Chinas Rückkehr nach Zentralasien

Die zentralasiatischen Länder sind  durch einen starken russischen Einfluss geprägt. Die Kolonisierung der Region im 19. Jahrhundert, gefolgt von der Sowjetperiode erklären die bis heute andauernde starke Präsenz Moskaus in der Region. Dennoch gibt es auch andere Akteure, die versuchen, die Region zu beeinflussen. In erster Linie China, das seine gemeinsame Vergangenheit mit der Region in den Vordergrund stellt.

Die Geschichte der Beziehungen Chinas zum heutigen Zentralasien ist eine sehr lange. Sie reicht zurück bis zu einem Handelsnetz aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus, welches bis heute unter dem Namen Seidenstraße bekannt ist.

Eine Geschichte der Reisenden

Es ist wichtig, anzumerken, dass China natürlich damals nicht seine heutigen geographischen Ausmaße annahm. Bis zur Invasion der Mongolen beschränkt sich das Land auf den östlichen Teil, die Meeresküste und das heutige Landesinnere. Allerdings entwickelte sich der chinesische Handel über die westlichen Straßen. Und ebenso entwickelte sich in dieser Zeit der Einfluss des Reichs der Mitte.

Die Entdeckung der Seidenstraße begann mit der Reise des Zhang Qian, Botschafter des chinesischen Kaisers, der sich bis ins Ferganatal begab (die Region um die heutige usbekisch-tadschikisch-kirgisische Grenze, Anm. d. Redaktion). Die ursprüngliche Absicht dieser Reise war es, wegen jüngster militärischer Rückschläge eine Allianz mit den Völkern westlich der feindlichen Xiongnu (im heutigen Xinjiang, Anm. d. Redaktion) zu knüpfen.

Es war eine Reise voller Abenteuer, und Zhang Qian wurde von den Xiongnu gefangen genommen. Letztendlich kehrte er nach China zurück, ohne neue Allianzen geschmiedet zu haben, dafür jedoch mit Berichten aus neuen Regionen: aus Baktrien, Sogdien, und aus dem Ferganatal. Auf anderen Reisen, die er auf Wunsch des Kaisers unternahm, gelangte er sogar bis an den Indus. Zusätzlich zu seinen Berichten brachte Zhang Qian neue Waren mit, vor allem die berühmten und hoch geschätzten Fergana-Pferde. Seine Reisen markieren den Beginn des Handels zwischen China und Zentralasien.

Die

Beginn eines Austausches zwischen den Völkern

Andere Reisende folgten ihm. Unter ihnen ist einer im Besonderen zu erwähnen: Xuanzang. Für die Geschichte des buddhistischen Mönchs aus dem siebten Jahrhundert, müssen wir einen zeitlichen Sprung um acht Jahrhunderte nach vorn machen. Die Ursprünge des Buddhismus lagen nicht im Reich der Mitte, daher beschloss Xuanzang, neue Quellen nach ursprünglichen Klöstern zu suchen. Er unternahm eine lange Reise, die ihn bis zum Geburtsort des Buddhismus führte: nach Indien.

Auf seinem Weg durchquerte er das heutige Gansu in Xinjiang und erreichte die persische Stadt Samarkand, wo er verlassene Klöster fand. Dann reiste er weiter südlich nach Afghanistan und kam letztendlich nach Indien und Sri Lanka. Er kehrte mit einem ganzen Werk an Berichten über den Osten nach China zurück. Er brachte auch neue Informationen über diese abgelegenen Gebiete mit.

Die Reise des Xuanzang erfreut sich großer Beliebtheit und inspirierte die Geschichte „Die Reise nach Westen“. Sein fantastischer Bericht hat zahlreiche chinesische Filme inspiriert, von „The Forbidden Kingdom“ oder „The Monkey King“, bis hin zu dem berühmten japanischen Manga „Dragon Ball“.

Zentralasien kommt nach China

Zur selben Zeit baute China über die Seiden- und Teerouten seinen Einfluss auf die Regionen zwischen Chengdu und dem heutigen Zentralasien aus. Doch fand 751 ein einschneidendes Ereignis für die Region statt: die Schlacht am Talas, bei der arabische und muslimische Armeen das unterlegende Reich der Mitte zurückschlugen.

Die Schlacht markiert den Übergang Zentralasiens vom chinesischen in den arabisch-muslimischen Einflussbereich. China selbst zog sich wieder in seinen eigenen Regionen zurück. Später sollte es sich jedoch erneut ausdehnen, bis Gansu, Ostturkestan in Xinjiang und bis Tibet.

