Nodira Usmanowa

Bis zum bitteren Ende: Wie die junge Familie eines tadschikischen Musikers Teil des IS-Ablegers Wilayat Chorasan wurde

Damit, dass Farhod Usmonow nach Afghanistan ausreist und sich dem dortigen IS-Ableger Wilayat Chorasan anschließt, hatte niemand seiner Verwandten gerechnet. Auch seine junge Familie holte er aus Tadschikistan dorthin nach. Seiner Frau, Nodira Usmonowa, ist mit ihren drei Kindern inzwischen die Rückkehr in die Heimat gelungen. Mit ihr und den Vätern von Nodira und Farhod Usmonow sprach Fergana News über ihr Leben vor Farhods einschneidendem Entschluss, sich dem IS anzuschließen, ihren Weg nach Afghanistan und die Rückkehr nach Tadschikistan. Der Verbleib von Farhod ist bis heute unklar. Folgender Artikel erschien im russischen Original bei Fergana News. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Während der vergangenen Jahre kämpften hunderte Auswanderer aus Tadschikistan im Nahen Osten und in Afghanistan auf der Seite terroristischer Gruppierungen. Alleine nach Syrien und in den Irak reisten nach Angaben des Staatskomitees für nationale Sicherheit Tadschikistans mindestens 1900 tadschikische Staatsbürger aus, um sich den Kämpfern des IS anzuschließen. Nach Niederlagen im Nahen Osten versucht die terroristische Gruppierung nun ihre Präsenz in Afghanistan zu verstärken. Dorthin reisten in letzter Zeit angeworbene Söldner aus dem Ausland. Unter ihnen befand sich auch ein junges Paar aus Tadschikistan.

Nodira Usmonowa befand sich mit ihren zwei Kindern im Camp von Wilayat Chorasan in Afghanistan (dabei handelt es sich um den Ableger des „Islamischen Staates“ (IS) in Afghanistan und Pakistan). Dort brachte sie auch ihr drittes Kind zur Welt. Ihr Mann, der tadschikische Staatsbürger Farhod Usmonow, hatte sich Wilayat Chorasan angeschlossen. Nach Aufenthalten in zwei Gefängnissen, gelangte Nodira Usmonowa wie durch ein Wunder wieder in ihre Heimat zurück. „Fergana News“ traf sich mich mit Nodira und ihren Verwandten, um zu erfahren, was die Familie eines jungen Musikers mit Hochschulabschluss in die Reihen des IS nach Afghanistan führte.

Lest auch bei Novastan: Warum sich so viele Bürger Tadschikistans dem Islamischen Staat anschließen

Nodira heiratete im August 2009. Sie und ihr Mann, Farhod Usmonow, ein ausgebildeter Musik- und Gesangslehrer, gingen direkt nach der Hochzeit wie viele andere Tadschiken zum Arbeiten nach Russland. Die Familie Usmonow hatte Glück: Farhod fand schnell eine Arbeit bei einem Moskauer Unternehmen für Druckerpatronen und Nodira arbeitete als Näherin in einer Firma, die Damentaschen produziert. Das Paar bekam zwei Söhne: Firdaws und Muhammad. Sie fuhren oft nach Tadschikistan, besuchten dort die Eltern und reisten zum Arbeiten wieder nach Russland.

Ende 2017 war die damals 29-jährige Nodira bei ihren Eltern im Heimatdorf Isfisor. Unerwartet rief Farhod sie nicht wie üblich aus Moskau, sondern aus Baku an und erzählte, dass er sich dort befinde, um sich neues Wissen für seine Arbeit in der Druckerpatronenfirma anzueignen. Farhod teilte ihr mit, dass er sich dort länger aufhalten würde und bat sie, nach Moskau und von dort nach Baku zu fliegen. Dort würde er sich dann mit ihr treffen.

