Pamir Kirgisen Afghanistan Mädchen

Mit 15 verheiratet und schwanger – Kinderbräute aus Kirgistan erzählen ihre Geschichten

Die Verheiratung von minderjährigen Mädchen ist ein großes Problem in Kirgistan. Die Soziologin Rimma Sultanowa hat an Untersuchungen zur Genderwahrnehmung der Gesellschaft mitgewirkt und mit der Redaktion von kaktus.media über Fälle aus ihrer Feldforschung gesprochen. Den Artikel, der anlässlich des Weltmädchentages erschien, übersetzen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Der 11. Oktober ist Weltmädchentag. Glückliche Eltern beglückwünschen ihre Töchter und sagen ihnen, dass sie die besten, klügsten und schönsten sind. Eingerichtet wurde der Tag aber zu dem Zweck, um  Aufmerksamkeit auf soziale Probleme und Ungerechtigkeiten zu legen, die Mädchen in der ganzen Welt aufgrund ihres Geschlechtes erfahren. Hierzu zählen das Fehlen von Bildungsmöglichkeiten, vollwertiger Ernährung und medizinischer Hilfe, aber auch Probleme wie Diskriminierung und Gewalt sowie Zwangsverheiratung im Kindesalter.

Vom Kinderheim in die Ehe

Die erste Geschichte handelt von einer jungen Frau, die im Kinderheim aufwuchs. Nennen wir sie Alina. Warum sie ins Kinderheim kam, weiß sie nicht. An Ihre Eltern kann sie sich nicht erinnern und alle ihre Kindheitserinnerungen sind lediglich mit dem Heim verbunden. Im Alter von 14-15 Jahren dachte sie über ihre Zukunft nach, darüber was  aus ihr werden soll, wenn die Zeit gekommen ist, das Kinderheim zu verlassen. Alina beschloss, dass die beste Lösung ihrer Probleme eine Heirat sei. Dies würde ihr nicht nur eine Familie sondern auch ein Dach über dem Kopf geben.

Sehr bald lernte die 15-jährige Alina einen 28-jährigen Mann kennen, der  bereits beim zweiten Treffen um ihre Hand anhielt. Adilet (Name ebenfalls geändert) sagte, dass es sich nach muslimischem Brauchtum nicht ziemt, wenn Braut und Bräutigam sich mehr als drei Mal treffen. Voller Hoffnungen und Träume stimmte Alina zu und zog zu ihm ins Dorf. Mit 16 gebar sie das erste  Kind und war gleich darauf wieder schwanger.

Jetzt – zwei Jahre nach der Hochzeit – versteht Alina, dass sie ihre Probleme nicht lösen konnte. Eine echte Familie hat sie nicht gewonnen. Vielmehr schlägt sie der Mann und die Schwiegermutter kontrolliert Alinas Leben vollständig, bestimmt sogar, was sie zu essen hat.

Adilet verbirgt noch nicht einmal, dass er Alina geheiratet hat, weil sie aus einem Kinderheim kommt. „Es es ist angenehm Mädchen aus dem Kinderheim zu heiraten. Sie haben keine Verwandten, die ihnen Rückhalt geben. Man muss niemandem Kalym („Ablösegeld“ an die Eltern der Braut, Anm. d. Ü.) zahlen. Sie sind ungebildet. Sie kann man leichter lenken“, sagte er UN-Vertreter*innen, die die Untersuchung durchführten.

Alina würde gerne ihren Mann verlassen. Aber wohin? Bald wird ihr zweites Kind geboren. Außerdem hat sie weder Bildung noch das Wissen sich alleine zurechtzufinden.

Ich wollte nicht minderjährig aussehen

„Als ich mich erstmals mit Aziz traf, war ich in der neunten Klasse und er hatte die Schule schon beendet“, erzählt Altynaj (Name geändert). „In unserem Dorf waren alle Mädchen in ihn verliebt. Er ist groß, spielt Gitarre und seine Eltern sind reich. Und er hatte ein Auge auf mich geworfen. Warum weiß ich nicht.

Ich versuchte all die Zeit, nicht wie eine Minderjährige auszusehen. Dazu tat ich, was Aziz wollte. Als ich schwanger war, sagte er, dass er mich heiraten würde. Aber dann sagte er, dass er nach Bischkek fährt, um Geld zu verdienen. Seine Anrufe wurden immer seltener und dann sagte er, dass ich mein Leben lebe und er seines.