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Aber nicht nur China beeinflusste Zentralasien. Der Einfluss ging auch in die andere Richtung. Zuerst erreichte der Buddhismus, eine originär indische Religion, China über Zentralasien. Kirgistan war ein wichtiges Zentrum dieser Religion, ebenso wie das uigurische Königreich und Afghanistan, wo sich die großen Buddha-Statuen von Bamiyan befanden, die 1996 von den Taliban zerstört wurden.

Die von den Taliban zerstörten Buddha-Statuen von Bamiyan.

In den westlichen Regionen des heutigen Chinas zeugen die Grotten von Xumishan, das Kloster von Labrang in Gansu und natürlich Tibet von dem Austausch von West nach Ost. Aber wie konnte sich der Buddhismus, die fremde Religion, in China etablieren? Zu dieser Zeit ging man davon aus, der Buddhismus sei ein verzerrtes Bild der Lehren des Lao Tse. Diese waren bereits im Westen gepredigt worden. Demnach wäre der Buddhismus eine chinesische Religion, die nach Zentralasien transferiert wurde.

Zentralasien: Eine Herausforderung für das heutige China

Auch wenn China nur schwer das Chaos, das 1949 durch die Machtübernahme der Kommunisten verursacht wurde, überwunden hat, strebte es in den Jahrzehnten danach die Wiedererlangung der Kontrolle über seine Landgebiete an. Anstatt auf der Insel Taiwan einzumarschieren, unterwarf die Volksbefreiungsarmee Chinas Tibet und Ostturkestan.

Diese Annexionen oder, je nach politischer Überzeugung, diese Wiederherstellung der chinesischen Autorität waren kompliziert und langwierig, da die Regionen sehr unterschiedlich waren und sind. Zum Beispiel hatte Tibet im Gegensatz zu der uigurischen Region auf internationaler Ebene einen guten Ruf. Letztendlich wurde Tibet in den 90er Jahren zu einer Brutstätte der Gewalt, da Unabhängigkeits-Aktivisten Unabhängigkeit oder zumindest Autonomie von Peking verlangten.

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In der Uiguren-Region sieht die Situation ähnlich aus: China führte eine effektive Kolonialpolitik in der Region ein und eine große Zahl an Binnenmiganten siedelte sich in Xinjiang (der chinesische Name Ostturkestans) an. Die kulturelle Repräsentation der Uiguren ist sehr begrenzt, von ihrer poltischen Autonomie ganz zu schweigen.

Flagge der autonomen Region Xinjiang in China.

Zur selben Zeit erlangten die zentralasiatischen Staaten ihre Unabhängigkeit, was in einigen Fällen zu Konflikten führte. Viele Uiguren hatten in den alten Sowjetrepubliken Zuflucht gefunden. Die zentralasiatischen Republiken wiederum sind für China wegen ihrer Kohlenwasserstoffvorkommen und des Rückkaufs von landwirtschaftlichen Flächen im Lande von großem ökonomischen Interesse sind.

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Die neue Seidenstraße

Zentralasien spielt sowohl aus Aspekten der Sicherheit als auch der Ökonomie in doppelter Hinsicht eine wichtige Rolle für China. Der zweite Aspekt kann ohne den ersten nicht voll ausgeschöpft werden. China möchte zuallererst seine Grenzen sichern und sich den Regierungen Zentralasiens annähern, um eine Kooperation in Bezug auf die Sicherheit vorzuschlagen – die Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ).

Dieses Abkommen erleichtert es China, gegen uigurischen Nationalismus vorzugehen, deren Anführer inzwischen in die Türkei fliehen. Es ermöglicht ebenfalls die Stabilisierung des Landes im Rahmen des Möglichen und ermöglicht einen besseren wirtschaftlichen Austausch.

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In der Erweiterung des Vertrages verkündete Peking, seine Strategie für die 2010er Jahre betreffe seine Nachbarn: die neue Seidenstraße. Diese umfasst zwei Teile, einen über Land und einen Seeweg. Das Projekt sieht ein großes Handelsnetzwerk vor, mit welchen Waren und Rohstoffe in Rekordzeit von China nach Europa transportiert werden können.

Die fünf zentralasiatischen Republiken stehen im Mittelpunkt dieses Projekt, das es China sowohl erlaubt, sich ökonomisch besser aufzustellen, als auch seinen politischen Einfluss auszuweiten. Zentralasien ist so innerhalb weniger Jahrzehnte eine der großen Herausforderungen der chinesischen Auslandspolitik geworden.

Thomas Ciboulet
Aus dem Französischen von Janny Schulz

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