Marktszene in Aschgabat

Hat Turkmenistan die Coronavirus-Epidemie wirklich unter Kontrolle?

Während Turkmenistan versichert, keine Fälle von Covid-19 zu haben, bleibt es schwierig zu erkennen, was wahr oder falsch ist. Eine Mission der Weltgesundheitsorganisation (WHO) soll in den nächsten Tagen in Aschgabat eintreffen, um die Epidemie und deren Bewältigung durch die turkmenischen Behörden zu bewerten.

Unsere KollegInnen von Novastan France haben in ihrer kostenpflichtigen Rubrik décryptage (dt.: Entschlüsselung) eine Analyse vorgenommen, die wir mit freundlicher Genehmigung übersetzen.

Die Situation ist gelinde gesagt verdächtig. Während die Coronavirus-Epidemie die ganze Welt umfasst, gehört Turkmenistan nach offiziellen Angaben zu den 12 Ländern weltweit, die keine Fälle zu vermelden haben. Der bevorstehende Besuch der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Land könnte für mehr Klarheit sorgen.

Hans Kluge, Direktor des WHO-Büros für Europa und Zentralasien, sagte am 3. Juni in einem Interview mit dem russischen Auslandsmedium Sputnik, dass die WHO-Mission in Turkmenistan innerhalb von zwei Wochen stattfinden werde. Laut Chronicles of Turkmenistan, einem aus dem Ausland arbeitenden, oppositionellen turkmenischen Nachrichtenportal, bereite sich Turkmenistan aktiv auf den Besuch der WHO-Mission vor, indem neue Ausrüstung in die Krankenhäuser und Quarantänestationen von Türkmenabat brachte, welche besucht werden sollen. Die Patienten wurden nach Hause geschickt.

Bestehende Zweifel, die nur schwer zu zerstreuen sind

Obwohl es nach offiziellen Angaben keine Fälle von Covid-19 im Land gibt, hat Turkmenistan Maßnahmen ergriffen, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Bereits Ende Januar schloss Turkmenistan als eines der ersten Länder der Welt seine Grenzen vollständig, um zu vermeiden, von der Epidemie betroffen zu werden. Seitdem hat Aschgabat medizinische Kontrollen in Schulen, Universitäten und öffentlichen Einrichtungen eingeführt sowie das Baden und Angeln verboten.

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Seit April dieses Jahres berichten vor allem von im Ausland ansässigen Medien wie Chronicles of Turkmenistan und der aus Prag arbeitende turkmenische Dienst des amerikanischen Medienhauses Radio Free Europe regelmäßig über potenzielle Coronavirus-Fälle. Diese Informationen sind jedoch nicht verifizierbar, da die lokalen Behörden nicht transparent preisgeben, ob und wie viele Test sie durchführen.

Zu der Tatsache, dass die Ausbreitung der Coronavirus-Epidemie insbesondere aufgrund asymptomatischer Fälle sehr schwer zu kontrollieren ist, kommen in Turkmenistan Schwierigkeiten beim Zugang zu Informationen hinzu. Analysen der Situation im Land werden oft durch „Fake news“ durcheinandergebracht, wie Novastan Anfang April zeigte, als viele internationale Medien fälschlicherweise berichteten, dass das Land die Verwendung des Wortes Coronavirus verboten habe. Der fehlende Zugang zu Informationen schafft so einen Kontext, der jede sachliche und objektive Beurteilung der epidemischen Situation im Land behindert.

Lest auch auf Novastan: Medienkritik: Turkmenistan hat den Begriff „Coronavirus“ nicht verboten

Darüber hinaus ist Turkmenistan vom fallenden Ölpreis und der globalen Wirtschaftskrise stark betroffen. Dies könnte ein weiterer Grund für die turkmenischen Behörden sein, die Auswirkungen der Pandemie kleinzureden. Auf diese Weise kann vermieden werden, die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung einzugrenzen und so die wirtschaftliche Situation zu verschlimmern – eine Praxis, wie es viele andere Länder von Brasilien bis zu den USA heute auch auf die Gefahr einer zweiten Epidemie-Welle tun.

