Geschichten aus Ekibastus: Warum haben sich die Leute verändert? (1/2)

Erikbastus ist eine mittelgroße Stadt im Nordosten Kasachstans. Zu Sowjetzeiten war die Stadt vor allem für ihr Kraftwerk bekannt – doch heute hat sich viel verändert. Die Journalisten von tengrinews.kz haben sich auf den Weg in die abgelegene Stadt gemacht und haben mit ihren Kameras die Lebensrealität vor Ort abgelichtet. Novastan übersetzt die Fotoreportage mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. 

„Auf euch, auf uns, auf Ekibastus!“ Mit diesem Toast stoßen die Menschen in Ekibastus mit Gästen an. Zwar klagen die Einwohner über die hohe Umweltverschmutzung in der Stadt, aber dennoch lieben sie ihre Heimat, besonders treue Patrioten widmen ihr sogar Gedichte und Lieder. Die Fahrt von der kasachischen Hauptstadt Astana bis nach Ekibastus im Gebiet Pawlodar dauert fünf Stunden, sowohl mit dem Auto als auch mit dem Zug. Ein Teil der Straße nach Ekibastus wurde immer noch nicht saniert, deshalb legen auch langjährige Autofahrer die Strecke oft lieber mit dem Zug zurück.

Statt eines Taxidienstes benutzen die Leute hier meist eine Mitfahr-App, eine Fahrt kostet durchschnittlich 250 Tenge (ca. 75 Cent). Und als Bonus erlauben einige dieser selbsternannten Taxifahrer dem Beifahrer auch manchmal, sich nicht anzuschnallen. Mehr über das Leben der Bewohner von Ekibastus in der Reportage von Renat Taschkinbajew und Turar Kasangapow.

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Der erste Eindruck, der sich bei der Ankunft in Ekibastus aufdrängt, ist der einer grauen und etwas bedrückenden Stadt.

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Einige Viertel wirken traurig, böse Zungen würden gar behaupten trostlos.

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In Wirklichkeit aber unterscheiden sich die Wohngebiete der Stadt kaum von anderen Industriegebieten in Kasachstan.

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Und in den Innenhöfen sieht es gleich schon besser aus.

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In der Stadt gibt es auch neue Wohnungen. Allerdings, heißt es, sind sie nicht wirklich erschwinglich.

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Die größte Anziehungskraft auf die Bewohner üben die neuen Einkaufs- und Freizeitzentren aus. Sie verleihen dem von Grautönen geprägten Stadtbild etwas Farbe.

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Man versucht, die Stadt auch mit architektonischen Formen zu verschönern. So hat Ekibastus etwa einen eigenen Bajterek-Turm, der dem Wahrzeichen von Astana nachempfunden ist.

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Die Stadt wird auch von kasachischen Künstlern besucht. Dieses Plakat etwa kündigt einen Auftritt des Sängers Kairat Nurtas am Vorabend des internationalen Frauentags an.

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Aber Ekibastus wäre nicht Ekibastus ohne seine Industrieunternehmen. Sie liegen allesamt außerhalb der Stadt.

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Auf diesen Bildern zeigt sich Ekibastus von einer ganz anderen Seite.

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Aber zurück zur Stadt und ihren Einwohnern.

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Dieser Platz am Eingang der Stadt ist sehr beliebt. Besonders Frischverheiratete kommen oft hierher.

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Auch zu dieser späten Stunde ist noch eine gutgelaunte Gruppe hier, hört Musik, tanzt und macht Fotos.

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Das sind Aljona und Aleksei Awdjunin. Sie feiern ihren neunzehnten Jahrestag. Aleksei arbeitet seit den 90ern im Tagebau Bogatyr. „Und ich bin Hausfrau“, sagt Aljona. Aleksei präzisiert: „Sie ist Gemütlichkeits-Managerin.“

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Werktags, kurz vor elf Uhr abends. Die Straßen von Ekibastus haben sich geleert. Die einen schieben Nachtschicht in den Unternehmen, die anderen machen sich bereit für einen neuen Arbeitstag.

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Am frühen Morgen machen sich die Hausmeister an die Arbeit. Eine davon ist die Rentnerin Galina Serebrjakowa.

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Sie arbeitet von acht Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags und verdient 32.000 Tenge (ca. 95 Euro) im Monat. „Ich bekomme rund 40.000 Tenge Rente (ca. 120 Euro). Davon bezahle ich das Essen, für Kleidung reicht es meist gar nicht mehr“, erzählt Galina Serebrjakowa.

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Wir lieben unsere Stadt, wir reinigen sie, das gefällt uns. Aber die Hausbewohner werfen jeden Tag ihre Müllsäcke und Zigarettenstummel vom Balkon. Ich frage mich, warum sie das machen. Die Leute leben doch schon lange hier, aber irgendwie lieben sie ihre Stadt nicht. Es sind nicht alle so, manche benehmen sich anständig, aber viele sind einfach respektlos. Warum machen sie das, woran liegt das?“, fragt sich die Frau.

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„Warum haben sich die Leute verändert? Früher hatten sie noch mehr Sinn fürs Gemeinwohl und rundherum waren Blumen und das Herz freute sich, aber jetzt gibt es das nicht mehr. Warum?“, spricht sie weiter.

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„Alles hat sich verändert, es gibt keinen Respekt mehr. Ich kann einfach nicht verstehen wieso. Wenn alle gut zueinander wären, wäre die ganze Welt ein besserer Ort. Überall herrscht heute Zwietracht, jeder versucht Grund, Wasser, Erdöl und Gas an sich zu reißen, sich zu bereichern. Aber das ist doch nicht richtig“, findet die Rentnerin.