Reise ins Unbekannte

„Ich flog also nach Moskau und kaufte dort ein Ticket nach Baku“, erzählt Nodira. „Aber anstatt von meinem Mann wurde ich am Flughafen in Baku von einer jungen Frau Anfang Dreißig in Empfang genommen, die sich mir als Gulser vorstellte. Sie nahm sofort meinen Pass und die Geburtsurkunden der Kinder an sich. Einen Monat lang hielten sie mich mit meinen zwei Kindern in einem Gasthaus fest und erlaubten mir nicht, in die Stadt zu gehen. Essen brachte uns Gulser. Ich habe oft gefragt: „Wo ist mein Mann? Warum kommt er nicht zu uns?“ Gulser antwortete immer: „Ich kann nicht sagen, wo sich Ihr Mann befindet, aber Sie werden ihn bald treffen und dann wird er alles selbst erklären.“ Ich habe mir sehr viele Sorgen um meinen Mann gemacht.“

„Eines Abends brachte Gulser unsere Dokumente zurück und verkündete, dass es an der Zeit sei, zu meinem Mann zu fliegen. Wie sich herausstellte, war sie die ganze Zeit damit beschäftigt gewesen, Visa und Flugtickets für uns in den Iran zu bekommen. Wir sind dann von Baku nach Teheran geflogen. Gulser hat uns begleitet. In Teheran übergab sie uns einer Afghanin namens Schaido. Mit dieser verbrachten wir eine Nacht in Teheran. Am nächsten Tag fuhren wir mit dem Bus in das Örtchen Urdugoch, wo wir die Grenze nach Afghanistan überquerten und schnell nach Herat gelangten. Von dort wurden wir in die Provinz Dschuzdschan weitergeschickt“, erzählt Nodira.

Nodira mit ihrem Vater

Dort trafen sie und ihre zwei Kinder endlich Farhod. Er führte sie in seine Lehmhütte mit zwei Zimmern, die sich im kleinen Dorf Sardara befand. Farhod schilderte seiner Frau, dass er jetzt Soldat des Kalifats sei und hier als Koch im örtlichen Gefängnis arbeite, das unter der Kontrolle der Kämpfer von Wilayat Chorasan stehe. Er sei zuständig für die Zubereitung von Essen für die Gefangenen.

„Ich habe ihn gefragt, warum er hierher gereist ist, habe versucht ihn zu überzeugen, in die Heimat zurückzukehren. Aber wir hatten schon keine Chance mehr, nach Tadschikistan zu gelangen. Bei jeglichem Fluchtversuch hätten sie uns getötet. Ich habe resigniert, schließlich bin ich die Frau und sollte mich dem Willen meines Mannes unterstellen. Außerdem war ich schwanger und habe an meine zwei Kinder gedacht…“, Nodira bricht ab und fängt an zu weinen.

Alltag unter extremen Umständen

Laut Nodira fuhr ihr Mann in Sardara früh morgens zur Arbeit und kam spät abends wieder zurück. Währenddessen saß sie daheim, bereitete Essen zu und kümmerte sich um die Kinder. Sie habe mit niemandem kommuniziert. Auf den örtlichen Markt ging nur ihr Mann, da es Frauen verboten war, das Haus zu verlassen. In dem Haus, in dem die Familie Usmonow wohnte, gab es keine Elektrizität. Lediglich eine Lampe war solarbetrieben. Mahlzeiten bereitete Nodira auf einem Gasherd zu. Nach zwei Monaten zog die Familie ins Nachbardorf Mugul. Dort brachte Nodira ein Mädchen zur Welt, das sie Safija nannten.

Im Juli 2018 brachen in Dschuzdschan Kämpfe zwischen Wilayat Chorasan und den Taliban aus, die letztendlich die Taliban gewannen. Alle ausländischen Söldner, die in dem IS-Gefängnis arbeiteten, unter ihnen auch Farhod Usmonow, gerieten mit ihren Familien in Gefangenschaft. Die Taliban brachten die Gefangenen in die Provinz Badghis. Zwischen August 2018 und Anfang 2019 befanden sich Farhod, Nodira und ihre drei Kleinkinder im Gefängnis der Taliban. Die Frauen und Kinder wurden dort getrennt von den Männern gefangen gehalten.

„Wir Ausländer waren nach meiner Zählung acht Familien. Bei uns waren auch unsere Kinder. Es mangelte an Essen und Medikamenten. Es schien uns, als seien wir verloren. Die Taliban nahmen uns die Telefone ab und es gab keine Möglichkeit, jemandem unseren Aufenthaltsort mitzuteilen. Die anderen Frauen und ich waren verzweifelt und weinten immer wieder. Am 13. Januar 2019 griffen afghanische Sicherheitskräfte die Taliban in Badghis an. Sie nahmen auch das Gefängnis ein und transportierten alle Gefangenen nach Kabul. Dort waren wir bis Mai, also mehr als vier Monate. Zusammen mit uns waren auch Frauen aus Usbekistan, Kirgistan, Indonesien, China, Frankreich und aus arabischen Ländern. In Kabul wurde es Farhod und mir erlaubt, uns einige Male zu sehen“, fährt Nodira Usmonowa ihre Erzählung fort.

