Was atmet Bischkek?

Die Luftqulität in Bischkek lässt einiges zu wünschen übrig – aber wieso ist die Luftqualität in der kirgisischen Hauptstadt so dermaßen schlecht? Living Asia erklärt, wie verschmutzt die Luft in Bischkek tatsächlich ist, und wieso in der Stadt fast kein natürlicher Luftaustausch stattfindet. Wir übersetzen den Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

„Kyrgyzgidromet“ befasst sich mit Messungen des Gehaltes an schädlichen chemischen Verbindungen in der Atmosphäre, und veröffentlicht dazu monatlich einen Bericht: Im November 2016 überstieg die Konzentration an Dioxid in Bischkek die gesetzliche Norm um über 50%, und im Stadtzentrum überstieg sie die Norm gar um 200%. Bei Dioxid handelt es sich um eine hochgiftige chemische Verbindung, welche sich schädlich auf die menschlichen Atemwege und Lunge auswirkt und außerdem die Konzentration von Hämoglobin im Blut verringert.

In noch gravierendem Ausmaß jedoch übersteigt die Konzentration an Formaldehyd die zulässigen Normen. Das ist ein Kanzerogen, welches bösartige Tumore hervorrufen kann. Laut den von Gidromet erhobenen Daten überstieg die Formaldehyd-Konzentration in der Luft Bischkeks die zulässige Norm gar mehr als um das Fünffache. Im November waren die Indikatoren noch besorgniserregender, betrugen sie doch sechsmal mehr als die gesetzliche Norm.

Veraltete Messdaten mit besorgniserregenden Ergebnissen

Von Kirgizgidromet durchgeführte Messungen zeigen jedoch noch nicht das vollständige Bild über die Zusammensetzung der Luft in Bischkek auf – die Agentur führt beispielsweise keine Messungen durch, welche die Konzentration von Benzopyren in der Atmosphäre nachweist. Der Regierung fehlen schlicht die finanziellen Mittel für die Anschaffung der notwendigen Geräte und Materialien für eine solche Studie.

Die letzten offiziellen Messungen, welche im Jahr 2000 durchgeführt wurden, zeigten jedoch, dass die Konzentration von Benzopyren in der Atmosphäre die Norm bereits vor mittlerweile mehr als als 15 Jahren mehr als 23-30 Mal soviel wie die gesetzliche Norm betrug, während der Heizperiode (im Winter, Anm. der Redaktion) gar 48 Mal. Benzopyren ist eine giftige chemische Verbindung, welche bei Mensch und Tier für die Entstehung bösartiger Tumore verantwortlich gemacht wird.

Schlechte Stadtplanung verhindert gesunden Luftaustausch

Der Ökologe Emil Schukurov schätzt die Zusammensetzung der Luft in Bischkek schlicht „grauenhaft“ ein. Er sieht eine Verbindung zwischen der extrem hohen Abgaskonzentration in der Stadt und der Luftqualität, wofür er einerseits die immer größer werdende Anzahl Autos, und die Heizperiode in der Stadt verantwortlich macht. Letztere führt zu erhöhtem Austoß von Russ und schädlichen Gasen in die Atmosphäre über der Stadt.

Außerdem sieht Schukurov einen Zusammenhang zwischen der schlechten Luftqualität in Bischkek und der Tatsache, dass in der Hauptstadt kaum ein natürlicher Luftaustausch stattfindet. Erstens liegt über der Stadt eine Art „Hut“, aufgrund dessen die Lufttemperatur in Bischkek durchschnittlich fünf Grad höher ist, als in den umliegenden Gebieten. Dies führt dazu, dass keine Frischluft ins Stadtgebiet gelangen kann. Zweitens ist das Problem auch auf Aspekte der Stadtplanung zurückzuführen.

Das Stadtgebiet von Bischkek befindet sich auf losem Grund, und ist außerdem von einem unregelmäßigem Luftaustausch gekennzeichnet. Als im 19. Jahrhundert mit dem Bau der Stadt begonnen wurde, beschlossen die zuständigen Architekten, sich auf jene Prinzipien der Stadtplanung aus dem Alten Rom zu stützen. Dementsprechend wurden die Straßen in der Richtung der vorherrschenden Windströmungen angelegt. Dadurch war eine regelmässige Zufuhr an frischer Luft aus dem umliegenden Gebirge hinein in die Stadt gewährleistet.

„Ihre Straßen sind die Fenster einer Stadt, und diese müssen stets geöffnet sein. In der Sowjetära, ganz besonders in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, wurde dieses System jedoch vollständig zerstört. Dies zeugt nicht nur von Idiotie – dies ist ein regelrechtes Verbrechen.“ so der Ökologe Emil Schukurow.

Gebäude als unfreiwilliges Schutzschild gegen Bergluft

Während der Sowjetzeit wurden sämtliche die Stadtplanung betreffende Entscheidungen in Moskau getroffen, erzählt Schurukov, und zwar im Forschungsinstitut für Architektur in Stadtplanung der Sowjetunion. Folglich wurden sämtliche Projekte zur Stadtplanung im Moskau ausgearbeitet. Zentralrussland diente dabei als primärer Referenzpunkt, da in jener Region jeweils ein angemessener Schutz vor starken Windströmungen das Hauptanliegen des dortigen Städtebaus war.

