Dschoomart Bökönbajew

Der kirgisische Dichter Bökönbajew zu Zeiten des Großen Terrors

Dschoomart Bökönbajew (1910-1944) ist einer der bekanntesten Dichter und Autoren des frühen sowjetischen Kirgistans. Der ausgebildete Journalist ist heute aber vor allem für seine Aufarbeitung des nationalen kirgisischen Erbes bekannt, insbesondere des Manas-Epos, auf dem mitunter seine Oper „Ajtschürök“ basiert. Gerade durch solche Werke wäre er fast dem großen Terror der 30er Jahre zum Opfer gefallen. Folgender Artikel erschien am 26. April in der kirgisischen Ausgabe von Radio Azattyk, wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. 

Bereits 1937 stand es schlecht um Dschoomart Bökönbajew, einem der beliebtesten Dichter in Kirgistan. Einige seiner engen Freunde waren bereits festgenommen und zu harten Strafen verurteilt. Es war unklar, was mit den Werken Bökönbajews werden würde.

Bökönbajew war mit einem wunderbaren literarischen Talent versehen. In den 30er Jahren wurden seine dramatischen Stücke noch auf der Bühne gezeigt und er stand im Zenit seiner schöpferischen Kraft. Gerade zu jener Zeit verschärfte sich die Lage um den von vielen geliebten Dichter und er wurde allmählich zu den „Volksfeinden“ gezählt.

„Das ist Verleumdung!“

Gründe dafür waren, dass er die mündlichen Volksepen, besonders „Manas“, so sehr lobte, dass er sich bemühte die Werke des berühmten Dichters Toktogul (1864-1933) zu verbreiten, und auch dass er seine eigene Meinung unverhüllt ausdrückte. Er pflegte zwar gute Beziehungen zu einigen hochgestellten Persönlichkeiten, aber auch von denen fielen viele der Repression zum Opfer. Ein solch schweres Schicksal traf auch seinen engen Freund Kurman Kambarow (1909-1937), der kurz zuvor noch Erster Sekretär des kirgisischen Komsomol war.

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Die Partei und die Leiter des Sicherheitsdienstes forderten, dass er seine engsten Freunde verrate und sie volksfeindlicher Aktivitäten beschuldige. Bökönbajews Frau Tenti Adyschewa arbeitete gemeinsam mit Kambarow, einem der Opfer der Repression, im Komsomol. Wie dieser zum „Volksfeind“ wurde, hielt Adyschewa in ihren Memoiren, dem „Komus mit zerrissenen Saiten“ fest:

Wenn ich mich nicht irre, entstand im Jahr 1937 etwas Besorgniserregendes in meiner Brust. 

Im Herbst versammelte sich das Plenum des Zentralen Komsomolkomitees. Als Mitglied des Vorstands saß ich im Präsidium. Kurman Kambarow saß neben mir. Er war zu der Zeit der Kommissar für öffentliche Bildung. Auf dem Plenum wurde viel über Kambarow geredet. Ein Teil der Redner „kritisierte“ ihn. Als wir nach dem Plenum losgingen, wandte er sich an mich:     

– ‚Haben Sie gesehen, meine Schwester, was das für eine Angelegenheit ist!‘ sagte er mit vor Wut gerümpfter Nase. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte:

– ‚Bruder, das ist doch Kritik‘, sagte ich.

– ‚Kritik muss gesund sein! Das ist keine gesunde Kritik! Das ist Verleumdung‘, antwortete er auf Russisch.

Was sollte ich nur sagen, ich schwieg. Ich wollte nicht übereilt reagieren. Ich sah ihm nach und blieb stehen. Danach sah ich ihn nicht mehr wieder…

Tenti Adyschewa

Leute, über die zu viel geredet wurde, wurden meist nach kurzer Zeit festgenommen und innerhalb von einem Jahr erschossen. Nur in seltenen Fällen wurden sie zu 10-15 Jahren Exil im Norden oder Fernost verbannt. Nachdem viele seiner Zeitgenossen festgenommen wurden und es verboten war, ihre Namen zu nennen, wurde es auch für Bökönbajew eng. Als erstes traf es sein musikalisches Drama „Altyn Kyz“ („Goldenes Mädchen“).

Dieses Drama hat Bökönbajew selbst geschrieben, das Stück sollte auch auf der Theaterbühne gezeigt werden, ein Komponist hatte die Musik dazu geschrieben, das Bühnenbild war in Vorbereitung und es wurde in der Zeitung „Kysyl Kyrgyzstan“ (Rotes Kirgistan) beworben. Danach wurde der Titel in „Partisanenmädchen“ geändert und es wurden einfach so zwei Koautoren hinzugefügt.

Hinter den dunklen Geschäften, die sich um das Stück abspielten, stand der Versuch, den beliebten Dichter als Staatsfeind, als bourgeoisen Nationalisten darzustellen. Man brauchte ein guten Vorwand, um die von vielen gemochte Person festzunehmen. Es war schwer, ihn allein wegen seiner Freundschaften zu verhaften. Außerdem bereitete sich Kirgistan 1938 für die kirgisischen Kultur- und Literaturtage vor, die im Folgejahr in Moskau stattfinden sollten.

