Kasachstan und China ringen angesichts des Klimawandels um Wasser

Die Wasserfrage ist seit Jahren ein Streitpunkt zwischen Kasachstan und China. Neue Wasserkraftwerke in China und eine verschwenderische Wassernutzung in Kasachstan befeuern eine mittlerweile handfeste Krise. Folgender Artikel basiert auf einer Analyse von Geopolitical Monitor und erschien in russischer Sprache bei CAA-Network, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktionen.

Die Wasserfrage ist eines der am wenigsten regulierten Probleme zwischen China und Kasachstan. Die Volksrepublik baut fortschreitend Wasserwerke an den Oberläufen der Grenzflüsse zu Kasachstan und erhöht somit die Wasserabnahme, was zur Verschlechterung der Wasserqualität u.a. in den Flüssen Ili, Irtysch, Talas führt. Dies stört das natürliche Gleichgewicht in den Seen Balqash und Saısan. Angesichts des Klimawandels, der schnellen Gletscherschmelze und des verschwenderischen Umgangs mit Wasser in Kasachstan, droht dieses Problem zu einer Krise auszuwachsen.

In einem ausführlichen Artikel weist Geopolitical Monitor konkret auf die zunehmenden Gletscherschmelzen im Tian-Shan-Gebirge hin, was zu einer deutlichen Verringerung der Wasservorräte in den aus China entspringenden kasachischen Grenzflüssen führe.

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Gletscher speisen Ströme

Die meisten großen Flusssysteme wie der Mekong, Indus oder Jangtsekiang speisen sich aus Gletschern. Gegenwärtig schmelzen diese Gletscher aufgrund des Klimawandels in großem Ausmaß, was die Bewässerungssysteme, Energieerzeugung und Trinkwasserreserven in einigen der am dichtesten besiedelten Regionen des Planeten bedroht. Dabei verläuft die Gletscherschmelze verschiedenartig ab. In manchen Fällen wirkt sich das Schrumpfen des Gletschers kaum auf die Vorräte der Flüsse aus, während in anderen Fällen das System der örtlichen Wasserversorgung stark gestört wird, besonders wenn die Versorgungssysteme veraltet sind und ineffiziente Technologien verwendet werden.

Das Konzept der „maximalen Ausgabe an Wasserreserven“ veranschaulicht die akute Gletscherschmelze. Abhängig davon, wie sehr sich die Gesamtmasse des Gletschers verringert, entstehen während der Tauperiode Wasservorräte an der Oberfläche. Wenn diese Oberflächenvorräte jedoch ihr Maximum erreicht haben, folgt ein finaler und praktisch unumkehrbarer Vorgang. Der schrumpfende Gletscher immer weniger Schmelzwasser abgeben, was wiederum die saisonale Verfügbarkeit von Süßwasser in den von ihm ausgehenden Flüssen beeinflusst. Jeder Gletscher besitzt eine individuelle Wasserspeicherschwelle ab dem dieser Prozess eintritt.

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Eine Studie, veröffentlicht in Nature Climate Change, besagt, dass  45 Prozent der gletschergespeisten Flussbetten weltweit, diesen Punkt bereits passiert haben. Dies treffe etwa auf die Brahmaputra-Quellen im Himalaya-Gebirge zu. Prognosen besagen in diesem Sinne auch, dass 22 Prozent der Flussbetten sich bis 2050 noch ausweiten werden, zum Beispiel die des Ganges und des oberen Indus, deren jeweiliges Maximum bis 2050 und 2070 erwartet wird.

Die Gefahr einer Gletscherschmelze kann nur schwer unabhängig vom jeweiligen Gesamtbild betrachtet werden. Die Wassersysteme der ganzen Welt leiden inzwischen unter menschlichen Einflüssen wie des Dammbaus, der Bewässerung und der Wasserversorgung für kommunale oder industrielle Zwecke. Zweifellos wird die Gletscherschmelze diese Probleme vertiefen. Wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.

Dramatisches Beispiel: Der Balqash-See

Das Einzugsgebiet des Balqash-Sees liegt zwischen Kasachstan und China und wird von einem Flusssystem gespeist, das seinen Lauf hoch oben in den chinesischen Gletschern des Tian-Shan-Gebirges nimmt. Die Studie von Natur Climate Change nennt den Balqash als von  Gletscherschmelzen besonders bedroht. So erwarte man, dass seine Wasservorräte wegen des Schrumpfens der Gletscher künftig um mindestens zehn Prozent sinken werden. Forschungen besagen, dass das Maximum der Ausgaben an Wasserreserven der meisten Gletscher des Tian Shan noch nicht erreicht sei, dies aber in den kommenden 20 Jahren zu erwarten ist.

