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Tadschikistan: Der unvergessliche Horror des Bürgerkriegs

Am 27. Juni jährt sich die Unterzeichnung des Friedensvertrags, der fünf Jahren Bürgerkrieg in Tadschikistan ein Ende setzte, zum 20. mal. Während der Präsident sich immer mehr Macht aneignet, sind die Erinnerung an den Horror des Krieges noch immer präsent, und die Bevölkerung driftet zunehmend in eine kollektive Lethargie ab. Folgenden Artikel von Radio Azattyk übersetzen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

In Tadschikistan wird wie in einem Familienunternehmen regiert. Der Präsident Emomalii Rachmon ist de facto Staatschef seit dem Beginn des tadschikistanischen Bürgerkriegs, der von Mai 1992 bis Juni 1997 andauerte. Nach dem Ende des Kriegs schaltete er seine politischen Gegner nach und nach aus. Heute besetzen seine erwachsenen Kinder hohe Regierungsposten.

Tadschikistan ist das ärmste Land Zentralasiens, während die Korruption dort zunimmt. Jährlich reisen hunderttausende Tadschiken wegen des Arbeitsmangels als Arbeitsmigranten nach Russland.

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Einige denken, das Land entwickele sich in die falsche Richtung. Viele Beobachter fragen sich, warum die große Mehrheit der Bevölkerung Tadschikistans die Exzesse der Elite still hinnimmt.

Von Demonstrationen zum Bürgerkrieg

Dabei ist die Antwort einfach: Die Erinnerung an den Bürgerkrieg.

Die jüngere Generation kennt den Krieg nur aus Erzählungen. Doch die, die ihn erlebt haben, sind bereit, vieles zu ertragen, um einem weiteren Krieg zu entgehen.

Emomalii Rachmon Duschanbe Tadschikistan

Der Krieg begann auffolge von Demonstrationen gegen das Ergebnis der Präsidentsschaftswahl im Vorjahr in Duschanbe im Frühling 1992. Gegen die Regierung gruppierte sich die Vereinte Tadschikische Opposition (VTO) aus einer Koalition von Demokraten, Islamisten und lokalen ethnischen Minderheiten.

Die ersten Monate des Kriegs verliefen chaotisch, führten zum Sturz des Präsidenten Rachmon Nabijew und brachten im Dezember 1992 den Sowchos-Direktor (Direktor eines sowjetischen landwirtschaftlichen Großbetriebs, Anm. d. Ü.) Emomalii Rachmonow (später Rachmon, Anm. d. Ü.) mit Unterstützung von regierungstreuen Kriegsführern an die Staatsspitze.

Schokierende Verluste

Die meisten Kämpfe fanden in Bergstädten und -dörfern im Osten Duschanbes statt, von denen zuvor kaum jemand gehört hatte. Solche wie Komsomolabad (heute Nurobod), Gharm und Tawildara. Diese Gegenden waren die Arenen ununterbrochener Kriegshandlungen.

Die Verluste waren riesig, besonders im Verhältnis zur damaligen Bevölkerung von weniger als sechs millionen Menschen. In manchen Wochen kamen in ein bis zwei Wochen mehrere Hundert Soldaten um, überwiegend aus den Reihen der Regierungstreuen Kräfte. Insgesamt kostete der Krieg 50 bis 100.000 Menschen das Leben.

Die ständigen Versuche, Waffenstillstand einzuführen, wurden selten länger als 24 Stunden eingehalten. Nur die Vereinbarungen zum Austausch der Körper gefallener Kämpfer brachten zeitweise Waffenruhe, allerdings nur in ein oder zwei Gebieten.

So führte sich der Krieg über ganze fünf Jahre fort.

Ausländische Akteure

Das westliche Nachbarland Usbekistan schloss seine Grenze vor den Flüchtlingen aus Tadschikistan und das nördlich gelegene Kirgistan erlaubte ihnen nur den Transit durch sein Territorium. Zehntausende Bürger Tadschikistans und viele bewaffnete Kämpfer der VTO entschlossen sich zur Flucht nach Afghanistan, wo zeitgleich auch ein Bürgerkrieg tobte.

Die Regierungstreuen Kräfte erhielten Unterstützung durch die russischen Grenzbeamten der 201. Division des Russischen Heers, die nach dem Zerfall der Sowjetunion in Tadschikistan geblieben war. Die Grenzbeamten beteiligten sich an Gefechten mit VTO-Kräften, die versuchten, aus Afghanistan erneut nach Tadschikistan einzudringen.

Moskau leugnete die Teilnahme der Soldaten der 201. Division an Kriegshandlungen in Tadschikistan. Aber nur die Russische Armee besaß das nötige Material, um Luftangriffe gegen Positionen der VTO zu fliegen.

