Die Regisseurin Anisa Sabiri mit einem Film über tadschikische rituelle Musik

Die Künstlerin Anisa Sabiri beendet gerade ihr jüngstes Projekt: Ein Film über rituelle Musik in Tadschikistan, realisiert an der London Film School, wo sie gerade studiert. Ein Gespräch über musikalisches Erbe und künstlerische Perspektiven. Folgender Artikel erschien am 30. März in der tadschikischen Onlinezeitung Asia Plus. Wir veröffentlichen ihn mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.   

Die Junge tadschikische Regisseurin Anisa Sabiri arbeitet an ihrem neuen Dokumentarfilm „Die Rhythmen der verlorenen Zeit“. Der Film dreht sich um rituelle Musik in Tadschikistan.

Sabiri studiert an der London Film School in Großbritannien, wo sie dem Film den letzten Schliff verleiht.

Am Rande des Verschwindens

Dieser Dokumentarfilm hat einen ethnographischen Wert, weil es sich um musikalische Rituale handelt, die unser Volk trotz aller jahrhundertealten Höhen und Tiefen bis zum Gegenwart vermitteln und erhalten konnte“, erklärt Sabiri und bemerkt mit Trauer, dass diese Rituale heute am Rande des Verschwindens sind.

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Der Film erzählt zunächst nur über die Melodien der Einwohner der Regionen Berg-Badachschan und Sughd, so die Regisseurin. Sie plant auch einen zweiten Teil, in dem die  Zuschauer das musikalische Erbe anderer Regionen Tadschikistans kennenlernen können.

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Im ersten Teil, der mit Unterstützung der deutschen Botschaft in Tadschikistan und des Bactria-Kulturzentrums gedreht wurde, waren wir bemüht  ein internationales Team zusammenzubringen, das den mystischen, originellen Geist unserer Kultur vermitteln konnte. Der großartige russische Kameramann Alexei Wensos hat den Film innerhalb eines Monats gefilmt und der begabte rumänische Regisseur Ravsan Barsetti arbeitet an der Filmmontage. Auch der berühmte englische Musikproduzent  Leo Abrahams war am Film beteiligt“, so Sabiri.

Laut der Regisseurin sei der Film zudem untypisch für die tadschikische Filmindustrie, insbesondere für die moderne dokumentarische Filmkunst: „Der Film unterscheidet sich vor allem durch eine nichtlineare Dramaturgie. Dokumentarfilme werden bei uns meist im Fernsehformat gedreht, also wenn Zeugen und Experten die Information weitergeben, begleitet von  einem Voiceover. Ich verwende auch solche Elemente, aber sie nehmen keinen zentralen Platz ein“.

Eine Schule für Erwachsene

Sabiri, die in Tadschikistan bereits als Autorin und Dichterin einen gewissen Ruhm erlangt hat, studiert seit einem Jahr an der London Film School.

Die Schule unterscheidet sich in vielen Dingen von den traditionellen postsowjetischen Filmschulen, an die wir gewöhnt sind. […] Westliche Ausbildung ist für «erwachsene» Menschen ausgelegt. Niemand ist gezwungen, Vorlesungen nachzuschreiben oder Uniform zu tragen“, meint sie.

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So unterscheide die Filmhochschule nicht zwischen „guten“ und „schlechten“ Filmen, „kommerziellen“ und „Autoren-“ Filmen, „Kunst“ und „Nichtkunst“. Es werden lediglich unterschiedliche Ansätze zur Dramaturgie gelehrt. Dabei wählen die Studierenden selbst, ob sie die Regeln befolgen oder nicht.

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Sabiri betont, dass eine solche Herangehensweise und Studienoptionen gerade im zentralasiatischen Kontext wichtig wären: „Meiner Meinung nach gibt es nicht nur in Tadschikistan, sondern in ganz Zentralasien, die gefährliche Auffassung, wonach Studierende weniger Rechte haben als Lehrkräfte. Das widerspricht zudem einer echten orientalischen Vorgehensweise, bei der die Lehrer nicht lehren, sondern den Weg weisen“, kommentiert sie. „Es scheint, dass der Westen diese Methode übernommen hat, während wir sie verloren haben. Jetzt konzentriert sich alles bei uns auf manche Regeln, Konventionen und die Verurteilung von Andersdenkenden. Das schadet unserer Freiheit. Kreativität besteht aber nun mal aus Freiheit“.

Ein Bürgerkrieg nach Königsbuch

Nach ihrem Filmstudium möchte die Regisseurin mit einem anderen Film in ihr Heimatland zurückkehren. Auch hier wird es um wichtige tadschikische Motive gehen.

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Momentan arbeite ich intensiv am Drehbuch des Spielfilms „Sachchock“, nach Motiven aus der ‚Schahnahme (das „Königsbuch“, ein Klassiker der persischsprachigen Literatur, Anm. d. Ü.). Der Film ist mit den Geschichten über die Geschehnisse des tadschikischen Bürgerkriegs verknüpft. Es wird meine Diplomarbeit sein“, teilt die Regisseurin mit.

 „Wenn ich den Plan verwirklichen kann, so wird das ein Pilotprojekt, in dem Genres, Ereignisse, Sprachen und Sitten gemischt werden, eine Art ‚Turmbau zu Babel‘, ein ‚absurdes Theater“, schließt Sabiri ab.

Sarnigor Dadabajewa
Asia Plus

Aus dem Russischen von Aizhan Zhansultanova

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Anisa Sabiri beendet zurzeit einen Film über musikalische Praktiken in Tadschikistan
sabiri_as/ Instagram
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