Salz, Panzer und Aluminium

Pawlodar ist eine Stadt mit vielen Gesichtern. Beeindruckende moderne Sakralbauten, eine romantische Uferpromenade und breite Boulevards. Doch nicht nur Kirchtürme und Minarette ragen in Pawlodar empor, auch riesige Schornsteine der Industriekomplexe, die mit ihrem Rauch den Himmel verdunkeln. Woher kam diese Stadt und wie ist sie heute? Das Porträt eines kasachischen Industriezentrums wurde uns mit freundlicher Genehmigung der Redaktion der Deutsche Allgemeinen Zeitung (DAZ) , die wöchentlich aus Almaty berichtet, zur Verfügung gestellt. 

Wie viele Städte Kasachstans ging auch diese aus einem befestigten Außenposten des Russischen Reichs hervor, der hier 1720 aufgebaut wurde. Strategisches Ziel dieser Befestigung, die unter dem Namen Korjakowski gegründet wurde, war es damals, Kontrolle über die großen Salzvorkommen zu erhalten, die zu dieser Zeit ein kostbares Handelsgut darstellten. Durch die Ausdehnung des Russischen Reichs in Richtung Süden verlor der Ort im 18. Jahrhundert nach und nach an militärischer Bedeutung als Vorposten, blieb jedoch als großes Dorf von Kosaken besiedelt.

Strategisch wichtige Lage

Das imposante Hauptpostamt von Pawlodar. Die günstige Lage am Fluss Irtysch sowie an verschiedenen Handelsrouten durch die Kasachische Steppe begünstigte den wirtschaftliche Aufschwung der Siedlung. Sie entwickelte sich zu einem Zentrum der Salzgewinnung in der Region, aber auch der Abbau von Blei, Kupfer und Silber begann in dieser Zeit. Im Zuge dieser Entwicklung erhielt die Niederlassung 1861 den Status einer Stadt und ihren jetzigen Namen Pawlodar und wuchs bis zum Ende des Jahrhunderts auf 8.000 Einwohner an.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann die Stadt weiter zu wachsen. Landwirtschaft und der gerade aufkommende Bergbau führten zu einem Aufschwung der Region. Auch die Russische Revolution hinterließ ihre Spuren in der Stadt. In den 1930er Jahren wurden im Sinne der kommunistischen Ideologie alle Kirchen und Moscheen Pawlodars zerstört. Im gleichen Zuge wurde die Industrialisierung vorangetrieben, die bis heute eine entscheidende Rolle spielt. Mit dem Bau einer Aluminiumhütte, dem Beginn des Kohlebergbaus in der Umgebung, einer bedeutenden chemischen und industriellen Produktion ab Mitte der 1950er Jahre wuchs die Stadt noch einmal rapide. Die Produktion von Waffen und Panzern in den Fabriken sorgte jedoch dafür, dass Pawlodar bis 1992 den Status einer sogenannten „geschlossenen Stadt” innehatte, was es beispielsweise Ausländern verbot, die Stadt zu betreten.

Klassischer Energiestandort

Bis heute spielt die Industrie eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben der Region, die auch der Hauptarbeitgeber für die 354.000 Einwohner der Stadt ist. Allein bei der Eurasian Natural Resources Corporation (ENRC) sind 12.000 Arbeiter mit der Herstellung von Aluminium beschäftigt. In der Region Pawlodar werden auch 59% der kasachischen Kohle abgebaut. Das reiche Vorkommen dieses Rohstoffes macht das Gebiet Pawlodar auch zum Energieexporteur: hier wird 23% der Kasachischen Elektrizität produziert, die zum Teil auch gleich von den sehr energieintensiven Industrien verbraucht wird.

Die Innenstadt von Pawlodar

Die Bedeutung der Industrie im Bezirk Pawlodar wird deutlich, wenn man betrachtet, dass hier auf etwas über 4% der kasachischen Bevölkerung fast 10% der industriellen Produktion anfallen. So sind die Erzeugnisse aus der Chemie, der Metallbearbeitung, dem Maschinenbau und dem Bergbau hauptsächlich für die Weiterverarbeitung in Kasachstan oder für den Export ins Ausland bestimmt.

