Bild einer jungen Frau, die sich traditionelle tadschikische Kleidung auszieht

Der Akt als Spiegel der Gesellschaft

Abseits der großen Kultur-Events hat 2018 vor allem eine Ausstellung die KünstlerInnen-Szene in Duschanbe bewegt und gespalten. Die junge Künstlerin Marifat Davlatova zeigte ihre neuen Werke, welche junge nackte Frauen darstellen. Lolisanam Ulugova versucht zu verstehen, warum diese Arbeiten in Tadschikistans eher säkularer Gesellschaft eine Kontroverse verursachten.

Der folgende Artikel erschien im englischsprachigen Original auf TransitoryWhite. Wir übersetzen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Nach der Auflösung der Sowjetunion und der Erklärung derUnabhängigkeit wurde Tadschikistan ein säkularer Staat. In den letzten Jahren hat Tadschikistans Regierung jedoch eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um die Ausbreitung islamischer, sozialer und kultureller Strukturen in der Gesellschaft zu verhindern. Dabei zielte sie besonders auf das Erscheinungsbild der BürgerInnen, vor allem auf das von Frauen in den ländlichen Gebieten des Landes, ab. Das Parlament ist dabei Kleidung zu verbieten, die dem traditionellen Geist Tadschikistans „fremd“ sei. Während sie einerseits das Tragen von dunklen Farben oder Kleidungsstücken wie Hidschab oder Niqab einschränkt, ist die Regierung andererseits auch gegen alles „westliche“, wozu sie Jeans, Miniröcke oder „freizügige“ Kleider zählt.

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Es ist mir wichtig, diese Tatsache zu erwähnen, obwohl sie kein zentrales Thema dieses Essays ist. Denn sie führt mich direkt zu dem Thema, auf das ich mich konzentrieren möchte – wie die moderne tadschikische Gesellschaft auf das Thema Nacktheit in der zeitgenössischen tadschikischen bildenden Kunst reagiert. Meiner Meinung nach können wir dieser Frage nachgehen, indem wir die Einzelausstellung der jungen Künstlerin Marifat Davlatova analysieren.

Feigenbaumblüte

Marifat Davlatova, Jahrgang 1993, ist eine Grafik-Künstlerin aus Tadschikistans Hauptstadt Duschanbe, die in einer Familie der tadschikischen Mittelschicht aufwuchs. 2016 machte sie einen Abschluss in Textildesign an der Technische Universität Tadschikistans. Ihr Werk besteht größtenteils aus figurativen Aquarellen – eine der anspruchsvollsten Techniken in der darstellenden Kunst – , die weibliche Nacktheit zum Thema haben. Ende August 2018 hatte Marifat Davlatova ihre erste Einzelausstellung „Feigenbaumblüte“ in Duschanbe. Diese enthielt auch einige Arbeiten, die Bilder weiblicher Nacktheit reflektierten. In ihnen konnte man auf eine auffällige Darstellung nackter weiblicher Körper stoßen und dabei gelegentlich auf ein paar sorgfältig mit Kleidungsstücken bedeckte Stellen stoßen.

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Die Frage der Nacktheit ist das Hauptthema für Davlatova. Sie hebt diese hervor, indem sie Nacktheit den Bildern vollständig bekleideter Frauen gegenüberstellt – zum Beispiel eine ältere Frau, die scheinbar aus einem ländlichen Teil des Landes kommt, ihre von Weisheit und Freundlichkeit durchdrungenen Falten, man könnte die eigene Großmutter in ihr erkennen; oder das blendende Bild einer tadschikischen Braut mit einem Tschador, dem traditionellen Umhang, der bei der Trauung getragen wird. Sie schaut perplex aus, da sie gezwungen wird, jemanden zu heiraten, den sie nie getroffen hat. Der Betrachter oder die Betrachterin würde nicht in der Lage sein, eine ethnische Tadschikin in ihr zu erkennen – ihre Haut ist seltsam hell und rötlich, ihre Augen sind smaragdgrün. Dies ist tatsächlich, wie die Künstlerin sich selbst darstellen möchte – entfremdet und von ihrem eigentlichen Aussehen entfernt, verängstigt, aber ungebrochen und bereit, für ihre persönliche und kreative Freiheit zu kämpfen.

