Tschong-Tus in Kirgistan Salzmine

Kirgistan: Das Salz des Lebens in Tschong-Tus

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In Kirgistan, versteckt im tiefsten Inneren des Gebirges, befindet sich ein einzigartiger, unerwarteter Ort: Die Salzmine Tschong-Tus, seit dem Ende der Sowjetunion 1991 in ein Sanatorium umgewandelt.

Zuerst biegt man ins Kotchkor-Tal ein, südöstlich von der kirgisischen Hauptstadt Bischkek, dann Richtung Westen, am kleinen Ort Kök-Dschar vorbei, bevor man nach Süden abbiegt. Dort, am Kök-Tu-Pass, auf 2500 Metern Höhe, erscheinen die Berghänge, weiß und kreidig, als wären sie aus Kalk – nicht etwa wegen plötzlichen Schneefalls, sondern aufgrund von Salzablagerungen.

Wir befinden uns am Eingang einer Natriummine, oberhalb des abgelegenen Ortes Tschong-Tus, eröffnet durch die Sowjetregierung Anfang der 1950er Jahre. Der Abbau hat seit 1991 stark abgenommen, auch wenn immer noch punktuelle Förderungen in Höhe von 50 Tonnen pro Jahr stattfinden. Seit 1983 fungiert die Mine deshalb in erster Linie als Sanatorium zur Heilung von Atemwegserkrankungen.

Billard im Sanatorium der Salzmine von Tschong Tus

Man betritt sie durch einen winzigen, in den Berg gehauenen Eingang, bevor man ein Labyrinth von engen Räumen betritt, die noch an die Struktur des Minenkomplexes erinnern. Wir treffen auf drei „Patient*innen“, das Gesicht eingefallen, die in einem Nebenraum Billard spielen. Es ist kalt hier, zwischen acht und sechs Grad Celsius, und die Gänge schlecht beleuchtet. Sie führen zu großräumigen Hohlräumen – alte Nischen von der Salzförderung. Hier beginnt das Sanatorium mit seinen 120 Zimmern, die direkt in die Wände gegraben sind.

Ein Sanatorium in der Salzmine

Jedes Jahr – im Frühling und im Sommer – kommen etwa 500 Patient*innen hierher, um verschiedene Krankheiten behandeln zu lassen: Bronchitis, Lungenentzündung, Asthma, Rheuma, Luftröhren- oder Schilddrüsenkrebs sowie verschiedene chronische Atemwegsentzündungen. Die meisten dieser Patient*innen sind ehemalige Minenarbeiter*innen oder Arbeiter*innen aus der gesamten ehemaligen UdSSR.

Zimmer im Sanatorium Tschong Tus in Kirgistan

In den Verwaltungsbüros zeigt man stolz die Übersicht über die Herkunftsorte der Patient*innen des Sanatoriums: Staatsbürger*innen aus Kasachstan, Russland und Tadschikistan, andere aus dem Kaukasus. Diese Menschen haben normalerweise nicht die finanziellen Möglichkeiten, eine langzeitliche medizinische Behandlung zu erhalten. Hier finden sie – dank der Salzminen – natürliche Bedingungen vor, um ihre Erkrankungen zu heilen oder zu lindern. Hier leben, essen, schlafen, unterhalten sie sich, umgeben von jodhaltiger Luft.

In der Mine kommen auf einen Kubikmeter Luft zwischen 4.000 und 6.000 Ionen Jod – in bestimmten Räumen wie etwa dem Restaurant bis zu 11.000 Ionen. Die Kuren dauern bis zu einem Monat, meist aber etwa zwei Wochen,, unter der Überwachung eines Arztes und drei Pflegekräften, die von „Zimmer“ zu „Zimmer“ gehen.  Das Mineralsalz ist bekannt für seine heilende Wirkung gegen bestimmte Atemwegserkrankungen – es lindert die Symptome, indem es die betroffenen Schleimhäute reinigt, desinfiziert und heilt. Nach nur 15 Minuten in der Mine kann man bereits spüren, wie sich das Salz in den Schleimhäuten des Rachens und der Zunge festsetzt. Die Heilungswahrscheinlichkeit bei Asthma und Bronchitis beträgt um die 90%.

Ein Patient im Sanatorium von Tschong-Tus

Demgegenüber hat die jodhaltige Luft keinen Effekt auf Lungenkrankheiten wie Tuberkulose, die in Kirgistan immer noch weit verbreitet sind. Was Verhaltensregeln in der Mine angeht, gibt es nur eine einzige strikte Regel: Parfum oder Deodorant in den Zimmern zu versprühen, ist verboten.

Ein Mikrokosmos unter der Erdoberfläche

„Generell ist die Stimmung hier angenehm“, erzählt ein Patient – Asamat, ein Kirgise aus Bischkek, der hierhergekommen ist, um seine chronische Bronchitis zu behandeln. „Man schließt Freundschaften, schaut Filme, spielt Tischtennis, Schach, Karten… Wenn ich wieder gehe, geht es meiner Gesundheit besser, aber wegen der Luftverschmutzung durch Kohle und den Autoverkehr in Bischkek verschlechtert sie sich dann wieder. Ich habe nicht das nötige Geld, um umzuziehen.“ Inmitten der Berge von Tschong-Tus, unter der Erdoberfläche und inmitten der Gänge einer quasi stillgelegten Mine, ist also ein wahrer Mikrokosmos entstanden. Einige Förderwagen hört man noch mühevoll fahren.

Tischtennis Platten im Sanatorium Tschong Tus

Unter den Räumen des Sanatoriums findet man Hohlräume, die in einen Billardraum umgewandelt sind, in einen Tischtennisraum, ein Restaurant, einen Gebetsraum für Muslim*innen und einen „Raum der Geister“ an einer unterirdischen Quelle, wo ein Schamane seine Patient*innen empfängt. Die Überlegung, ein Kino in einer Höhle einzurichten, wird gerade von der Leitung der Salzmine geprüft, die darum bemüht ist, den Ort weiterzuentwickeln.

Überreste der Salzmine von Tschong-Tus Kirgistan

Die Bewohner*innen  des Tals von Tschong-Tus nennen die Patient*innen “Menschen der Nacht“ – nicht selten sieht man die Jugendlichen aus den Dörfern in der Salzmine am Billard- oder Tischtennistisch. Die Leitung des Sanatoriums versucht, die Natriumkuren im Ausland – in Europa und in den USA – bekannter zu machen und so ein neues Kapitel in der Geschichte der Mine zu schreiben.

Grégoire Domenach
Journalist für Novastan et Schriftsteller

Aus dem Französischen von Annkatrin Müller

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Die quasi-stillgelegte Mine Tschong-Tus in Kirgistan
Grégoire Domenach
Die Salzmine wurde zum Sanatorium gemacht, in dem den Patienten mitunter ein Billard zur Verfügung steht
Grégoire Domenach
Ein in das Salz gegrabene Zimmer des Sanatoriums
Grégoire Domenach
Das Restaurant des Sanatoriums Tschong Tus
Grégoire Domenach
Ein Patient der Salzmine liest die Zeitung
Grégoire Domenach
Tischtennis spielen in salziger Umgebung
Grégoire Domenach
Überreste der Salzmine von Tschong-Tus
Grégoire Domenach
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