ein Heuschreckenschwarm

Zentralasien droht eine der schlimmsten Heuschreckenplagen der letzten Jahrzehnte

Vier zentralasiatische Länder sind derzeit einer der größten Heuschreckeninvasionen der letzten Jahrzehnte ausgesetzt. In Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan, wo bereits mehrere hunderttausend Hektar befallen sind, haben die Behörden bereits Gegenmaßnahmen ergriffen. Die Landwirte im Südwesten Tadschikistans sind im Moment auf sich allein gestellt und bitten die Regierung um Hilfe.

Die „achte Plage Ägyptens“ trifft Zentralasien: Heuschreckenschwärme breiten sich über Hunderttausende Hektar aus. Seit Ende Mai haben die Länder der Region ihre Maßnahmen verstärkt, um zu verhindern, dass die Insekten auf den Feldern die Ernte zerstören. Trotz dieser Bemühungen wurden laut Angaben des usbekischen Ministeriums für Katastrophenschutz im Land bereits 327.400 Hektar von Heuschrecken besiedelt. In Kasachstan sind 250.000 Hektar betroffen, wie das kasachstanische Nachrichtenportal Azattyq Ruhy unter Berufung auf Daten des nationalen Inspektionsausschusses des Landwirtschaftsministeriums berichtete.

Die diesjährige Heuschreckenplage ist eine der schlimmsten der letzten Jahrzehnte. Besonders betroffen sind weltweit die Länder Ostafrikas, ebenso wie die Nachbarländer Zentralasiens. So gingen Milliarden Heuschrecken auf Felder in Pakistan und Nordindien nieder, so viele wie seit 30 Jahren nicht mehr. Im Iran, wo mindestens 200.000 Hektar befallen sind, erklärte die Regierung den Ausnahmezustand und mobilisierte gar die Armee, um die Invasion zu bekämpfen, wie das russische Nachrichtenportal NEWSru.com am 28. Mai berichtete. Weltweit bedrohen die Heuschrecken zurzeit 25 Millionen Menschen mit Hunger.

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Laut dem amerikanischen Magazin National Geographic könnte der Klimawandel die Hauptursache für die Plage sein. In der Tat sind die klimatischen Bedingungen, insbesondere die zunehmende Häufigkeit von Wirbelstürmen, günstige Bedingungen für die Vermehrung und Ausbreitung von Wüstenheuschrecken (schistocerca gregaria). Diese Insekten können Entfernungen zwischen 100 und 200 Kilometern pro Tag zurücklegen und Schwärme von 500 Millionen bis 10 Milliarden Tieren bilden. Die Larven schlüpfen normalerweise im Juni. In diesem Jahr begann das Schlüpfen jedoch schon Mitte Mai und trug so dazu bei, die Anzahl der Heuschrecken und das Ausmaß ihrer Verwüstungen zu erhöhen.

Kasachstan: Fünf Regionen betroffen

In Kasachstan erwarten die Behörden, dass sich die Heuschrecken über mehr als 550.000 Hektar ausbreiten. Dies berichtetet das kasachstanische Nachrichtenportal Vlast.kz unter Berufung auf Daten, die am 29. Mai von Almabek Mars, dem Vorsitzenden des nationalen Inspektionsausschusses des Landwirtschaftsministeriums, veröffentlicht wurden. Die Regionen Jambyl, Túrkestan, Almaty, Qaraģandy und Pavlodar, die alle in der östlichen Hälfte des Landes liegen, sind besonders stark betroffen. Laut Mars sind in diesen Regionen Marokkanische Wanderheuschrecken (dociostaurus maroccanus) bereits über 143.000 Hektar und Italienische Schönschrecken (calliptamus italicus) über 93.000 Hektar hergefallen. 67 Prozent der betroffenen Gebiete werden kultiviert.

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Kasachstans Regierung, die eine Ausbreitung der Insekten in mindestens drei weiteren Regionen befürchtet, hat bereits Maßnahmen zur Bekämpfung der Heuschrecken angekündigt. „Insgesamt werden mehr als 38 Millionen Hektar untersucht, um Heuschrecken zu identifizieren. In den Grenzgebieten werden gemeinsame Untersuchungen unter Beteiligung von Experten der Nachbarstaaten durchgeführt. Darüber gibt es eine Vereinbarung zwischen den Landwirtschaftsministerien von Kasachstan, der Russischen Föderation, China und Usbekistan“, so Almabek Mars nach Angaben von Azattyq Ruhy.

Laut dem nationalen Inspektionsausschuss des Landwirtschaftsministeriums wurden bereits drei Millionen Hektar von 1.224 InspektorInnen untersucht. In den Regionen Jambyl und Túrkestan wurden tausende Hektar chemische behandelt. Darüber hinaus erklärte Kasachstans Regierung, 1,5 Milliarden Tenge (rund 3,4 Millionen Euro) für die Bekämpfung von Heuschrecken bereitgestellt sowie Pestizide und verschiedene Chemikalien gekauft zu haben.