Porträt einer älteren Dame in traditioneller tadschikischer Kleidung

Marifat projiziert alle Arten von Gefühlen in fast all ihren Werken. Es sind Bilder, die eine ganze Reihe von Emotionen vermitteln. Sie sind lebensbejahend, erfüllt mit einer Last aus den Turbulenzen des Lebens. Ihr Gemälde „Hoffnungslosigkeit“ porträtiert zum Beispiel eine junge halbnackte Frau, die als einziges Kleidungsstück die „Esor“ genannte traditionelle Satinhose trägt. Sie genießt es, barbusig zu sitzen. Wenn wir genau hinsehen, können wir beobachten, dass die Frau in völliger Einsamkeit raucht. Ihre Augen sind geschlossen, sie sieht erschöpft aus. Offensichtlich hat sie eine ganze Weile nicht geraucht und das macht Sie gierig auf diese eine Zigarette. Man könnte sich fragen, warum sie so hungrig danach ist. Die Antwort ist einfach, ob wohl sie eine komplexe soziale Natur hat: Viele Frauen in Tadschikistan sind Raucherinnen, die aber ihre Gewohnheiten verbergen müssen und in abgelegene Raucherbereiche ausweichen. Die staatlichen Gesetze haben nichts damit zu tun. Der Grund liegt in den lokalen Normen und Bräuchen, die auf patriarchalen Formen der Dominanz basieren und jede Frau, die raucht oder trinkt, verdammen. Aus Angst vor Verurteilungen verbergen sie ihre Freuden und Gewohnheiten, machen den Menschen, die ihnen am nächsten sind, etwas vor. Sie verbergen ihre Gewohnheiten vor Eltern und LehrerInnen und verdammen sich selbst dazu, diese für den Rest des Lebens außer Sichtweite zu halten.

Die tadschikische Gesellschaft und die Frage der Nackheit

Um zurück auf das Thema der Nacktheit zu kommen, möchte ich an das soziale Experiment erinnern, das die tadschikische Nachrichtenplattform 2019 Asia-Plus durchführte. Das Ziel war es zu vergleichen, wie die Öffentlichkeit die Werke von zwei einflussreichen KünstlerInnen wahrnimmt, die beide mit Nacktbildern arbeiten – Marifat Davlatova und Farrukh Negmatzade. Als Ergebnis zeigte die Umfrage eine deutlich voreingenommene Sicht auf weibliche Künstlerinnen im Vergleich zu ihren männlichen Pendants. Dies zeigt eine Realität der tadschikischen Gesellschaft, in der Männer Autorität und Macht erhalten, Nacktbilder zu produzieren, während Frauen dafür verachtet werden und ihr Tun als beleidigend bezeichnet wird. Ein Vorurteil in Bezug auf die Verbreitung hetero- und homosexueller Erotik in den Künsten. In seinen Werken verwendet Negmatzade eine konventionelle Sprache der Nacktheit – malerisch und märchenhaft. Davlatova hat im Gegenteil dazu einen realistischen und unkomplizierten Ansatz und versucht, ihre Arbeit für das Publikum verletzlich und zerbrechlich zu gestalten. Es scheint mir, dass die tadschikische Öffentlichkeit nicht für irgendwelche Anzeichen von „störender“ Nonkonformität bereit ist und lieber in einem sicheren Bereich der bedingten Metaphorik bleibt.

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Zweifellos gibt es eine gewisse Prämisse für Selbstdarstellung in Tadschikistan. Obwohl ich mich an keine hochkarätigen Skandale auf der Grundlage kreativer Äußerungen erinnern kann, die seit der Unabhängigkeitserklärung im Land stattgefunden hätten, spielt die Selbstzensur hier eine wichtige Rolle. Die gesamte kreative Gemeinschaft, insbesondere die ältere Generation, muss sich an die Regel halten, der Politik „nicht zu schaden“ und wagt es daher nicht, die tadschikische Gesellschaft mit „unangemessenen“ Worten oder Aktionen zu schockieren. Bei der Auswahl von Themen und Medien, die sich sowohl in der bildenden Kunst als auch beim Theater auf friedliche Landschaftsbilder, Stillleben, historische, monumentale und patriotische Themen konzentrieren, ziehen sie es vor, einen neutralen Stand zu wahren. Interessanterweise gab es im Fall von Davlatovas Ausstellung, weder offiziell durch den Staat geäußerte Unzufriedenheit noch offene Drohungen von den lokalen Behörden. Allein Herr Orumbekzoda, ein ehemaliger Kulturminister, meinte in einem kurzen Interview im Februar 2019, dass „die tadschikische Mentalität noch nicht für Ihre [bezogen auf Davlatova] nackten Körper“ sei.

