Ein Blick in die Geschichte: Als in Zentralasien die Cholera ausbrach

Bereits lange vor dem Coronavirus, insbesondere im 19. Jahrhundert, wurde Zentralasien Opfer einer Vielzahl von Cholera-Epidemien. Die Forscherin Sophie Hohmann hat kürzlich eine Studie zu diesem Thema veröffentlicht und bietet einen spannenden Blick in die Vergangenheit.

Es ist eine fürchterliche Bilanz. Zum 23. April 2020 zählt Usbekistan 1.716, Kasachstan 2.251, und Kirgistan 631 Coronafälle, von den bisher insgesamt 35 Menschen an Covid-19 starben. Tadschikistan und Turkmenistan registrierten bisher keine Erkrankungen bzw. legen keine offiziellen Zahlen vor.

Novastan ist das einzige deutschsprachige Nachrichtenmagazin über Zentralasien. Wir arbeiten auf Vereinsgrundlage und Dank eurer Teilnahme. Wir sind unabhängig und wollen es bleiben, dafür brauchen wir euch! Durch jede noch so kleine Spende helft ihr uns weiter ein realitätsnahes Bild von Zentralasien zu vermitteln.

Die Staaten Zentralasiens reagieren unterschiedlich auf die Ausbreitung der Pandemie. Kasachstan und Kirgistan, die an China und Usbekistan grenzen, haben zügig ihre Grenzen geschlossen, den Ausnahmezustand ausgerufen und andere Maßnahmen zur Eindämmung des Virus ergriffen. Tadschikistan hält sich damit bisher jedoch zurück, auch aus dem Grund, dass ein reger Straßenverkehr von China nach Afghanistan und in den Iran von strategischer Bedeutung für die Wirtschaft des Landes ist.

Lest auch auf Novastan: Coronavirus: Zentralasien im Krisenzustand

In dieser Region an der Schnittstelle zwischen Europa, Asien und dem Nahen Osten sind wirtschaftliche Fragen von großer Bedeutung. So spielt Arbeitsmigration aus den zentralasiatischen Staaten eine wichtige Rolle, insbesondere nach Russland, was das Kontaminationsrisiko erheblich erhöht. Turkmenistan hat sich bereits seit Beginn der Epidemie abgeschottet und all seine Studierenden aus dem Ausland zurückgeholt. Generell sind jedoch wenig gesicherte Informationen über die Lage in Turkmenistan verfügbar.

Eine historische Schnittstelle

Um einen gewissen Abstand zur gegenwärtigen Situation zu gewinnen, wirft Sophie Hohmann, Doktorin der Sozialwissenschaften und Expertin für Zentralasien, einen historischen Blick darauf, wie mit Pandemien dort in der Vergangenheit umgegangen wurde und was dies über die Stabilität bestehender Regime in der Region aussagt.

Wie die Forscherin in ihrem am 29. März am IFEAC (dem Französischen Institut für Zentralasiatische Studien) veröffentlichten Arbeitspapier erklärt, wird die von der Seidenstraße durchzogene Region bereits seit der Antike von Epidemien wie der Pest, Lepra, Pocken oder Cholera geplagt. Die Durchreise von Menschengruppen und Karavanen trug vermutlich zur Ausbreitung von Krankheiten in und aus Zentralasien bei. Der Schwarze Tod (1347-1352) etwa wurde von den zentralasiatischen Hochebenen über das Schwarze Meer nach Europa getragen.

Zwischen 1872 und 1923 erlebte das kolonisierte Zentralasien, auch Generalgouvernement Turkestan genannt, nicht weniger als 12 Cholera-Epidemien, die über Indien und Afghanistan eingeschleppt wurden, und sich in den Iran und nach Russland weiterverbreiteten. Nach der Einnahme Taschkents, der heutigen Hauptstadt Usbekistans, durch zaristische Truppen im Jahr 1865 lag eine Ausbreitung der Krankheit durch die zirkulierende Kolonialverwaltung nahe.

Die Cholera unter der zaristischen Kolonialverwaltung

Die räumliche Trennung der einheimischen Bevölkerung von den Kolonialisten und ihren Familien manifestierte sich insbesondere im Gesundheitssystem, das ausschließlich den Siedelnden vorenthalten war. In den späten 1880er Jahren erhielten vereinzelt einige progressive russische Ärztinnen die Erlaubnis, kleine Kliniken für Frauen und Kinder aus der Lokalbevölkerung einzurichten. In Turkestan steckte die flächendeckende Gesundheitsversorgung noch in den Kinderschuhen, während in Russland bereits große Fortschritte zu verzeichnen waren. Die Peripherie des Zarenreichs und ihre Gesundheitsversorgung gehörte schließlich nicht zu den kolonialen Prioritäten. Die lokale Bevölkerung musste sich daher auf traditionelle Heilmethoden verlassen, beschreibt Sophie Hohmann.

Doch die privilegierte Stellung der Kolonialisten schützte sie letzten Endes nicht vor der Cholera-Epidemie zwischen 1872 und 1892, woraufhin sich auch die koloniale Gesundheitspolitik wandelte. Die Kolonialverwaltung erkannte die Bedeutung von Aufklärung- und Präventionsmaßnahmen und band die Pfeiler der traditionellen Gesellschaften, wie Imame oder Aksakale (Weise), mit ein.

Mobilität als Faktor für die Ausbreitung von Epidemien

Die ersten beiden Cholera-Epidemien von 1872 und 1892 waren mit 72.205 und 47.520 Opfern auch die tödlichsten. Allerdings waren nicht alle Regionen von ihnen gleichermaßen betroffen. Während Taschkent aufgrund seiner wirtschaftlichen Kontakte nach Zentralrussland und Transkaspien am stärksten gefährdet war, waren die zentralasiatischen Binnenregionen weniger betroffen.