Seit den 1960er Jahren schwindet der Balqash-See mit seiner ursprünglichen Fläche von rund 16.000 Quadratkilometern zunehmend. Die Ursachen sind menschengemacht. Der See versandet, sein Wasser wird immer salziger. Der Wasserspiegel des Balqash sinkt bereits so schnell, dass viele sein Schicksal mit dem des Aralsees vergleichen. Etwa 80 Prozent des Balqash-Wassers bringt aus dem Südosten der Fluss Ili, der damit eines der größten Feuchtgebiete Zentralasiens formt. Der Ili entspringt in China, wo er aber große künstliche Barrieren überwinden muss, bevor er nach Kasachstan fließt.

Die grenzüberschreitenden Flüsse Zentralasiens wie der Ili, Irtysch und Syrdarja sind immer wieder Gegenstand internationaler Wasserkonflikte. Gerade diese drei Flüsse sind die wichtigsten Süßwasserquellen Kasachstans. Allein bereits im Ili ist aber in den letzten 20 Jahren ein starker Rückgang der Reserven verzeichnet worden: Von 17,8 auf 12,7 Kubikkilometer Wasser im Jahr.

Die Landwirtschaft hauptschuldig für die sinkenden Wasserpegel. Der Anbau im trockenen Klima Zentralasiens benötigt gut funktionierende Bewässerungssysteme. Viele sind jedoch noch zu Sowjetzeiten erbaut und aus heutiger Sicht ineffizient und verschwenderisch. Einer Schätzung nach ist die Landwirtschaft verantwortlich für 89 Prozent des gesamten Wasserverbrauchs in Kasachstan. Das übertrifft deutlich die Zahlen europäischer Staaten, in denen der Anteil gerade einmal bei 58 Prozent liegt.

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Auf der kasachischen Seite der Grenze wurden im Jahr 1969 für den Fluss Ili die Qapschaghai- Talsperre errichtet, um die landwirtschaftlichen Nutzung 400.000 Hektar Land für den wasserintensiven Reisanbau zu versorgen. Der Staudamm füllte sich nur langsam, über 20 Jahre hinweg. Zeitgleich fiel der Wasserspiegel des Balqash-Sees um zwei Meter und versandete fortlaufend. Daher wurde die Sperre des Qapschaghai in den 80er Jahren vorerst ausgesetzt. Letztlich blieb der Wasserstand der Talsperre niedriger als geplant.

Auf chinesischer Seite betrug die aus dem Ili und seinen Zuflüssen aus der Uigurischen Autonomen Region Xinjiang gespeiste bewässerte Landwirtschaft Ende der 80er Jahre noch 300.000 Hektar. Seither dehnte sich diese Anbaufläche im Zuge des wirtschaftlichen Booms in China – unter dem politischen Motto „Eroberung des Westens“ – weiter aus und hatte Zwangsumsiedlungen zur Folge. Laut einer Schätzung wuchs die bewirtschaftete Landfläche von etwa 700.000 Hektar im Jahr 2004 auf 1,3 Millionen Hektar im Jahr 2014. In einer Studie von Sabir Nurtasin betrug der Wasserverbrauch in den 2000er Jahren auf chinesischer Seite 38 Prozent und auf kasachischer Seite 62 Prozent des Gesamtvolumens. Bis zum Jahr 2014 stiegen diese Anteile Chinas aufgrund der wachsenden Energienachfrage der Wirtschaft Xinjiangs auf 57 Prozent. Diese Tendenz hat sich seitdem sicherlich weiter fortgesetzt.

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Dämme und Kraftwerke sind dabei ein wichtiger Faktor, der die Wasserknappheit des Flusses Ili und des Balqash-Sees verursachen. Das bereits erwähnte Wasserkraftwerk von Qapschaghai, gelegen auf kasachischem Gebiet, erzeugt eine Leistung von etwa 364 Megawatt. Dabei stammen nur 11 Prozent der gesamten Stromproduktion des Landes aus Wasserkraftwerken. Die meisten davon befinden sich am Irtysch. Die Regierung Kasachstans plant derweil eine Reihe kleinerer Wasserkraftwerke in der Provinz Zhambyl unweit des Balqash-Sees – obwohl die sinkenden Wasservorräte langfristig ihre Wirtschaftlichkeit gefährden.