Das diplomatische Korps scheint zuversichtlich, dass die Epidemie unter Kontrolle ist

In diesem Zusammenhang lohnt es sich die jüngsten Erklärungen des russischen Botschafters in Turkmenistan zu betrachten. Alexander Blochin sagte nach Angaben des turkmenischen Onlinemediums Turkmenportal bei einem Briefing vor der lokalen Presse: „Nach offiziellen Angaben gibt es in Turkmenistan kein Coronavirus, und wir sehen dies durch indirekte Beweise bestätigt“. Diese Äußerung könnte durch die Annäherung zwischen Moskau und Aschgabat nach den Auseinandersetzungen Ende der 2000er Jahre erklärt werden – sozusagen ein diplomatischer Coup, der es Russland ermöglichen könnte, sich Turkmenistan weiter anzunähern. Es lohnt sich jedoch, auf die Argumentation des Botschafters einzugehen, insbesondere da das diplomatische Korps in Turkmenistan normalerweise nichts kommentiert.

„Wenn es etwas gäbe, wäre es unmöglich, diese Informationen zu verbergen. Auf dem Russischen Basar (einem Markt in Aschgabat, Anm. d. Red.) […] gibt es solche Nachrichten immer schneller als in den Medien. Aber im Moment zirkulieren selbst dort derartige Informationen nicht. Daher sind wir geneigt, der turkmenischen Seite zu glauben, obwohl niemand in der Lage ist, etwas zu 100 Prozent zu garantieren, besonders in einem Fall wie einer Epidemie“, erläuterte Alexander Blochin. „Die turkmenischen Behörden halten alle zwei Wochen Informationsbriefings ab und informieren das diplomatische Korps über die Lage und die getroffenen Maßnahmen. Die Maßnahmen sind angemessen und gleichwertig mit denen in allen anderen Ländern“, fügte der russische Botschafter hinzu.

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Interessanterweise scheint sich das diplomatische Korps in Turkmenistan über die Äußerungen des russischen Botschafters hinaus nicht allzu sehr um die Infektionsgefahr zu kümmern. Dies belegen die Bilder der Briefings zu den ergriffenen Maßnahmen, auf denen die BotschafterInnen und andere DiplomatInnen zu sehen sind – ohne Masken und ohne soziale Distanz zu wahren.

Auch die französische Botschaft in Turkmenistan organisiert weiterhin Veranstaltungen im Institut Français, die viele Menschen zusammenbringen, ohne dass dabei irgendwelche Maßnahmen der sozialen Distanzierung angekündigt oder auf den Fotos, die der Botschafter auf seiner Facebook-Seite gepostet hat, sichtbar wären. Aus den regelmäßigen Posts des Botschafters lässt sich erkennen, dass die diplomatischen Aktivitäten in ganz normaler Weise fortgesetzt werden. Dies bestätigt in gewisser Weise, dass die Worte des russischen Botschafters vom diplomatischen Korps geteilt werden, da dieses seine MitarbeiterInnen normalerweise keinem Risiko aussetzt.

Auch wenn, wie der russische Botschafter darlegte, sich nicht mit 100-prozentiger Gewissheit sagen lässt, dass es in Turkmenistan kein Coronavirus gibt, scheint es dem Land dennoch gelungen zu sein, die Epidemie seit fast fünf Monaten wirksam einzudämmen. Zwar bereitet sich Turkmenistan wie viele andere Länder der Welt darauf vor, seine Grenzen trotz der weltweit noch nicht überwundenen Epidemie allmählich wieder zu öffnen. Die Maßnahmen zur Kontrolle der Situation werden aber wahrscheinlich parallel zu der schweren Wirtschaftskrise, die das Land zu durchleben beginnt, weitergehen müssen.

Die Redaktion von Novastan France

Aus dem Französischen von Robin Roth

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Laut offiziellen Angaben gibt es in Turkmenistan keine Fälle von Covid-19 (Illustration, vor den Eindämmungsmaßnahmen enstanden)
David Stanley via Visual Hunt
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