Tasdschikische Migranten in Russsland

Die Tadschiken, Aussätzige in Russland

Der russische Anwalt tadschikischer Herkunft Izzat Aman beschreibt einen höllischen Alltag für die tadschikischen Migranten in Russland. Während das Land in einer tiefen Krise steckt, befinden sie sich in der Klemme. Der Anwalt Izzat Aman gibt Novastan einen Einblick in die Lebenswelt dieser Migranten. 

Seit dem Verbot der „Islamischen Partei der Wiedergeburt Tadschikistans“ in 2015 ist die tadschikische Opposition komplett aus dem politischen Geschäfts Tadschikistans ausgeschlossen. Die Partei diente als Hauptakteur der nationalen Aussöhnung mit der Partei des aktuellen tadschikischen Präsidenten, Emomalii Rahmon, nach dem Bürgerkrieg 1998, und spielte eine essenzielle Rolle über die Grenzen des Landes hinweg. Heute hat sich der Druck auf die Tadschiken in Russland, seien es Migranten oder Gegner des Regimes von Rahmon, erhöht.

Der Anwalt tadschikischer Herkunft Izzat Aman arbeitet in Russland steht der „Islamische Partei der Wiedergeburt Tadschikistans“ nahe. Er hat für Novastan seine Arbeit beschrieben: er verteidigt in Russland lebende Tadschiken. Diese befinden sich im Spannungsfeld zwischen der Diskriminierung der russischen Behörden gegenüber Migranten und der politischen Unterdrückung in ihrem Heimatland.

Durch Ihre juristische Tätigkeit informieren und verteidigen Sie oft die Rechte Ihrer tadschikischen Landsleute. Welche Ungerechtigkeiten geschehn ihrer Meinung nach am Häufigsten?

Wir helfen und verteidigen alle, unabhängig der Herkunft jedes einzelnen, ob es sich um Tadschiken, Usbeken, Kirgisen oder Kasachen handelt. Wir bekommen selbst Anfragen von Russen. Ich bekomme 300 Anrufe am Tag. Das ist eine ständige Anspannung. Ich bin Anwalt und meine Berufung ist es, den Leuten zu helfen – auch, wenn sie sich etwas vorzuwerfen haben.

Uns erreichen die meisten Gesuche aufgrund von unrechtmäßigen Verhaftungen. Ich gebe Ihnen ein Beispiel, das sich gerade ereignet hat. Eine tadschikische Familie mit einem Kleinkind wurde am Bahnhof von Moskau verhaftet und für 3 Stunden auf der Polizeistation von Zarizyno im Süden von Moskau festgehalten – für einen „Mord“. In Wirklichkeit hatte die Familie die kranke Großmutter im Alter von 68 Jahren mit dem Zug von Twer nach Moskau begleitet, um dann nach Duschanbe (die Hauptstadt Tadschikistans, Anm. d. Red.) zu fliegen. Auf dem Weg ist die Großmutter verstorben. Sobald die Familie in Moskau angekommen war, wählten sie den Notruf, der Leichnam wurde ins Krankenhaus gebracht und gleich im Anschluss daran wurde die Familie mit dem Kleinkind von der Polizei eingesackt. Ich musste beim Polizeichef intervenieren und ihm die Situation erklären, damit die Familie freigelassen werden konnte. In der Polizeistation hatte niemand versucht, die Situation zu verstehen; es handelte sich um Tadschiken und allein dadurch um ein Problem.

Sind die Hauptprobleme also die  Inkompetenz der russischen Polizei und die Stigmatisierung von Migranten?

Absolut. Waldimir Putin hat sich kürzlich selbst über die Arbeitsqualität der Richter empört, über die Absurdität der erlassenen Urteile… Wenn diese Fehlurteile häufig auf diesem Niveau ist, kann man nicht mehr nur von einfachen Fehlern in der Strafverfolgung sprechen.

Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel: eine Gruppe von jungen tadschikischen Arbeitsmigranten wird festgehalten für eine simple Ausweiskontrolle. Die Papiere sind gültig, aber man nimmt sie trotzdem für zusätzliche Überprüfungen mit auf das Polizeirevier. Sie werden ohne Grund für zwei Tage festgehalten, ohne ihre Familien erreichen zu können. Das Verwaltungsgericht Troitsky erlässt einen Ausweisungsbeschluss und nennt als Grund eine falsche Angabe über den Wohnsitz. Zu diesem Zeitpunkt wurde meine Hilfe angefordert, denn sie endlich ihre Angehörigen anrufen konnten. Kaum hatten sie ihren Ausweisungsbescheid bekommen, wurden sie zurück auf die Polizeistation gebracht und es wurde von ihnen ein Bußgeld in Höhe von 5.000 Rubel (80 Euro) pro Person verlangt. Das Gesetz erlaubt es Polizisten nicht, Zahlungen zu kassieren; diese Zuständigkeit liegt bei den Gerichtsvollziehern. Es wäre erforderlich gewesen, dass ich ihnen das Einmaleins des Zivilgesetzbuches und des Verfassungsrechts erkläre, um sie freizubekommen. Wir haben es dennoch geschafft, Berufung bei der ersten Verurteilung einzulegen und haben den Prozess gewonnen.