Usbekistan entsendete Soldaten, gefolgt von Kasachstan und Kirgistan. Gemeinsam mit Russländischen Divisionen fungierten sie als Friedenstruppen der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS).

Die VTO unterschied kaum zwischen den Friedenstruppen und den tadschikischen Regierungstruppen. Sie führten Angriffe gegen sie durch und verübten Anschläge auf sie fern von den Kriegsschauplätzen oder brachten in verschiedenen Städten, darunter auch Duschanbe, ihre Fahrzeuge zur Explosion.

Die Schwäche der Regierungspositionen

Die regierungstreuen Truppen verhielten sich kaum besser, besonders die als „Volksfront“ bekannten Divisionen. Die Anführer dieser Gruppierungen handelten wie Kriegsherren.

In Tursunsoda, wo sich die größte Aluminiumfabrik Zentralasiens befindet, spielten sich viele Gefechte ab. Diese stoppten erst, als der Oberst Machmud Chudajberdijew mit der ersten Brigade der tadschikischen Armee sie unter seine Kontrolle brachte. Chudajberdijews Trupp war die am besten bewaffnete und ausgebildete militärische Einheit Tadschikistans. Der junge Befehlshaber nutzte Tursunsoda 1996 zweimal als Stützpunkt, um nach Duschanbe vorzurücken und Regierungswechsel zu fordern.

Die Position der Regierung war schwach und Rachmon blieb nichts anderes übrig, als den Forderungen stattzugeben und Chudajberdijew zum Stellvertretender Befehlshaber der Präsidentengarde zu machen. Letzterer wurde schließlich im Folgejahr aus dem Land gejagt.

Auch weitere Divisionen der tadschikischen Armee waren undiszipliniert. Im Dezember 1996 wurden zwei Gruppen Militärbeobachter der UNO auf dem Weg nach Gharm am Kontrollpunkt der Regierung angehalten. Die Soldaten mobbten sie, stellten sie auf einem Feld in eine Reihe und inszenierten eine Exekution, bei der sie über ihre Köpfe schossen.

Es gab auch andere Gruppen wie die Bande der Sadirow-Brüder. Im Februar 1997 nahm Bachrom Sadidow Mitarbeiter der UNO und des Roten Kreuzes, russische Journalisten und den Sicherheitsminister Sadimir Suchurowa als Geiseln, um den sicheren Durchgang für seinen Bruder und weitere Bandenmitglieder von Afghanistan nach Tadschikistan zu garantieren.

Die Regierung musste einlenken und die Geiseln wurden schließlich befreit. Überraschenderweise vereinigten sich später die Regierungstruppen mit denen der VTO gegen die Gruppe der Sadirow Brüder.

Minen Tadschikistan Bürgerkrieg

Auch die Zivilbevölkerung und öffentliche Persönlichkeiten vielen ständig Morden zum Opfer. Das religiöse Oberhaupt Fatchullo Scharifsoda und seine Familie wurden im Januar 1996 erschossen und der 65-jährige Rektor der duschanbiner medizinischen Schule Jusuf Iskhaki wurde im Mai desselben Jahres ermordet. Während des Bürgerkriegs wurden insgesamt mehr als 40 Journalisten getötet.

Die Leiden der Zivilbevölkerung

Die Bevölkerung litt im Alltag an der Nahrungsmittelknappheit. In der Sughd-Region, im Ferganatal, war es im Vergleich zum Rest des Landes relativ ruhig. Aber der Mangel an Nahrungsmitteln führte im Mai 1996 zu Demonstrationen in Ura-Tjube (heute Istarawschan) und in Chudschand. Die Regierungskräfte eröffneten das Feuer und es gab mehrere Tote.

Ende Juli desselben Jahres brach ein weiterer Aufruhr in Chorog, im tadschikischen Pamir, aus. Die dorthin geflüchteten Einwohner Zentraltadschikistans demonstrierten gegen die Besteuuerung von lebenswichtigen Gütern. Der Protest führte zum Tod von drei Menschen.

Es gab auch Ausbrüche von Typhus, das sich wegen der schlechten Qualität der Medizin im Land verbreitete.

Nach der Unterschrift des Friedensvertrags gab es weitere blutige Vorfälle. Allmählich beruhigte sich die Lage allerdings.

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Der Konflikt traf das ganze Land und ist bis heute spürbar. Die meisten Einwohner Tadschikistans erinnern sich bis heute daran. Sollte jemand den Krieg doch verdrängt haben, so wird er auf jeden Fall von der Regierung daran erinnert. Vor allem vor den Wahlen zwischen der bestehenden Regierung und dem vermeintlichen Risiko eines weiteren Krieges.

Bruce Pannier, Salimschon Ajubow und Alissa Walsamaki
Radio Azattyk

Aus dem Russischen übersetzt und ergänzt von Florian Coppenrath

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