Durch ein Loch in einer Wand ist ein Wachturm sichbart

Warum die Konflikte an der tadschikisch-kirgisischen Grenze kein Ende nehmen

Obwohl die Präsidenten Tadschikistans und Kirgistans bereit sind, die Grenzstreitigkeiten zwischen ihren Ländern mit diplomatischen Mitteln zu lösen, forderte der Konflikt zuletzt wieder vier Tote. Asia-Plus geht der Frage nach, warum die gewalttätigen Auseinandersetzungen an der Grenze kein Ende nehmen. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Am 16. September kam es an der tadschikisch-kirgisischen Grenze erneut zu einem bewaffneten Konflikt. Während des Schusswechsels in der Nähe des Dorfes Owtschi-Kalatscha kamen drei tadschikische Soldaten und ein kirgisischer Grenzpolizist ums Leben. Darüber hinaus meldete Tadschikistan, dass fünf weitere Soldaten Verletzungen erlitten, während das kirgisische Gesundheitsministerium von 13 Verletzten berichtete.

Laut Angaben des tadschikischen Außenministeriums wurden auch Frauen und Kinder verletzt. Wie gewöhnlich geben sich beide Seiten gegenseitig die Schuld an der Eskalation. Die genauen Umstände, die die Schießerei auslösten, scheinen jedoch unklar.

Dabei stellen die Ereignisse von Owtschi-Kalatscha nur den Höhepunkt einer Reihe von gewalttätigen Auseinandersetzungen dar. Allein in der von kirgisischem Staatsgebiet umgebenen, aber zu Tadschikistan gehörenden Enklave Woruch kam es seit März diesen Jahres zu mehreren Zusammenstößen. Auch hier ereignete sich der letzte Vorfall erst vor wenigen Tagen.

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Doch wem nützt die Eskalation des Konfliktes und gibt es etwa eine „dritte Kräfte“, die den Konflikt schüren? Dieser Frage gehen verschiedene Experten nach.

„Schuld ist die zentralisierte Macht“

Der tadschikische Politologe Raschid Gani Abdullo vertritt folgende Meinung: „Wem in Zentralasien nützt ein brodelndes Tadschikistan und Kirgistan? Niemandem. Auch China hat keinen Nutzen davon. Die gesamte chinesische Politik ist darauf ausgerichtet, dass in den angrenzenden Republiken Zentralasiens politische und wirtschaftliche Stabilität herrscht. Auch Usbekistan und Kasachstan sind an der Stabilität Kirgistans und Tadschikistans interessiert. Deswegen sollte man nicht von irgendwelchen dritten Kräften sprechen, sondern von tiefgreifenden Prozessen in der Entwicklung der zentralasiatischen Länder.“

„Vereinbarungen werden nicht umgesetzt, weil die Macht in Kirgistan nicht zentralisiert ist“, sagt der Politologe. „Wenn die Zentralmacht [in Bischkek] schwach ist, meinen die regionalen Machthaber, dass sie diese nicht unbedingt ernst nehmen müssen. In Tadschikistan gibt es dieses Problem nicht.“

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Abdullo etwa deutet die Beziehung zwischen dem ehemaligen Präsidenten (Atambajew, Anm. d. Red.) und dem amtierenden Staatsoberhaupt (Dscheenbekow, Anm. d. Red.) dahingehend, dass Kirgistan versucht, eine angemessene Form der Staatlichkeit zu finden, die die absolute Souveränität des Zentrums über das gesamte Territorium des Landes gewährleistet.

Die Bevölkerung wächst und mit ihr die Konflikte

Ein anderer tadschikischer Experte ist sich ebenfalls sicher, dass es keine „dritte Kraft“ gibt. Stattdessen gibt es zunehmend Konflikte, da die Bevölkerung wächst und mit ihr der Bedarf an Ressourcen.

„Ich glaube nicht, dass die Eskalation an der Grenze im gegenwärtigen Augenblick irgendjemandem nutzt. Es ist ein eingefrorener Konflikt, der sich seit 30-40 Jahren im Entwicklungsstadium befindet. Es gibt Probleme mit Landfläche und Wasser, die sich nur schwer lösen lassen. Bis heute gibt es keine Lösung, die beide Seiten zufrieden stellt. Deswegen kommt es von Zeit zu Zeit zu Konflikten. Die Bevölkerung wächst, der Bedarf an Ackerfläche und Wasserressourcen steigt und deswegen gibt es mehr Konflikte“, meint Parwis Mullodschanow.