Sie sind ursprünglich tadschikischer Herkunft und besitzen die russische Staatsangehörigkeit. Sie wohnen und arbeiten in Moskau. Spüren Sie eine rassistische Diskriminierung Ihnen gegenüber? Falls ja, wie drückt sich diese aus?

Ich spüre dies jeden Tag, an jeder Straßenecke. Selbst wenn Sie Anwalt oder Lehrer sind, bleiben Sie in den Augen vieler Russen ein „Tschurka“ (ein abwertender und beleidigender Begriff, mit dem Staatsangehörige aus Zentralasien und dem Kaukasus bezeichnet werden, Anm. d. Red.). In meinem Berufsleben bin ich oft mit einem offenkundig rassistischen Verhalten der russischen Richter konfrontiert, die sich wundern, einen tadschikischen Anwalt zu sehen, der vor Ihnen verhandelt.

Der russische Anwalt mit tadschikischer Herkunft Izzat Aman am Ufer des Neckar in Heidelberg (Deutschland).

Während eines Gerichtsprozesses, als ich meinen Mandanten verteidigte, fragte mich ein Richter, was ich hier täte und ob ich nicht darüber nachdenken sollte, nach Tadschikistan zurückzukehren. Es sind diese Menschen, die auf den ersten Blick gebildet wirken, die sich diese Art von Kommentaren erlauben.

Es ist nicht ungewöhnlich, von den Russen Ideen über ansteckende Krankheiten zu hören, die typisch für zentralasiatische Kinder seien, oder auch die Idee, dass die Migranten alle AIDS hätten… Woher kommt Ihrer Meinung nach diese Feindseligkeit?

Nationalismus ist der russischen Bevölkerung innewohnen. Das nicht erst seit gestern. Der Hass, der sich heute manifestiert, ist das Produkt einer Gehirnwäsche, die von den Medien organisiert und vom Kreml instrumentalisiert wird. Denken Sie an den Satz von Rogosin, der dritte Mann innerhalb des russischen Staates. Er hat einmal gesagt: „Man muss die Stadt von ihrem Müll befreien.“ Genau das ist die offizielle Politik der Regierung geworden.

Wie funktioniert das Zusammenleben zwischen den gebildeten Tadschiken, die der gut in die russische Bevölkerung integrierten Elite angehören und der am stärksten gefährdeten Gruppe der tadschikischen Bevölkerung, wie den armen Arbeitsmigranten? Gibt es eine gegenseitige Unterstützung zwischen diesen beiden Gruppen?

Nein, in Moskau ist jeder für sich. Es gibt diesen sehr richtigen Satz: „Moskau glaubt den Tränen nicht“. Wissen Sie, ich denke hierüber viel nach und ich glaube, es gibt zwei Faktoren, die die tadschikische Bevölkerung vereinen könnten – das ist die Religion (der Islam, Anm. d. Red.) und die Volkszugehörigkeit. Leider sind diese beiden Faktoren momentan weder unter denen, die in Tadschikistan sind, noch unter denen in Russland, verbreitet. Erinnern wir uns an den Ablauf des Bürgerkries 1991 in Tadschikistan. Wir haben fast 200.000 Menschen verloren und das Schlimmste war, dass wir uns gegenseitig umgebracht haben.

Um die Situation heute zusammenzufassen, reicht es, zur tadschikischen Botschaft in Moskau zu gehen und die hunderttausenden Menschen zu sehen, die jeden Tag hierherkommen: Leute, die Hilfe suchen. In der Umgebung der Botschaft werden sie von Dealern erwartet, die ihnen falsche Papiere für einige Tausend Rubel verkaufen. Und all dies geschieht unter den Augen des Konsuls.

Sehen junge Tadschiken ihre Zukunft in Russland?

Wissen Sie, die Partei Gruppe 24 (eine Organisation, die in Tadschikistan als terroristisch angesehen wird; Anm. d. Red.) hat in 6 Monaten Tausende junge Tadschiken zusammengebracht. Warum? Die jungen Leute finden sich in Rahmons Regime nicht wieder. Jene, die in Russland arbeiten, versuchen um jeden Preis, dort zu bleiben, während diejenigen, die im Land bleiben, dies aufgrund von Mittellosigkeit tun und nicht, weil sie die Regierung unterstützen.

