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Coronavirus: Die aktuelle Lage in Zentralasien

Einen Monat nach den ersten Fällen in Kasachstan kämpft Zentralasien weiterhin mit dem Coronavirus. Kasachstan und Usbekistan haben mehr als 1.000 Fälle gemeldet, Kirgistan mehr als 400. Tadschikistan und Turkmenistan bleiben zumindest offiziell weiterhin ohne einen einzigen Fall. Ein Überblick über die Region – im Original von unseren französischen Novastan KollegInnen verfasst.

Während die Coronavirus-Pandemie mit mehr als zwei Millionen Fällen und etwa 150.000 Todesfällen weltweit weiter wütet, setzt sich auch Zentralasien gegen eine weitere Verbreitung der Infektion ein. In der gesamten Region gibt es inzwischen mehr als 3.000 Fälle und 25 Todesfälle, wobei Kasachstan und Usbekistan am stärksten getroffen sind.

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Entgegen der weltweiten Eindämmungspolitik gibt es in Tadschikistan und Turkmenistan weiterhin öffentliche Veranstaltungen, wenn auch mit Einschränkungen. Somit ist die Region geteilt zwischen den Ländern, die offiziell gegen Covid-19 kämpfen, und denen, die bislang keine Fälle gemeldet haben. Einen Monat, nachdem die ersten Infektionen in der Region gemeldet wurden, bietet Novastan erneut einen Überblick.

In Kasachstan ist das medizinische Personal besonders betroffen

Zum 17. April gab es in Kasachstan 1.480 Fälle von Covid-19, darunter 17 Todesfälle und 285 genesene Personen. Die Hauptstadt Nur-Sultan und Almaty, das wichtigste Wirtschaftszentrum des Landes, sind mit 333 bzw. 461 Fällen am stärksten betroffen. Nach aktuellen Schätzungen erwartet das Land den Infektionshöhepunkt zwischen Ende April und Anfang Mai, wie das kasachstanische Medium Tengrinews berichtet. Der Ausnahmezustand wurde per Dekret von Präsident Qasym-Jomart Toqaev bis Ende des Monats verlängert.

Laut dem kasachstanischen Medium Informburo.kz, wird der interne Verkehr überwacht und ist sehr begrenzt. Eine Sondergenehmigung ist erforderlich, um in Städte zu gelangen, die unter Quarantäne stehen. Mehrere Unternehmen haben bereits ihre Unterstützung angeboten, um es über Anwendungen leichter zu machen, solche Genehmigungen zu beantragen.

In Nur-Sultan wird demnächst ein neues Krankenhaus mit 200 Betten fertiggestellt. Das Gebäude wird mit angepassten Technologien zur Bekämpfung der Covid-19-Infektion und zur Verringerung des Kontaminationsrisikos für das medizinische Personal ausgestattet. Tatsächlich sind MitarbeiterInnen des Gesundheitswesens besonders stark von Infektionen getroffen: am 16. April waren es 370 Fälle, darunter 197 in Almaty.

Es gab viele Klagen von Seiten des medizinischen Personals im Land bezüglich der Arbeitsbedingungen, der Betreuung, der mangelnden Ausrüstung und der mangelnden Kommunikation mit den Behörden. So hatten zum Beispiel MitarbeiterInnen des Regionalkrankenhauses in Atyraý versucht, Fernsehjournalisten zu informieren, bevor die Polizei eingriff, um sie zu verhaften.

Der Fall verschreckte die Beschäftigten des Gesundheitswesens und ihre Patienten, während die Präsidentin der Gesundheitsabteilung der Hauptstadt, Saýle Kisikova, Beschwerden über mangelnde Ausrüstung aus „Schwäche“ bezeichnete, wie Fergana News wiedergibt. Gesundheitsminister Eljan Birtanov seinerseits rief das Gesundheitspersonal auf, nicht „in Panik“ zu geraten und versicherte, dass es wie versprochen eine Risikoprämie erhalten werden.

Gleichzeitig leistet die Regierung BürgerInnen, die aufgrund der Epidemie kein Einkommen haben, finanzielle Hilfe. Auf Antrag können Betroffene eine monatliche Zahlung von 42.500 Tenge (91 Euro) erhalten, was dem Mindestlohn des Landes entspricht. Aktuell sind schon über 6,6 Millionen Anträge auf eine solche Unterstützung eingegangen.

Aus Furcht vor Nahrungsmittelknappheit hat Kasachstan seine Nahrungsmittelexporte ausgesetzt, zunächst in alle Länder der Welt, ehe es zu einer Absprache mit den Mitgliedsstaaten der Eurasischen Wirtschaftsunion kam. Daraufhin führte das Land Quoten für den Export von Grundgüter ein.

