TAPI-Pipeline: Pakistan erhöht den Druck auf Turkmenistan

Das Megaprojekt der TAPI-Pipeline zwischen Turkmenistan, Afghanistan, Pakistan und Indien stößt auf neue Hindernisse. Pakistan setzt Turkmenistan unter Druck, das Abkommen zu seinem Vorteil zu revidieren. Dies stellt den ursprünglichen Finanzierungsplan in Frage. Der Bau der Pipeline wird immer mehr zu einem Lehrbeispiel, um die Geopolitik der Region zu verstehen.

Ist der Bau der TAPI-Pipeline in Gefahr? Das in französischer Koproduktion geplante Projekt wird durch pakistanische Bestrebungen gestört, die Vertragsmodalitäten zu ändern, so das pakistanische Medium The News. Die mindestens 10 Milliarden US-Dollar teure Verlegung der 1.800 Kilometer langen Pipeline erfährt dieser Tage jedoch nicht die erste Komplikation. Seit Beginn der Planungsphase in den 1990er Jahren sammelten sich bereits einige Probleme beim Bau an. Das Projekt steht nicht nur vor technischen Herausforderungen, sondern auch vor der kritischen Sicherheitslage, die den Konflikt in Afghanistan umkreist. Diese wirkt sich mit den Zweifeln der Anleger direkt auf die Finanzierung des Bauvorhabens aus.

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Dass das Projekt trotz alledem nie aufgegeben wurde sagt viel über geopolitische Anliegen der Region aus. Darüber hinaus muss Turkmenistan einerseits seine Kohlenwasserstoffexporte, Pakistan und Indien zum anderen ihre Energieimporte diversifizieren. Während der im Jahr 2015 vertraglich festgehaltene Bau in Turkmenistan bereits begonnen wurde, hält Pakistan sich derzeit jedoch zurück.

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Für Pakistan stehen finanzielle Aspekte hierbei im Vordergrund. Neuverhandelt werden sollen der Kaufpreis für Kohlenwasserstoff und die Frage nach Schadenersatz bei Ölverlust auf afghanischem Gebiet. Bisher sieht der Vertrag vor, dass Pakistan für entstehende Verluste aufkommt. Angesichts des Sicherheitsrisikos in seinem Nachbarland ist Pakistan nicht mehr bereit, diese Verantwortung zu übernehmen. Da Pakistan im Gegensatz zu Turkmenistan den Bau der Leitungen noch nicht begonnen hat, ist es in einer starken Verhandlungsposition. Der ursprünglich für dieses Jahr angesetzte Abschluss des Finanzierungsplans wird derzeit für 2021 anvisiert, so The News.

Turkmenistan: Zugpferd des Projekts

Turkmenistan ist aufgrund seiner geringen Diversifizierung der Exporte der Motor dieses Projekts. Das Land befindet sich zwischen dem Iran und Afghanistan in einer Nachbarschaft, mit der sich Handel schwierig gestaltet. Mit den laut BP weltweit viertgrößten nachgewiesenen Erdgasvorkommen und dem Wunsch nach Erschließung weiterer Absatzmärkte traf Turkmenistan in Pakistan und Indien auf offene Ohren. Im Zuge der Diversifizerung ihrer eigenen Energieversorgung importiert Pakistan bereits Strom aus Tadschikistan, während Indien gemeinsam mit der Électricité de France ein Kernkraftwerk errichten möchte. Turkmenistan begann als Zugpferd des Projekts bereits einseitig die Arbeiten. Als Mehrheitsaktionär des TAPI-Konsortiums finanziert es auch den Löwenanteil.

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Dennoch bleibt Turkmenistan die Lokomotive dieses Projekts. So haben die Arbeiten auf turkmenischer Seite begonnen, und das Land trägt auch den Großteil der Finanzen. Das Konsortium TAPI Company Limited wird von Turkmenistan als Mehrheitsaktionär dominiert.

Die afghanische Frage

Die Hauptschwierigkeit des Baus der Pipeline ist ihr Verlauf durch Afghanistan. Einerseits ist Afghanistan laut der WHO zu Monatsbeginn mit fast 32.000 Erkrankungen und 800 Todesfällen stark vom Coronavirus betroffen. Andererseits ist Turkmenistan eines von 12 Staaten der Welt, in denen keine Fälle gemeldet wurden. Dies hindert den turkmenischen Präsidenten Gurbanguly Berdimuhamedow nicht, der Wiederaufnahme des Handels mit Afghanistan Vorrang einzuräumen. Am 27. Mai wurde der Neustart des Baus der TAPI-Pipeline als oberste Priorität ausgerufen, so die staatliche Nachrichtenagentur TDH. Gleichzeitig ist der Bau von Quarantänestationen geplant, um das Ansteckungsrisiko bei dein Bauarbeiten zu begrenzen.

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Gurbanguly Berdimuhamedow bespricht Sicherheitsbedenken nicht öffentlich. Die Route der Pipeline verläuft jedoch durch die Provinz Herat im Westen Afghanistans, die für den Anbau von Opiaten und den mangelnden Zugriff staatlicher Behörden bekannt ist. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen wurden zwischen 2011 und 2015 in der Provinz Herat 64 Prozent der Drogenbeschlagnahmungen durchgeführt. Kasachstan, der Iran, und Pakistan sind ebenfalls vom grenzüberschreitenden Rauschgifthandel betroffen. Trotz seiner mehr als 700 Kilometer langen Grenze zu Afghanistan schweigt Turkmenistan zu dem Opioidproblem.

Welche Rolle haben externe Mächte?

Der Bau von Infrastrukturen, die Zentral- und Südasien miteinander verbinden, betrifft nicht nur die Staaten der Region, sondern auch ausländische Mächte. Ein Bericht der französischen Botschaft in Baku aus dem Jahr 2018 hebt die Ambitionen hervor, die die TAPI-Pipeline in Aserbaidschan geweckt hat: „Ein solcher Korridor soll die regionale Integration stärken und damit die Spannungen zwischen den beiden großen ‚verfeindeten Brüdern‘ Pakistan und Indien‘ abbauen. […] Darüber hinaus muss TAPI zur Stabilisierung Afghanistans beitragen und wichtige wirtschaftlich Perspektiven bieten, die insbesondere mit dem Potenzial des indischen Marktes verbunden sind“.

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Ist ein Frieden in Afghanistan wirklich gleichzusetzen mit ‚regionaler Integration‘? Derzeit scheint das Thema eher die Ursache der Spannungen zu sein. Insbesondere Turkmenistan und Usbekistan hegen Ansprüche für den Wiederaufbau in Afghanistan und verhalten sich mehr als Konkurrenten, als wie Partner.

Héloïse Dross, Redakteurin für Novastan

Aus dem Französischen von Robin Shakibaie

 

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Der Bau der TAPI-Pipeline gestaltet sich für die Staaten Zentralasiens schwierig (Illustration)
Peretz Partensky via Flickr
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