XB Mawzer

Arslanmuhammed Nasarow: Rap ist in Turkmenistan noch nicht angekommen

Rap und Hip-Hop gibt es in Turkmenistan schon lange. Was die Szene ausmacht und welche Perspektiven es gibt, erzählt Arslanmuchammed Nasarow in einem Interview für die Alternativen Nachrichten Turkmenistans“ („Alternativnye Novosti Turkmenistana“). Novastan gibt das Gespräch in einer gekürzten Übersetzung wieder.

Die westliche Hip-Hop- und Rap-Kultur erreichte Turkmenistan zu Beginn des neuen Jahrhunderts. Illegal kopierte Kasetten und CD’s von Eminem und Detsl (russischer Rapper der frühen 2000er, Anm. d. Red.) gingen in Aschgabat von Hand zu Hand. Jugendliche holten sich blaue Knie und Ellenbogen in Break-Dance-Battles zum Hit „Freestyler“ der finnischen Gruppe „Bomfunk MC“. Die Hip-Hop- und Rap-Szene Turkmenistans begann sich zu entwickeln. Eine erste Generation von Interpreten kam auf, die ihre eigenen Worte auf berühmte westliche Beats schrieben.

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Nach Einschätzung von Arslanmuchammed Nasarow – einem jungen Hip-Hop-Interpreten, seinen Fans besser bekannt unter dem Pseudonym XB Mawzer – hat sich dieser lockere Umgang mit dem Plagiat bis heute erhalten.

Arslan, wie alt sind Sie, wo kommen Sie her und wo leben Sie jetzt?

Salam! Ich bin 22 Jahre alt, komme aus Aschgabat, lebe mittlerweile aber schon sechs Jahre in Ankara. Ich habe hier mein Studium beendet und mich entschieden, zu bleiben.

Was bedeutet Ihr Pseudonym?

Am Anfang habe ich mich nur XB genannt, aber 2013 habe ich dann noch das Wort Mawzer hinzugefügt. X bedeutet „nein“, B kommt von „Beat“, also zusammen: Kein Beat. Mawzer ist einfach ein schönes Wort aus dem Arabischen. Es hat mehrere Bedeutungen: Vulkankrater oder ein Ort, wo der Schuss aus einer Waffe eingeschlagen ist.

Seit welchem Alter rappen Sie? Wie kamen Sie in die Szene, und warum haben sie sich gerade für diese Musikform entschieden?

Musik mache ich, seit ich 6 Jahre alt bin. Ich bin zum ersten Mal als Schüler aufgetreten. Natürlich habe ich nicht gleich mit Hip-Hop angefangen. Zuerst habe ich Schlager und Volkslieder gesungen. Musik und Gesang habe ich in der Schule gelernt, mit der Zeit habe ich mein musikalisches Repertoire erweitert. Schließlich habe ich mich dann für den Hip-Hop entschieden.

In dem Genre kann man den Hörern in 32 Zeilen wiedergeben, was einen beschäftigt, seine Gefühle und Zweifel. Von Anfang an habe ich das auf die Bühne gebracht, was in meinem Leben passierte, habe mir nichts ausgedacht. Ich diktiere dem Publikum aber auch nicht irgendeine Wahrheit, sondern überlasse die Entscheidung ihnen. Oft mixe ich Pop mit Hip-Hop, das Angenehme mit dem Harten. Der beste Platz auf der Welt ist für mich in meinem Studio, wo ich arbeite, mit einer Schale grünem Tee.

Im Westen thematisiert man im Hip-Hop oft Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Gesellschaft – was thematisiert der turkmenische Rap? Wann entstand er? Und wie unterscheidet er sich von den westlichen Varianten?

Der turkmenische Hip-Hop hat momentan keine gute Phase. Es geht nur ums Geld, jeder Interpret bringt das raus, was der Werbeagent sich wünscht. Den echten Hip-Hop der alten Schule gibt es nicht mehr. Wenn überhaupt, dann kann man diesen alten Stil noch bei Asat Orasow hören, aber seine Perfomance ist kaum professioneller, als die der anderen. Im Show-Business hierzulande und besonders bei diesem Interpreten findet man viele Plagiate. Andererseits hat das turkmenische Publikum erst durch Asat Orasow erfahren, was Rap ist.

