Medina Bazargali

Über die Sprache der Vorherrschaft – ein Gespräch mit Medina Bazargali

Medina Bazargali ist eine zeitgenössische Künstlerin aus Kasachstan, die in Moskau lebt und arbeitet. Sie liebt ironischen und übertriebenen Realismus, in dem sich das Internet, neue Technologien und (post-)totalitäre Realitäten vermischen. Sowjetische Härte, die digitale Revolution und die Wiederbelebung der nationalen Identität gehen zusammen wie ein 3-in-1-Produkt, das im Supermarkt verkauft wird. Mit Ihren Kunstwerken möchte Sie eine nachhaltige Schwingungsfrequenz zwischen diesen drei Polen finden.

Das folgende Interview erschien im englischsprachigen Original auf TransitoryWhite. Wir übersetzen es mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Saltanat Shoshanova: Du wirst als Teil einer neuen Generation zeitgenössischer kasachstanischer KünstlerInnen betrachtet. In welcher Verbindung stehst du zu der KünstlerInnen-Generation deiner Eltern (Saule Suleimenova und Kuanysh Bazargaliyev) und zu der vor ihnen (wie zum Beispiel Rustam Khalfin oder Olga Blinova)? Weichen die Fragen, die du jetzt stellst, von ihren Fragen ab? Hast du das Gefühl, dass der Kampf sich geändert hat?

Medina Bazargali: Die erste Generation zeitgenössischer KünstlerInnen betrat in den frühen 90ern die Bühne, so dass die meisten von ihnen einen großen Teil ihres Lebens von Information isoliert waren. Der sowjetische Standard förderte den sozialen Realismus rigide und erfolgreich als einzigen Weg der künstlerischen Entwicklung. Als die Sowjetunion kollabierte, erlangten die KünstlerInnen mehr Freiheit und Kraft und die Zeit der freien kasachischen Kunst brach an. Ich respektiere ihre Erfahrungen und mir scheint, dass unsere beiden Generationen mit verrotteten Systemen gerungen haben. Ich denke aber nicht, dass die Fragen, die wir stellen, dieselben sind. Meine Generation – die sogenannte „Generation Z“ – ist, meiner Meinung nach, die erste Generation im postsowjetischen Raum, die Stagnation und Depression überwunden hat. Wir schauen uns nicht ängstlich um, wenn wir offen über Themen wie zum Beispiel Kolonialisierung reden. Wir können abrupt und mutig sein, weil wir nicht mehr das postsowjetische traumatische Syndrom haben.

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Saltanat Shoshanova: Würdest du also sagen, dass der Weg nun frei ist?

Medina Bazargali: Kasachstan mit seinem quasi-demokratischen politischen System und der Quasi-Marktwirtschaft ist immer noch stark mit den Überresten der sowjetischen Ideologie vermischt. Ich betrachte diese Überreste als radioaktives Material, dass man liquidieren muss, und ich hoffe eine der LiquidatorInnen zu werden. Ich möchte nicht unbedingt eine neue kasachische Identität entwickeln, aber es ist mein Wunsch, sie von der Angst vor dem großen Herrn, wer oder was auch immer das sein mag, von Schmerz und multiplen Traumata zu befreien und dabei zu helfen, ihre wahre Geschichte und wahren Bräuche – ohne dass diese mit Stereotypen und politischen Mythen vermischt werden – zu akzeptieren.

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Annika Ernst Terwey: Du hast das Thema Kolonialisierung erwähnt, dass du ja tatsächlich in mehreren Kunstwerken ansprichst. In deinem Video Decolonization of Kurt (2018) demonstrierst du die Kolonialisierung von Kurt, einem traditionellen kasachischen Trockenkäse, durch Schimmel. In der zweiten Hälfte des Videos versuchst du den sichtbaren Teil des Schimmels zu entfernen, was aber nicht vollständig gelingt. Woraus besteht das Dekolonialisierungsprojekt für dich?

Decolonization of Kurt

Medina Bazargali: Das Thema Dekolonialisierung ist sehr beliebt und kontrovers in der heutigen kasachischen Kunstszene. In dem Video stelle ich die radioaktiven Reste des großen modernen Projekts der Sowjetunion metaphorisch dar, indem ich dafür einen langsam den Kurt befallenden Schimmel verwende. Die Grundidee ist, dass es unmöglich ist, den Schimmel komplett zu entfernen. Die Schimmeltoxine sind zu stark. Selbst wenn man sie nicht sieht, können sie einfach wiederkommen. Daher erscheinen in der letzten Szene die Worte „Decolonization failed. Fatal error.“ Diese radioaktiven Rückstände sind nicht nur in Kasachstan, sondern auch in Russland zu finden. Jetzt, da ich in Moskau lebe, dem Herzen der Kolonialmacht, fühle ich es noch intensiver.

Annika Ernst Terwey: Wie zeigt sich das?