Engagement deutscher Minderheit

Jedoch besteht die Stadt nicht nur aus Fabriken und rauchenden Schornsteinen. Zwei Theater und fünf Museen sorgen für kulturelle Abwechslung. Die 33 Parks der Stadt und die gut ausgebaute Uferpromenade des Flusses Irtysch bieten Orte der Erholung und Entspannung. Auf den fünf weitläufigen Boulevards der Stadt findet das geschäftliche und gesellschaftliche Leben Pawlodars statt. Im hübschen Backsteinviertel in Hafennähe im historischen Teil der Stadt warten Bars und Cafés auf Einheimische und Besucher, hier etabliert sich langsam aber sicher ein Nachtleben.
Gerade im Wirtschaftsleben spielen die über 7000 Kasachstandeutschen, die die viertgrößte ethnische Volksgruppe ausmachen, eine nicht zu übersehende Rolle. So befinden sich in Pawlodar zwei Supermärkte, sechs Kaufhäuser und spezialisierte Kaufbuden der Firma Rubikom. Sie sind Teil des Unternehmens des Kasachstandeutschen Wjatscheslaw Ruf, der in Pawlodar einen Komplex aus landwirtschaftlichen und Verarbeitungsbetrieben betreibt, welche überregional für ihre hohe Qualität der Wurst– und Fleischwaren bekannt sind. Auch in der Gastronomie und dem Hotelgewerbe sind deutsche Unternehmer aktiv. So gibt es eine Gaststätte mit dem klangvollen Namen „Alpenhof”.
Sieht aus wie aus der Zarenzeit, ist aber kaum 20 Jahre alt: die Mariä Verkündigungs-Kathedrale. Der Hotelkomplex „Sewer“ und die Gaststätte „Sommercafe” gehören dem Kasachstandeutschen Wladimir Scheck. Neben der Lebensmittel– und Agrarindustrie sind Kasachstandeutsche in vielen weiteren Industriezweigen vertreten und nehmen auch Positionen im Kultur– und Bildungsbereich ein. Larissa Fresorger ist Vizepräsidentin für Finanzen und Entwicklung an der privaten Innovativen Eurasischen Universität in Pawlodar. Alle der oben aufgeführten UnternehmerInnen engagieren sich zudem aktiv in der Vereinigung der Kasachstandeutschen „Wiedergurt” in Pawlodar bzw. sind im Vorstand unter dem Vorsitz von Wjatscheslaw Ruf.

Mariä-Verkündigungs-Kathedrale

Idyllisch überragt diese orthodoxe Kathedrale den Fluss Irtysch: das Hauptkreuz thront golden auf 51 Metern. Der Bau wurde 1999 nach sieben Jahren Bauzeit eingeweiht. Wie ihre Vorbilder, die Kirchen des Moskauer Kreml, stammen auch die Glocken aus der russischen Hauptstadt: über eine Tonne wiegt die schwerste. Das Kuppeldach der Kirche aus galvanisiertem Stahl ist eine Spezialanfertigung aus Nowosibirsk.

Mäschhür-Schüssip-Moschee

Due Kuppel ist einer Jurte nachempfunden, die Minarette sind im arabischen Stil gehalten. Zentral gelegen überragt dieses moderne Gebäude mit seinen 63 Meter hohen Minaretten und der 54 Meter hohen Kuppel die Umgebung. In dem 2001 eröffneten Komplex befindet sich unter anderem ein Kulturzentrum, eine Bücherei, ein Kino, ein Museum und ein Schule. Den großen Gebetsraum, in dem 1.500 Gläubige Platz finden, erleuchtet ein gewaltiger Kronleuchter mit 434 Lampen, der in Taschkent gefertigt wurde.

Die Moschee in Pawlodar

Aluminiumwerk

Trotz blauem Himmel wird es plötzlich dunkel. Das Aluminiumwerk am Rande der Stadt ist eine ungewöhnliche Attraktion in Pawlodar. Die Anlage beeindruckt durch ihre gigantischen Ausmaße, durch ihre Schornsteine und Kühltürme. Hier werden 1.4 Millionen Tonnen Aluminiumoxid aufbereitet und daraus 250.000 Tonnen hochwertiges Aluminium gewonnen, hauptsächlich zum Export ins Ausland.

Till Eichenauer

Aluminiumfabrik in Pawlodar
Till Eichenauer
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