Der turkmenische Rap teilt sich für mich in zwei Gruppen: Eine von ihnen schreibt ausschließlich Liebeslieder. Die Zweite nenne ich oldschool, den echten Rap. Es sind talentierte junge Rapper dazugekommen, aber bis heute schaut man in Turkmenistan skeptisch auf sie und auf die gesamte Rapszene. Wenn jemand etwas Schlechtes tut, wird das als alltäglich hingenommen, aber kaum schreibt man ein paar Zeilen über dieses Ereignis und performt sie, ist der Skandal perfekt. Dabei ist Hip-Hop Kunst, es ist die Wiedergabe der Welt, der Realität, in der wir alle leben. Es ist interessant, zuzuhören, und noch interessanter, sich selbst darin wiederzufinden. Ich weiß, dass die Welt groß ist. So Gott es will, werden sich in Turkmenistan die Türen für den Rap öffnen und die Rapper mehr Konzerte geben.

Die Plagiatsproblematik zieht sich durch die gesamte turkmenische Popszene. Nur wenige schreiben nicht nur ihren Text, sondern auch ihre Musik selbst. Woran liegt das?

Das ist ganz einfach: Die turkmenischen Popkünstler wollen schnell und auf einfache Weise reich werden. Traurig ist, dass die, die wirklich etwas zu sagen hätten, sich vor ihren eigenen Gedanken fürchten, und alle anderen haben weder Einsicht noch Gewissen. Wenn jemand einen neuen Rap-Track schreibt und aufführt, dann denken alle anderen nur darüber nach, wie sie das Thema klauen, modifizieren und als ihr Produkt ausgeben können.

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Heutzutage gibt es wirklich wenige in der Pop-Kultur Turmenistans, die sowohl Text als auch Musik selbst schreiben.Das sind vielleicht 30 Prozent, der Rest kopiert von anderen Künstlern, was eine Verletzung des Urheberrechts darstellt. Aber diese Form des Diebstahls wird weder von den Tätern noch von den Gesetzeshütern als Straftat angesehen. Das Gesetz kommt überhaupt nicht zur Geltung. [Laut dem Strafgesetzbuch Turkmenistans zieht eine Verletzung des Urheber- oder Patentrechts eine Geldstrafe oder Verurteilung zu gemeinnütziger Arbeit über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren nach sich, Anm. d. Red.]

Warum interessiert sich die Mehrheit der Turkmenen nicht für Rap? Liegt das an der Kultur, an der Mentalität? In den sozialen Medien findet man viele Videos, in denen Turkmenen Rap, unter anderem aus Turkmenistan, im Auto hören.

Ja, in erster Linie hat Rap einfach überhaupt nichts mit der Kultur und Mentalität der Turkmenen zu tun, deshalb hat das Genre vielen nicht gefallen, man hat es nicht akzeptiert. Aber ich bin mir sicher, dass der Rap für die Kultur Turkmenistans eine Art Revolution geworden ist. Die Turkmenen haben nicht viel mit dem Westen zu tun, wo der Rap entstand. Andererseits gab es in der Kultur unseres Volkes bereits im Altertum eine Art „Rap“.

Clip Rap Turkmenistan

Im Ernst, natürlich hieß das Ganze nicht „Rap“, das ist ein Fremdwort für uns. Aber schon viel früher haben die Turkmenen Lieder aufgeführt, sogenannte Dastans, in denen sie den Zuhörern ihre Gedanken, Gefühle und Probleme mitteilten. Die turkmenischen Bachschi  trafen sich zu Versammlungen, oder wie man heute sagen würde: zu Battles, bei denen die Zuschauer die Jury bildeten. Die Dastan-Redner traten in verbalen Duellen unter Begleitung der Dotar gegeneinander an und versuchten, mit ihren Gedächtnisleistungen und ihrem Wortschatz das Publikum zu beeindrucken und natürlich ihr Gegenüber zu besiegen. Der Sieger erhielt nicht nur den Applaus der dankbaren Zuhörer, sondern darüber hinaus wertvolle Preise. Natürlich nannte damals unsere Bachschi-Redner noch niemand „Rapper“, aber im Prinzip waren sie genau das.

Gibt es im heutigen Turkmenistan Rap-Battle?