Meine Eltern wollten, dass ich abtreibe, doch die Ärzte sagten, es sei schon zu spät sei. Deswegen gingen wir zu Verwandten in einem entfernten Dorf, wo ich meine Tochter gebar. Jetzt ist sie 12 Jahre alt. Sie glaubt, dass ich ihre Schwester bin. Meine Eltern haben sie wie ihre Tochter aufgezogen. Mit 25 habe ich einen Witwer mit drei Kindern geheiratet. Es ist gut, dass er mich geheiratet hat. Mittlerweile haben wir noch zwei Kinder bekommen.“

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Minderjährige gelten als gehorsame Ehefrauen

Die Protagonistin unserer nächsten Geschichte wurde im Alter von 15 Jahren vermittelt. Wir nennen sie Aselja. Es begann damit, dass ein 27-jähriger Mann keine Partnerin fürs gemeinsame Leben finden konnte. Seine Eltern wandten sich mit der Bitte um Hilfe an die älteste Schwiegertochter Ainur (Name geändert). Die nahm sich der Sache gewissenhaft an, fuhr nach Bischkek und schaute sich dort die Nachbarin ihrer Bekannten an.

Das Mädchen arbeitete als Tellerwäscherin in einem Bischkeker Café. Ihre Eltern hatten die Entscheidung getroffen sie zu verheiraten, was sie damit erklärten, dass sie sehr beunruhigt waren, wenn die Tochter spät abends von der Arbeit heimkehre. Es wäre besser, wenn eine neue Familie die Verantwortung für sie übernehme und für ihre Sicherheit sorge.

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Mit 16 war Aselja bereits schwanger, unter den Bekannte in ihrem Umfeld wunderte sich niemand. Im Gegenteil: Aseljas Schwiegermutter sagte, dass es sehr angenehm sei ein Mädchen in dem jungen Alter zur Frau zu nehmen: „Sie ist klein und gehorsam. Man kann sie erziehen, wie man  es will.“ Lediglich der jüngere Bruder des Ehemannes – der 22-jährige Ataj – sagte, dass es nicht richtig sei, minderjährige Mädchen zur Frau zu nehmen.

Häufig sind es gerade Frauen, die während des Brautraubs für den Bräutigam Partei ergreifen und die geraubten Mädchen überzeugen in der Familie zu bleiben. Sie (meistens die älteren Schwiegertöchter) überprüfen zur Hochzeit die Jungfräulichkeit der Mädchen.

Die frühe Verheiratung und ihre gesellschaftlichen Folgen

Das Mindestalter für eine Heirat liegt in Kirgistan offiziell bei 18 Jahren. Nur in besonderen Fällen haben die Behörden das Recht, für die Heirat von Jugendlichen ab 16 Jahren die Erlaubnis zu erteilen. So sieht es das Gesetz vor. Dennoch heiraten mehr als 12 Prozent der Frauen in Kirgistan, bevor sie die Volljährigkeit erreicht haben. Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Die Dunkelziffer dürfte viel höher liegen, insbesondere da die neuen „Familien“ die Hochzeit oft nicht den Staatsorganen melden.

Besonders viele minderjährige Bräute gibt es in den Dörfern und abgelegenen Regionen. Die Eltern fördern die Eheschließungen ihrer Töchter schon im Kindheitsalter, da sie hoffen, dass es ihnen finanziellen und sozialen Nutzen bringt und gleichzeitig Last von der Familie nimmt.

Der Grund für die wachsende Zahl an minderjährigen Bräuten ist die Armut in der Bevölkerung. Andererseits spielen auch Traditionen ihre Rolle. Frühe Eheschließungen waren charakteristisch für das Kirgistan des 19. Jahrhunderts. Entsprechend der Daten der Volkszählung von 1897 waren 35 Prozent aller 15- bis 16-jährigen Mädchen verheiratet, in der Altersgruppe 20-24 Jahre waren quasi alle Frauen in einer Ehe.

Der Kampf gegen die frühen Ehen begann in der Sowjetunion, als  die Mehrheit der jungen Mädchen anfing, im Bildungssystem zu arbeiten. Mit dem Zerfall der Union und der damit einhergehenden Verarmung kehrte das Phänomen der Zwangsehen zurück und wurde typisch für Kirgistan.

Zwangsehen gelten als Menschenrechtsverletzung, da so die normale Entwicklung der Mädchen gestört und ihre soziale Isolierung gefördert wird. Frauen, die zu früh eine Ehe eingehen, bleiben häufig ohne höhere Bildung. Außerdem werden sie statisch häufig Opfer von Gewalt in der Familie. Und sie haben ein höheres Risiko bei der Geburt ihrer Kinder zu sterben.

 

Aus dem Russischen von Robin Roth

Im Original erschienen auf kaktus.media

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Dinara Kanybek Kyzy
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