Verheiratet durch die Tür – Einblicke in die Usbekische Hochzeitstradition

Arslanbob ist eine kleine Gemeinde im Südwesten Kirgistans. Da dieser Ort nahe der usbekischen Grenze liegt, wohnen hier viele ethnische Usbeken. Hochzeiten sind in der Region ein wichtiger Teil der Kultur. Unsere Gastautorin hat eine traditionell usbekische Hochzeit besucht und den Ablauf für unsere Leser_innen festgehalten.

Fast alle usbekischen Ehen sind arrangiert. Sobald ein Junge das Alter zwischen 18 und 20 Jahren erreicht, fängt seine gesamte Familie an, eine geeignete Braut für ihn zu suchen. Ein Mädchen gilt dann als „geeignet“, wenn der gesellschaftliche Stand seiner Familie dem des Bräutigams entspricht. Sobald eine aussichtsreiche Kandidatin gefunden ist, treffen sich die Großväter der zukünftigen Eheleute auf ein Plov (traditionelles Reisgericht) und diskutieren und verhandeln die Details bezüglich der Verbindungen beider Familien. Aber nicht nur die Familienältesten treffen die Entscheidungen. Alle Familienmitglieder – außer der zukünftigen Braut – können ihre Meinung zum Paar, zum Datum der Hochzeit und zur Mitgift abgeben. Von der Frau wird erwartet, dass sie sich stillschweigend in das Schicksal fügt, das andere für sie vorbestimmt haben.

Der erste Kontakt – Das Mitternachts-Rendezvous

Nun müssen Mann und Frau miteinander bekannt gemacht werden. Früher, als es noch keine Handys gab, waren es die Freunde des Jungen, die zum Mädchen geschickt wurden, um den bevorstehenden nächtlichen Besuch des Bräutigams anzukündigen. Das Mädchen wiederum informierte nur ihre Mutter über die Ankunft des Mannes, da der Vater dem nicht zustimmen würde. Um Mitternacht macht sich der Mann mit teuren Geschenken (Schokolade und Parfüm im Wert von circa 500 Som – etwa 7 €) zum Haus seiner Braut auf, um sich dort heimlich mit ihr hinter dem Haus zu treffen. Nach der Übergabe der Geschenke wird von ihm erwartet, auf höfliche und respektvolle Weise mit ihr zu sprechen. Andernfalls wird sie der Hochzeit nicht zustimmen. Das Ziel des Treffens ist es, sich zumindest oberflächlich kennenzulernen, um mögliche, die Ehe gefährdende Probleme im Vorhinein zu erkennen. Später geht der Mann zurück nach Hause und berichtet seiner Familie, ob er Gefallen an der Frau gefunden hat. Das Mädchen darf ebenfalls seine Eindrücke besprechen, allerdings ausschließlich mit der Mutter. Falls einer der beiden mit der Wahl unglücklich ist, wird die Meinung üblicherweise ernst genommen und die Familie akzeptiert, dass sie sich wohl erneut auf die Suche nach einer_m anderen Ehepartner_in begeben muss. Diese Mitternachts-„Rendezvous“ finden meist mehrere Male vor einer Hochzeit statt, wobei der Mann jedes Mal Geschenke mitbringen muss.

Zehn Tage vor der Hochzeit fangen beide Elternpaare mit den Vorbereitungen an. Einzukaufen sind unter anderem viele Meter Stoff (extravagant und mit möglichst viel Glitzer), um Kleider für die Braut und die Decken für die Hochzeitsnacht zu nähen. Außerdem werden 30kg Reis, 30 Liter Öl, 40 kg Karotten, ein großer Sack Mehl und ein lebendiges männliches Schaf benötigt, um die ungefähr 200 Hochzeitsgäste mit Plov und 1000 Brotlaibern zu versorgen.

Verheiratet durch die Tür: Ja, ich will!

Nach Sonnenuntergang am Vortag der Hochzeit machen sich der Bräutigam, sein bester Freund, der Mullah und der Trauzeuge (üblicherweise ein älterer Mann, der bereits eine Familie hat) auf zum Haus der Braut. Bei ihrer Ankunft ist die Braut in einem angrenzenden Raum und darf nicht in Sichtweite der Männer gelangen. Allerdings darf sie ihre Freundinnen und weiblichen Angehörigen bitten, ihr Gesellschaft zu leisten. Die Tür zwischen den Räumen, in denen sich die zukünftigen Angetrauten befinden, wird einige Zentimeter offen gelassen, sodass die Frauen der Konversation der Männer folgen können. Jetzt beginnt die tatsächliche Vermählung: der Mullah stellt eine Schale gesegneten Wassers vor den jungen Mann und predigt aus dem Koran. Dann wendet er sich an das Mädchen, das von der anderen Seite der Türe aus zuhört und fragt sie drei Mal, ob sie den Mann heiraten möchte. Einige Frauen antworten schon auf die erste Frage, aber die meisten trauen sich erst nachdem sie ein zweites oder drittes Mal gefragt wurden. Anschließend stellt der Mullah dem Bräutigam dieselbe Frage. Dieser antwortet üblicherweise bereits beim ersten Mal und besiegelt damit die offizielle Vermählung. Zum Abschluss des Rituals trinkt der Mann einen Schluck des heiligen Wassers und reicht es seiner Braut durch die Türe. Nachdem auch sie getrunken hat, schließt der Mullah mit einem Segen die Zeremonie ab.