Medina Bazargali: Als ich ArbeitsmigrantInnen aus Zentralasien gesehen habe, begann ich meine eigenen Privilegien zu überdenken. Auch als ich selbst mit nationalistischen Äußerungen mir gegenüber konfrontiert war – zum Beispiel durch NachbarInnen. Hier in Moskau hört man überall, von der Universität bis zum Lebensmittelladen, das Schimpfwort „tschurka“, was in etwa dem N-Wort entspricht. Ein Vorfall, der sich kürzlich ereignet und mich sehr aufgewühlt hat: Ein kasachischer Kerl kommt in einen Irish Pub und die Angestellten nennen ihn Liu Kang und spielen die Mortal Combat-Titelmelodie. Er beschwert sich, aber sie sehen absolut keine Diskriminierung in ihrem Handeln. Manche ethnischen Minderheiten beschweren sich hier überhaupt nicht, wenn etwas Derartiges geschieht. Sie verstärken sogar diese Sprache der Vorherrschaft, indem sie es lustig finden.

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Saltanat Shoshanova: Ist dir auch wichtig, vom westlichen Publikum verstanden zu werden oder siehst du dein Publikum eher als eines, das die lokalen KünstlerInnen und die von dir verwendete ästhetische Sprache versteht?

Medina Bazargali: Ich möchte nicht exotisiert werden und exotisiere mich nicht für ein westliches Publikum. Die Haltung einiger westlicher KuratorInnen und ForscherInnen gegenüber der kasachischen Kunstszene hat sich zwar seit dem 90ern geändert, als sie nach „exotischer“ Kunst gesucht haben, aber die Nachfrage danach ist immer noch vorhanden und einige lokale KünstlerInnen lassen ihre eigene Exotisierung für das Publikum zu. Das macht mich traurig. Gleichzeitig braucht man, um überhaupt an westliche Institutionen zu gelangen, systematische Unterstützung durch Regierungen oder andere Institutionen. Es gibt diese vielversprechende Generation von KünstlerInnen, die sehr wenig dieser Unterstützung bekommen, so dass es für Sie fast unmöglich ist, nur von der Kunst zu leben.

Saltanat Shoshanova: Du bist politisch sehr aktiv und eine bekennende Feministin, was unter jungen Frauen in Kasachstan immer noch nicht üblich ist. Warum ist es für dich so wichtig Kunst und Politik zu verbinden? Denkst du, dass Kunst zu sozialem Wandel führen kann?

Medina Bazargali: In bin in einer Gemeinschaft von KünstlerInnen und AktivistInnen aufgewachsen, die Schulter an Schulter gelebt und gearbeitet haben und die die Idee vertraten, dass die grundlegenden Menschenrechte integraler Bestandteil einer jeden Gesellschaft sein sollten. Jeder Künstler und jede Künstlerin – als ein besonders empfindliches soziales Element – muss diese Idee verstehen und unterstützen.

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Als der Langzeitpräsident Nursultan Nasarbajew zurücktrat und der neue Präsident Kassym-Dschomart Tokajew ankündigte, dass die Hauptstadt von Astana zu Nur-Sultan umbenannt werden wird, konnte ich nicht ruhig bleiben. Ich habe ein Video aufgenommen in dem ich den Slogan rufe: „Nur-Sultan ist nicht meine Stadt. Tokajew ist nicht mein Präsident. Dariga ist nicht meine Senatspräsidentin. Ich habe eine Wahl.“ Das Video wurde mehr als 150 000 Mal angeschaut und hat viele andere AktivistInnen inspiriert aufzustehen und sich zu äußern. Ich habe meinen Cyber-Aktivismus fortgesetzt und Facebook-Frames und AR-Masks kreiert und verbreitet, die als Protestplakate auf Avataren und in Instagram-Stories verwendet wurden.

Saltanat Shoshanova: Wie beeinflussen deine feministischen Überzeugungen deine Arbeit?

Medina Bazargali: Als Feministin bin ich mir meiner Privilegien bewusst, wenn ich mich mit anderen Frauen in Kasachstan vergleiche, die weniger geschützt sind und weniger Möglichkeiten im Leben haben. In meiner Kunst mache ich diese feministischen Themen bewusst, indem ich sie in Ausstellungen platziere.

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Mein Werk Talaq von 2018 ist zum Beispiel dem Drittel aller kasachischen Frauen gewidmet, die als Teenagerinnen verheiratet werden und niemals höhere Schulbildung erhalten. Diese Ehen werden normalerweise nicht offiziell geschlossen, aber in der Moschee gibt es eine Zeremonie, die Nikah genannt wird. Sie wird immer beliebter, nicht nur als Folge des sich seit der Unabhängigkeit aggressiv verbreitenden Islams, sondern auch weil es dabei keine Altersbeschränkung gibt. Der Titel des Werks stammt von einer Praxis, die „dreifacher Talaq“ genannt wird und muslimischen Männern erlaubt, sich von ihren Frauen zu scheiden, indem sie das Wort „talaq“ dreimal persönlich, über das Telefon oder sogar schriftlich oder in einer SMS verwenden. Dieses Recht haben Frauen nicht. Sie können sich nur scheiden lassen, wenn ihr Mann, ein Geistlicher oder eine andere religiöse Autorität dies erlaubt. Muslimische Frauen sind in einer solchen Ehe sehr verletzlich und ich beschäftige mich mit der Frage ihrer Unsichtbarkeit im kasachstanischen institutionellen digitalen System. In meinem Kunstwerk trägt eine Braut ein rotes Hochzeitskleid und beraubt sich der Existenz innerhalb dieses digitalen institutionellen Systems.

