Wilde Taube Nurmemet Yasin

„Die wilde Taube“, ein Werk, für das ein uigurischer Schriftsteller starb

Im März 2004 veröffentlicht Nurmemet Yasin eine Novelle über eine gefangene Taube, die lieber Selbstmord begeht, als ihre Freiheit aufzugeben. Die Geschichte missfiel den chinesischen Behörden, die Yasin wegen „Anstiftung zum Separatismus“ zu zehn Jahren Haft verurteilten. Im Folgenden bietet euch Novastan eine kurze Einleitung zum Autoren und die Geschichte im Volltext.

Der Schriftsteller Nurmemet Yasin wurde im Jahr 1974 geboren und ist der Autor verschiedener Essais, Novellen und Gedichtbänder in uigurischer Sprache. Manche seiner Schriften gehören zum Lehrplan der Schulen der Provinz Xinjiang, der westchinesischen Heimatregion der Uiguren.

Sechs Monate nachdem Yasin die Novelle „Die Wilde Taube“ veröffentlichte, wurde er im November 2004 zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die chinesischen Behörden sahen in der Geschichte die von Yasins Vater, der sich in ähnlichen Umständen das Leben nahm. Dem Schriftsteller wurde vorgeworfen, eine verdeckte Anklage gegen die chinesische Verwaltung der autonomen Provinz Xinjiang, auch als uigurische Region bekannt, verfasst zu haben.

„Die wilde Taube“ erzählt in der ersten Person die Geschichte einer jungen Taube – der Sohn eines Taubenkönigs -, die in Gefangenschaft Selbstmord begeht. Sie stirbt lieber, als ihre Freiheit aufzugeben.

Die Fabel wurde in einer Zeitschrift für uigurische Literatur veröffentlicht und fand ein weites Publikum. Sie wurde sogar für einen wichtigen Literaturpreis vorgeschlagen. Doch Yasin wurde dafür angeklagt, „die Uiguren zum Separatismus aufzurufen“, was in China ein Verbrechen darstellt.

Tod im Gefängnis

Es wurde Berichtet, Yasin habe bei seinem geschlossenen Prozess keinen Anwalt gehabt. Amnesty International sieht in ihm einen politischen Gefangenen, der für die Ausübung seiner Meinungsfreiheit verhaftet wurde. Der Verleger der Zeitschrift, die die Geschichte druckte, wurde ebenfalls zu drei Jahren Haft verurteilt und 2008 freigelassen.

Im Jahr 2005 konnte der UN-Sonderberichterstatter zu Folter Yasin im Gefängnis besuchen. Der Schriftsteller beklagte sich über seine schlechte Behandlung und darüber, dass er von seinen Mitgefangenen geschlagen wurde, weil er kein Mandarin sprechen wollte. Der Berichterstatter  bat die chinesischen Behörden um seine unverzügliche Freilassung.

Wie 2013 bekannt wurde, soll Yasin im Jahr 2011 im Gefängnis von Schaja gestorben sein, was aber bis heute nicht offiziell bestätigt ist. Novastan bietet euch eine Übersetzung der Novelle auf der Grundlage der Englischen Übersetzung von Dr. Dolkun Kamberi.

Die Wilde Taube

Teil 1

Traum oder Wirklichkeit?

Hier bin ich, scheinbar im Flug im tiefblauen Himmel. Ich kann nicht sagen, ob träumend oder wach. Ein erfrischender Wind schneidet in meinen Flügel – mein Geist erhebt sich und mein Körper ist mächtig und stark. Der Glanz des Morgens scheint endlos und die Sonne strömt hell, schön auf die Welt. Solch schöne Landschaften! Ich steige noch höher als mein Geist sich erhebt.

Die Erdbeerfelder verschwinden aus der Sicht und die Welt ist plötzlich breiter, wie ein tiefblauer Teppich, der sich unter mir erstreckt. Es ist ein Wunderland, das ich noch nie gesehen habe. Ich liebe diesen Ort wie ich meine Heimatstadt liebe – ganzen Herzens – alles so schön unter meinen Flügeln.

Jetzt tauchen Häuser und Nachbarschaften auf – unten, entlang des Lebens, bewegte Kreaturen – sie müssen die Menschen sein, vor denen mich meine Mutter warnte. Vielleicht ist meine Mutter alt geworden. Sie sehen mir nicht gefährlich aus – wie könnten solche Kreaturen, die so langsam auf der Erde krabbeln, mächtiger sein als Vögel, die durch die Himmel schweben?