Nicht offiziell. Aber von 2015 bis 2017 habe ich zwei Battles im Internet organisiert, um dem Publikum junge Rap-Interpreten vorzustellen. Ich bin Administrator der Seite 100de100hiphop.com [seit 2017 ist diese Seite durch die Regierung Turkmenistans blockiert, Anm. d. Red.]. Wir haben es geschafft, gute Rapper der neuen Schule hochzubringen, die seitdem selbstständig ihren Weg weiter gehen.

Wie bringen die turkmenischen Rapper ihre Werke an die Öffentlichkeit? Gibt es offizielle Konzerte, private Auftritte?

Offizielle Konzerte gibt es auch nicht. Es gibt sogenannte „interne Treffen“. Im August habe ich ein paar Konzerte in mehreren Regionen Russlands geplant, in den nächsten Tagen kann ich das öffentlich machen. Es gibt Künstler bei uns, die mit ihren Rap-Auftritten berühmt werden, aber die wenden sich dann von ihren Fans ab, werden hochmütig. Man sollte die Nase nicht zu hoch tragen, nur weil man gerade Geld hat und berühmt ist – besser ist, man bleibt, wie man ist. Stolz und Hochmut und fehlende Bereitschaft, seine Kunst kritisch zu hinterfragen, können auch die Entwicklung der Kunst insgesamt negativ beeinflussen.

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Es gibt im Land auch keine Möglichkeit, für die Verbreitung des Genres zu werben. Damit die Welt vom turkmenischen Rap hört, überhaupt von den Turkmenen, braucht man eine eigene offizielle Plattform für die Erstellung von Werbevideos, man braucht thematische Seiten, Gruppen, Forums, Manager… Ich weiß nicht, vielleicht kommen ja tatsächlich irgendwann gute Zeiten für Hip-Hop und Rap.

Wie würden Sie den typischen Rap-Hörer in Turkmenistan beschreiben? Wie alt ist er etwa?

Es gibt kein bestimmtes Durchschnittsalter für Rap-Fans. Ich weiß, dass es Leute gibt, die über 45 sind und meine Lieder in ihrem Auto hören. Als ich das erfuhr, hab ich mich echt gefreut. Mir hat das gezeigt, dass alle Generationen Zugang zum Hip-Hop haben können. Es gibt keinen Unterschied zwischen Alt und Jung. Wem es gefällt, der hört Rap. Aber ich merke schon, dass die Mehrheit im Alter von 18-30 ist.

Wie sehen Sie die weitere Entwicklung der Hip-Hop-Kultur in Turkmenistan?

Ich kann nur von mir reden: Ich persönlich werde, wenn alles klappt, noch lange nicht damit aufhören. Ich glaube, das ist alles in der Entwicklung, und hoffe, dass die Rap- und Hip-Hop-Kultur den Platz findet, der ihr gebührt, dass sie in der musikalischen Landschaft Turkmenistans auf eine Ebene mit der Popmusik kommt. Es ist auch jetzt schon nicht schlecht. Aber die weitere Entwicklung dieser Musikrichtung hängt nicht von großen Fantasien irgendeiner Person ab, sondern von der Anzahl der echten Songs. Erst dadurch kann sich der Hip-Hop in Turkmenistan richtig entwickeln.

Was braucht es für die vollwertige Entwicklung dieser Szene in unserem Land?

Es muss viel getan werden. Wir brauchen zum Beispiel Produktionszentren, die die Organisation von Battles und Konzerten übernehmen. Wir brauchen eine Art Vereinigung der turkmenischen Rap-Szene, oder eine Gesellschaft, die den Künstlern bei Werbeaktionen hilft und Konzerte und andere Veranstaltungen im Rap-Bereich ankündigt. Außerdem sollten Rapper Zugang zu den Konzertsälen haben und im nationalen Fernsehen auftreten. Wenn das alles passiert, dann wird die Rap-Kultur in Turkmenistan endgültig ankommen. Vielleicht erleben wir das nicht mehr, aber wir können auf jeden Fall sicher sein, dass es die Generation nach uns erlebt.

Die Redaktion von Alternatiwnye Novosti Turkmenistana

Aus dem russischen von Katharina Kluge

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Der turkmenische Rapper XB Mawzer
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Ausschnitt aus dem Videoclip zu „Demir Tiken“ (Stacheldraht) von Rappern aus Türkmenbaschi
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