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„Ich habe zweiunddreißig Jahre in einem Kindergarten gearbeitet. Pro Tag haben wir jeweils ein neues Kind dazugenommen. Damit die Kinder sich eingewöhnen konnten, habe ich es so gemacht. Ich wasche das Geschirr, setze das Kind auf einen Stuhl daneben, singe ihm Lieder und sage ihm Reime vor. So gewöhnt sich das Kind schnell an mich und bekommt von mir etwas zu essen. Danach gehe ich mit ihm in die Schlafecke. Jedes Kind lege ich auf die Seite, packe es in die Decke, streichle ihm immer wieder über den Kopf und schon ist es eingeschlafen. Nach zwei Jahren kennen mich die Kinder so gut, dass sie im Vorbeigehen «Guten Tag, Tante Galja!“ sagen“, erzählt Galina Serebrjakowa.

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Arbeitende Rentner sind in Ekibastus keine Seltenheit. Auf diesem Markt hier etwa verkaufen die Frauen das, was auf ihren Datschas gewachsen ist. Manche produzieren ihr eingelegtes Gemüse fast schon wie ein Betrieb. So kommt es durchaus vor, dass eine ältere Frau zusammen mit ihrem Mann bis zu drei Datschas bewirtschaftet und dort ihre ganze Zeit verbringt. Sich selbst bezeichnen die Großmütterchen als Schmetterlinge.

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„Bald fängt die Gartensaison an, wenn die Sommerschmetterlinge ausschlüpfen, und wir Winterschmetterlinge fahren dann aufs Land die Äcker bewirtschaften“, erzählt Anna Kusnezowa. Sie sagt ganz offen, dass der Gemüseanbau auf der Datscha die minimale Rente, die sie und ihr Mann erhalten, großzügig aufbessert.

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Auch hier gibt es einen Markt. Die Händler verkaufen alles Mögliche, Sonnenblumenkerne, Kurt – luftgetrocknete Quarkbällchen –, oder auch Zigaretten.

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Aber unser Blick fällt besonders auf die Reihen mit den Gebrauchtwaren.

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Unmengen von Messern, Löffeln, Gabeln, Tellern und anderem Geschirr werden hier für ein paar Kopeken verkauft.

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„Es gibt Teller zu dreißig bis vierzig Tenge (ca. 10 Cent). Im Geschäft kostet ein neuer Teller 600 Tenge (ca 1,80 Euro)“, sagt eine Frau namens Schamila.

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Früher arbeitete sie als Grundschullehrerin in einem Dorf. Aber in den 90er-Jahren zog sie in die Stadt und konnte hier nicht weiter als Lehrerin arbeiten. Inzwischen bekommt sie 42.000 Tenge (ca. 120 Euro) Rente.

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„Woher ich meine Waren habe? Die Leute ziehen weg, haben etwas übrig oder brauchen es nicht mehr, dann bringen sie die Sachen hierher und ich kaufe sie ihnen ab. Seit zehn Jahren habe ich hier meinen Stand. Mit meiner Rente komme ich nicht weit, ich muss meine Enkel unterstützen“, erzählt sie.

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Der Stadtpark von Ekibastus ist wie ausgestorben. Die Attraktionen sind über Winter geschlossen. Nun selten trifft man Passanten.

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Doch der Park ist nicht unbeaufsichtigt. Für Sauberkeit und Ordnung sorgt hier rund um die Uhr das Wachpersonal.

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Eine der Wachfrauen heißt Nadeschda Cherowa. „Ich habe keine Zeit für Langeweile, im Winter müssen wir Schnee schippen, im Sommer das Gras mähen“, sagt sie.

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Im Wärterhäuschen ist alles einfach gehalten, aber dennoch gemütlich. „Haben Sie nachts keine Angst?“, fragen wir nach. „Es kommen alle möglichen Leute in den Park, aber wir vermeiden den Kontakt, so gut es geht, und falls es doch Probleme gibt, rufen wir die Polizei. Aber das ist halb so schlimm, die Arbeit ist okay“, meint Nadeschda Cherowa.

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Fernseher gibt es hier keinen. Wie es scheint, soll das Wachpersonal nicht abgelenkt werden. Auch Lesen wird nicht gern gesehen. Dafür ist Musik hören erlaubt.

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Früher arbeitete Nadeschda Cherowa als Köchin in einem Entbindungshaus. Dann aber musste sie ihren Job dort kündigen und arbeitet jetzt schon zwei Jahre als Parkwächterin.

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Die Kinder heutzutage sind verwöhnt. Kaum fängt ein Kind an zu quengeln, bekommt es von den Eltern das, was es will“, weiß Nadeschda aus eigenen Beobachtungen. “Dabei müsste man ihm einen Klaps auf den Hintern geben … Aber das darf man ja heute nicht mehr, sonst gibt es gleich eine Beschwerde beim Sozialamt …“

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„Letztes Jahr habe ich an Neujahr gearbeitet. Das war lustig, Väterchen Frost und Snegurotschka sind vorbeigekommen“, erzählt sie.

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In Ekibastus wird es wieder Abend, die Straßen leeren sich langsam. Um diese Zeit trifft sich unweit des Parks die Jugend, um endlich einer wichtigen Beschäftigung nachzugehen …

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Im nächsten Teil der Reportage erfahren Sie, wovon die Jugend in Ekibastus lebt und träumt.

Im Original erschienen auf tengrinews.kz
Aus dem Russischen übersetzt von Debora Nischler

Erikbastus im Nordosten Kasachstans
tengrinews.kz
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