Die Transkaspische Eisenbahn, die durch Turkmenistan und Usbekistan verlief, war der Hauptfaktor für die Verbreitung der Cholera und wurde von Geistlichen jener Zeit als „Streitwagen Satans“ bezeichnet – nicht nur weil sie die Fluktuation von Ideen befeuerte, sondern auch, weil sie in großem Maße zur Verbreitung der Krankheit beitrug. Ihre Mobilität war beachtlich: Die Zahl ihrer Passagiere erhöhte sich zwischen 1899 und 1909 um das Siebenfache von 442.900 auf nahezu drei Millionen.

Im 20. Jahrhundert breitete sich die Cholera in alle Himmelsrichtungen aus. So führte die Gesundheitslage in Zentral- und Westrussland zu einem Zustrom von Cholera-infizierten Bevölkerungsgruppen nach Turkestan. Zwischen 1908 und 1921 wurden vier Cholera-Epidemien aus Russland nach Zentralasien eingeschleppt. Lediglich die Epidemie von 1904 hatte ihren Ursprung im Iran. Im Vergleich zum Schienenverkehr waren Karawanen ein geringeres Risiko für die Übertragung von Krankheiten, da Cholerakeime bei der Durchquerung von Wüsten abstarben.

Epidemien führten zu Revolten

Die Cholera-Epidemie von 1892 verschärfte nicht nur die gesundheitliche Situation Zentralasiens, sondern auch soziale Spannungen in einer Gesellschaft, in der sich bereits eine Neuordnung sozialer Schichten abzeichnete. In der Tat war die Ansiedlung kolonisierender russischer Bauern ein wichtiger Faktor für die Störung der sozioökonomischen Ordnung der Region.

Wie Sophie Hohmann veranschaulicht, versuchte die zaristische Kolonialverwaltung während dieser Pandemie die Errungenschaften Louis Pasteurs und Robert Kochs sowie einen „Glauben an die moderne Wissenschaft“ in Turkestan einzuführen. So wurden Cholera-Kontrollkomitees eingerichtet, denen Präventionsmaßnahmen europäischer Städte zum Vorbild dienten. Die auf empirischen Methoden basierende Seuchenbekämpfung litt jedoch unter Mängeln: Erkrankte wurden meist nicht in Krankenhäuser eingeliefert, was das Ansteckungsrisiko verschärfte. Hinzu kam,  dass sowohl medizinische als auch menschliche Ressourcen der Situation nicht gewachsen waren.

Obwohl Robert Kochs Entdeckungen aus dem Jahr 1883 es ermöglichten, vorbeugende Maßnahmen gegen die Verbreitung von Krankheiten über das Wasser zu ergreifen, provozierten sie  unter den Menschen Aberglauben an „unsichtbare Monster“. Anschuldigungen gegen die Kolonisten, Flüsse und Brunnen zu vergiften, waren zu dieser Zeit weit verbreitet.

Gerüchte dieser Art schürten Unverständnis und soziale Spannungen, die im „Cholera-Aufstand“ von 1892, als Reaktion auf verhängte Zwangsmaßnahmen, mündeten. Im Zentrum der Revolte stand der Tod eines Einheimischen, der sich klinisch über ein von den Kolonialisten verwendetes Desinfektionsmittel angesteckt haben soll. Hinzu kam der Unmut über die Einäscherung des Hab und Guts von an der Cholera Verstorbenen. Die Krankheit wurde mit der Kolonialherrschaft in Verbindung gebracht – tatsächlich lagen die Ursachen der Revolte aber wohl tiefer in der Politik der kolonialen Unterwerfung der Peripherien des Zarenreichs.

Eine Prüfung herrschender Regime

Obwohl Pandemien in unterschiedlichen Zeiten und Kontexten auftreten, hat die Cholera mit dem Coronavirus gemeinsam, dass beide die Nachhaltigkeit (mehr oder weniger) demokratischer Systeme auf den Prüfstein stellen. Ihr Krisenmanagement im Gesundheitswesen stellt einen Indikator für die Widerstandsfähigkeiten von Staaten dar. Das Abwägen von Freiheitsrechten und Gesundheit wirft Fragen über die Angemessenheit von Maßnahmen auf und stellt Regierungen auf die Probe.

Lust auf Zentralasien in eurer Mailbox? Abonniert unseren kostenlosen wöchentlichen Newsletter mit einem Klick.

Der Blick in die Geschichte zeigt, dass Epidemien politische Gleichgeweichte stören können. Die verschiedenen Cholera-Epidemien in Turkestan spielten zwar eine indirekte, aber dennoch nicht unwichtige Rolle bei der Erosion des Kolonialsystems. Ähnlich verhielt es sich mit dem Pockenausbruch in Kasachstan 1971, der die Sowjetregierung stark beschädigte.

Lest auch auf Novastan: Die Pocken in Kasachstan 1971: Wie eine Epidemie verhindert wurde

Im Falle des Coronavirus bleibt weiterhin offen, ob die Krise dazu beitragen wird, die Mechanismen der Globalisierung zu hinterfragen und zu ändern. Für den Fall Zentralasiens wird sich, je nach ergriffener Strategie und Rückhalt in der Bevölkerung, zeigen, ob die Epidemie die Regime in der Region gestärkt oder geschwächt hat.

Manon Mazuir, Redakteurin für Novastan France
Aus dem Französischen von Robin Shakibaie

Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei Twitter, Facebook, Telegram, Linkedin oder Instagram. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem wöchentlichen Newsletter anmelden.

Kontrollposten in Kirgistan
via gov.kg
Turkestan um 1900
Wikipedia (User: Wassily)
Jetzt Teilen:
% Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Captcha *