Bökönbajew war der Autor von zwei der drei Stücke, die in Moskau gespielt werden sollten. Neben „Altyn Kyz“ sollte auch das Libretto der auf „Manas“ basierenden Oper „Ajtschürök“ auf dem Kulturfest gezeigt werden. Das dritte Stück war das musikalische Drama „Adschal Orduna“ („Anstatt des Todes“) von Dschusup Turusbekow.

Als Bökönbajews Schicksal bald entschieden werden sollte, fügten die ideologischen Diener den Stücken „Altyn Kyz“ und „Ajtschürok“ zwei weitere Autoren hinzu, um die Werke unter anderem Namen zu zeigen, sollte der tatsächliche Autor festgenommen werden. Auf die Weise wurden Turusbekow und Kubanytschbek Malikow zu Koautoren. Wie damals der Druck auf Bökönbajew zunahm, erinnerte sich später seine Frau, Tenti Adyschewa:

Eines Tages wurde Dschoomart per Telefon von der Hierarchie gerufen. Nach etwa zwei Stunden kam er zurück. Er war sehr traurig und beunruhigt. Ich fragte: ‚Was ist passiert?‘. Er blieb einen Moment stehen, als sortiere er seine Gedanken: ‚Ich habe mich gerade mit Wagow gestritten, er meinte ich bekäme nun keinen Orden‘. Danach erzählte er mir, was passiert ist. Er wurde also von Wagow empfangen (der damalige Erste Sekretär des kirgisischen Zentralkomitees). Zuerst befragte er ihn zu den Vorbereitungen für die Kulturtage [in Moskau] und sagte, er habe erwogen Dschoomart für den Lenin-Orden vorzuschlagen und wolle deswegen über ein paar Angelegenheiten reden. Danach fragte er in welcher Beziehung Dschoomart zu Esenamanow, Dscholdoschew, Kambarow usw. (die 1937 als Volksfeinde verhaftet waren) stehe und forderte ihn auf, ihm eine ehrliche Antwort zu geben. Er fing an Druck zu machen. Dschoomart wurde wütend: ‚Das reicht, Sie gehen mir schon seit Jahren damit auf die Nerven. Wenn ich schuldig bin, sperrt mich ein, wenn nicht, dann hört auf mit diesem Unsinn‘, sagte er und schlug im Gehen die Tür hinter sich zu. 

Tatsächlich ließen sie Dschoomart nach 1937 nicht mehr in Ruhe. Tratscher, eifersüchtige Menschen und Feinde nutzten die Gunst der Stunde, um schlecht über ihn zu sprechen und zu schreiben. Als Ergebnis wurde er aus der Partei ausgeschlossen und im Theater wurde sein Stück „Altyn Kyz“ in „Partisan Kyzy“ umbenannt und einem Autorenkollektiv zugeschrieben. Zudem wurden in das fertige Libretto der Oper „Ajtschürök“ noch korrekturhalber Dschusup und Kubanytschbek als Autoren eingefügt.

Die Klage aus Arys

Bökönbajew spürte, dass auch er bald verhaften werden könnte, und entschloss sich, sich direkt an Moskau, an Stalin selbst zu wenden. Er setzte sich insgeheim in Frunse (der damalige Name von Bischkek) in einen Zug bis zur Station Arys in Kasachstan. Von dort aus sandte er ein Telegramm an den Führer. Der genaue Inhalt ist unbekannt, jedenfalls erreichte die Botschaft die Führung in Moskau. Von dort aus kam die Antwort: „Der Dichter Dschoomart Bökönbajew soll wieder in die Partei aufgenommen werden und ihm sollen gute Arbeitsbedingungen geschaffen werden“.

Viele von der Repression getroffenen Berühmtheiten aus Partei, Literatur und Kultur wandten sich damals mit Erklärungen direkt an Stalin, um Gerechtigkeit zu erfahren. Aber niemand von ihnen erhielt eine erleichternde Antwort. Es gibt eine Reihe von möglichen Erklärungen dafür, warum die Führung Bökönbajew barmherzig gegenüberstand. Was ausschlaggebend war, kann heute niemand genau sagen. Als Bökönbajew bald hätte verhaftet werden sollen, war die Zeit von Jagoda und Jeschow (je 1934-36 und 1936-38 Leiter des NKWD) vorbei und der repressive Apparat des sowjetischen NKWD fiel in die Hände von Lawrenti Beria. Unter Beria wurde das sehr übertriebene Massaker etwas „besänftigt“. In dem Kontext erfuhr Bökönbajews Leben doch noch eine positive Wendung.

In Diskussionen um die Repression stellen manche das damalige Massaker in der Sowjetunion als etwas dar, das „außerhalb der Kontrolle des großen Stalins von Untergebenen durchgeführt würde, die es vor ihm verdeckten“. Dabei berücksichtigen sie aber nicht, dass in einem solchen Komando- und Kontrollsystem nichts im Unwissen des Anführers getan wird. Auf die Weise überlebte wohl auch Bökönbajew die Repression dank des Telegramms, das er aus Arys abschickte.

