Eine musikalische Anthologie von Almaty: Die Geschichte von „Bumerang“ – Avantgardisten des Jazz in Kasachstan

Die Geschichte dieser Gruppe gäbe genug her, um einen Skandalfilm zu drehen: Trinkgelage mit Weltstars des Jazz, fulminante Bühnenauftritte, Rauswurf aus der Musikschule wegen „Unprofessionalität“ und unzählige Stunden Musik, für die die „verdächtigen Asiaten“ keine einzige Kopeke vom sowjetischen Regime sahen. Arsen Bajanow von 365.kz gibt uns einen Einblick in die Geschichte dieser außergewöhnlichen Jazz-Gruppe, den wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion übernehmen. 

„Bumerang“ – so heißt das Jazz-Kollektiv, dessen Schaffen stilprägend für den Jazz in Almaty und ganz Kasachstan war. Obwohl die Gruppe sich sowohl im klassischen Jazz, Free-Jazz oder Jazz-Rock übte, ist sie wahrscheinlich  die einzige Jazz-Gruppe in Kasachstan, die einen ganz eigenen Stil schuf: den orientalischen Jazz, der zu einem anerkannten Stil in der ganzen Sowjetunion avancierte.

„Bumerang“ wurde 1975 von den Brüdern Tachir (Schlagzeug, Percussions) und Farchad Ibragimow (Kontrabass, Bassgitarre) zusammen mit Wladimir Nazarow (Klavier) zunächst als Trio gegründet.

In den vielen Jahren ihres Bestehens wirkten aber auch andere Musiker aus verschiedenen Ländern bei „Bumerang“ mit, wie zum Beispiel Michael Ermolov aus den USA, Gogi Metaxa aus Griechenland, Vasili Rabe aus Deutschland und viele mehr.

Der Weg zum Erfolg

Schon bald nach der Gründung wurde „Bumerang“ zu verschiedenen Jazz-Festivals eingeladen und feierte mit Auftritten in Moskau, Nowosibirsk, Archangelsk, Abakan oder Fergana große Erfolge. Alle wichtigen sowjetischen Musikzeitschriften schrieben über sie und befeuerten ihren rasanten Aufstieg in der Musikwelt.

tahir-ibragimov

Tachir Ibragimow, inoffizieller Kopf der Gruppe, wurde mehrfach zum besten Schlagzeuger der Sowjetunion ausgerufen. Dabei warf man ihn einst wegen „Unprofessionalität“ aus der Bajseitowa-Musikschule in Almaty. Nachdem er dort drei Jahre lang Klarinette lernte, ließ er diese links liegen und fing an, Schlagzeug zu spielen. Viele Jahre später, auf dem Jazz-Festival in Fergana 1977 erhielt er die Auszeichnung „bester Schlagzeuger“, und so nahm alles seinen Lauf. Sein Bruder Farchad wurde 1979 in den Umfragen einer Rigaer Musikzeitschrift zu einem der besten Bass-Gitarristen der Sowjetunion erkoren.

Verdächtige Asiaten

„Bumerang“ ist die einzige kasachische Gruppe, die drei Schallplatten über das größte sowjetische Plattenlabel „Melodija“ herausbrachte: „Bumerang“, „Miraji“ und „Ornament“.

„Aber wir haben keine einzige Kopeke dafür bekommen“, erzählt Farchad. „Unser Erfolg war wirklich ganz außergewöhnlich, denn der Jazz wurde ja ohnehin immer etwas misstrauisch betrachtet. Und dann veröffentlichen diese Asiaten gleich drei Platten!“

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Tachir Ibragimow (von seinen Freunden auch Tacha genannt) war aber nicht nur ein meisterhafter Schlagzeuger, er war auch ein hervorragender Lehrer. So gut wie alle bekannten Schlagzeuger der damaligen Zeit in Almaty waren entweder Absolventen seiner Schule oder versuchten zumindest, seinen Stil zu imitieren. Überhaupt war Tachir einer der einflussreichsten und meist beachtesten Jazz-Musikern im heutigen postsowjetischen Raum. „Egal wo ich auch Gastkonzerte gab, immer gab es jemandem, dem ich einen Gruß von Tahir ausrichten sollte, und alle reagierten verzückt. Einmal, als ich bei einem Benefizkonzert in Minsk Aleksandr Demeschko, dem Schlagzeuger von „Pesnjary“, einen Gruß von Tachir überbrachte, ließ der mich auf seinem Marken-Schlagzeug ein paar Stücke spielen, damit ich mich nicht so mit meinem alten Schrott abmühen musste. Dabei muss man bedenken, dass jeder Musiker eine ganz eigene Beziehung zu seinen Instrumenten hat und sie nur ungern Fremden überlässt.“

Die Gruppe "Bumerang" war stilprägend für den kasachischen Jazz

Blütezeit und Niedergang

Zwischen 1979 und 1982 begleitete „Bumerang“ die Vokalistin Rosa Rymbajewa auf ihrer Tournee unter dem Namen „Araj“, aber danach gingen sie wieder ihren eigenen Weg, nunmehr zusammen mit dem Pianisten Leonid Tschijik und dem Saxophonisten Aleksandr Pischtschikow aus Moskau.

„Am beeindruckendsten“, erinnert sich Farchad, „war ein Konzert im Moskauer Varieté-Theater Ende der Achtziger, „Bumerang“ eröffnete das Konzert und danach traten Weltstars des Jazz auf: das Quintett von John B. Williams, das Benny-Golson-Quartett, das Freddie-Hubbard-Quintett und das Ensemble Sun Ra. Als wir 1993 auf einem Jazz-Festival in Kassel spielten, hat sich uns der deutsche Gitarrist Hans Tamen angeschlossen, man kann also sagen, dass „Bumerang“ einen internationalen Status erlangte.“

Es schien, als sei die Tür zum Welterfolg offen, doch die gesamte sowjetische Musik, nicht nur der Jazz, wurde letztlich von der Perestrojka eingeholt. Tachir und Farchad machten zunächst beharrlich mit ihrer Musik weiter – es gab zum Beispiel noch ein gemeinsames Projekt mit der Gruppe „Roksonaki“ – aber irgendetwas im sonst so erfolgreichen Mechanismus von „Bumerang“ ging kaputt, Farchad wanderte nach Norwegen aus.

„Sieben Jahre lang habe ich meine Bassgitarre nicht angerührt, aber Tachir konnte einfach nicht ohne die Musik leben“, erinnert sich Farchad. „Als zu der Zeit aber sein Freund, der Saxophonist Witalij Kim, verstarb, da verlor auch Tachir die Lust an der Musik.“

In den letzten Jahren seines Lebens spielte Tachir in der Tat nur noch selten, er bekam gesundheitliche Probleme. Seine Freunde gingen nach und nach aus dem Leben, was ihn jedes Mal schwer traf. Im Jahr 2006 verstarb auch Tachir.

„Wir haben immer noch 17 Stunden Musik, die bisher niemand gehört hat. Das würde für ein paar Alben reichen“, sagt Farchad. „Tachir ist zwar nicht mehr unter uns, aber seine Musik lebt!“

Im russischen Original erschienen auf 365.kz 

Aus dem Russischen übersetzt von Manuel Rommel

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