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Wie Extremisten Arbeitsmigranten aus Zentralasien anwerben

Die Akademien der Wissenschaften aus Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan und Russland haben gemeinsam mit der internationalen Nichtregierungsorganisation Search for Common Ground untersucht, welchen Einfluss Extremisten auf Arbeitsmigranten haben. Ihrem Ergebnis nach sind Migranten nicht zur Radikalisierung geneigt, aber die Werber von extremistischen Gruppen zielen auf die schwächsten ab – Junge, Ungebildete und Einkommensschwache. Den Artikel von übersetzen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

An der Untersuchung „Gründe und Motive der Radikalisierung unter Arbeitsmigranten aus den zentralasiatischen Ländern in Russland“ nahmen unabhängige Forscher aus Zentralasien, Spezialisten der Akademien der Wissenschaften aus Kirgistan, Russland, Tadschikistan und Usbekistan, Vertreter des britischen Think Tanks Royal United Service Institute for Defence Studies sowie die Internationale Nichtregierungsorganisation Search for Common Ground teil.

Das Forschungsprojekt wurde vor dem Hintergrund der Terroranschläge durchgeführt, welche 2017 verschiedene Städte von Stockholm bis St. Petersburg erschütterten und bei denen die Täter aus Zentralasien stammten. Außerdem wurden in den letzen Jahren mehrere Dutzend Arbeitsmigranten festgenommen – die einen, weil sie unter Verdacht standen Terroranschläge zu planen, die anderen beim Versuch nach Syrien oder in den Irak auszureisen, um dort an Kriegshandlungen teilzunehmen.

Elend = Extremismus?

Die Spezialisten führten in 13 russischen Städten 218  Interviews mit Migranten aus Zentralasien und zeigten, dass juristische Probleme und wirtschaftliche Ausbeutung zu Marginalisierung und Isolierung führen können. Es stellte sich heraus, dass usbekischen Kirgistaner (ethnische Usbeken, die als Minderheit in Kirgistan leben und die kirgisische Staatsbürgerschaft haben, Anm. d. Ü.) häufig ein isoliertes Leben führen, wobei sie oftmals weder mit anderen Kirgistanern noch mit Usbeken aus Usbekistan in Kontakt treten.

„In Osch erniedrigen Kirgisen Usbeken. Die kirgisische Jugend ist negativ zu den Usbeken eingestellt. All das beeinflusst uns“, erzählt einer der Anführer der kirgisischen Diaspora in Chabarowsk.

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Diese Isoliertheit erregt die Aufmerksamkeit der Werber extremistischer Organisationen. Außerdem interessieren sie sich für Migranten, die schlecht Russisch sprechen und deswegen harte Arbeit für geringen Lohn verrichten. Sie versprechen ihnen dann meist einen hohen Lohn.

Einer der Interviewten erzählte, dass die Werber erst den Migranten in einer schwierigen Lage Geld geben um dieses nach Hause zu schicken und dann diktieren sie die Bedingungen.

„Mein Bruder ist [aus Südkirgistan] nach Syrien gegangen. Bevor er ging, wurde  er lange [von den Sicherheitsorganen] gequält. Sie bestellten ihn zur Befragung ein, steckten ihn ins Gefängnis, erpressten Geld und letzen Endes war er genötigt nach Syrien zu gehen, wo er starb. Wenn ich die Möglichkeit und eine Waffe hätte, würde ich mich an jenen, die meinen Bruder beleidigt haben, rächen. Der Grund, warum mein Bruder dorthin ging, war die Unterdrückung von Seiten des Geheimdienstes und der Polizei. Und den gleichen Grund haben viele meiner Nachbarn“, erzählte den Interviewern ein usbekischer Kirgistaner, der in St. Petersburg lebt.

Die Mehrheit der befragten Migranten bestätigte die Verbindung von Elend und Extremismus, aber dennoch verbanden sie die Gründe für mit Radikalisierung mit ideologischen und religiösen Faktoren. Am häufigsten interessieren sich die Werber für junge, allein  stehende, ungebildete und illegale Migranten. Die Anwerbung erfolgt oftmals in Moscheen, Fitness-Studios oder in der Haft. In der Regel sind es Landsleute, die die Neuen anwerben.

Im Übrigen zeigt die Untersuchung, dass Anzeichen einer „erhöhten Anfälligkeit“ für Radikalisierung bei den Migranten aus Zentralasien nicht besteht.

 „Unter den zentralasiatischen Arbeitsmigranten macht die Zahl derer, die für extremistische Gruppen angeworben wurden, nur einen Bruchteil aus – weniger als ein Prozent. Folglich kann von einer umfassenden oder auch nur besonders hohen Radikalisierung unter den Arbeitsmigranten keine Rede sein“, schreiben die Forscher.

Wie kann man die Werber bekämpfen?

Die Forscher raten den zentralasiatischen Ländern und Russland die regionale Zusammenarbeit im Kampf mit dem Extremismus zu verstärken. Ihrer Meinung nach müssen die russischen Sicherheitsorgane „ein Produktives Verhältnis zu den Gemeinden aus Zentralasien haben“ und die Diaspora beobachten.

Die Spezialisten sprachen auch darüber, wie man Bürger Kirgistans vom Beitritt extremistischer Gruppen abhalten könne. Sie raten „einen konstruktiven Austausch zwischen verschiedenen Gruppen, insbesondere im Süden des Landes, zu ermöglichen.“

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Nach Meinung der betroffenen Migranten kann der Erhalt der russischen Staatsbürgerschaft sowie der Erwerb von Sprachkenntnissen von einer Radikalisierung abhalten, da man so eine höher qualifizierte Arbeit erhalten und die Familie ins Land holen  könne. Gerade in den Familien sehen viele einen (die Radikalisierung, Anm. d. Ü.) hemmenden Faktor.

Außerdem meinen die Migranten, dass die Situation mit den Werbern verbessert werden könne, indem man die Moscheen, in denen Gewalt propagiert wird, schließt und indem die Imame eine entsprechende Ausbildung erhalten würden.

„Vieles hängt von den Imamen ab, der Imam muss sehr gebildet sein… Ich bin in die Moschee gegangen [in Irkutsk, von Kirgisen aufgebaut] – der Imam ist dort ein junger Mann ohne Bart. Aber sehr gebildet… Er gibt meiner Meinung nach den richtigen Rat“, erzählt einer der befragten Migranten.

Alexandra Titowa
Kloop.kg

Aus dem Russischen von Robin Roth

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Nach dem terroristischen Anschlag in Sankt Petersburg im April 2017 rückte die Frage der Radikalisierung von Arbeitsmigranten in den Vordergrund
Julian Buijzen/ Fickr
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