Auschnitt aus dem Werk Talaq

Annika Ernst Terwey: Wie in Talaq verwendest du auch in anderen Arbeiten Technologie. Kannst du uns von der Bedeutung neuer Technologien in deiner Kunst erzählen?

Medina Bazargali: Ich studiere Informatik und bin sehr an dem Mix aus Programmieren, neuer Technologien und Kunst interessiert. Meine Arbeit „For your safety only“ befasst sich zum Beispiel mit dem Thema der ständigen Internetblockierung durch die Regierung Kasachstans. Die Mehrheit der Bevölkerung ist gezwungen, ein VPN zu nutzen und ist daran gewöhnt, dass das Internet ein paar Stunden am Tag nicht funktioniert. Die Gründe dafür sind politisch. In „For your safety only“ wollte ich die Situation ins Absurde führen und zeigen, wie diese propagandistische Täuschung aus der Außenperspektive aussieht. Ich habe einen Ultrahochfrequenz-Generator gebaut, der sich plötzlich mehrmals pro Stunde einschaltet und den kontinuierlichen Verkehr der Formeln und die Arbeit der Oszillatoren unterbricht, die Arbeit des gesamten Systems. Dieses Projekt ist ein trügerisches Kriegsspiel, das von einem Generalgenerator geführt wird, der sich selbst verschlingt, genau wie Ouroboros, der seinen eigenen Schwanz frisst.

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In meiner neuesten Arbeit „Within the law“ (2019) beschäftige ich mich direkt mit verschiedenen erschreckenden Szenarien der Verschmelzung von Strafjustiz und neuen Technologien. Die Zuschauer finden sich in einer Installation wieder, die der Architektur der NKWD-Verhörräume ähnelt. Wenn der Betrachter sich hinter den Verhörtisch setzt, sieht er sich einer Maschine gegenüber, die Gesichtserkennungstechnologie und Neural Network verwendet, um ein Strafregister zu erstellen. Ich habe das Neural Network so programmiert, dass es die Verfassungen, die Zivil -, Verwaltungs- und Strafgesetzbücher aller ehemaligen Republiken der Sowjetunion kennt. In diesem Raum wird das soziale „Selbst“ einer Person auf ein einfaches Stück Papier/Dossier/Vorstrafenregister/Urteil reduziert.

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Saltanat Shoshanova: Wie stellst du dir die Zukunft der zeitgenössischen Kunst Kasachstans vor? Welchen Weg wird sie einschlagen und wo führt dieser Weg hin?

Medina Bazargali: Ich möchte mehr lokale, aber nicht sich selbst exotisierende Arbeiten von den KünstlerInnen meiner und der kommenden Generationen sehen. Ich bin überzeugt, dass die Ereignisse des „kasachischen Frühlings“ bereits den Kurs der Kunstproduktion in Kasachstan verändert haben. Obwohl die Demonstrationen radikaler AktivistInnen immer noch weit verstreut sind, fürchten einige KünstlerInnen und AktivistInnen keine Repressionen durch Behörden mehr und friedliche Proteste werden immer häufiger. Vielleicht sehen wir sogar eine riesige Entwicklung des kasachischen Aktionismus. Aber natürlich kann die offizielle zeitgenössische Kunst auch die gleiche Rolle spielen wie in Russland — technologisch, aber politisch neutral.

 Saltanat Shoshanova absolviert derzeit Ihren Master in Kunstgeschichte an der Freien Universität Berlin. Ihre Forschungsinteressen umfassen Kunst in Verbindung mit queerer und feministischer Theorie, queerer Migration, Dekolonialität und dem postsowjetischen Raum. Sie ist Aktivistin und Mitorganisatorin mehrerer queer-feministischer Konferenzen in Wien und Berlin.

Annika Terwey ist eine deutsch-italienische New-Media-Designerin und Künstlerin. Sie studierte visuelle Kommunikation an der Universität der Künste Berlin und absolvierte die New-Media-Klasse. In Ihrer Arbeit erforscht Sie neue Kommunikationsformen durch Interaktionsdesign, Videoinstallationen und Ausstellungen. Ihr Interesse reicht von Umweltwissenschaften und neuen Technologien bis hin zur menschlichen Wahrnehmung.

Das Original erschien auf TransitoryWhite

Aus dem Englischen von Robin Roth

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