder zumindest die Folgen dieser Umweltkatastrophe mildern könnten?

Die nächstliegende aller technischen Ideen wäre es, Wasser dorthin zu transportieren, aber das ist sehr schwierig. Natürlich muss man das Wasser in Usbekistan und Kasachstan rationaler verwenden und nicht sinnlos vergeuden. Hier seien die neuen Technologien der Bewässerung und die wassersparenden Technologien der Industrie genannt.

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Ein konkretes Beispiel für solche technischen Maßnahmen liefert der Kleine Aralsee. Er hat gut darauf angesprochen, für den Großen Aralsee hat sich die Situation verschlechtert. Im Moment errichtet Usbekistan in der Deltaregion des Amudarja, also dort, wohin dessen Wasser fließt, spezielle Anlagen in Form von Staudämmen, die verhindern, dass das Wasser seitlich vom See abfließt, sondern es stattdessen in kleine Wasserreservoirs ins Delta leiten. Natürlich ist das keine Rehabilitation des Sees, aber diese kleinen Reservoirs werden jedes für sich auf wenigen Kilometern das Klima positiv beeinflussen, man kann Fische in ihnen ansiedeln, die örtliche Bevölkerung kann den Fischfang wieder aufnehmen, sie können zur Erholung oder zur Kur dienen, und so weiter. So viel ich weiß, existiert ein solches Programm und befindet sich in der Umsetzung.

Der Aralsee wird von Amudarja und Sidarja genährt: In welchem Zustand befinden sich diese beiden Lebensadern aus Sicht der Hydrologie und Biologie?

Wir sind keine Experten, wenn es um Flüsse geht. Ich kann sagen, dass Messungen im Mündungsdelta der Flüsse gezeigt haben, dass der Mineralanteil des Wassers hoch genug ist – deutlich höher als früher und höher als die Hygienevorschriften einfordern. Allerdings gibt es dort Probleme.

Aber eigentlich ist die Verschmutzung von Flussgewässern Sache des hydrometeorologischen Dienstes und Usbekistan hat einen gut aufgestellten hydrometeorologischen Dienst mit langer Tradition. Ich bin sicher, dass sie das Ausmaß der Verschmutzung verfolgen.

Momentan werden im Großen Aralsee bereits Salinenkrebse gefischt. Ist das aus heutiger Sicht das Maximum der biologischen Produktivität des Sees?

Heute lebt im Großen Aralsee nichts anderes als der Salinenkrebs, weil in diesem Salzgehalt nichts anderes überleben kann. Das ist unter den gegebenen Bedingungen tatsächlich alles, was dort funktioniert. Wenn der See wieder mehr Wasser enthält, können seine Biosysteme auch reichhaltiger werden. Bis dahin bleibt der Salinenkrebs das einzige Lebewesen, das den Großen Aralsee bevölkern kann.

 

Natalja Nikitina für Fergana News

Aus dem Russischen von Ludwig Spitaler

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Diese Proba-V-Aufnahme vom 15. Juni 2018 zeigt alles, was bis dahin vom Aralsee übrig geblieben ist. Proba-V ist ein miniaturisierter ESA-Satellit, der regelmäßig die Erdoberfläche aufnimmt. Foto: ESA/Belspo/VITO
ESA/Belspo/VITO
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