Die Taliban bieten an, Entwicklungsprojekte des afghanischen Staates zu schützen

Die Taliban haben am 29. November ihren Schutz für nationale Entwicklungsprojekte der Regierung angeboten. Wenngleich diese Neuigkeit mit Skepsis von den Behörden angesehen wird, könnte sie den Beginn einer politischen Umgestaltung Afghanistans markieren, die einen direkten Einfluss auf die Freigabe der Projekte TAPI und CASA-1000 hätte, welche Zentralasien direkt betreffen.

Nachdem die Taliban 2001 durch die Kraft der NATO-Intervention vertrieben wurden, begannen sie mit einer Phase des Aufstands gegen die neue Macht, welche bis heute andauert. Die 15 Jahre des folgenden Kriegs haben das Land in einen kritischen Zustand versetzt, mit einer extrem schwachen Wirtschaft und verwüsteter Infrastruktur. Der Konflikt hat in den letzten Jahren jedoch mit dem schrittweisen Rückzug der westlichen Koalition ein neues Gesicht angenommen, der das Kräfteverhältnis neu gestaltet hat. Ein neues politisches und militärisches Gleichgewicht zwischen Kabul und den Aufständischen hat sich eingestellt.

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Die Taliban bieten einen Schutz der Entwicklungsprojekte an

Durch den Afghanistan-Krieg, der ausländische Investoren vertrieb, ist das Land unfähig, sein Potenzial in natürlichen Ressourcen zu entwickeln und effiziente Infrastruktur aufzubauen. Doch in einer neuen Erklärung vom 29. November haben die Taliban verkündet, dass sie bereit seien,  die wichtigsten Projekte der Regierung im Land zu schützen.

Die Taliban betonen, dass ihr Kampf gegen die ausländischen Kräfte und die von ihnen unterstütze Regierung gerichtet ist, aber auf keinen Fall gegen die Bevölkerung selbst. „Das Islamische Emirat befürwortet nicht nur die nationalen Projekte, die im Interesse des Volkes sind und zu einer Entwicklung der Nation führen, sondern es ist ebenso engagiert, diese zu schützen“, wird in der Erklärung ausgeführt. Indem sie sich wie Verteidiger der Entwicklung des Landes positionieren, demonstrieren sie die Unfähigkeit der Regierung, diese Rolle selbst zu gewährleisten.

In Richtung einer Freigabe von TAPI und CASA-1000?

Außer der Auswirkungen auf die interne Politik Afghanistans könnte diese Wendung durchaus der Beginn einer neuen Periode der Beziehungen sein, die Kabul und seine zentralasiatischen Nachbarn unterhalten. Vor allem Turkmenistan oder Tadschikistan sind daran sehr interessiert, da deren geostrategische Priorität darin besteht, ihrer politischen Isolation zu entkommen.

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Auf diesem Weg könnten mehrere Projekte Zentralasien mit Afghanistan verbinden. Diese werden von ausländischen Mächten unterstützt – allen voran USA, China oder Russland – für welche die regionale Integration Afghanistans eine wichtige Voraussetzung für die Stabilisierung der Region ist. Allerdings haben die militärischen und politischen  Risiken des Landes bislang jegliche konkrete solcher Großprojekte Realisierung verhindert.

Jetzt aber haben die Taliban in ihrer Mitteilung ausdrücklich CASA-100 und TAPI als wichtige Projekte genannt. TAPI ist eine Pipeline, die es Turkmenistan ermöglichen soll, Gas nach Indien, Afghanistan und Pakistan zu liefern, und somit seine Abhängigkeit von China zu reduzieren.

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Das CASA-1000-Projekt soll die Stromnetze von Kirgistan und Tadschikistan mit denen Afghanistans und Pakistans verbinden. Dieses Projekt würde den kleinen zentralasiatischen Republiken mit ihrem großen Wasserkraftpotenzial erlauben, ihren Überschuss in den Sommermonaten zu exportieren, während Pakistan und Afghanistan im Sommer unter chronischen Engpässen leiden.

Eine noch unsichere Situation

Die Präsidialverwaltung bleibt misstrauisch und unterstreicht, dass die Taliban für enorme Schäden der Infrastruktur des Landes in den Vormonaten verantwortlich sind. Der Sprecher des Präsidentenpalastes Schah Hussain Murtazawi hat verkündet „abzuwarten, dass die Taliban ihre Erklärung in die Praxis umsetzen“. In jedem Fall ist diese neue Stellungnahme sehr bedeutsam für die Umgestaltung der afghanischen politischen Landschaft und betont die zunehmende Bedeutung, welche die Taliban in den politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten des Landes einnimmt.

Die Redaktion

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