Ata-Beyit Bischkek

Seine Frau Tenti Adyschewa schrieb, wie die Zuschauer vollkommen zufrieden mit den zwei Stücken von Bökönbajew auf dem Kulturfest in Moskau waren, die Schauspieler dafür staatliche Würdigung erhielten, der Autor jedoch mit leeren Händen verblieb. Nach dem Fest erklärte Turusbekow, dass er auf seine auf halbem Wege erlangte Autorenschaft verzichte, denn ohne den ganzen Trubel hätte Bökönbajew es auch selbst zu Ende gebracht. Malikow seinerseits zeigte keine solche Geste. Wie schaute Bökönbajew selbst darauf, dass die Repression noch zwei weitere Autoren zu den zwei Stücken hinzugefügt hatte, nachdem er so viel Zeit damit verbracht hatte? Laut Adyschewas Erinnerungen wie folgt:

Ach, Tenti, Du bist ein Kind. Woher weiß ich, wie ich den Gedanken, der mir in meinem Haus kommt, öffentlich ausdrücken würde? Ich habe Ajtschürok schon lange aufgegeben, jetzt mache ich mir keine Kopfschmerzen damit. Wenn ich das überlebe, schreibe ich noch viel mehr“, sagte er.

Nach kurzer Zeit realisierte der fleißige Autor das Libretto zu der Oper „Toktogul“, das während des Krieges geschriebene „Adschal menen Ar-Namys“ (Tod und Ehre) und weitere Werke. Er träumte davon, ein Lied und einen Roman namens „Kurmanschan Datka“ zu schreiben. Kengeschbek Asanalijew, ein bekannter kirgisischer Literaturwissenschaftler, hat in seinem Buch „Adabii Ajkasch“ (das literarische Kreuz) eine interessante Erklärung dafür, dass ein Autor zeitgemäßer Stücke zum Ziel der Repression wurde. In seiner Jugend, als er Doktorand in der Leningrader Abteilung der Akademie der Wissenschaften war, hörte er, wie der berühmte Gelehrte Pjotr Berkow sich über Bökönbajew äußerte:

Ein Spruch von Berkow ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Mit einer scharfen Axt schneidet man so gut, wie mit einer scharfen Zunge. Wie er sagte, wäre Bökönbajew nicht bei einem Autounfall (1944 bei einer Dienstreise, Anm. d. Ü.) umgekommen, so hätte man ihn 1948 als einen der ersten festgenommen. Mein Herz schlug wie wild. Das hörte sich sehr kalt an. Aber er hat das nicht nur gesagt, um Eindruck zu machen. Es schien, als kämen sie von einer tiefen inneren Überzeugung.  Dieser weitsichtige, vielseitig erfahrene Mensch, der schon viel gesehen hatte, bemerkte deutlich Bökönbajews maximalistische Beziehung zum Volkserbe und besonders zum nationalen Epos.

Toktoguls Erbe wurde zu der Zeit unterdrückt und allmählich vergessen. Angefangen mit der ersten Initiative der Libretti und Szenarien von „Ajtschürök“ und „Semetej“, ganz zu schweigen von ihrer Umsetzung: Wer weiß, wären nicht Bökönbajews Mut und Maximalismus gewesen, hätte es uns vielleicht nicht auf einem solchen Niveau erreicht. Wie solch ein Maximalismus gegenüber dem Erbe, dem Vergangenen im Jahr 1948 eingeschätzt werden würde, habe ich erst viel später verstanden.“

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Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gab Schdanows Bericht den Ausschlag für einer Wiederaufleben der Repression. Diesmal wurde Kosmopolitismus mit dem einstigen bourgeoisen Nationalismus gleichgesetzt und es begannen die Festnahmen. Aus Kirgistan wurden 1949 einige Literaten aufgrund ihrer Arbeit rund um das Manas-Epos festgenommen. Und es dauerte noch einige Zeit, bis eine volle Version des Epos veröffentlicht würde. Nicht zuletzt musste dafür Kirgistan aber seine Unabhängigkeit erlangen und der Sozialismus von seinem historischen Thron fallen.

Das Libretto von Bökönbajews Oper „Ajtschürök“, das bereits auf „Manas“ basierte, wurde seinerseits geschrieben, als der Sozialismus noch nach „Volksfeinden“ suchte und die Repression verstärkte.

Bektasch Schamschijew
Azattyk.org

Aus dem Kirgisischen von Florian Coppenrath

Der kirgisische Dichter Dschoomart Bökönbajew (1910-1944)
Foto.kg
Tenti Adyschewa in den 30er Jahren
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Die Gedenkstätte Ata-Beyit, in der Nähe von Bischkek, erinnert heute an die Opfer des Großen Terrors in Kirgistan
Florian Coppenrath/ Novastan.org
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