Wer eine usbekische Hochzeit besuchen will, muss eine flexible Zeitplanung haben, denn die Familie informiert ihre Gäste meist nur einen Tag im Voraus. Hierzu werden junge Männer der Familie von Tür zu Tür gesandt und laden auf diese Weise über 200 Gäste persönlich ein.

Plov, Plov, Plov…

Um 9 Uhr kommen die ersten Gäste zur Hadma – dem ersten Teil der langen Hochzeitsfeier.
Während der Hadma bleiben Männer und Frauen getrennt – die Männer im Garten, die Frauen im Haus. Auch ein Mullah ist anwesend, der das Paar mit Glückwünschen zwischen den Mahlzeiten segnet. Diejenigen Gäste, die zur Hadma kommen, gehen nach den Gebeten wieder.

Vor dem Mittagessen wählt der Vater des Bräutigams sechs Männer und sechs Frauen aus, die in großen Wagen oder LKWs zum Haus der Braut fahren und der Familie das lebende Schaf, den Reis, das Öl, die Karotten und das Mehl als Geschenke übergeben. Wenn die Gäste eintreffen, verteilen sie als erstes Süßigkeiten. Anschließend gehen Männer und Frauen wieder in getrennte Räume. Die Gäste werden mit Weihrauch „gereinigt“ und geben Geld im Austausch. Nachdem noch einmal Plov und Suppe gereicht werden, kehren die Männer und Frauen zum Haus des Bräutigams zurück. Sie lassen die Wagen und Autos aber bei der Familie der Braut, die damit den Besitz der Braut zum Haus ihrer Schwiegereltern bringt, sobald die Gäste das Haus verlassen haben. Hierfür sind sechs Männer und sechs Frauen der Brautfamilie zuständig. Wenn diese am Haus des Bräutigams eintreffen, wird die Ausgabe der Süßigkeiten wiederholt und die Männer und Frauen werden wieder getrennt. Erneut gibt es Suppe und Plov, aber auch zusätzliche Gerichte wie Kebab und Manty (Teigtaschen). Zudem erhalten die sechs Frauen von der Familie des Bräutigams Geschenke in Form von Kleidern und die Männer bekommen Gürtel.

Nach dieser Prozedur des Güteraustauschs und Geschenkeverteilens zwischen den Familien fährt nun der Bräutigam mit ungefähr 25 seiner männlichen Freunde zum Haus der Frau. Diese ist zuvor in ein anderes Haus gebracht worden, oft einfach das Nachbarhaus, sodass der Bräutigam sie nicht sieht. Ist der Bräutigam eingetroffen, wird das Schaf gekocht und in einem Stück zu Plov und Suppe serviert. Nach dem Essen überreichen die männlichen Angehörigen der Braut dem Bräutigam nun verschiedenste Kleidungsstücke für alle möglichen Anlässe – von Sommersportkleidung bis hin zu Winterpyjamas. Das letzte Kleidungsstück ist ein traditionelles usbekisches Kostüm, das der Bräutigam sofort anzieht. Einige der Kleidungsstücke gehen auch an seine engsten Freunde. Der Rest der Anwesenden erhält Stofftaschentücher und Gürtel.

Die eingehüllte Braut mit ihrer Freundin kurz bevor der Bräutigam sie aus ihrem Elternhaus trägt und mit seinem Auto zu sich nach Hause fährt.

Der Übergang von einer Familie in die andere

Nun verlassen alle bis auf den Bräutigam selbst und zwei seiner verheirateten Freunde den Raum. Die Braut wird von alten Frauen hereingebracht, begleitet von ihren Freundinnen. Ihr Gesicht ist mit Schleiern bedeckt und sie weint und protestiert gegen die Heirat. Allerdings sollte hier angemerkt werden, dass dies nur gespielt ist. Das Mädchen möchte normalerweise verheiratet werden, muss allerdings aufgrund der Tradition so tun, als ob sie gegen die Heirat sei. Die weiblichen Angehörigen der Frau legen zwei Decken auf den Boden. Auf diese setzt sich das Paar – einander gegenüber. Der Bräutigam muss nun im Sitzen seine Braut hochheben und sie neben sich auf die Decke setzen und symbolisiert damit den Übergang der Frau von einer Familie in die andere.