Bild einer halbnackten jungen Frau

Tatsächlich kam alle negative Kritik von Frauen, „Wächterinnen der Domestizität“, die ihr vorwarfen, die als „Nomus“ oder „Imon“ bezeichnete Ethik zu verletzen. Diese umfasst eine Reihe gesellschaftlicher Normen, der unverheiratete Mädchen und Frauen folgen, und die von ihrer Umgebung auferlegt werden. Die Ehe spielt eine entscheidende Rolle in diesem Regelwerk, das vorschreibt, dass eine Frau ihren Körper nur ihrem rechtmäßigen Ehemann zeigen darf. Die Fixierung auf die Eheschließung hat dazu geführt, dass der „Status“ unter tadschikischen Frauen zu einem Begriff geworden ist, der sie auf der Grundlage von „niedrigem Status“ (unverheiratet) und „hohem Status“ (verheiratet) unterscheidet.

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Deshalb ist es für junge Frauen üblich, die Ehe über ihre Karriere oder höhere Bildung zu stellen. Verheiratete Frauen erhalten allen notwendigen Respekt dank des „hohen Status'“, während diejenige, die unverheiratet bleiben, aufgrund ihrer Unabhängigkeit einer respektlosen Behandlung gegenüberstehen, die so erschreckend für die gesellschaftliche Alltagsdynamik ist. Wenn in Tadschikistan eine Familie die Wahl treffen muss, ob sie in die Bildung eines Jungen oder eines Mädchens investiert, wählt sie oftmals den Jungen, nur weil man es für ein Risiko hält, ein Mädchen zu erziehen und in ihr Wissen zu investieren. Stattdessen verlässt man sich auf ihre erfolgreiche Ehe, weswegen der Status einer verheirateten Frau in die Köpfe der jungen Mädchen gehämmert wird.

Die Kunst als Werkzeug

Marifat Davlatova beleuchtet mit ihrer Arbeit ein wichtiges Thema der tadschikischen Gesellschaft – deren Intoleranz gegenüber jeder erotischen oder homosexuellen Darstellung durch die Dominanz patriarchaler Normen ausgelöst wird. Zutiefst fromm lehnt sie jegliche Versuche ab, den konventionellen Weg zu verlassen, was mich um Marifats Status als junge Künstlerin besorgt macht. Ihr Mut, einen weiblichen Körper darzustellen, stellt für Marifat Davlatova eine unbestreitbare Belastung dar. In den Augen der Öffentlichkeit „verletzt“ sie die Regeln ungeschriebener ethischer Gesetze, indem sie dem Publikum ihre radikalen Werke vorsetzt und damit einen Schatten auf den „Anstand“ der gesamten Generation junger Mädchen wirft.

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Tadschikistan hat noch einen langen Weg vor sich. Es muss große kulturelle und soziale Transformationen durchmachen, bevor es traditionelle visuelle Formen hinter sich lassen kann. Es ist klar, dass die Jugend unsere Zukunft ist. Doch um deren volles Potenzial zu entfalten, muss die Gesellschaft den Druck verringern, den sie jungen Menschen auferlegt. Und sie muss Kunst als Werkzeug akzeptieren, um Lösungen und Antworten für sich selbst zu finden – und zwar unabhängig. Kunst ist nicht nur ein ästhetisches Phänomen, sondern eine Synthese verschiedener gesellschaftlicher Prozesse. Sie ist Auflehnung, die über „Kunst um der Kunst Willen“ hinausgeht. Daher hoffe ich, dass es für das Publikum in Tadschikistan nur eine Frage der Zeit ist, die Fähigkeit zu entwickeln, einen konstruktiven Dialog mit KünstlerInnen wie Marifat Davlatova zu führen.

Lola Ulugova (Lolisanam) ist eine Kunstmanagerin und Journalistin aus Tadschikistan. Sie arbeitete an der Produktion des ersten 3D-Animationsfilms des Landes, mit dem Ziel, das Bewusstsein für Umweltfragen unter jungen ZuschauerInnen zu erhöhen. Bei „Nach dem Vorhang“ – eine Dokumentation, die intime Geschichten von tadschikischen Tänzerinnen erzählt, führte sie Co-Regie. Lolisanam arbeitete darüber hinaus an dem Performance-Stück „Jugend für die Herrschaft der Gesetze“, das sich gegen Folter und Gewalt einsetzt. Sie hat einen Master-Abschluss von der Universität Turin und einen Bachelor-Abschluss in Russischer Sprache und Literatur. Darüber hinaus war sie Global Cultural Fellow am Institute for International Cultural Relations der University of Edinburgh und nahm am Central Asian-Azerbaijan (CAAFP) fellowship program der George Washington University an der Elliott School of International affairs teil.

Der Text erschien im Original auf TransitoryWhite

Aus dem Englischen von Robin Roth

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Marifat Davlatova: Undressing
Marifat Davlatova (via TransitoryWhite)
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