Dalmira Tilepbergenowa

Bischkek soll Welthauptstadt der Literatur werden

Yann Martel, Joanne K. Rowling, Orhan Pamuk, Olzhas Suleimenow – Das sind nur ein paar der Namen der Organisatoren des 80. Internationalen PEN-Schriftstellerkongresses, auf den sich Bischkek aktuell vorbereitet. Hinter PEN steht eine internationale NGO, die professionelle Schriftsteller, Poeten und Journalisten aus verschiedenen Genres und Ländern vereint. Heute wird die Vereinigung vom kanadischen Essayisten John Ralston Saul geleitet. Er war es auch, der für den Kongress Bischkek als Welthauptstadt der Literatur vorgeschlagen hat. Unter dem Titel „Meine Sprache, mein Schicksal, meine Freiheit“ soll der Kongress nun vom 29. September bis zum 2. Oktober stattfinden. ­ Was für die einen tolle PR für Kirgistan ist, klingt für die anderen nach einem teuren Elitenprojekt. Würden tatsächlich preisgekrönte Schriftsteller nach Kirgistan kommen, und kirgisische Hauptstadt zu einer literarischen Metropole verwandeln? Autoren, Poeten und Kulturveranstalter melden sich zu Wort:

Dalmira Tilepbergenowa leitet den PEN-Klub in Kirgistan. Sie sieht im Schriftsteller-Kongress eine „große Ehre und gute PR für unser Land“. „Für die Dauer des Kongresses in Kirgistan wird Bischkek die Welthauptstadt der Literatur. Das ist natürlich eine schöne Perspektive und hört sich vielversprechend an. Dafür müssen wir kämpfen. Es schmerzt, wenn unser Kirgistan nur mit wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten in Verbindung gebracht wird und die Kultur dabei ins Hintertreffen gerät. Wir sollten nicht warten, dass die Regierung das übernimmt. Nicht die Hände in den Schoß legen und fragen, was der Staat für dich tun kann; wir selbst können die Dinge in die Hand nehmen. Ich denke, dass für uns Schriftsteller die wichtigste Aufgabe ist, dem Staat bei der Förderung unserer Kultur zu helfen und unsere kreativen Menschen in die Weltgemeinschaft der Literatur einzubinden. Ich denke auch, dass der internationale Kongress in Kirgistan einen kleinen Einblick in die Schatzkammer der kirgisischen Kultur bieten kann.

Der PEN-Klub Kirgistan
Nach anfänglichen Schwierigkeiten seiner Vorgänger, die nötigen zwei Empfehlungen von anderen Mitgliedern zu erhalten, hat es Scherboto Tokombajew im Jahr 2000 schließlich geschafft, ein PEN-Zentrum in Kirgistan im Jahr 2000 zu gründen. „Anfang der 2000er lernte ich auf einer Konferenz einen russischen und einen finnischen PEN-Vertreter kennen, die Kirgistan ihre Unterstützung zusicherten. Erst dann konnte ich PEN in Kirgistan anmelden und auf dem nächsten Kongress wurden wir gemeinsam mit Sierra-Leone aufgenommen. Unsere Bürgen waren die Vertreter der PEN aus Finnland, Russland und den USA.

– Wie wird der Kongress konkret ablaufen?

Für den Zeitraum von fünf Tagen haben wir eine Reihe an Aktivitäten geplant: Offizielle Begegnungen internationaler PEN-Mitglieder, Versammlungen der Delegierten und jede Menge kulturelle Veranstaltungen. Die wichtigste davon ist die Preisverleihung des „PEN International New Voice Awards“ für junge Schriftsteller unter 30 Jahren. Außerdem wird es ein Literaturforum im Namen Tschingis Aitmatows geben. Ein besonderer Schwerpunkt wird auf die Jugend gelegt. Wir veranstalten eine Reihe von Treffen mit berühmten Schriftstellern, die nach Bischkek kommen werden. Eines dieser Treffen wird zum Beispiel mit Jan Martel, dem Autor von „Schiffbruch mit Tiger“ stattfinden, im Rahmen dieses Treffens wird der Film zum Buch gezeigt und diskutiert werden. Aber wir wollen noch nicht alles verraten.“

– Ist schon bekannt, wer für den Award nominiert wurde?

