Eine Tour durch Ak-Talaa: Mairamgül Eje, ihre Familie und die liebe Religion (1/6)

Nadine Boller, gebürtige Schweizerin, ist Dokumentarfilmerin mit einer Liebe für Kirgistan. Ihr letzter Film „Erkinai – die Halbnomadin“ wurde auf Kika, dem deutschen Kinderkanal, gesendet. Für ihre neuesten Recherchen verbrachte sie mit ihrer kirgisischen Freundin Mahabat ein paar Tage in deren Heimatdorf Ak-Talaa, im Zentrum Kirgistans gelegen. In einersechs-teiligen Serie gibt Nadine einen sehr persönlichen Einblick in die Kultur und Geschichte des kleinen Dorfes und lässt uns hautnah dabei sein.

Nadine berichtet hautnah aus dem Dorf Ak-Talaa

Mahabat und ich sind Freunde und wohnen beide in Berlin – sie schon seit siebzehn Jahren, ich erst seit drei. Dafür war ich in der letzten Zeit öfters in ihrem Heimatland Kirgistan unterwegs als sie selbst: Freiwilligenarbeit, Recherche, Filmdreh und ähnliches waren die Anlässe. Aber dieses Jahr ist der Moment gekommen, uns gemeinsam in ein zentralasiatisches Abenteuer zu stürzen. Denn Mahabat hat gerade ihre Doktorarbeit in Rechtsanthropologie abgeschlossen und sich zur Feier des Tages eine Reise in ihr Heimatdorf gegönnt.

Lange ist es her, seit sie das letzte Mal in Ak-Talaa Fuß gesetzt hat. Und ich habe natürlich die Gelegenheit genutzt und mich ganz frech einfach als Übergepäck mitbuchen lassen. Schließlich kriegt man nicht jeden Tag die Möglichkeit, eine derartig unbekanntes Gegend von der Innenseite zu erleben.

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Im September haben wir also vier Tage in Ak-Talaa verbracht, um uns nach Mahabats alten Bekannten zu erkunden und Orte ihrer Kindheit aufzusuchen. Man könnte meinen, dass in einem Dorf mit 150 Häusern nicht viel los sein kann, aber der Schein trügt. Das musste ich immer wieder mit Erstaunen (und etwas Demütigung meiner Naivität gegenüber) feststellen.

Mairamgül Eje und ihre Familie

Als erstes besuchen Mahabat und ich Mairamgül Eje. Sie ist eine alte aber glückliche Frau, die uns in der traditionellen kirgisischen Tracht – Elechek genannt – begrüßt. Als sie gehört hat, dass wir auf dem Weg sind, hat sie sich extra für uns in Schale geschmissen. Mairamgül Eje ist als Einzelkind aufgewachsen – was in Kirgistan sehr untypisch ist. Dafür hat sie heute umso mehr Sprösslinge: neun erwachsene Kinder und 37 Enkelkinder. Einen größeren Segen kann sie sich gar nicht vorstellen. Aber jetzt sollen wir erstmal reinkommen und Tschai trinken.

Tschai ist der Überbegriff für „Gastfreundlichkeit“ in Kirgistan und beinhaltet Tee, Brot, Marmelade und manchmal auch Salat, Fleisch, Kekse und sonstige Kleinigkeiten. Egal wer und zu welcher Uhrzeit ein fremdes Haus betritt, der wird immer zuerst zum Tschai gebeten, wo man sich hinsetzt, entspannt und im Gespräch austauscht.

Mairamgül Eje und ihre Duschkabine

Als wir Mairamgül Ejes Wohnzimmer betreten, wo der Tschai vorbereitet wurde, fällt uns auf, dass in der Ecke eine Duschkabine steht. Die Neugierde lässt uns keine Ruhe. „Ich bin sehr religiös und bete hier im Wohnzimmer fünf Mal am Tag. Da der Islam verlangt, dass man sich davor immer waschen muss, habe ich alles etwas bequemer gestaltet. Fließendes Wasser gibt es im Dorf zwar nicht, aber das macht nichts. Ich stelle mich einfach mit einem Eimer da rein und das reicht mir dann.

Beten statt Wodka

Mairamgül Ejes gesamte Familie ist religiös. Das war aber nicht immer so. Früher waren die meisten Familienmitglieder Alkoholiker, bis der eine Sohn sich dem strengen Islam zugewandt hat. Mit viel Überredenskunst und seinen Fäusten hat er alle seine Nächsten zur Gläubigkeit bewegt. In Kirgistan ist die grosse Mehrheit muslimisch, ungefähr 86% der Einwohner. Die einen leben ihre Religion strenger und bei anderen ist ein Kurzer Wodka (oder mehr) auch okay. Hingegen hat in den letzten fünf Jahren die Anzahl der strikteren Anhänger des Islams stark zugenommen. Viele Kirgisen haben mit dem Trinken aufgehört und beten stattdessen fünf Mal am Tag.

Ein Kurzer Wodka geht immer

Diese Gesellschaftsbewegung kreiert in Kirgistan enorme Reibungen. Viele betrachten es als zu radikal und nicht den kirgisischen Traditionen entsprechend, denn ursprünglich hatten sie ihren eigenen eher schamanisch orientierten Kult, wo sie die Geister der Natur ehrten. Ab dem 8. Jahrhundert hat sich der Islam vor allem in den zentralasiatischen Städten etabliert.