Danach verlassen alle männlichen Personen den Raum, auch der Bräutigam. Einige Minuten später verabschiedet sich das Mädchen von ihren Eltern und wird von alten Frauen nach draußen begleitet, die sie im Auto zu ihrem neuen Haus fahren. Die Kinder der Familie begleiten sie dabei. Beim Eintreffen werden sie von weiblichen Familienangehörigen mit Geschenken für die älteren Frauen empfangen, meist handelt es sich um hochwertiges Material zum Anfertigen von Kleidung. Von den Kindern bekommen nur die Jungen Gürtel, Messer, kleine Fahrräder oder Geld als Geschenke. Der Bräutigam hebt seine Braut aus dem Auto und trägt sie ins Haus. Die Frauen haben einen Raum für die Frau hergerichtet: ein Teil des Zimmers wurde mit einem Vorhang abgetrennt und dann mit unzähligen Decken und anderen nützlichen Objekten ausgestattet. Der Bräutigam bringt seine Frau zu diesem Raum, in dem schon Frauen und Kinder auf sie warten und setzt sie auf eine Decke hinter dem Vorhang. Dann lässt er sie alleine und geht in einen anderen Raum, wo er das traditionelle Kostüm gegen einen Anzug nach westlicher Mode austauscht. Das einzig traditionelle, das er anbehält, ist ein Filzhut mit Stickereien (kalpak). In der Zwischenzeit haben seine Freunde einen großen Tisch im Garten aufgebaut und einen Teppich aufgehängt auf den die Worte „Willkommen zu unserer Hochzeit“ gestickt sind.

Die Braut bereitet sich vor, um vom Bräutigam den Hochzeitsgästen vorgeführt zu werden. Heutzutage dürfen die meisten Mädchen ein weisses, westliches Brautkleid tragen, ausser der Vater der Braut oder der Vater des Bräutigams verlangen ein traditionelles

Im Zimmer der Frau findet soeben eine andere Tradition statt: Jus ashte, was wörtlich übersetzt soviel bedeutet wie „offenes Gesicht“. Als erstes bekommen die Kinder der Familie des Bräutigams einen traditionellen Brotstock und knoten Taschentücher, Stoffgürtel und Schals daran fest. Dann halten sie den Stock vor das Gesicht der Frau wie einen Vorhang und heben ihn hoch um ihr Gesicht zu „enthüllen“. Ein paar ältere Angehörige leisten der Frau Gesellschaft. Sie häufen Mehl, Butter und Plov vor ihr auf und die Braut formt ihre Hände zur Schale. Dann füllt jeder der Verwandten hintereinander etwas Mehl in die Hände der Frau und hält dann ihre Handgelenke und schüttelt ihre Hände, sodass das Mehl zu Boden fällt. Das gleiche wird mit Butter und Plov wiederholt, aber anstatt es zu Boden fallen zu lassen, wird es mit einem Teller aufgefangen. Am Ende wird die Butter mit dem Plov vermischt und alle Teilnehmenden an dieser Tradition des Jaksalde essen von dem glückbringenden Plov. Jaksalde symbolisiert, dass die Braut ihre Hände benutzen wird, um die Familie mit Essen zu versorgen. Erst dann verlassen die älteren Angehörigen den Raum.

Jetzt beginnt eine neue Zeremonie, die sich Jochlande nennt – Geschenk. Vor der Hochzeit wird ein Mann ausgewählt, der älter ist als das Paar. Er wird zum sogenannten „Paten“ ernannt. Das bedeutet, dass er das Paar in allen möglichen Lebenssituationen unterstützt: er ist derjenige, den sie um Hilfe und Rat für ihre Probleme bitten können. Im Falle eines Streits hat er auch die Rolle eines Vermittlers und Streitschlichters. Es wird erwartet, dass er Geschenke im Wert von ungefähr 20 000 Som mitbringt (ungefähr 270 Euro), meistens Küchenutensilien, einen Fernseher, DVD-Player und andere elektronische Geräte. Zur Jochlande Zeremonie betreten zuerst der Pate und seine Frau den Raum, übergeben die Geschenke an die Braut und beglückwünschen sie. Dann erhalten auch sie Geschenke von den Müttern der Eheleute, die im besten Fall den gleichen Wert haben wie das, was der Pate selbst ausgegeben hat. Heutzutage vermeiden die jüngeren Generationen häufig die Patentradition, da sie oft als reine Geldverschwendung angesehen wird. Zumal die Rolle als Pate und hilfreiche Anlaufstelle für das Paar vom Paten häufig vernachlässigt wird.