Wir haben eine Short-List mit kirgisischen Kandidaten an den Internationalen PEN Verband geschickt. Dort wird entschieden, wer weiterkommt. In diesem Jahr besteht die Jury aus der besten britischen Jung-Autorin des Jahres 2013, Kamilla Shamsie, sowie dem Literaturkritiker, Alexandre Postel, dem kanadischen Autor, Alberto Manguel, der indischen Essayistin, Kiran Desai und dem chinesischen Dichter, Dschuan Ksai. Aus Kirgistan wurden vier Kandidaten für die Short-List nominiert und wir hoffen, dass einer von ihnen weiterkommen wird.“

Arbeitsplan PEN-Kongress

Bis zum Kongress veranstalten die Organisatoren einmal im Monat eine Unterstützungsaktion. Diese wird von Dichtern und Schriftstellern gemeinsam geplant, um das Interesse der Bischkeker an der Veranstaltung zu wecken. Am Denkmal des Barden Toktogul erinnern sie an dessen 150-jähriges Jubiläum und sammeln Meinungen verschiedener Literaten zur Veranstaltung:

Oleg Bondarenko ist der Redakteur der Website „Neue Literatur Kirgistans“:
„Uns wird nur einmal im Leben solch ein Glücksfall zuteil. Es gibt eine Warteliste von Städten, die gerne den Kongress abhalten würden. Es gibt die Regel, dass der Kongress jedes Jahr in einer neuen Stadt abgehalten werden muss. Dank des 85. Geburtstags von Aitmatow, wird uns diese Möglichkeit zuteil. Heute ist es nicht einfach mit der Finanzierung, aber wir können das schaffen. Die Kosten sind auch nicht übertrieben. Trotz der Tatsache, dass der Kongress ein Meilenstein ist, glaube ich nicht, dass er unsere Literatur und unsere Auflagen beeinflussen wird. Auf dem Kongress wäre mir daran gelegen, von den Problemen zu erzählen, denen kirgisische Schriftsteller, angesichts einer sich wandelnden, digitalisierten Welt ausgesetzt sind.“

Alexej Maltshik, Kinderbuchautor und Autor der Märchen „Die Heilquelle“, „Ereignisse in Tsvetosad“ und „Tsvetosad“ sagt zum Kongress:

Kirgistan ist ein junges, unabhängiges Land. Die Durchführung eines Kongresses auf internationalem Niveau ist eine gute Möglichkeit zur Einbindung des Landes in die internationale Gemeinschaft. Dieser Kongress bietet außerdem die Möglichkeit, die Literatur des Landes einem größeren Publikum zugänglich zu machen, da sie bisher eher nur innerhalb des ehemaligen Sowjetraums bekannt ist. Für mich ist es wichtig zu erfahren, mit welchen Themen und Problemen sich zeitgenössische Autoren auf der ganzen Welt beschäftigen, und wie sie die Rolle des Schriftstellers in der heutigen Zeit beurteilen. Ich habe gehört, dass das Kulturministerium befürchtet, dass es auf dem Kongress um die Probleme mit der Ukraine und Russland gehen wird. Soweit ich weiß, wollen die Organisatoren aber nicht auf politische Probleme eingehen.“

Gruppenfoto Schrifsteller Kirgistan

Der kirgisische Heimatdichter Vjatscheslaw Shapovalow:
„Auf solch einem Kongress sehe ich keinen Platz für Übersetzer. Und generell hat dieses Treffen der Vorreiter ein diskutables Verhältnis zur Literatur. Von russischer Seite wird dort nur ein einziger nennenswerter aktiver Schriftsteller und Literaturpionier zugegen sein: Tschuprinin. Alle anderen sind meiner Meinung nach nur ‚wichtige‘ Leute. Wie eine schöne Hexe einst zu einem Prinzen sagte: ‚Das ist Politik….‘“

Bis zum Beginn des Kongresses bleibt nicht mehr viel Zeit. Die Kritik daran wird lauter. Im Zentrum steht die Frage, warum so viel Geld für eine einzige Veranstaltung ausgegeben wird, an der nicht jeder teilnehmen kann – damit müssen sich die Organisatoren täglich auseinandersetzen. Dalmira Tilepbergenowa sieht in der Mobilisierung der Gesellschaft die größte Herausforderung:

Wir planen momentan eine Reihe von Aktionen, um die Popularität des Kongresses in der Mitte der Gesellschaft zu erhöhen, damit der Kongress keine Eliteveranstaltung wird, auf der nur Autoren sprechen und sich präsentieren. Wir wollen, dass die Veranstaltung einen nationalen Charakter hat und in jedem Haus ankommt. Deshalb hoffen wir, dass wir die Gesellschaft mobilisieren können und die Menschen nicht nur darauf warten, dass irgendwer den Kongress organisiert. Ob der Kongress nun elitär, oder für das Volk ausgerichtet wird – das hängt allein von der Bevölkerung Kirgistans und ihrem Engagement und Beitrag für eine Veranstaltung solchen Ausmaßes ab.

Djamilia Dandybaeva

Aus dem Russischen übersetzt von Ann-Kathrin Rothermel
Redaktion: Daniela Neubacher

 

Dalmira Tilepbergenowa
Autorin
Jetzt Teilen:
% Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Captcha *