Ermek Bajsalow, Analyst und Redakteur des Portals Cabar aus Kirgistan ist sich sicher, dass die Suche nach einer „dritten Kraft“ nicht mehr als eine Verschwörungstheorie ist.

„Die dritte Kraft befindet sich innerhalb beider Gesellschaften“

Gemäß der Meinung des Zentralasien-Experten Alexander Knjasjew drücken zwar die kommunale und die staatliche Führung die Bereitschaft aus, das Problem zu lösen. Sich aber damit wirklich zu beschäftigen, sei eine andere Sache.

„Die Staatsführungen Tadschikistans und Kirgistans äußern die Bereitschaft die Grenzprobleme zu lösen. Auch die lokalen Behörden sagen nichts anderes. Aber es ist eine Sache, die Bereitschaft zu äußern, und eine andere, sich mit dem Problem dann wirklich auseinanderzusetzen. Die nicht abgeschlossene Demarkation der Grenze ist ein kleiner Teil der regionalen Probleme. Die größten Probleme gibt es im sozialen und wirtschaftlichen Bereich, durch die dominierende Rolle von verdeckter und offener Kriminalität in der lokalen Wirtschaft, und durch die ausbleibende Entwicklung sowohl in der Provinz Batken als auch in der Gegend von Isfara, meint Knjasjew.

„An der Bereitschaft und dem Willen seitens der Beamter beiderseits der Grenze, die Probleme zu lösen, gibt es große Zweifel. Die Kriminalisierung der lokalen Wirtschaft führt natürlich zu Korruption von Seiten der Behörden als auch insbesondere der Sicherheitsorgane. Es wäre lächerlich anzunehmen, dass der Drogenschmuggel ohne ihre Beteiligung stattfindet. Die gewöhnliche Bevölkerung sucht nach Möglichkeiten zu überleben und für diese Menschen ist jeder Meter Erde, jeder Liter Wasser wichtig“, so der Zentralasien-Experte weiter.

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Die „dritte Kraft“ sieht er innerhalb beider Gesellschaften: „Die dritte Kraft befindet sich innerhalb beider Gesellschaften und es ist verfehlt sie woanders zu suchen. Das Problem ist mehrere Jahrzehnte alt. 1989 habe ich meinen Artikel über den Konflikt um Woruch „Geiseln des Hinterlandes“ genannt. Es ist das Hinterland, wo die Leute aus Hoffnungslosigkeit bereit sind, daran zu glauben, dass an ihren Problemen die Nachbarn schuld sind, die eine andere Sprache sprechen. Die dritte Kraft – das sind die Beamten und Mächtigen Kirgistans und Tadschikistans.“

Der kirgisische Politiker Felix Kulow sieht die Schuld an den aktuellen Geschehnissen hingegen bei den Gegnern der jeweiligen Regierungen. „Es ist eindeutig, dass es weder der tadschikischen noch der kirgisischen Seite Nutzen bringt. Ungelöste Grenzfragen, insbesondere wenn Sie den Alltag von Menschen auf beiden Seiten der Grenze betreffen, enthalten immer Konfliktpotenzial. Auf diesem Boden ist es den politischen Gegnern des herrschenden Regimes recht einfach, Spannungen und Auseinandersetzungen zu erzeugen. Und ein Grund findet sich immer. Gegner haben die Führer beider Länder, aber angesichts der Tatsache, dass es in der nahen Vergangenheit in […] Tadschikistan einen Bürgerkrieg gab, gibt es jetzt mehr unversöhnliche Gegner im Land – obwohl Emomali Rahmon [Präsident Tadschikistans, Anm. d. Red.] für die große Mehrheit des Volkes den Frieden und die Einheit der Nation verkörpert“, meint der ehemalige Premierminister Kirgistans.

Bachmanjor Nadirow für Asia-Plus

Aus dem Russischen von Robin Roth

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Das Dorf Owtschi-Kalatscha war Schauplatz der jüngsten Auseinadersetzung an der tadschikisch-kirgischen Grenze, die vier Menschenleben kostete
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