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Kirgistan: In 3600 Meter Höhe auf dem Gletscher, der Bischkek bedroht

Nursultan, 25, arbeitet in 3600 Meter Höhe auf einem Gletscher, der die kirgisische Hauptstadt Bischkek bedroht. Im Interview mit Novastan erzählt er von seinem Alltag und der globalen Klimaerwärmung, deren Folgen er täglich sieht.

Kirgistan ist zu 90 Prozent von Bergen bedeckt. Das Land hat außerdem eine große Anzahl Gletscher, auf die es für Trinkwasserversorgung und Elektrizitätsproduktion angewiesen ist. Aber in Folge der zunehmenden globalen Erwärmung, drohen sie zu schmelzen. Das könnte nicht nur zu einem Mangel an Trinkwasser führen, sondern möglicherweise auch Naturkatastrophen verursachen. Laut einem Bericht der Asian Development Bank ist seit Beginn des 21. Jahrhunderts bereits ein Drittel des kirgisischen Gletschervolumens verschwunden.

Um dem entgegenzuwirken, richtet die kirgisische Regierung Stück für Stück Naturgebiete und Wetterstationen ein, die geographische Veränderungen beobachten und mögliche Katastrophen verhindern sollen. Novastan hat Nursultan getroffen, der seit acht Jahren auf einem der Gletscher arbeitet, die die Hauptstadt Bischkek überragen.

Novastan: Woraus besteht Ihre Arbeit?

Nursultan: Unsere Mission ist hauptsächlich, den Gletscherrandsee Adygene zu überwachen, der sich in 3600 Meter Höhe befindet. Wir überprüfen den Wasserstand, die Temperatur, meteorologische Einflüsse und so weiter. Der See ist maximal 25 bis 26 Meter tief. Wir müssen alle drei Stunden an verschiedenen Punkten rund um den See Messungen durchführen. Wir sammeln die Daten vom Frühling bis Ende Herbst. Im Winter stellen wir sie dann in eine Datenbank und analysieren sie. Das erlaubt unserem Land, die Entwicklung der globalen Erwärmung zu verfolgen und Naturkatastrophen zu verhindern.

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Haben Sie seit ihrer Ankunft hier schon Veränderungen im See bemerkt?

Seit der Errichtung dieser Wetterstation im Jahr 2008 hat sich der See nicht viel verändert. Aber es ist nicht unsere Aufgabe, das Klima zu kontrollieren, dass sich offensichtlich verändert. Der Stand des Sees verändert sich, wenn es viel Schnee und viel Sonne gibt. Wir sind hier, um diesen See zu überwachen. Unsere Station war die erste und die kirgisische Regierung plant, Stationen wie diese überall im Land zu eröffnen.

Und der Gletscher?

Der Gletscher? Natürlich hat er sich verändert! Er schmilzt, er schmilzt sogar gewaltig. Vor genau 50 Jahren war die Moräne, auf der man heute kilometerweit laufen muss, um hierher zu gelangen, pures Eis. Es war ein riesiger Gletscher. In 50 Jahren wird fast nichts mehr übrig sein. Das ist ein Desaster.

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Ist das gefährlich für Bischkek?

Es ist möglich, dass der See durch das Schmelzen des Gletschers in den Fluss überquillt, der nach Bischkek fließt. Darum sind wir eigentlich hier. Wir können das nicht verhindern, aber wir haben die Möglichkeit, so eine Katastrophe vorherzusagen und die Stadt rechtzeitig zu evakuieren. Im Juli 2012 ist ein anderer See in der Nähe, der Tez-Tor, übergelaufen und wir konnten die Regierung zehn Tage vorher informieren.

Wie ist es, hier zu leben?

Ich arbeite hier seit sechs Jahren. Unser Team besteht aus zwei Personen. Wir leben hier zehn Tage, bis uns ein zweites Team ablöst. Dann steigen wir für zehn Tage runter in die Stadt. Wir arbeiten ungefähr bis Ende November, bis es zu viel Schnee gibt, um auf den Gletscher zu kommen. Es ist sehr einfach, hier zu leben. Wir haben alles, einen Fernseher, eine Heizung, Elektrizität. Uns fehlt eigentlich nur WLAN.

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Kürzlich hatten wir ein Problem mit dem Gas. Wir hatten keins mehr und mussten die Flaschen selbst auf dem Rücken hierher tragen. Ein Helikopter kommt ein oder zwei Mal pro Jahr um uns zu versorgen, aber nur selten, weil das sehr teuer ist. Alles andere tragen wir selbst hierher, in unseren Rucksäcken, die 25 bis 30 Kilo wiegen.

Was führt sie auf den Gletscher?

Am Anfang habe ich in unserem Büro in Bischkek gearbeitet und gleichzeitig Ökologie studiert. Als es diese Möglichkeit gab, hierher auf den Gletscher zu kommen, wollte ich das sofort machen. Alle zehn Tage hier rauf zu steigen, auch noch mit einem schweren Rucksack, das gefällt nicht jedem. Viele Leute haben aufgegeben. Aber mir gefällt das. Ich habe mich daran gewöhnt. Ich kann mir nicht vorstellen, im meinem Leben etwas anderes zu machen.

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Diese Arbeit gefällt Ihnen?

Ja, hier ist mir nie langweilig. Hierher zu kommen, das ist schwierig. 19 Kilometer, 1500 Meter Höhenunterschied. Wir brauchen dafür vier Stunden, weil wir daran gewöhnt sind. Aber hier zu leben, das ist wirklich etwas Außergewöhnliches. Wir können frische Luft atmen, uns in der Ruhe der Natur erholen und alle unsere Sorgen vergessen. Wir sind von der Außenwelt abgeschnitten, wir haben hier kein Netz. Das mag sich egoistisch anhören, aber es ist großartig.

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Wir haben eine unglaubliche Möglichkeit. Ich habe noch nie einen Schneeleoparden gesehen, aber wir sehen oft ihre Fußabdrücke. Es gibt hier viele Tiere, Steinböcke, Marco-Polo-Schafe, Wölfe… Aber sie sind an Menschen gewöhnt und das ist besorgniserregend. Wir können uns ihnen auf 20 Meter nähern, manchmal sogar mehr, und sie bewegen sich nicht. Das ist gefährlich für sie, wenn Jäger kommen. Darauf achte ich ebenfalls. Ich liebe es hier zu arbeiten, sonst hätte ich schon vor langer Zeit gekündigt.

Mit Nursultan sprach Marion Biremon

Journalistin für Novastan

Aus dem Französischen von Folke Eikmeier

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Die Wetterstation am Rand des Gletscherrandsees Adygene in 3600 Metern Höhe.
Marion Biremon
Rund um die Wetterstation sind verschiedene Messgeräte aufgestellt.
Marion Biremon
Die Moräne, auf der man zur Wetterstation läuft. Früher hat der Gletscher hier alles bedeckt.
Marion Biremon
Nursultan kann sich nicht vorstellen irgendwo anders zu leben als hier, am Fuße des Gletschers und isoliert von der Stadt.
Marion Biremon
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