In China sind bereits an den Flüssen Tekes, Künes und Karakax weitere Wasserkraftwerke entstanden. Alle drei Flüsse speisen sich aus Gletschern des Tian-Shan-Gebirges und fließen in den Ili ab. Xinjiang ist Chinas Zentrum für Kohlekraft, allein das Kraftwerk bei Yining (Gulja) erzeugt mehr Energie als das Wasserkraftwerk Qapschaghai und benötigt riesige Mengen Wasser aus dem Ili. Letztlich ist also auch die große Wassernachfrage der Kohleindustrie verantwortlich für das Austrocknen der Böden großer Teile des Nordwestens Chinas.

Düstere Aussichten für Kasachstan

Die oben beschriebene Wasserfrage ist schon jetzt ein großes politisches Problem in Kasachstan und China. Darüber hinaus wird die Gletscherschmelze im Tian-Shan-Gebirge den Wasserstrom in den kommenden Jahrzehnten um mehr als zehn Prozent senken. Angesichts des unerbittlichen Klimawandels werden die Gletscher in den Bergen verschwinden und nicht mehr wiederherzustellen sein. Letztlich werden die Länder der Region gezwungen sein, künftig mit deutlich weniger Wasserressourcen auszukommen.

China befindet sich in der potentiellen Krise am Seebecken Balqash noch in einer günstigeren Lage. Das Land kontrolliert den oberen Lauf der Flüsse, die den Ili und den Balqash-See mit Wasser versorgen. Was auch immer die Regierung Chinas entscheidet, wie die Frage nach dem zentralasiatischen Wasser gehandhabt wird – Kasachstan wird die Folgen spüren. China kann außerdem aufgrund seines wirtschaftlichen Gewichts und seiner überlegenen militärischen Macht unverhältnismäßig großen Einfluss auf die Verhandlungen mit Kasachstan nehmen.

Die jahrelangen bilateralen Verhandlungen zwischen den zwei Ländern haben bislang gerade einmal dazu geführt, dass China seine hydrologischen Daten veröffentlicht. Außerdem ist ein Abkommen über die Wasserverteilung des kleineren Flusses Horgos geschlossen worden. Der Fluss ist verhältnismäßig wenig umstritten und außerdem eng mit den Projekten der Initiative One Belt, One Road und dem Binnenhafen Horgos verbunden. Konkret einigten sich beide Seiten darauf, im Interesse einer gemeinsamen Wirtschaftszone, zusammen einen Damm zu bauen. Die Umsetzung des Abkommens ist allerdings noch strittig. Nach Zeugenaussagen von Landwirten im Gebiet Almaty hat China seit der Unterzeichnung des Abkommens seine Wasserabnahme um ein Vielfaches erhöht, sodass Tausende Hektar an bestellten Maisfeldern unter Dürre und Wassermangel leiden.

Das Gemeinschaftsprojekt am Horgos ist eher die Ausnahme als die Regel. Peking verweigert die Unterzeichnung jeglicher bindender, internationaler Abkommen über eine gemeinsame Wassernutzung: Sei es zum Oberlauf des Mekong, Brahmaputra oder Irtysch. Das betrifft ebenso den Ili.

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Da bisher sämtliche Offerten an China abgeschmettert wurden, ist die Neuausrichtung der internationalen Wasserpolitik zu einer der Prioritäten der Regierung Kasachstans geworden. Ein echter Fortschritt in dieser Richtung kann allerdings erst dann erzielt werden, wenn die veralteten Abwasserrichtlinien und Agrarpraktiken überarbeitet werden.

Verschiedene internationale Stiftungen unterstützen Kasachstans Bemühungen mit dem Ziel, bis zum Jahr 2030 bis zu 9,1 Milliarden Kubikmeter Wasser einzusparen. Helfen sollen dabei neue Methoden in der Landwirtschaft, der industriellen und kommunalen Wassernutzung. Allerdings können auch jene neuen Ansätze nicht unbedingt alle Probleme lösen. Besonders schwierig erscheint dies angesichts der fehlenden internationalen Absprachen zwischen den betroffenen Staaten. Selbst wenn Kasachstan erfolgreich wassersparende Technologien einführt und so eine effizientere Wassernutzung erreicht, verhindert das nicht die drohende Wasserkrise. Viel hängt hierbei auch von China ab.

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Viele Gletscher, die den Balqash-See speisen, sind noch weit entfernt vom Erschöpfen ihrer Wasserreserven. Aber schon in den nächsten Jahrzehnten wird sich das ändern und ihre Oberflächenvorräte werden schrumpfen. Wenn bis dahin keine bindenden Regelungen zum Wasserverbrauch eingeführt werden, werden sich die Unstimmigkeiten zwischen Kasachstan und China verdichten – ein Kampf, den Nursultan kaum gewinnen kann.

CAA-Network

Aus dem Russischen von Peggy Lohse

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Satellitenbild der Mündung des Flusses Ili in den Balqash-Sees
via NASA
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