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Indien – Der nächste Riese in Zentralasien?

In Zentralasien treffen diverse Kulturen, politische Territorien und kulturelle Einflussgebiete aufeinander. Heute wird die Region hauptsächlich als russisches Schutzgebiet oder Sprungbrett für die neue chinesische Seidenstraße wahrgenommen. Doch es gibt noch ein anderes Land mit historischen Verbindungen, das sich dort diskret aufstellt: Indien.

Dass der indische Subkontinent schon immer in engem Kontakt mit Zentralasien war, bestätigt schon ein kurzer Blick auf die gemeinsame religiöse Kultur: Der Buddhismus, ursprünglich eine indische Glaubensströmung, ist in Zentralasien weit verbreitet. In der Vergangenheit gab es hier viele einflussreiche Glaubensschulen.

Vom Buddhismus zum Islam
Als der chinesische Pilgermönch Xuanzang im 7. Jahrhundert aufbrach, um die ersten Texte des Buddhismus zu studieren, gelangte er über Samarkand und verschiedene Klöster auf dem Gebiet des heutigen Kirgistan und Usbekistan nach Indien. Er trug so maßgeblich zur Verbreitung des Buddhismus in China bei. Seine Reise wurde die Grundlage für den klassischen chinesischen Roman „Die Reise nach Westen“.

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In beiden Regionen hat sich der Islam komplementär entwickelt: Das Sultanat Delhi, erstes muslimisches Königreich Indiens, wurde von einem konvertierten Mamluken gegründet. Der Gründervater der Dynastie des Mogulreichs (16. bis 19. Jahrhundert) war Babur, ein Erbe Timurs, der sein Reich von der Hauptstadt Samarkand aus gegründet hatte. Schließlich hatte der Sufi-Orden Naqschbandīya großen Erfolg im indischen Teil des Mogulreichs, da viele bedeutende Persönlichkeiten zu seinen Anhängern zählten, wie etwa der Großmogul Aurangzeb.

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Noch heute haben muslimische Strömungen aus Südasien einen bestimmten Einfluss in Zentralasien. Der Politikwissenschaftler Bayram Balci widmet diesem weitläufig unbekannten Thema in seinem Buch über den Islam in Zentralasien und dem Kaukasus seit dem Zerfall der Sowjetunion ein eigenes Kapitel. Dass etwa die Bewegungen Tablighi Jamaat oder Ahmadiyya ursprünglich aus Indien kommen, vor allem aber in Kirgistan verankert sind, spielt bei der Erneuerung des Islam in den ehemaligen Sowjetregionen eine bedeutende Rolle.

Die Grenze zwischen den beiden Welten ist fließend und befindet sich in Afghanistan, das typischerweise manchmal Südasien (dem indischen Subkontinent), manchmal Zentralasien zugeordnet wird. Gemeinschaften beider Regionen leben dort: Südasiaten, wie Paschtunen oder Balutschen neben Zentralasiaten wie Tadschiken, Turkmenen und Kirgisen. Afghanistan ist eine Brücke zwischen den Welten: Die Verbindung Indiens mit Zentralasien verläuft über Kabul.

Laufende Projekte
Eines der Leitprojekte, das die Regionen eng zusammenwachsen lässt, ist die TAP (Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan-Pipeline), deren Name Programm ist, denn sie wird über Afghanistan und Pakistan Turkmenistan mit Indien verbinden. Sie soll turkmenisches Erdgas aus dem Gasfeld Galkynysch bis in die indische Stadt Fazilka im Bundesstaat Punjab an der indisch-pakistanischen Grenze liefern. Der Bau der Pipeline hat bereits 2015 begonnen und soll bis 2019 beendet werden.

Ein weiterer ambitionierter Plan wurde 2014 von Indien vorgelegt: Der Nord-Süd Transport Korridor (INSTC), dessen Ziel es ist, den Bau von Transportwegen in Süd- und Zentralasien, dem Kaukasus und Russland voranzutreiben. Während die ursprüngliche Absicht, Bombay und Moskau via Iran und Aserbaidschan zu verbinden, Zentralasien ausschloss, hat sich das Projekt nun weiterentwickelt: Indien möchte das Schienennetz zwischen Kasachstan, Turkmenistan und Iran nutzen, um seinen Einfluss schnell ausbauen zu können.

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Gelder aus Neu Delhi fließen auch in den Ausbau des Hafens Tschahbahar am Golf von Oman im Iran, um eine Route zwischen dem afghanischen Eisenerzbergwerk Hadschigak und dem Persischen Golf (mit einem Anschluss nach Indien) zu etablieren. Auf längere Sicht sind es also vor allem Waren oder Energie aus Zentralasien, die den Persischen Golf über den Iran und den Hafen von Tschahbahar erreichen werden. Der Nord-Süd Transport Korridor ermöglicht somit auch den Austausch zwischen Zentralasien und Indien.