Usbekistan trotz frühzeitiger Maßnahmen hart getroffen

Usbekistan war am 15. März das zweite zentralasiatische Land, das von Covid-19 betroffen war. Heute verzeichnet das Land 1.390 Infektionen, darunter vier Todesfällen und 140 Genesungen. Somit ist Usbekistan nach einer vorerst langsameren Entwicklung der Epidemie etwa genauso stark betroffen, wie Kasachstan. Die Hauptstadt Taschkent verzeichnet mit 420 Fällen die meisten Infektionen im Land, gefolgt von Buchara mit 376 Fällen.

Seit dem 16. März haben die usbekischen Behörden alle Transportverbindungen mit anderen Ländern unterbrochen, vorerst bis zum 30. April, so die tadschikische Redaktion von Sputnik. Darüber hinaus wurden seit dem 27. März auch die internen Transportverbindungen zwischen den verschiedenen Regionen des Landes unterbrochen. Nur der Transport von Waren ist noch erlaubt.

Auch innerhalb der Städte ist der öffentliche Verkehr weitgehend stillgelegt. Laut den geltenden Quarantäneregelungen darf die Bevölkerung ihr Zuhause nur zur Arbeit, zum Lebensmitteleinkauf und für pharmazeutische Notfälle verlassen. Außerdem gilt im öffentlichen Raum eine Maskenpflicht. Wann die Quarantäne aufgehoben wird, werde laut Präsident Shavkat Mirziyoyev in Absprache mit der Bevölkerung entschieden.

Laut dem Minister für Wirtschaftliche Entwicklung und Armutsbekämpfung, Jamshid Qo‘chqorov, werden die Einschränkungen mit großer Wahrscheinlichkeit bis in den Mai andauern. Ähnlich wie Kasachstan ziehe Usbekistan auch in Anbetracht, Personen, die aufgrund der Krise ihre Arbeit verloren haben, eine finanzielle Hilfe zu leisten, so der Minister. „Die Hauptaufgabe der Regierung ist es Menschen mit allen möglichen Mitteln vor der Krankheit zu schützen, und sich erst dann um makroökonomische Indikatoren zu kümmern“, meint auch der Finanzminister Timur Ishmetov.

Kirgistan bislang mit flacher Kurve

Kirgistan verzeichnet aktuell 489 Infektionen, darunter fünf Todesfälle und 114 Genesungen. Abgesehen von der Hauptstadt Bischkek, mit 102 Fällen, ist vor allem der Süden des Landes betroffen, wo auch die ersten Fälle am 18. März verzeichnet wurden. Glaubt man den Zahlen, so entwickelt sich die Epidemie insgesamt deutlich langsamer als in den Nachbarländern Usbekistan und Kasachstan. Das könnte auch an vergleichsweise frühen und konsequenten Notstandregelungen liegen.

Gleich nach den ersten offiziellen Fällen wurde der Transport innerhalb des Landes weitgehend eingeschränkt. Seit dem 25. März gilt zudem in allen betroffenen Gebieten der Ausnahmezustand, in dessen Rahmen der öffentliche Verkehr, einschließlich Taxis, komplett eingestellt wurde. EinwohnerInnen dürfen ihre Wohnung nur verlassen, um Lebensmittel und Medikamente einzukaufen oder medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Der Ausnahmezustand wurde Anfang der Woche per Präsidentendekret bis zum 30. April verlängert.

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Auch in Kirgistan sind verhältnismäßig viele ÄrztInnen von der Coronavirus-Infektion getroffen, aktuell sind es 116 Personen, also knapp ein Viertel aller gemeldeten Fälle. Ein Krankenhaus in Bischkek, in dem sich vor kurzem vier MitarbeiterInnen infiziert haben, wurde vorübergehend zur Desinfizierung geschlossen. Neben mangelnder Schutzausrüstung beklagt das medizinische Personal mitunter auch Schwierigkeiten, durch die in den Quarantänegebieten aufgestellten Kontrollstellen zur Arbeit zu kommen.

Um die zu erwartende Wirtschaftskrise zu bewältigen, hat Kirgistan bei mehreren internationalen Institutionen wie der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) um finanzielle Unterstützung gebeten. Das Binnenland war das erste Land der Welt, das am 2. April dieses Jahres Hilfe vom IWF erhielt. Auch Deutschland leistet Unterstützung: Ende März wurde das Budget eines entsprechenden GIZ-Projektes in Kirgistan um 500.000 Euro aufgestockt und ein vom Bundeministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanzierter Notfalltrakt im Krankenhaut von Dschalal-Abad, im Süden des Landes, wurde vorzeitig in Betrieb genommen.