Rückkehr nach Tadschikistan

Die afghanische Regierung handelte human und wandte sich an die Herkunftsländer der ausländischen Insassen, um diese an ihre Heimatstaaten zu übergeben.

„Als erstes holten China und Frankreich ihre Staatsbürger zurück. Anfang Mai setzten sich dann Mitarbeiter des diplomatischen Dienstes von Tadschikistan mit uns in Verbindung. Ich habe gesagt, dass wir in unsere Heimat zurückkehren wollen und sie um Hilfe gebeten. Als wir aus dem afghanischen Gefängnis abgeholt und zum Flughafen gebracht wurden, fragte ich die Begleitpersonen nach dem Aufenthaltsort meines Mannes. Die Antwort fiel kurz aus: „Ihren Mann werden wir auch bald in die Heimat schicken“. Mehr konnte ich allerdings nicht über ihn in Erfahrung bringen. Wo er jetzt ist, weiß ich nicht“, sagt Nodira.

Lest auch bei Novastan: Usbekistan lässt Frauen und Kinder von IS-Kämpfern zurückkehren

Zurzeit hält Nodira sich in ihrem Heimatdorf auf und kommt nach dem durchlebten Albtraum erst nach und nach zu sich. Bei ihrer Rückkehr nach Tadschikistan wurde sie zunächst einige Tage von den Behörden befragt. Danach wurde sie freigelassen und ihr mitgeteilt, dass sie aufgrund ihrer Reumütigkeit und freiwilligen Rückkehr nicht strafrechtlich zur Verantwortung gezogen wird. Während unseres Gesprächs mit ihr, fing Nodira einige Male an zu weinen, als sie sich das Geschehene wieder in Erinnerung rief. Wir haben ihr möglichst wenige Fragen gestellten, auch weil sie zuvor alles schon mehrfach detailliert den tadschikischen Ermittlungsbeamten nacherzählt hatte. Deshalb setzten wir unser Gespräch mit den Vätern von Farhod und Nodira fort. Beide können nicht begreifen, wie so etwas mit ihren Kindern passieren konnte.

Die beiden Väter kommen zu Wort

„Ich habe in einer Schule gearbeitet, aber um sechs Kinder ernähren zu können, musste ich diese Arbeit aufgeben. Stattdessen habe ich ein Stück Land gepachtet und dort Reis und Tomaten angebaut“, sagt Nodiras Vater Abdukajum Kundusow, ein früherer Physiklehrer. „Nodira ist das fünfte Kind. Sie träumte davon, Krankenschwester zu werden. Aber aus familiären Gründen ging dieser Traum nicht in Erfüllung. Als Nodira 2006 die Schule beendete, wurde die Mutter krank und bettlägerig. Das geschah genau während der Hochphase der Aufnahmeprüfungen und der Erntezeit. Nodira musste den Platz ihrer Mutter einnehmen und uns auf dem Feld helfen. Später hat sie trotzdem noch einen dreimonatigen Kurs zur Familiengesundheitspflegerin absolviert, heiratete dann aber und zog mit ihrem Mann fort. Über acht Jahre hinweg reiste sie oft nach Russland und wieder nach Hause. Wir waren beruhigt, dass unsere Tochter etwas aus ihrem Leben macht. Sie und ihr Mann lebten ein gewöhnliches Leben und deshalb wollten wir uns auch nicht in die inneren Angelegenheiten ihrer Familie einmischen. Wenn sie wegreiste, stellten wir deshalb auch nicht viele Fragen. Wir haben nicht damit gerechnet, dass Farhod und ihr etwas Schlimmes zustoßen könnte….“

Farhods Vater Ilhom Usmonow

„Haben Sie ebenfalls nichts geahnt?“, fragen wir den Vater von Farhod, den 56-jährigen Ilhom Usmonow.