Usbekistan: Chemie gegen Zerstörung

In Usbekistan, wo bereits 327.400 Hektar von Heuschrecken befallen wurden, hat das Ministerium für Katastrophenschutz eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um die Ausbreitung der Schwärme zu begrenzen. Am 3. Juni berichtete das Ministerium, dass bereits 309.000 Hektar chemisch behandelt worden seien, und dass dies für weitere 300.000 Hektar geplant sei. 500 Fahrzeuge und 700 Personen nahmen an diesen Operationen teil, die in Zusammenarbeit mit Kasachstan, Turkmenistan und Kirgistan durchgeführt wurden.

Laut Furkat Gafforov, Direktor des usbekischen Forschungsinstituts für Pflanzenschutz, konzentrieren sich die Operationen derzeit auf die an Turkmenistan und Tadschikistan grenzenden Regionen im Süden und Südosten des Landes. „Derzeit nehmen die Bewegungen der Marokkanischen Wanderheuschrecke zu, die in den Bergregionen der Provinzen Surxondaryo und Qashqadaryo weit verbreitet ist. Heute werden Millionen von Schwärmen dieser Art in grenzüberschreitenden Regionen beobachtet“, sagte er am 3. Juni gegenüber der offiziellen Nachrichtenagentur UzA. Außerdem erklärte Gafforov, dass die Heuschrecken sowohl Baumwollfelder, die für die usbekische Wirtschaft lebenswichtig sind, als auch Gemüsefeldern und Obstgärten befallen haben.

Turkmenistan: Flugzeuge im Einsatz 

Auch in Turkmenistan haben die Behörden reagiert und Maßnahmen ergriffen, um die Heuschrecken zu stoppen. „Schädlinge vermehren sich mit Beginn der heißen Tage, was zu großen Ernteschäden führen kann“, sagte Präsident Gurbanguly Berdimuhamedow laut der offiziellen turkmenischen Nachrichtenagentur TDH. Ohne die Heuschrecken direkt zu erwähnten, bat er den für Lebensmittel zuständigen Vizepremierminister Esenmyrat Orazgeldiyew, „alle verfügbaren Dienste“ zur Bekämpfung der Insekten auszusenden.

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Das unabhängige turkmenische Nachrichtenportal Chronicles of Turkmenistan berichtete am 3. Juni, dass in der im Nordosten des Landes gelegenen Provinz Lebap durch Flugzeuge und Traktoren Pestizide verteilt werden. Einige BürgerInnen hätten beschlossen, selbst Pestizide auf ihre Kulturen zu sprühen. Ein Fünf-Liter-Kanister mit Pestiziden kostet 350 Manat, also etwa 89 Euro.

Tadschikistan: Landwirte bitten um staatliche Hilfe

Im Gegensatz zu Usbekistan, Kasachstan und sogar Turkmenistan hat Tadschikistan bisher keine nennenswerten Maßnahmen ergriffen, um den von der Heuschreckenplage betroffenen Landwirten zu helfen. Laut Radio Ozodi, dem tadschikischen Dienst des amerikanischen Medienhauses Radio Free Europe, ist die Provinz Chatlon im Südwesten des Landes von den Insekten befallen. Diese Provinz gilt als “Kornspeicher“ Tadschikistans  und liefert einen Großteil der landwirtschaftlichen Produkte, die im Rest des Landes verbraucht werden.

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Die Heuschrecken hätten bereits rund 100 Hektar Felder verwüstet. Die BewohnerInnen sagen, dass, alle Ernten in diesem Jahr zerstört werden könnten, wenn nicht bald Maßnahmen zur Bekämpfung der Plage ergriffen würden. „Ich habe mich an die lokalen Behörden gewandt. Sie haben versprochen, zu kommen, aber noch nichts getan“, bedauerte ein lokaler Landwirt, der Ende Mai von Radio Ozodi befragt wurde. „Die Heuschrecken haben bereits begonnen, sich in andere Gebiete zu bewegen. Wir behandeln die Parzellen vier Tage lang mit Chemikalien, jedoch ohne Resultat. Die Präparate sind teuer. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.“

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Darüber hinaus kommen die Heuschrecken zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt, da Tadschikistan bereits mit den Folgen der Coronavirus-Pandemie zu kämpfen hat, bei der nach offiziellen Angaben 48 Menschen ums Leben gekommen sind. „Nicht nur das Coronavirus, sondern ein weiteres Unglück ist über uns gekommen! Das Insektizid kostet 120 Somoni [ca. 10,50 Euro]. Ich weiß nicht einmal, wie man diese Heuschrecken beseitigt. Nach dem Frost haben wir alles neu gepflanzt, aber hier sind Heuschrecken aufgetaucht und haben alles gefressen. Ich denke, die Behörden sollten eingreifen und uns helfen“, klagt ein anderer Landwirt gegenüber Radio Ozodi. Eine energische Reaktion der tadschikischen Regierung erscheint notwendig, da die nächsten Wochen für viele zentralasiatische Bauern kompliziert werden könnten.

Quentin Couvreur, Redakteur für Novastan

Aus dem Französischen von Robin Roth

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Zentralasien wird derzeit von einer Heuschreckenplage heimgesucht (Illustration)
Yasuyoshi Chiba/FAO
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