Umarali Kuwatow, der Parteichef der Gruppe 24, der sich dem Regime Rahmons entgegengestellt hat, wurde im letzten Jahr in der Türkei umgebracht. Maksud Ibragimow, Chef der „Partei Youth for Tadjikistan Revival“ vegitiert im Gefängnis in Tadschikistan aufgrund von „Extremismus“ vor sich hin, nachdem er in Russland festgenommen und nach Tadschikistan überstellt wurde. Der Anwalt Buzurgmehr Jerow wurde zu 17 Jahren Gefängnis verurteilt, weil er die „Islamische Partei der Wiedergeburt Tadschikistans“ verteidigt hat. Sie selbst gehören keiner politischen Bewegung an. Haben Sie dennoch Angst um Ihre Sicherheit?

Ich erhalte sehr oft Drohungen. Als sehr aktiver Nutzer von sozialen Netzwerken prangere ich regelmäßig Ungerechtigkeiten auf meiner Facebook-Seite an. Einmal rief ich Zentralasiaten dazu auf, sich in ihren jeweiligen Hauptstädten zu versammeln, um die Aggressionen russischer Skinheads, deren Opfer wir Staatsangehörige Zentralasiens in Russland sind, zu verurteilen. Diese Veröffentlichung wurde von einem gewissen Nikolai Nikolajew geteilt, ein Blogger und Mitglied einer nationalistischen russischen Gruppierung und angeblicher Gegner von Putin. Ich wurde dann auf den nationalen Netzwerken von Nationalisten und Skinheads angegriffen, die ihre Drohungen ebenfalls per SMS; Mail und Telefon laut werden ließen… Daraufhin hatte ich eine starke Auseinandersetzung mit diesem Nikolajew und es hat sich beruhigt. Bezüglich des tadschikischen Geheimdienstes, ja, den zähle ich als meinem fleißigen Leser auf Facebook. Agenten rufen mich regelmäßig an, aber das ist alles nicht so ernst…

Sie sind also immun gegen diese Drohungen? 

Wissen Sie, ich habe nichts mehr zu verlieren. Ich bin bereit für alles. Seitdem auch angesehene Personen wie Said Saidow (ehemaliger Präsident des Verbands der Geschäftsleute Tadschikistans und Gründer der „Partei Neues Tadschikistan“, Anm. d. Red.) oder Buzurgmehr Jerow verhaftet worden sind, habe ich vor nichts mehr Angst. Wer bin ich im Vergleich zu Said Saidow?

Die wiederholten Verhaftungen schwächen die tadschikische Opposition und spalten sie. Existiert Ihrer Meinung nach noch ein harter Kern politischer Oppositioneller, der eine Alternative zum derzeitigen Regime darstellen könnte?

Ich würde sagen, dass dies die „Islamische Partei der Wiedergeburt Tadschikistans“ und ihr Parteichef Muchiddin Kabiri ist. Ich glaube an sein Potenzial. Man kennt und respektiert sich gleichermaßen, obwohl ich nicht in seiner Bewegung engagiert bin.

 Der Anwalt Izzat Aman (links) zusammen mit Muchiddin Kabiri, Chef der Islamischen Partei der Wiedergeburt Tadschikistans, der im Exil lebt.

Tatsächlich ist dies eine politische Partei, deren Name geändert werden sollte. Ich habe dies Kabiri bereits vor längerer Zeit vorgeschlagen. Das Programm müsste ebenfalls geändert und modernisiert werden, denn die Zeiten haben sich geändert. Man sollte nicht mehr von Dschihad oder Revolution sprechen. Präsident Rahmon versäumte nicht eine Gelegenheit, um seinen Stolz zu verkünden, eine islamische Partei im Parlament sitzen zu lassen. Diese „islamische“ Seite erlaubt es dem aktuellen Regime darüber hinaus, mit dem Finger auf sie zu zeigen und des Terrorismus zu bezichtigen. Tatsächlich ist Karibi friedlich und hätte niemals auf gewalttätige oder militärische Mittel zurückgegriffen. Schauen wir, was sich in Tunesien ereignet hat, der arabische Frühling. Ich würde es auch mögen, wenn mein Land reformiert würde. Aber solange die Bevölkerung dies nicht beschließt, kann keine Partei ändern, was ist.

Interviewt per Telefon von Assel Kipchakova für Novastan
Aus dem Französischen übersetzt von Agnes Lüdicke

Illustration: Tadschikische Migranten in Russland
DR
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