„Mein Sohn hat einen Abschluss in Musik, aber hier konnte er nicht arbeiten, deshalb ist er mit mir für Jobs nach Moskau gereist“, beginnt Farhods Vater. „2017 wurde ich krank und kehrte für ganze sechs Monate in die Heimat zurück. Als ich wieder nach Moskau reiste, waren Farhod und meine Schwiegertochter unauffindbar. Nodira war ihm nachgereist und auch verschwunden. Die Suche verlief ergebnislos. Einige Male setzte sich unser Sohn über mir unbekannte Nummern mit uns in Verbindung, aber die Anrufe waren kurz und er sagte nicht, wo er sich befindet und was er macht. Ich kehrte nach Tadschikistan zurück, ging selbst zu den Sicherheitskräften und erzählte alles, was mir bekannt war. Ein Jahr lang lebten wir in der Erwartung, von unserem Sohn oder den Sicherheitskräften zu hören. Vor zwei Monaten wurde mir endlich mitgeteilt, dass Farhod sich in Afghanistan befindet. Die Schwiegertochter mit den drei Kindern haben sie zurückgebracht. Sie wurde freigesprochen. Dafür bin ich den Mitarbeitern des Geheimdienstes sehr dankbar. Als sie sie zurückbrachten hieß es, dass auch Farhod hergeholt wird.“

Ratlosigkeit über die Motive des Sohnes

„Was denken Sie, warum geriet Ihr Sohn an den IS?“

„Wir sind alle bis jetzt schockiert! Farhod war ein sehr ruhiger und schweigsamer Typ. Er spielte Rubab (Saiteninstrument) und Gitarre. Er hat eine gute Stimme, sang und trat häufig auf unterhaltsamen Veranstaltungen auf. Während der Semesterferien fuhr er mit mir für Jobs nach Russland. Danach heiratete er und musste ab dem dritten Kurs zu einem Fernstudium wechseln. Er hat die Hochschule mit Auszeichnung abgeschlossen. Gebetet hat er nie, er hat sich nicht zur Religion hingezogen gefühlt. Farhod war ein sehr weltlicher Mensch. Niemand weiß, wie und wo sie ihn der Hirnwäsche unterzogen und wie sie ihn angeworben haben. Mir ist bekannt, dass einige unserer jungen Arbeitsmigranten in Russland ins Netz von Abgesandten terroristischer und extremistischer Gruppen geraten. Aber ich hätte niemals gedacht, dass sich unter ihnen auch mein Sohn befinden würde“, Farhods Vater schlägt die Arme über dem Kopf zusammen.

Lest auch bei Novastan: Wie Extremisten Arbeitsmigranten aus Zentralasien anwerben

Ilhom Usmonow hofft, dass sein Sohn schon nach Tadschikistan ausgeliefert wurde und sich jetzt in den Händen des Geheimdienstes befindet. Während der Vorbereitung dieses Artikels wurde bekannt, dass Kabul Duschanbe die letzte Gruppe tadschikischer Staatsbürger übergeben hat, die in afghanischen Gefängnissen ihre Strafe absaßen. Zum jetzigen Zeitpunkt befinden sich keine tadschikischen Staatsbürger mehr in afghanischen Gefängnissen.

„2012 verschwand mein mittlerer Sohn Fahriddin spurlos in Russland. Ich habe die Sicherheitskräfte über sein Verschwinden informiert, aber bis jetzt kein Wort mehr gehört und wir wissen nicht, wo er sich befindet. Ich will nicht noch einen Sohn verlieren… Ich glaube, dass Farhod es bereuen wird und Freiheit erlangt. Bestimmt hat er sich schon zu seiner Schuld bekannt und wird in Zukunft auf dem rechten Weg bleiben“, schließt Ilhom Usmonow.

Tilaw Rasul-sade für Fergana News

Aus dem Russischen von Marie Schliesser

Noch mehr Zentralasien findet ihr auf unseren Social Media Kanälen, schaut mal vorbei bei Twitter, Facebook, Telegram, Linkedin oder Instagram. Für Zentralasien direkt in eurer Mailbox könnt ihr euch auch zu unserem wöchentlichen Newsletter anmelden.

Nodira Usmanowas Mann schloss sich dem IS in Afghanistan an. Nun konnten die junge Frau und ihre Kinder nach Tadschikistan zurückkehren.
Tilaw Rasul-sade
Nodira mit ihrem Vater Abdukajum Kundusow
Tilaw Rasul-sade
Farhods Vater Ilhom Usmonow
Tilaw Rasul-sade
Jetzt Teilen:
% Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Captcha *