Der Bräutigam empfängt seine zukünftige Ehefrau im Braut-Zimmer, um sie dann in den Garten zu führen, wo die Gäste warten.

Die Nacht der Nächte

Sobald die Nacht einbricht, heißt der Hochzeitsmoderator die Gäste im Garten willkommen. Er fordert das junge Paar auf, nach draußen zu kommen und den Festlichkeiten beizuwohnen. Der Bräutigam geht daraufhin in den Raum, in dem seine Braut wartet, bringt ihr chinesische Plastikblumen. Beide versuchen nun, dem anderen auf den Fuß zu treten. Die Tradition hat keinen Namen, ist aber essenziell, da sie bestimmt, wer in der Ehe das Sagen haben wird. Anschließend verlassen beide das Haus und gehen gemeinsam dreimal im Kreis um die Tanzfläche, um sich den Gästen zu präsentieren. Zu Ende ihrer Runden stellen sie sich vor einen Tisch, während ein junges Mädchen Kelen Salam singt: „Die Braut heißt alle willkommen“. Da ihr Gesicht durch Jus ashte „offengelegt“ wurde, muss sie nun alle durch dieses Lied willkommen heißen, von Allah bis zu den Eltern, den Tanten, Onkeln, Cousins und Cousinen. Dann nimmt das junge Paar an dem langen Tisch Platz. Die Gäste der Braut sind nun auch anwesend. Wenn die Musik einsetzt, werden die Freunde des Bräutigams aufgefordert zu tanzen. Nach einigen Liedern ist die Reihe an den Freunden der Braut. Während dieser gesamten Zeit geben die Umstehenden den Tanzenden Geld. Natürlich wird auch jetzt wieder Essen serviert – natürlich Plov – was sonst? – allerdings nur für die Sitzenden Gäste an der Tafel. Der letzte Tanz ist für die Eltern des Bräutigams reserviert und bildet den Abschluss der Hochzeit.

Das junge Paar zieht sich dann zurück in einen speziell vorbereiteten Raum, wo die Frauen 10 bis 20 Decken aufeinandergestapelt haben, die das Bett darstellen. Sie haben den Vorhang abgenommen, der den Raum zuvor zerteilt hat, und haben Tee, Marmelade, Butter und Brot auf dem Tisch bereitgestellt, sodass das Paar etwas essen kann, während sie sich in der Hochzeitsnacht kennenlernen. Während des Teetrinkens überreicht der Bräutigam der Braut üblicherweise eine Uhr als Geschenk. Falls er aus einer wohlhabenderen Familie stammt, bietet er ihr außerdem einen Ring an. Die Uhr symbolisiert ihre einjährige Pflicht, den Haushalt der Familie des Bräutigams zu führen. Von diesem Tag an, wird von ihr erwartet, dass sie jeden Tag um sechs Uhr aufsteht und das Haus sauber macht.

Früher wurden für die Jochlande Zeremonie zwei Frauen von der Familie der Braut ausgewählt, die der Frau dabei helfen sollten, eine sexuelle Beziehung zu ihrem Mann aufzubauen, was bedeutet, dass sie ihr Wissen an sie weitergeben sollten, sodass die Braut weniger nervös und ängstlich ist. Sie waren außerdem auch diejenigen, die die Jungfräulichkeit der Frau nachweisen mussten, indem sie ihren Eltern den legendären Blutfleck auf dem weißen Laken präsentieren mussten. Die Eltern der Braut wiederum gaben den beiden Frauen Kleider als Geste der Dankbarkeit, da der Blutfleck als gute Neuigkeit angesehen wurde. Religiösere Familien oder Paare warten drei Tage bevor sie miteinander schlafen, aber die weniger religiösen machen die erste Nacht zu ihrer Nacht.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Perspectives on Central Asia
Wir veröffentlichen ihn mit der Freundlichen Erlaubnis der Autorin

Autoren:
Nadine Boller,
Hayat Tarikow, Roma Tohtarow, Sardor Ergashew, Lachin Sadijew, Babur Mamarasulow und Almaz Mamarizajew

Aus dem Englischen übersetzt von Ann-Kathrin Rothermel
Redakteurin für Novastan.org

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Kommentare
  • Eine solche Hochzeit können sich doch nur einigermaßen wohlhabende Familien leisten. Es bigt abe viele arme Menschen, die doch auch heiraten wollen,
    Die gegeneitig auszutauschenden Geschenke sind oft unangebracht, d.h. ensprechen nicht dem Geschmack oderZweck-
    Das glitzernde Kleid der Braut alleine könnte doch eine vielköpfige Familie eine Woche satt machen.
    Wie können Menschen, die gar kein Geld haben heiraten?

    25 Juli 2019
    • Sie leihen das Geld aus. Verkaufen Kühe, Lähme usw

      28 April 2020

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