World Nomad Games 2018

Kasachstan und Kirgistan streiten um Kök-Börü

Das emblematische Spiel Zentralasiens, bei dem zwei Reiterteams um einen kopflosen Schafs- oder Ziegenkörper kämpfen, steht im Mittelpunkt eines diplomatischen Streits zwischen Bischkek und Nur-Sultan.

Das Kök-Börü-Team aus Kirgistan wird wahrscheinlich nicht an der Weltmeisterschaft teilnehmen, die Ende des Jahres in Usbekistan stattfinden soll. Dies teilte der kirgisische Kök-Börü Verband auf einer Sitzung am 26. September mit. Diese Ankündigung ist der jüngste Zwischenfall in einer Reihe von Meinungsverschiedenheiten und Spannungen zwischen den Kök-Börü-Nationalmannschaften in Zentralasien.

Das nomadische Reitspiel, bei dem zwei Mannschaften um ein totes Schaf oder eine Ziege kämpfen, hat je nach Land oder gar Region verschiedene Namen: Kök-Börü, Kokpar, Buzkachi, Ulak tartysh… Vor allem aber hat das Spiel in verschiedenen Ländern unterschiedliche Regeln, was Gegenstand vieler Streitigkeiten ist, manchmal gar auf diplomatischer Ebene.

Die Spielregeln sind auch der Grund für die kirgisischen Entscheidung. Diese ist jedoch noch nicht endgültig und die genauen Termine für die Meisterschaft sind auch noch nicht einmal bekannt. Aber der kirgisische Verband hatte bereits im Februar diesen Jahres seine grundsätzliche Ablehnung des Wettbewerb angekündigt, sollten die eigenen Regeln nicht angewendet werden.

Neue Regeln „für die Sicherheit der Spieler“

Denn es war der kirgisische Kök-Börü-Verband, der das Spiel erstmals 1996 mit Regeln institutionalisiert hat, und es zu einem Mannschaftssport machte. Bis dahin spielte dieses Spiel jeder für sich: Dutzende, manchmal sogar Hunderte von Männern kämpften um das tote Tier. Nun wurde Kök-Börü zu einem Spiel zwischen zwei Mannschaften aus vier Spielern und acht Ersatzspielern, gespielt über drei 20-minütige Spielzeiten. Was aber den Sport wirklich revolutionierte, war die Einführung von Toren, dem sogenannten „Tai Kasan“, um zu einem internationalen Hochleistungssport zu werden.

Lest auch bei Novastan: Mutige Männer, geschickte Pferde – Interview mit einem Kök-Börü Spieler

Eben diese Tore sollen bei der nächsten Weltmeisterschaft nicht eingesetzt werden: „Für andere Länder ist es wirklich schwierig, mit dem Tai Kasan zu spielen“, begründete der Präsident des Verbands für nationale Sportarten Kasachstans Bekbolat Tleuhan im Februar diese Entscheidung. „Wie viele unserer Spieler haben sich wegen dieser Tore den Hals gebrochen, den Kopf verletzt oder wurden behindert? Manchmal endet das Spiel sogar tödlich“, fügte er im Interview mit Radio Azattyq, der kasachstanischen Branche von Radio Free Europe, hinzu.

Tai Kasan Tor Kök-Börü

Die hohen Toren aus Beton werden daher durch Kreidekreise am Boden ersetzt. Auch andere Vorschriften wurden geändert: Es bleiben nur noch zwei Halbzeiten, die Ziege oder das Schaf wird durch eine Attrappe ersetzt und die Pferde können nicht mehr vollständig beschlagen werden.

Eine grundsätzliche Uneinigkeit

Kasachstan hatte diese Regeln bereits 2017 für die erste Kokpar-Meisterschaft in Astana, heute Nur-Sultan, eingeführt. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Reiterteams mussten dann von der kirgisischen Botschaft in Kasachstan beigelegt werden.

 „Diese neuen Regeln verändern Kök-Börü radikal“, erklärt der kirgisische Sportjournalist Samat Dschumakadyrow im Interview mit Novastan. „Der Tai Kasan ist genau das, was Kök-Börü so spektakulär machte. Es ist, als würde man dem Fußball das Tor wegnehmen: Natürlich würde es die Zuschauer enttäuschen“, so Dschumakadyrow, der einen Youtube-Kanal über das Spiel betreut.

Ein Machtspiel

Für den kirgisische Kök-Börü Verband ist diese Entscheidung „unbegründet“ und illegal. „2013 wurde ein Verband für traditionelle türkische Sportspiele (der die Weltmeisterschaft koordiniert, Anm. d. Red.) gegründet, aber zu Unrecht. Es gibt bereits einen Kök-Börü-Verband. Es war also nicht notwendig, noch eine Organisation zu schaffen“, merkte der Präsident des Kirgisischen Verbands Dschyrgalbek Samatow am 15. September an und fügte hinzu, dass sich der Verband weiter für seine Regeln einsetzen würde.

 Dschumakadyrow interpretiert die Regeländerung als eine Politisierung von Kök-Börü. „Kasachstan hat Unterhaltung durch Politik ersetzt. Es strebt nach einer geopolitischen Führungsrolle in Zentralasien und will nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell dominieren. Deshalb möchte das Land sich Kök-Börü aneignen“, erklärt er Novastan. „In den letzten Jahren gab es zunehmend Streitigkeiten über das Spiel zwischen Kirgistan und Kasachstan, und bald könnte sich auch Usbekistan dazugesellen.

