Satellitenaufnahme des Balqash

Kann sich das Schicksal des Aralsees am Balqash wiederholen?

Der Balqash mit seiner Süßwasser- und Salzwasserhälfte ist ein einzigartiger See in Zentralkasachstan. Durch geringere Zuflussmengen droht aber auch ihm das Schicksal des Aralsees. Über dieses und weitere Wasserprobleme in Zentralasien diskutierten ExpertInnen auf einer Konferenz in Almaty. Der folgende Artikel erschien im russischsprachigen Original auf Forbes.kz. Wir übernehmen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

„Vergesst das Öl – denkt an das Wasser“, sagte 1962 US-Präsident John F. Kennedy. Eben zu jener Zeit, Anfang der 60er Jahre, begann das Verschwinden des Aralsees und die Region spürte, wie sehr JFK recht hatte. Und bis heute verschärft sich das Problem. In nicht allzu ferner Zukunft könnte sich das Schicksal des Aralsees am Balqash wiederholen. Davor warnten ExpertInnen im Rahmen einer Konferenz zu Problemen der Wasserverteilung in Zentralasien. Die Rettung des Sees wird zig Milliarden US-Dollar kosten.

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) und der Fonds zur Rettung des Aralsees haben WissenschaftlerInnen aus Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgistan und Turkmenistan zum Forum „Innovative Ansätze für das nachhaltige Wassermanagement Zentralasiens“ nach Almaty eingeladen.

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Die Umweltkatastrophe, die am Aralsee durch die irrationale Nutzung von Wasserressourcen hervorgerufen wurde, hat gravierende Folgen für 10 Millionen Menschen – nicht nur in den Anrainerstaaten Kasachstan und Usbekistan, sondern auch in den Nachbarländern. Wüstenbildung, Rückgang von Weideflächen, das Versalzen von Böden und andere Probleme haben die traditionellen Beschäftigungen der lokalen Bevölkerung unmöglich gemacht oder zumindest erschwert. Dies gilt insbesondere für den Fischfang.

„Am Aralsee sind 44 Prozent der Bevölkerung von Armut betroffen, während es in der gesamten Region 13,8 Prozent sind“, erläuterte Firuz Ibrohimov, technischer Berater des UNDP in Kasachstan. „Männer im erwerbsfähigen Alter sind in Arbeitsmigration involviert. Diese Einkommensquelle ist weder sicher noch stabil. Darüber hinaus wirken sich die Auswirkungen von Staubstürmen, Unterernährung und verminderter Trinkwasserqualität negativ auf die Gesundheit der Bevölkerung aus. Die Inzidenz von Anämie ist um 30 Prozent höher als der Durchschnitt der Region. Bei Asthma ist sie doppelt so hoch, bei hämatologischen Erkrankungen 2,5-mal und bei Tuberkulose 4-mal höher. All dies hat sich auf die Lebenserwartung der Bevölkerung der Aral-Region ausgewirkt“, erklärte Ibrohimov weiter.

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Das Problem wird durch den sich entwickelnden Klimawandel und die erwartete Abnahme des Wasserstandes der Flüsse verschärft. Die Prognose des Hydrometeorologischen Instituts Usbekistans (Uzgidrometa) besagt, dass bis zum Jahr 2050 der Wasserstand des Amudarja um 10 bis 15 Prozent und der des Syrdarja um 2 bis 5 Prozent zurückgehen wird.

Das wichtigste Element der Anpassung an sich verändernde Bedingungen ist die Verbesserung der Nachhaltigkeit der Landwirtschaft durch die Einführung moderner ressourcenschonender Bewässerungssysteme. Auch der Schutz der Wasserressourcen und wirksame Maßnahmen zur Regulierung des Wasserverbrauchs sind notwendig.

Niedriger Wasserstand

Allerdings befinden sich nicht alle Karten auf der Hand jener Länder, die unter der ökologischen Krise leiden. So hängt Kasachstan derzeit davon ab, wie gefüllt die aus China kommenden Flüsse sein Territorium erreichen. WissenschaftlerInnen gehen davon aus, dass im Jahr 2020 die gesamte Wassermenge in Kasachstans Flüssen 81,6 Kubikkilometer beträgt und, dass sich diese allerdings bis 2030 auf 72,4 Kubikkilometer verringern wird.

Die Situation wird durch die Tatsache verschärft, dass China kein Abkommen über die Nutzung grenzüberschreitender Flüsse unterzeichnet hat. So wird es im Fall von Problemen schwierig sein, mit dem Nachbarn zu Lösungen zu kommen.