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Im Laufe der Sowjetzeit wurden religiöse Ausübungen in der  Region zeitweise unterbunden. Seit der Unabhängigkeit Kirgistans 1991 legt sich der Islam nun langsam wieder als Landeskonfession fest. Und nicht nur das, andere Länder werben aktiv für den Islam. Zum Beispiel sind alle Moscheen mit Geldern von Saudi-Arabien gebaut in einem Akt der Passivkolonialisierung.

Religöse Träume und seine Folgen

Aber zurück zu Mairamgül Eje: Eines Nachts hatte ihr religiöser Sohn einen Traum, in dem er gesehen hat, dass die Geister auf dem Friedhof sich eingesperrt fühlten. Danach hat er im Koran nachgelesen und entdeckt, dass nach der heiligen Schrift die Toten so begraben werden sollen, dass die Seelen sie sich frei bewegen können.

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Auf dem Dorffriedhof gab es deswegen auch einen Skandal, da die Kirgisen meistens aus Lehmbacksteinen kleine Bauten um die Toten hochziehen. Nach dem Traum hat Mairamgül Ejes Familie aber beschlossen, alle Mauern der Ruhestätten ihrer Ahnen abzureißen, um dem Islam gerecht zu werden. Grabbauten zu zerstören ist in Kirgistan ein hohes Vergehen, weil der Volksglaube besagt, dass dadurch die Geister verärgert werden und sie dann Unglück über die Täter und die betroffene Familie bringen. Aber der Abriss wurde trotz aller Warnungen vollbracht und nun liegen die Gräber ungeschützt da.

Der Friedhof

In Ak-Talaa gibt es zwei Friedhöfe: einer für den unteren Teil des Dorfes, einer für den oberen Teil. Man hält sie getrennt, da das Dorf sich in zwei Urstämme gliedert: Arik und Sajak. In Kirgistan gibt es im Gesamten vier Große Urstämme und jede Familie unterstreicht, zu welchem sie gehört. Mahabat ist von den Sajak und deshalb bewegen wir uns zum oberen Friedhof.

Mahabat und Mairambek beten

Auf dem Weg dorthin treffen wir auf Mairambek – ein alter Klassenkamerad Mahabats – der uns spontan dorthin begleitet. Von weitem sieht der Friedhof wie eine kleine Stadt aus Sandpalästen aus, da alles aus Naturmaterialien gebaut werden muss. Die Lehmblöcke dazu werden gleich nebenan hergestellt. Als wir uns nähern, müssen wir innerlich die Worte „Assalam aleykum abaktar“ drei Mal wiederholen, was so viel bedeutet wie „Wir grüssen euch Geister“.

Nebst den nackten Gräbern von Mairamgül Ejes Familie sind dort auch die Ruhestätten von Mahabats Großeltern, Mairambeks ersten Sohn und mehreren Verwandten zu finden. Jedes Grab trägt den Namen, die Jahreszahlen und das Abbild des Verstorbenen. Wir kauern uns vor acht verschiedenen Portraits nieder und lassen Mairambek, als einziger Mann, ein Gebet aus dem Koran singen, welches wir mit einem Amen und die Hände über das Gesicht streichen beenden. Gleich im Anschluss werden wir von Mairambek zum Tschai eingeladen….

Hier geht’s weiter zum zweiten Teil: Mairambek, Gülzat und der Brautraub

Nadine Boller
Gastautorin und Dokumentarfilmerin, aktuell mit dem Film „Erkinai – Die Halbnomadin“

Edit: In einer früheren Version des Artikels war von fehlerhafterweise der Expansion eines „turkmenischen Reiches“ nach Kirgistan die rede. Wir bitten um Entschuldigung für das Versehen.

Auf Tour in Ak-Talaa
Nadine Boller
Nadine berichtet hautnah aus dem Dorf Ak-Talaa
Nadine Boller
Mairamgül Eje und ihre Duschkabine
Nadine Boller
Ein Kurzer Wodka geht immer
Nadine Boller
Mahabat und Mairambek beten
Nadine Boller
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Kommentare
  • Ihr schreibt: „Mit der Ausweitung des turkmenischen Reichs (was ist das? Turkmenen haben mit Kirgisistan nichts zu tun) hat sich der Islam immer mehr in Zentralasien etabliert. Als die Russen Ende des 19. Jahrhunderts dieses Gebiet besetzten und später die Sowjetunion gründeten, wurde jegliche Art von religiösen Ausübungen verboten.“ Das entspricht nicht den historischen Tatsachen! Der Islam kam schon mit den arabischen Eroberungen nach Zentralasien und wurde nach dem Mongolensturm von Timur zur Staatsreligion erhoben. Kirgisistan war nicht von Turkmenen, sondern vom Khanat von Kokand aus bedroht. Die Russen haben weite Gebiete schon im frühen 19.Jhdt besetzt und einen toleranten Islam mit Hilfe der Tataren auch in Kirgisistan verbreitet.

    9 Februar 2017
    • Florian Coppenrath

      Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Sie haben natürlich in beiden Punkten recht und wir haben den Artikel nun entsprechend redigiert.

      9 Februar 2017

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