Wie das Online Medium Kaktus berichtete, hatte die kirgisische Regierung bereits vor einer Woche die Hälfte des Nachtragshaushalts für den Kampf gegen die Epidemie ausgegeben, also etwa 183 Millionen Som von den geplanten 340 Millionen Som (2,1 Millionen Euro von 3,9 Millionen). Kirgistan hat kaum Mittel, um der Bevölkerung mit Hilfsmaßnahmen durch die Krise zu helfen und setzt daher weitgehend auf private Initiativen und Spenden. Vor kurzem wurde eine Webseite ins Leben gerufen, um humanitäre Spendeneinnahmen und -ausgaben nachzuverfolgen. Demnach wurden bereits knapp 150 Millionen Som (1,7 Millionen Euro) gespendet und davon knapp 26 Millionen (300.000 Euro) ausgegeben.

Ein Verdacht auf verdeckte Fälle in Tadschikistan

Wie das russische Medium Sputnik Tajikistan berichtet, erklärte der tadschikische Gesundheitsminister Nasim Olimzoda noch am 12. April, es gebe keinen Grund, allen tadschikischen BürgerInnen eine Quarantäne aufzuerlegen. Derart drastische Maßnahme seien nicht notwendig, da im Land keine Fälle gemeldet worden seien. Seiner Ansicht nach verhindert auch das heiße und trockene Klima in Tadschikistan eine allzu weite Verbreitung des Virus.

Seit Februar wurden in Tadschikistan etwa 7.000 Menschen unter Quarantäne gestellt, von denen etwa 5.000 wieder entlassen wurden, so Olimzoda. Die tadschikischen Behörden haben nicht nur keine weit verbreitete Quarantäne verhängt, sondern auch die Abhaltung von Sportveranstaltungen wie der nationalen Fußballmeisterschaft aufrechterhalten. Diese Veranstaltungen finden aber hinter verschlossenen Türen statt. Gemeinsame Gebete in Moscheen wurden nach einem frühen Verbot zunächst wieder gestattet, sind aber ab dem 18. April erneut untersagt.

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In der Öffentlichkeit und in einigen Medien sind jedoch in letzter Zeit Bedenken und sogar Verdächtigungen über versteckte Coronavirus-Fälle aufgekommen. Verschiedene Todesfälle in Quarantäneanstalten in verschiedenen Regionen des Landes haben Verdachte auf Kontaminationen geweckt, die jedoch von den Behörden bestritten wurden.

Turkmenistan verhängt mehrere Verbote, öffnet aber die Grenze zum Iran wieder

Turkmenistan, das ebenfalls keinen Fall von Covid-19 gemeldet hat, hatte bereits zu einem frühen Zeitpunkt der Pandemie erste Eindämmungsmaßnahmen ergriffen. So wurden bereits Anfang Februar alle Flüge nach China und Usbekistan gestrichen. Seitdem hat Aschgabat auch im Inland die Maßnahmen vervielfacht. Seit dem 24. März sind Cafés, Restaurants und Sporthallen geschlossen und auch alle Sportwettbewerbe ausgesetzt. Wie das unabhängige Medium Chronicles of Turkmenistan berichtet, wird seit Ende März bei der Einreise in die Hauptstadt Aschgabat die Temperatur der Reisenden gemessen.

Paradoxerweise wurden zu der Zeit Massenfeiern, an denen MitarbeiterInnen öffentlicher Einrichtungen sowie Studierende teilnehmen, laut einem Bericht von Chronicles of Turkmenistan nicht abgesagt. Auch in Turkmenistan finden nach wie vor Veranstaltungen wie Konzerte, Konferenzen oder Gedenkfeiern statt.

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Dafür werden jedoch bereits Teile der Bevölkerung auf das Coronavirus getestet. Nachdem sich das Land für ein Massenscreening entschieden hatte, testete es am 13. April erstmals Schulen, wie das offizielle Medium Orient.tm berichtet. Diese Massenmaßnahmen an Schulen werden bis zum 25. Mai durchgeführt. Die Regierung beabsichtigt, als Präventivmaßnahme alle Bevölkerungsgruppen zu testen.

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Anfang März hatte Turkmenistan seinen einzigen Handelshafen in Türkmenbaşy geschlossen. Es hat aber nun den Handel wieder aufgenommen, insbesondere mit Russland. Sputnik Tadschikistan meldet zum Beispiel die Lieferung von rund fünfzig KamAZ-Lastwagen aus der Republik Tatarstan am 3. April. Turkmenistan hat ebenfalls seine seit dem 24. Februar geschlossene Grenze zum Iran wieder geöffnet, wie die russische Zeitung Nezawissimaja Gazeta berichtet. Den russischen Medien zufolge ist diese Entscheidung auf die zunehmende Nahrungsmittelknappheit und einen allgemeinen Preisanstieg in Turkmenistan zurückzuführen. Im Iran gibt es etwa 4.600 Todesfälle durch das Coronavirus, bei einer Zahl von etwa 75.000 Infektionen.

Maysan Amri & Victor Nicolas
Französische Redaktion von Novastan

Übersetzung und Redaktion von Florian Coppenrath

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Kasachstan und Usbekistan melden am meisten Fälle von Coronavirus in Zentralasien
Sputnik / Pavel Kononov
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