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„Die Fläche des bewässerten Ackerlandes in China nimmt ständig zu und ist nur in den letzten Jahren um 2 Millionen Hektar gewachsen“, erzählt Anatolij Rjabzow, Direktor des Instituts Kazgiprovodhoz. „Aus dem Fluss Ili werden von China derzeit nahezu eine Million Hektar direkt entnommen. In Kasachstan macht sich das schon bemerkbar. Und der Ili macht 80 Prozent des Zuflusses in den Balqash aus. Daher sprechen wir davon, dass unserem einzigartigen See perspektivisch das gleiche Schicksal wie dem Aralsee droht. Ja, derzeit arbeitet eine gemeinsame kasachstanisch-chinesische Kommission, die diese Frage kontrolliert. Alle sind daran interessiert den Balqash zu erhalten, das müssen wir unseren Nachbarn zugestehen. Vielmehr tadeln sie uns: Warum verschwenden wir irrational Wasser?“

Während in Kasachstan immer noch auf Furchen gegossen wird, nutzt China moderne Bewässerungstechniken, um zu sparen. Darüber hinaus sind im Gegensatz zu Kasachstan die Hauptkanäle in China mit Platten ausgekleidet. Aus diesem Grund liegt der Wirkungsgrad der Kanäle in Kasachstan bei 65 Prozent und in China bei 85 Prozent.

Mit Sparen allein ist nichts zu retten

Im Übrigen wies Dinara Ziganshina, stellvertretende Direktorin des Zwischenstaatliches Wasserkoordinationszentrum für Zentralasien in Taschkent, darauf hin, dass das Problem nur vorübergehend durch das Einsparen von Wasser gelöst werden kann. Bis 2050 werden die Reserven aufgebraucht sein. Zwei Faktoren verschärfen die Situation: einerseits der geringere Wasserstand, anderseits das Bevölkerungswachstum und der damit einhergehende höhere Wasserverbrauch. Es wird erwartet, dass die Bevölkerung der Region bis 2040 auf 8 bis 10 Millionen Menschen anwachsen wird.

Deswegen erinnerte Ziganshina an die Vorschläge, das Projekt des Sibaral-Kanals wiederaufzunehmen, an dem in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts gearbeitet wurde, bevor man es dann aber aufgab. Grund dafür waren Befürchtungen von UmweltschützerInnen, dass die Wasserentnahme den Unterlauf des Ob vor allem in Niedrigwasserjahren drastisch schwächen würde. Derzeit vertreten WissenschaftlerInnen jedoch einen anderen Standpunkt. Tatsache ist, dass der Klimawandel dagegen den Wasserstand der sibirischen Flüsse erhöht. Nach Schätzung von Professor Wiktor I. Kusin (Sibirische Abteilung der Akademie der Wissenschaften) wird bis 2050 die der Abfluss von Ob und Jenissej in die Karasee um etwa 100 Kubikkilometer pro Jahr zunehmen.

Landschaft am Balqash

In diesem Zusammenhang äußerten UmweltschützerInnen dagegen Interesse an den Plänen, einen Teil des Wassers umzuleiten. So glaubt der britische Professor John Nissen, dass die Ableitung von 60 Kubikkilometern Wasser aus den sibirischen Flüsse den Anstieg des Arktischen Ozeans um sechs Zentimeter verringern wird, was das Schmelzen des arktischen Eises stoppen könnte.

Die 1983 entwickelte Machbarkeitsstudie des Sibaral-Kanals sah eine Länge von 2550 Kilometer, eine Breite von 150 bis 300 Metern und eine Tiefe von 15 Metern vor. Mehr als 27 Kubikkilometer pro Jahr sollten so umgeleitet werden. ExpertInnen weisen aber auf die Notwendigkeit hin, die Machbarkeitsstudie sowohl hinsichtlich der technischen Parameter als auch der Kosten des Projekts zu überarbeiten.

Weltweite Erfahrungswerte

In der weltweiten Praxis ist es weit verbreitet, Flusswasser aus den am meisten gesicherten Regionen in jene mit Wassermangel umzuleiten. Solche Projekte gibt es in China, Indien, den USA, Russland und anderen Ländern.

Erinnert sei hierbei an den Großen Kanal in China, der die Flüsse Huanghe (Gelber Fluss) und Jangtsekiang miteinander verbindet. Es handelt sich um eine der ältesten hydrotechnischen Einrichtungen der Welt. Die Bauarbeiten begannen im 6. Jahrhundert v. Chr. und dauerten 2000 Jahre. Heute ist er eine der wichtigsten inneren Arterien Chinas, indem er die Häfen von Shanghai und Tianjin miteinander verbindet.

