Schwangerschaft, Goethe, Jugendliche

Teenage-Schwangerschaften in Kirgistan

Kirgisistan liegt bei Schwangerschaften von Minderjährigen in den der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) an dritter Stelle. Was passiert in der Gesellschaft? Die Schülerinnen Lyudmila Makienko und Gulzana Tologonova haben untersucht, warum Mädchen im Alter von 13-17 Jahren schwanger werden.

In Kirgisistan ist in den letzten sechs Jahren die Häufigkeit von Schwangerschaften und Geburten bei Minderjährigen fast um das 2,5-fache zurückgegangen. Laut dem kirgisischen Gesundheitsministerium, wurden im Jahr 2016 775 Mädchen im Alter von 13 bis 17 Jahren Mütter. 2011 waren es noch 1679 Mädchen, berichtet die Nachrichtenwebseite Openasia.org.

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Die Ursachen
Die Kinderpsychologin Leila Hadjiewna denkt, dass ein wichtiger Grund für frühe Schwangerschaften ein Mangel an Sexualerziehung ist. „Viele Jugendliche haben nicht genug Informationen über das Sexualleben“, sagt sie.

Viele Jugendliche haben außerdem Schwierigkeiten im Umgang mit ihren Eltern. Die Eltern sind oft nicht am Leben und sozialen Umfeld des Kindes interessiert. Das Kind beginnt sich den Eltern gegenüber zu verschließen und sucht Liebe und Unterstützung beim Partner“, so Hadjiewna. Ein weiterer Grund ist ihr zufolge der Einfluss einer schlechten Clique und Bekanntschaften mit Gleichaltrigen, die einen schlechten Lebensstil führen.

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Die Gynäkologin Nina Valentinovna arbeitet im Zentrum für Familienmedizin N°4 in Bischkek. Sie führt Seminare an Schulen durch, in denen sie Schülerinnen über Teenage-Schwangerschaften aufklärt.

Sie sagt, dass niedriger sozialer Status und Armut einige Mädchen zwingen, früh das Elternhaus zu verlassen und sie in Folge früher Sex haben. „Ein anderer wichtiger Grund für Schwangerschaften sind Vergewaltigungen. Diese passieren innerhalb und außerhalb der Familie,“ sagt Valentinovna.

Wie es das Mädchen und das Kind betrifft
Leila Hadjievna zufolge wirkt sich die Schwangerschaft negativ sowohl auf die Psyche als auch auf die Gesundheit des Mädchens aus, weil der Körper für diese Verantwortung noch nicht bereit ist. Die Statistik belegt, dass es bei Schwangerschaften in diesem Alter zu mehr Todesfällen kommt.

Die Verantwortung, ein Kind zu versorgen, bereitet vielen Teenagern große Schwierigkeiten. Auch die Reaktion der Gesellschaft wirkt sich auf die Psyche aus. Nicht alle Eltern akzeptieren die Schwangerschaft ihrer Tochter. Manchmal werden Mädchen aus dem Haus geworfen und verstoßen. Natürlich verursacht das großen Stress und psychische Traumata.

Statistik, Minderjährige, Gesundheit

Nach Aserbaidschan und Georgien hatte Kirgisistan 2010 die höchste Anzahl an Geburten bei jungen Mädchen und Frauen in der GUS. Einer der Gründe dafür könnte der Einfluss des religiösen Ritus „Nicke“ sein.

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Hochzeiten mit Minderjährigen
Die Gender-Expertin Anara Nijasowa berichtet der Nachrichtenseite Cabar.asia, dass laut Statistik im Jahr 2015 die Zahl der Ehen, die mit Minderjährigen geschlossen wurden, in Kirgistan 13% erreichte. Davon wurden 70% gemäß dem religiösen Ritus „Nicke“ (auf Arabisch – Ehe) geschlossen. Nicke ist im islamischen Familienrecht eine Ehe zwischen einem Mann und einer Frau. Damit die Ehe gültig ist, ist es notwendig, eine Reihe von Bedingungen zu erfüllen. Der Ehepartner muss ein erwachsener Muslim sein. Im Islam wird empfohlen, dass Ehemann und Ehefrau einander gemäß ihrem Alter und ihrem sozialen Status entsprechen. Die Zustimmung der Braut ist nicht erforderlich, es reicht die Zustimmung des Vaters oder des Vormunds.

Allerdings ist  2016 in Kirgistan ein Gesetz in Kraft getreten, dass Eheschließungen mit Minderjährigen verboten hat. Eltern, Geistliche und andere Personen, die eine solche Ehe nicht verhindert haben, können mit Haftstrafen zwischen drei und fünf Jahren bestraft werden.

Lyudmila Makienko, Gulzana Tologonova
Schülerinnen der Schule N°23 (Goethe Gymnasium) in Bischkek

Der Text ist aus einer Zusammenarbeit zwischen Novastan e. V. und dem Goethe Gymnasium im Frühling 2018 entstanden. Der Redakteur Folke Eikmeier besuchte einmal pro Woche den Unterricht und erarbeitete mit den SchülerInnen journalistische Artikel.

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Im Zentrum für Familienmedizin N°4 in Bischkek (Symbolbild).
Lyudmila Makienko
Abtreibungen, Geburten und Verwendung von Verhütungsmitteln bei Mädchen im Alter von 13-17 in Kirgistan in den Jahren 2009-2013 in Tausend.
Kaktus.Media
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Kommentare
  • Eine tolle Kooperation zwischen der Goethe Schule und Novastan. Ich lese die Artikel gerne. In diesem Artikel vermisse ich einen wichtigen Part. Es wird mehrmals von Mädchen und jungen Frauen geschrieben. Aber kein einziges mal von Jungs oder Jungen Männern, die ja etwa 50% Verantwortung für die Schwangerschaft tragen.

    18 Juni 2018
    • folkee

      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Sie haben recht, auf Jungs und Männer geht der Text nicht explizit ein. Sexualität und Schwangerschaft werden in Kirgistan meistens nicht offen diskutiert, vor allem nicht von Minderjährigen, wie sie die Autorinnen des Artikels sind. Es wäre sehr interessant, etwas über die Perspektive von Jungs und Männern zu diesem Thema zu erfahren. Leider gibt es dazu, denke ich, aber wenig verfügbare Quellen und selbst Interviews durchzuführen ist bei einem solchen Tabuthema schwierig.

      25 Juni 2018

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