Die Zukunft von Baikonur: Satellitenstadt oder Geisterstadt?

Baikonur ist eine geschlossene Stadt, in die man nicht einfach so gelangt. Die Bauarbeiten begannen 1955 zusammen mit dem gleichnamigen Weltraumbahnhof. 1994 wurden das Kosmodrom und die Stadt Leninsk (das heutige Baikonur) bis zum Jahr 2050 an Russland verpachtet.

The Steppe sprach mit drei EinwohnerInnen darüber, wie es sich in Baikonur lebt und arbeitet und wie sie die Zukunft der Stadt sehen. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Bauyrschan Askarow, 51 (Name auf eigenen Wunsch hin geändert):

Wir sind im Herbst 1997 aus Aktöbe nach Baikonur gekommen. Das waren die wilden 90er. Eine eigene Wohnung hatten wir nicht und mit Arbeit stand die Sache auch schlecht. Verwandte riefen uns nach Baikonur, deswegen versuchten wir unsere Kräfte zu erproben und zogen um. In den 90ern zog das ganze Land von hier nach da, alle suchten einen guten Ort und Arbeit. Zum Zeitpunkt des Umzugs war der Wechselkurs zum Rubel gut. Rubel, die man verdient hatte, konnte man eintauschen und mehr Tenge erhalten, was es uns ermöglichte zu Verwandten zu fahren, Einkäufe zu tätigen und sogar ein paar Rücklagen anzulegen.

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An die Stadt gewöhnten wir uns nur langsam. In Aktöbe war das Klima vollkommen anders: kalte Winter, milde Sommer, viel Regen. In Baikonur sind die Sommer trocken und heiß, im Winter gibt es keinen Schnee, dafür aber viel Wind.

Arbeit fanden wir schnell. Ich arbeitete in der Privatwirtschaft, meine Frau fand eine Stelle im Krankenhaus und man gab uns eine behördliche Wohnung. In dieser Hinsicht war es natürlich sehr angenehm, insbesondere für junge Familien.

Man muss anmerken, dass es in der gesamten Stadt keine Eigentumswohnungen gibt. Der gesamte Wohnungssektor gehört der Kommune und ein Mensch, der in der Stadt arbeitet, bekommt entsprechend der Größe seiner Familie eine Wohnung zugewiesen. Wenn man wegzieht, übergibt man die Wohnung wieder der Stadt. Das erste was uns auffiel, ist, dass Baikonur ein einzigartiger Ort ist, an dem BürgerInnen zweier Staaten wohnen, die sich aber den russischen Gesetzen unterordnen.

Das einzige, was in all den Jahren die Stadt von anderen unterscheidet, ist ihre Geschlossenheit. Als großen Vorteil sehe ich die geringe Kriminalität, die fühlbare Sicherheit. Außerdem existiert hier bis heute das Hausverwaltungssystem, an das alle Wohnungen angebunden sind. Ein einziger Anruf genügt und sie sind verpflichten zu kommen und Schäden zu beheben. Aber mir gefällt nicht, dass die Infrastruktur und das Stadtbild sich nicht ändern. Technische Neuerungen kommen  sehr spät zu uns, selbst das mobile Netz wurde sehr viel später als in den anderen Städten Kasachstans eingerichtet.

Wir planen umzuziehen aber momentan warten wir noch. Im Fernsehen sehen wir, dass Russland verstärkt daran arbeitet, alle Startrampen von Baikonur nach Russland zu verlegen, in die Kosmodrome Plesezk und Wostotschnyj. Aber momentan starten die bemannten und unbemannten Weltraumflüge noch von Baikonur aus.

Baikonur aus dem All

Noch ist die Frage offen, aber die stetige Abwanderung von SpezialistInnen ist bemerkbar. Die Menschen gehen weg, viele meiner Bekannten sind schon weggezogen. Uns scheint, dass Russland mit der Zeit nur noch das Kosmodrom pachten wird und die Stadt an Kasachstan zurückgibt. Ihre Zukunft ist dann völlig unklar. Man versucht und einzureden, dass Baikonur dann eine Stadt des Weltraumtourismus wird, dass dies eine Satellitenstadt wird. Aber davon sehen und spüren wir nichts.

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Alles bleibt auf dem Niveau von Gesprächen. Wir fürchten, dass Baikonur das gleiche Schicksal wie Schangatas, Derschawinsk und Kentau erwartet. Es gab viele dieser Monostädte, die mit der Zeit fast von der Karte verschwunden wären. Hoffen wir, dass die Regierung Verwendung für diese einzigartige Stadt findet.

Wjatscheslaw Zaj, 40:

Ich bin 1998 aus Kysylorda nach Baikonur gezogen. Später fing ich an bei der städtischen Wasserversorgung zu arbeiten. Mein Vater hat dort gearbeitet und man bot mir eine Stelle an. So fing ich an für dieses Unternehmen zu arbeiten.

Die Stadt war lebendig und entwickelte sich, sodass ich mich gleich an sie gewöhnte. Von Kysylorda unterscheidet sie sich nur in Bezug auf die Größe und Einwohnerzahl. Mir gefällt es hier zu leben, obwohl die Stadt klein ist und wenig Freizeitangebote für Kinder bietet. Jetzt arbeite ich im Schwimmbad „Orion“ und plane nicht wegzuziehen, weil die Kinder noch nicht groß sind. Alles Weitere wird man dann sehen. Ich denke, solange die Stadt von Russland gepachtet wird, wird sie leben.

Aidana Schusupowa, 23 (Name auf eigenen Wunsch hin geändert):

Wir sind in den 90ern mit der ganzen Familie nach Baikonur gezogen. Ich war damals noch kein Jahr alt. Mama bekam Arbeit in der Stadt, da sie Ärztin war und es davon nicht genug gab. Ich erinnere mich kaum an die Stadt in der Kindheit, aber ich erinnere mich, dass sie sehr leer war, dass es kaum Orte für Unterhaltung und Erholung gab. Die Stadt entwickelte sich, aber langsam. Ständig wurden neue Institutionen, Einkaufszentren, Hotels und Cafés eröffnet. Als ich in der 7.-8. Klasse war, wurde ein neues Krankenhaus gebaut.

Ich lernte in der russischen Schule. Wir nahmen russische Geschichte durch und aus dem kasachstanischen Lehrplan kam nichts vor. Unsere SchülerInnen haben die Möglichkeit die russische Hochschulreife zu machen. Deswegen habe ich mich für Medizin in Orenburg eingeschrieben und bereue es nicht. Mir gefällt alles.

Heute strebt die Jugend danach sich außerhalb von Baikonur eine Zukunft aufzubauen. Es scheint, als wäre die Stadt für Menschen mittleren Alters bestimmt, für die, die älter als 40 sind. Ich denke, dass Baikonur den jungen Leuten keine Entwicklungsmöglichkeiten und Perspektiven bietet. Wir alle haben vor, mit den Familien in andere Städte zu ziehen. Wir wollen das noch in diesem Jahr tun.

Darija Usenowa
The Steppe

Aus dem Russischen von Robin Roth

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Ein Denkmal am Eingang der Stadt Baikonur
NASA/Bill Ingalls
Die Stadt Beikonur, gesehen aus dem All
Anton Shkaplerov/ Roskosmos
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