Und auch in Kasachstan gibt es ein solches Beispiel – den Irtysch-Qaraģandy-Kanal, der die Frage der Wasserversorgung in Zentralkasachstan gelöst hat. Der Kanal wurde 1974 eingeweiht und hat eine Länge von 458 Kilometern. Neben der Trinkwasserversorgung ermöglichte er die Gründung einer ganzen Reihe von landwirtschaftlichen Betrieben, die sich auf die bewässerte Landwirtschaft auf Äckern direkt am Kanal spezialisiert haben.

Im Übrigen meinen ExpertInnen, dass es möglich wäre, die Wasserentnahme aus dem Irtysch zu erhöhen und den Kanal zu einem „Transkasachstanischen Kanal“ zu verlängern. Eine Version schlägt vor, den Kanal für den Transport von Wasser aus den sibirischen Flüssen in die Einzugsgebiete von Tobol und Syrdarja zu nutzen.

Ein Zweigkanal in die Hauptstadt

Eine besondere Rolle bei der Realisierung des Projekts könnte einem Zweigkanal nach Nur-Sultan zu Teil werden. „Der Bau eines Abflusses vom Sátbaev-Kanal (dem Irtysch-Qaraģandy-Kanal, Anm. d. Ü.) nach Nur-Sultan wird zurzeit schon besprochen“, berichtet Anatolij Rjabzow. „Als Ausgangspunkt wird der Bereich um die Siedlung Shiderti vorgeschlagen, die Länge soll 340 Kilometer entlang der Pawlodarer Trasse betragen. Am Endpunkt, in der Nähe der Hauptstadt, soll ein Stausee entstehen. Davon soll dann ein Zweig zur Kläranlage der Stadt und einer zum Ischim führen, um diesen zu speisen“, erklärt der Experte weiter.

Das Projektkonzept wurde vom Institut Kazgiprovodhoz in mehreren Varianten vorbereitet. Zum ersten Mal wurde es der Regierung im Jahr 2008 präsentiert, ohne allerdings Interesse zu wecken. Im Jahr 2014 wurde die Frage wieder aufgeworfen und mit mehr Aufmerksamkeit bedacht, da vor dem Hintergrund der Entwicklung der Hauptstadt die Frage der Wasserversorgung akuter geworden ist.

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 „Jetzt geht es nicht nur um die Trinkwasserversorgung von Nur-Sultan, sondern um die der ganzen Agglomeration“, merkte Anatolij Rjabzow an, „Wasser ist auch notwendig für die Bewässerung von Ackerland, auf dem Gemüse angebaut wird, und für die Bewässerung von Grünflächen rund um die Stadt und so weiter. Vor kurzem war ich im Ausschuss für Wasserressourcen, traf mich mit dem stellvertretenden Minister für Umwelt, Geologie und Naturressourcen der Republik Kasachstan Sergej Gromov. Uns wurde aufmerksam zugehört.“

Die Umsetzung der Pläne lässt jedoch auf sich warten. Die ExpertInnen des Instituts Kazgiprovodhoz bieten drei Varianten der Verlegung des „Transkasachstanischen Kanals“ an – mit einer Länge von 1438, 2287 oder 3124 Kilometern. Die Baukosten betragen entsprechend der Länge 14,4 Milliarden Euro, 21,5 Milliarden Euro oder 28,2 Milliarden Euro. Das Wasservolumen, das über die Strecke transportiert werden soll, beläuft sich in allen drei Varianten auf 4,1 Kubikkilometer pro Jahr.

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Die Kosten für Wasser würden sich – unter Berücksichtigung der Betriebskosten – für die Bevölkerung auf etwa 0,30 US-Dollar pro Kubikmeter belaufen. Es wird veranschlagt, dass einer Person pro Tag ein Kubikmeter zur Verfügung steht.

Die ExpertInnen haben nun gesprochen, jetzt liegt es an der Politik. Interesse an dem Projekt hat nicht nur Kasachstan, sondern auch Russland, das sich um die Wasserversorgung seiner Grenzgebiete kümmert, aber auch China, Usbekistan und alle anderen Länder Zentralasiens. Im Falle einer Entscheidung über die gemeinsame Finanzierung des „Transkasachstanischen Kanals“ wird seiner Umsetzung nichts im Wege stehen.

Forbes.kz

Aus dem Russischen von Robin Roth

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