Seit 2013, als die ersten regionalen Turniere organisiert wurden, haben sich die Skandale während der Spiele vervielfacht. Kirgistan hatte 2013 gegen Kasachstan verloren und parteiische Schiedsrichter dafür verantwortlich gemacht. Kasachstan nahm 2014 nicht an den ersten Weltspielen der Nomaden teil, eh es Kirgistan bei der zweiten Ausgabe 2016 mit 3-15 deutlich unterlag. Bei der ersten Meisterschaft in Astana im Jahr 2017 drohte Kirgistan bereits zweimal das Turnier zu verlassen, jeweils aufgrund der unterschiedlichen Regeln. Schließlich schickte die kasachische Föderation eine junge Mannschaft zu den letzten Nomadenspielen 2018, die vom Präsidenten des kirgisischen Verbands beschuldigt wurde, im Halbfinale absichtlich verloren zu haben, um nicht gegen Kirgistan anzutreten.

Ähnliche Spannungen gibt es auch innerhalb der Länder, zwischen Teams aus verschiedenen Dörfern und Gebieten.

Im Herzen zentralasiatischer Identitäten

 „Ursprünglich ist Kök-Börü im Wesentlichen mit der Stammesautorität verbunden“, sagt Carolyn Willekes, auf Reitthemen spezialierte Anthropologin und Autorin der Studie A tale of two games: Cirit, Buzkashi and the Horsemen of the Asiatic Steppe, im Gespräch mit Novastan. „Auch wenn es kein Mannschaftssport war, stand das Prestige und die Macht des Clans auf dem Spiel. Und das ist auch heute noch der Fall, wie die Entstehung einer speziell auf Kök-Börü ausgerichtete Pferdezuchtindustrie zeigt. Regionale und sogar nationale Mannschaften stellen bestimmt auch heute noch eine Art Stamm dar“, sagt sie. Dies würde die Bedeutung und den Stolz erklären, der diesem Spiel und der Wahl der Regeln beigemessen wird.

Kök-Böru in Kyzyl-Tuu in Kirgistan

Genauer gesagt, sind das Pferd und insbesondere Kök-Börü ein wichtiger Teil der kirgisischen und anderer nomadisch geprägten Kulturen. „Der kirgisische Sport und die kirgisische Philosophie sind eng mit dem Pferd verbunden. Und Kök-Börü wird umso mehr geehrt, als es früher zur Vorbereitung von Männern und Pferden auf den Kampf eingesetzt wurde“, erklärt Dschumakadyrow. „Außerdem ist es unmöglich, ein Kök-Börü-Spiel ruhig, gleichgültig und sitzend zu beobachten: Der Zuschauer taucht mit dem Spieler in die nomadische Welt ein und fordert mehr davon“.

Kök-Börü ist für viele Kirgisen mehr als nur ein Sport. Es ist eine Lebensweise, die seit Jahrhunderten in der kirgisischen Seele verankert ist. „Kök-Börü ist ein wesentlicher Bestandteil von Identität in Zentralasien, besonders in Zeiten der Globalisierung, Urbanisierung und Modernisierung“, führt die Forscherin Carolyn Willekes fort. „Die Herausforderungen und Veränderungen der traditionellen Lebensweise in Zentralasien können die Bedeutung des Spiels als Mittel zur Erhaltung einer bestimmten Form von Identität und Tradition sogar noch erhöhen„, erklärt sie. So versteht man, wie Kök-Börü so viele Spannungen erzeugen kann. „Keine Nation will eine Meisterschaft verlieren, aber wenn es um Herkunft, Tradition und Identität geht, ist der Einsatz noch größer“, so Willekes.

Kirgistan hofft auch in Zukunft seine Kök-Börü Regeln weltweit durchzusetzen. Das zentralasiatische Binnenland hat dafür gesorgt, dass die Weltspiele der Nomaden, die 2020 erstmals in der Türkei stattfinden, „auf kirgisische Art“ organisiert werden. In der Zwischenzeit diskutieren Spieler und Unterstützer über die mögliche Teilnahme Kirgistans an den Kokpar-Meisterschaften in diesem Jahr. Für den ehemaligen Präsidenten der Föderation, Talas Begalyew, ist es unerlässlich, dorthin zu gehen und zu „gewinnen“, welche Regeln auch gelten mögen.

Marion Biremon
Journalistin für Novastan in Bischkek (Kirgistan)

Aus dem Französischen von Florian Coppenrath

Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei Twitter, Facebook, Telegram, Linkedin oder Instagram. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem wöchentlichen Newsletter anmelden.

Auf den letzten Weltspielen der Nomaden, im September 2018
World Nomad Games
Das Tor beim Kök-Böru, der „Tai Kasan“, steht im Herzen der Uneinigkeit
Marion Biremon
Das Kök-Böru ist die Königsdisziplin der zentralasiatischen Reitspiele und natürlich auch bei den Welspielden der Nomaden vertreten.
Antoine Béguier
Jetzt Teilen:
% Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Captcha *