Neu Delhi nähert sich dadurch gleichsam den Partnerländern des Ashgabat agreement (Turkmenistan, Kasachstan, Usbekistan, Iran und Oman) an, deren Ziel es ist, den Warentransport zwischen Zentralasien und dem Persischen Golf zu fördern. 2016 hat auch Pakistan dem Vertrag zugestimmt und Indien zeigt sich an einer Teilnahme sehr interessiert, um seine ohnehin schon vorhandenen Projekte in der Region zu stärken. Es sind vor allem diese Transportprojekte für Waren und Energie, mit denen sich Indien sehr aktiv in Zentralasien einbringt.

Militärpräsenz in Tadschikistan
Auch durch die Militärbasis im tadschikischen Farchor ist Indien in Zentralasien präsent. Durch ihre Nähe zur afghanischen Grenze hat sie das strategische Ziel, Pakistan einzukreisen, aber auch die Aktivitäten in Afghanistan zu kontrollieren und die Terrorgefahr zu mindern.

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Gleichzeitig stand die tadschikische Minderheit in Afghanistan schon immer in enger Verbindung mit Tadschikistan. Diese Minderheit war es auch, die die Widerstandsbewegung gegen die Taliban in den 90er Jahren anführte und daher rührt auch das begründete Interesse, sich an diese Minderheit und somit auch Tadschikistan zugunsten der regionalen Sicherheit anzunähern.

Auch die Erneuerung der tadschikischen Militärbasis in Ayni, die die Ausbreitung der indischen Armee erst ermöglichte, wurde von Indien unterstützt. Neben den wirtschaftlichen Beziehungen arbeitet Indien auch gemeinsam mit Tadschikistan – und auf lange Sicht vielleicht auch mit anderen Ländern Zentralasiens – an einer militärischen Strategie.

Geopolitik und Interessen
Die Annäherung Indiens an Zentralasien ist das Produkt zweier geopolitischer Hauptinteressen: Den Rivalen Pakistan einzukreisen und mit dem chinesische Projekt zum Wiederaufbau der Seidenstraße zu konkurrieren.

Seit den Attentaten vom 11. September 2001 spielt Pakistan in Afghanistan ein Doppelspiel, dessen Ziel es ist, Kabul im pakistanischen Einflussbereich zu halten und eine Annäherung an Indien zu verhindern. Neu Delhi hat große Interessen, Beziehungen zu Afghanistan aufzubauen, um seinen langjährigen Rivalen auszuschalten. Alle Projekte, die erreichen wollen, Afghanistan mit Zentralasien und dem Iran zu verbinden und Pakistan dabei zu umgehen, stellen eine Chance dar, das vom Krieg zerstörte Land aus seiner Isolation zu befreien und die Einflüsse aus Islamabad abzuwenden.

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Die Entwicklung des Hafens von Tschahbahar ist ebenso ein Mittel, Pakistan zu umgehen. So gut die Beziehungen sind, so interessant sind auch Projekte wie TAP für beide Länder. Sollte es jedoch zu Spannungen oder gar Konflikten kommen, bestünde die Gefahr, dass Islamabad Indien den Zugang zum turkmenischen Gas verwehrt. Zentralasien und Afghanistan über den Hafen von Tschahbahar mit der Außenwelt zu verbinden, ist somit eine Möglichkeit, Indien Zugang zu diesen Ressourcen zu verschaffen, ohne Pakistan durchqueren zu müssen.

Diese Strategien sind auch ein Mittel, den indischen Einfluss in Zentralasien gegen den chinesischen auszuspielen. Der Nord-Süd Transport Korridor wird somit zu einer indischen Version einer neuen Seidenstraße, die die chinesische Vorherrschaft in der Region abzuwenden versucht.

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Unterdessen plant Peking seinen eigenen Hafen im Indischen Ozean, im pakistanischen Gwadar, um Zentralasien einen Zugang zum Meer zu gewähren. Alle diese Projekte haben die Gemeinsamkeit, Energieressourcen zu transportieren und den Handel zu fördern. Obwohl die indischen Projekte momentan weniger erfolgreich zu sein scheinen als die Neue Seidenstraße, könnte Neu Delhi auf lange Sicht ein ernst zu nehmender Konkurrent Chinas sein. Indien jedenfalls ist bereits heute eine aufsteigende Macht in Zentralasien.

Thomas Ciboulet
Journalist bei Novastan

Aus dem Französischen von Elisabeth Rudolph

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