Die Außenquartiere im Süden Bischkeks wurden dementsprechend als eine Art Schutzschild gegen die starken Winde aus den umliegenden Bergen gebaut, und versperren damit quasi sämtlicher Frischluft den Weg hinein in die Stadt. „Die Winde aus den Bergen sind ohnehin sehr schwach, weswegen keinerlei Barrieren dagegen existieren sollten“, so der Ökologe Schukurow. „Früher gelangte der Wind aus den Bergen ganz einfach entlang der danach ausgerichteten Straßen in die Stadt, doch heute ist nicht eine einzige dieser damaligen, vertikal ausgerichtete Straße übrig geblieben.“

Eine Zunahme an Atemwegserkrankungen in Bischkek

Gemäß Daten der staatlichen Statistikbehörde verdoppelte sich zwischen 2010 und 2014 die Menge schädlicher Substanzen in der kirgisischen Luft. 2010 betrug die Menge noch ungefähr 30 Tonnen, während sie sich bis 2014 bereits auf 60 Tonnen vergrößert hatte. Im Jahr 2015 war die Zahl sogar noch größer. Ungefähr die Hälfte jener Schadstoffe wird allein in Bischkek ausgestoßen.

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO besteht ein direkter Zusammenhang zwischen dem Grad der Luftverschmutzung und der Anzahl vorkommenden chronischen sowie akuten Atemwegserkrankungen, sowie Krebserkrankungen im Atemtrakt. Wir haben Daten über das Ausmaß der Luftverschmutzung in Bischkek mit der Anzahl an Atemwegserkrankungen Leidender und KrebspatientInnen in der Stadt verglichen. Gewiss ist ein solcher Vergleich kein Beweis dafür, dass die Luftverschmutzung in Kirgistan den allgemeinen Gesundheitszustand beeinflusst. Der Vergleich zeigt jedoch grafisch auf, dass sich zu jenem Zeitpunkt, als sich die Anzahl Schadstoffe in der Luft vergrößerte, auch eine bedeutende Zunahme an Atemwegserkrankungen beobachten lässt. Gemäß offiziellen Daten hat die Anzahl an Atemwegserkrankungen Leidender in jenem Zeitraum um 8.5% zugenommen, und die Anzahl registrierter PatientInnen mit malignen Tumoren im Respirationstrakt gar um 20%.

Für LivingAsia.online Dimitri Motinow
Aus dem Russischen übersetzt von Lisa Häusermann

Jetzt Teilen:
Kommentare
  • Was schreibt ihr da für einen Unsinn in diesem Artikel: „In noch gravierendem Ausmaß jedoch übersteigt die Konzentration an Formaldehyd die zulässigen Normen. Hämoglobin ist ein Kanzerogen, welches bösartige Tumore hervorrufen kann.“ Hämoglobin ist der eisenhaltige Proteinkomplex, der in den roten Blutkörperchen den Sauerstoff bindet! Gebt besser die Messwerte der Schadstoffe von verschiedenen Messstationen in Tabellenform an, zu verschiedenen Jahreszeiten und über die Jahrzehnte verteilt, damit man vergleichen kann. Dr.Roman Lahodynsky, Hon.prof., Inst.of Mining & Mining Technology, Bishkek

    24 Januar 2017
    • corinna

      Sehr geehrter Dr. Hon. Prof. Roman Lahodynsky,
      da haben Sie natürlich recht. Vielen Dank für Ihren Hinweis, das wird die Redaktion umgehend ändern. Da dieser Artikel eine Übersetzung ist, liegen uns die von Ihnen erwähnten Messwerte nicht vor, aber Sie können gerne bei Living Asia, wo der Originalartikel erschien (http://livingasia.online/2016/12/07/bishkek_air/), inquirieren.
      Im Namen der Redaktion,
      Corinna Vetter, Chefredakteurin

      24 Januar 2017
      • Sehr geehrte Frau Vetter, danke sehr für die Ausbesserung des Fehlers: Formaldehyd, nicht Hämoglobin ist kanzerogen. Prozentangaben über irgendeiner Norm dienen häufig einer Verschleierung von Tatsachen, weil die Vergleichsangaben fehlen. Was die Kohlefeuerung betrifft, kommt leider noch eine Atemwegsbelastung hinzu. Manche Kohlevorkommen wurden in der Sowjetunion als Uranbergwerke betrieben, da das Uran (und auch andere Minerale) in den Kohleschichten höher konzentriert war. Wenn diese Kohle jetzt verheizt wird, werden die Schadstoffe in der Atmosphäre verteilt. Noch ein Grund, Messwerte zur Verfügung zu haben.
        Mit den besten Wünschen, Roman Lahodynsky

        25 Januar 2017
        • Sehr geehrte Frau Vetter! nur zur Information, damit es nicht heißt, dass in europa alles in Ordnung ist, sende ich Ihnen den Artikel über einen vor 2 Jahren aufgeflogenen Umweltskandal in Kärnten. Relativ geringe Freisetzung von Schadstoffen, aber Schlamperei der Behörden. http://www.news.at/a/kaernten-zwei-jahre-nach-skandal-7949032 Beste Grüße, RL

          25 Januar 2017
  • Dieser bemerkenswerte Gedanke fГ¤llt gerade Гјbrigens
    corneliomr

    24 Januar 2017
  • Tolle Arbeit und Übersetzung! Weiter so!
    Grüße ausm Badnerland

    24 Januar 2017
  • Toller Artikel! Aber Benzopyren ist nicht ganz richtig.

    31 Januar 2017
    • corinna

      Danke für deinen Kommentar, es freut uns total, dass der Artikel einen Nerv trifft. Könntest du aber ausführen, wieso Benzopyren nicht ganz richtig ist? Wir, das Team von Novastan, und unsere Medienpartner freuen uns immer, wenn wir unsere Inhalte verbessern können!

      1 Februar 2017
      • Vielleicht das ist ein Druckfehler. Ich denke, dass man auf Deutsch Benzpyren sagt )))

        1 Februar 2017

Hinterlasse einen Kommentar

Captcha *