Kara Balta

Auf der Flucht – Kirgisische Gastarbeiter in Russland

Dieser Artikel wurde im Rahmen der Zentralasiatischen Schule für modernen Journalismus (OSZE/ Deutsche Welle) geschrieben. Eine weitere Version wurde bei dem Nachrichtenportal Kloop.kg veröffentlicht. Wir übernehmen ihn mit der freundlichen Erlaubnis der Autorin. 

Am Rande der Stadt steht ein Schild mit der verblassten Aufschrift „Kara-Balta“. Vorbei an leerstehenden Häusern und verfallenen Bushaltestellen trifft man im Ort auf dutzende Männer, die sich als Tagelöhner verdienen. Die Arbeitsstellen sind rar gesät; eine Glashütte gibt es, und eine von Chinesen betriebene Fabrik. Kara-Balta, kirgisisch für „schwarze Axt“, ist eine trostlose Stadt.

Alexandra, eine hagere Frau mittleren Alters, erzählt uns vom Schicksal ihres Sohnes, der sein Glück woanders suchte. „Iwan erfuhr im Fernsehen davon, dass in der russischen Stadt Woronesch Arbeitskräfte in der Bauindustrie gesucht werden. Ein Gehalt von 400 Euro im Monat wurde ihnen versprochen. Hier in der örtlichen Fabrik verdiente er nur 8000 kirgisische Som (etwa 100 Euro).“ Iwans Frau starb vor 3 Jahren, er muss sich alleine um seine zwei Töchter kümmern. „Bevor er sich nach Russland aufmachte, überprüfte er die Angaben im Internet“, berichtet seine Mutter. „Alles schien seine Richtigkeit zu haben.“

Russland, und die Hoffnung auf Arbeit 

Wie so viele andere Bürger der zentralasiatischen Republiken Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan zog es Iwan nach Russland, in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden und für den Unterhalt seiner Familie sorgen zu können. 4 Millionen sind es laut Angaben der russischen Behörden inzwischen, der Großteil von ihnen junge Männer.

Doch die Dunkelziffer liegt wesentlich höher. Kirgisen, Usbeken und Tadschiken benötigen kein Visum, um nach Russland einzureisen. Arbeit ist häufig schnell gefunden, in der boomenden russischen Bauindustrie sind auch ungelernte Arbeitskräfte ständig gefragt. Für viele entpuppt sich der Traum von leicht verdientem Geld aber schnell als Alptraum aus Ausbeutung und Entrechtung. Mangels offiziellem Arbeitsvertrag sind viele der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgeliefert, in den letzten Jahren häufen sich Fälle von Zwangsarbeit und Menschenhandel.

Kara Balta

Auch für Iwan lief alles anders als geplant. „Erst wurde ihm und seinen Mitarbeitern der Lohn vorenthalten. Als sie sich beschwerten, fing man an, sie zu schlagen“, berichtet Alexandra. „Am Telefon erzählt er immer, dass alles gut ist. Doch von seinen Kollegen habe ich fürchterliche Geschichten gehört. Einer von ihnen sagte mir, dass mein Sohn so heftig geschlagen wurde, dass ihm ein Zahn ausfiel.“

Außer Iwan arbeiten 11 weitere Männer aus Kara-Balta auf der Baustelle in Woronesch. Vier von ihnen hielten die ständigen Androhungen und die Gewalt nicht mehr aus und entschieden sich, zu fliehen. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, verließen sie in Arbeitskleidung das Gelände. Sie machten sich auf den Weg zur kirgisischen Botschaft im 500 Kilometer entfernten Moskau. Mangels Geld und aus Angst vor der Polizei legten sie die Strecke zu Fuß zurück, vier Tage und vier Nächte dauerte es, bis sie die russische Hauptstadt erreichten.

In der Botschaft angekommen, erzählten sie ihre furchtbare Geschichte: „Ständig schlug man uns und machte sich über uns lustig. Unsere Dokumente wurden einbehalten, und für vier Tage Arbeit bekamen wir lausige 300 Rubel (etwa 6€) Gehalt. Als wir unsere Arbeitgeber aufforderten, uns nach Hause zu lassen, verspotteten sie uns und sagten, dass wir in Russland Niemande seien, Obdachlose.“

Mit Hilfe der kirgischen Botschaft schafften es die Vier zurück nach Bischkek, wo sich das Zentrum „Sezim“ ihrer annimmt, das seit vielen Jahren mit Opfern von Menschenhandel arbeitet. Laut dem Direktor des Zentrums hat sich die Situation innerhalb der letzten zehn Jahre verschlimmert. Immer mehr vorwiegend junge Leute verlassen Kirgistan auf der Suche nach Arbeit, und die Fälle von Menschenhandel häufen sich. Allein in diesem Zentrum gibt es pro Jahr durchschnittlich 35 neue Fälle.

Maßnahmen gegen den Menschenhandel

Wie kommt es dazu, dass immer mehr Leute in die Fänge von Menschenhändlern gelangen? Ulana Dschanbajewa vom kirgisischen Innenministerium sieht den Hauptgrund in der mangelnden Kenntnis über die Gefahren von Arbeitsmigration. „Viele sehen, wie ihre Nachbarn und Freunde mit viel Geld aus dem Ausland zurückkommen, und wollen es ihnen gleichtun. Doch sie übersehen dabei, dass man schnell das Opfer von Ausbeutung und Menschenhandel werden kann.“

Die weit verbreitete mangelnde Rechtskenntnis zeigt sich auch in den späteren Strafverfahren, wie Gulsina Asanaliewa vom dem Büro des Menschenrechtsbeauftragten der Kirgisischen Republik berichtet. „Die Opfer können häufig keine Namen von den Menschenhändlern oder Organisationen nennen, die für ihre Ausbeutung verantwortlich sind. Viele Verfahren werden aus Mangel an Beweisen eingestellt.“

Zug Bischkek Moskau

Im vergangenen Jahr startete die Regierung Kirgistans ein Programm, das den Menschenhandel unterbinden soll. Spezielle Abkommen wurden mit den Hauptzielländern Russland, Südkorea und den Vereinigten Arabischen Emiraten unterzeichnet. „In den letzten Jahren ist der Menschenhandel in Kirgisien auf dem Rückzug“, ist sich Gulsina Asanaliewa sicher. „Seit 2010 erreichten uns keine Beschwerden mehr. Von dem Fall aus Kara-Balta haben wir nichts gehört.“

Drei Uhr nachmittags am Bischkeker Bahnhof. Der Zug nach Moskau fährt ein, und in der Luft liegt ein Hauch von Aufregung und Angst vor dem Unbekannten. Die Gesichter der Passagiere sind ernst, viele der mit schweren Koffern bepackten Reisenden wirken besorgt und zugleich verloren. Ihr Schicksal ist jedes Mal aufs Neue ungewiss. Wen von ihnen bringt der Zug in eine bessere Zukunft, und wer wird den Weg nach Hause zu Fuß finden müssen?

Djamilia Dandybaeva

Aus dem Russischen übersetzt von
Alexander Maier

 

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