Vielleicht liege ich falsch, aber sie sehen nicht so furchtbar aus. Meine Mutter sagte mir immer, sie seien heimtückische, intrigierende Kreaturen, die uns Fallen stellen und einsperren würden, sobald sie uns sähen. Wie kann das sein? Vielleicht bin ich nicht schlau genug, um das zu verstehen. Plötzlich überkommt mich das Bedürfnis, diese Menschen zu sehen und zu kennen und ich fliege herab, schwebe über sie hinweg und ich sehe alles klarer. Und immer sagt mir meine Mutter: „Die Tricks der Menschheit sind mannigfaltig; ihre Pläne sind in ihren Bäuchen versteckt; pass auf, dass du nicht die Unachtsamkeit zu deinem Kerkermeister machst.“

Plötzlich weiß ich, dass ich diese Pläne der Menschheit sehen möchte. Warum sollten sie sie in ihren Bäuchen verstecken? Das ist mir unmöglich zu verstehen.

Der Abstieg

Allmählich sinke ich herab, in der Luft über den Unterkünften gleitend. Die Dinge unter mir sind jetzt sehr klar für mich. Ich kann Menschen sehen, ihre Kühe, ihre Schafe und Hühner und viele andere Dinge, die ich nie zuvor gesehen habe. Eine Gruppe von Tauben fliegt herum, einige hocken auf einem Ast.

Ich sinke herab, um mit ihnen zu reden – oder um mich auszuruhen? Ich kann mich nicht genau erinnern. Meine Gefühle in diesem Moment waren sehr verwirrt. Aber ich will unbedingt mehr über ihre Leben erfahren.

„Wo kommst du her?“, fragt mich eine Taube. Er ist älter als der Rest, aber ich bin nicht sicher, ob er der Anführer der Gruppe ist. Wie auch immer, ich bin nicht einer von ihnen, also ist seine Position nicht so wichtig für mich. Also antworte ich einfach: „Ich komme aus der Erdbeeren-Senke.“

Die Erzählung der Taube beginnt.

„Ich habe von meinem Großvater von diesem Ort gehört – unsere Vorfahren kommen auch von dort.“, antwortet er. „Aber ich dachte, es wäre ziemlich weit von hier – und dass es Monate braucht um dorthin zu fliegen. Wir können nicht so weit fliegen. Bist du vielleicht verloren?“

War er so alt, dass er diese kurze Distanz nicht in wenigen Tagen fliegen konnte, so wie ich? Vielleicht war er noch viel älter als er aussah – oder vielleicht dachte er an eine viel weiter entfernte Erdbeer-Senke. Sollte sein Großvater von der gleichen Erdbeer-Senke kommen, sind wir vielleicht verwandt, denke ich. Aber der alten Taube antworte ich: „Ich bin nicht verloren – Ich habe Fliegen geübt und landete hier absichtlich. Ich bin nur ein paar Tage geflogen, aber habe seit ich meine Heimat verließ nichts mehr gegessen.“

Was ist eine Seele?

Die alte Taube schaut überrascht. „Du musst eine wilde Taube sein“, sagt er. „Alle sagen, wir seien nicht si mutig wie ihr, dass wir nicht viel weiter denken als die Zweige, auf denen wir sitzen und die Käfige, in denen wir schlafen. Ich habe schon immer hier gelebt und habe mich nie herausgewagt – und warum sollte ich? Hier habe ich einen Zweig zum Ausruhen und einen Käfig zum leben und alles ist für mich aufbereitet. Warum sollten wir hier weg – nur um zu leiden? Außerdem bin ich verheiratet. Ich habe eine Familie. Wo sollte ich hinfliegen? Mein Herr behandelt mich gut“, schließt er ein wenig an seinen Federn herumpickend.

„Ich habe gehört, dass manche sagen, Menschen seien furchtbar“, antworte ich. „Sie sagen, wenn Menschen uns fangen, werden sie unsere Seelen versklaven. Stimmt das?“

„Seele? Was ist eine Seele, Großvater?“, fragt eine junge Taube, die neben ihm sitzt. Ich bin verblüfft, dass er dieses Wort nicht kennt, dass er nicht weiß, was eine Seele ist. Was lehren diese Tauben ihren Kindern? Ohne Seele zu leben, ohne zu wissen, was eine Seele ist, ist sinnlos. Verstehen sie das nicht? Eine Seele zu haben, Freiheit zu haben – das kann nicht gekauft werden oder verschenkt; man kann sie auch kaum  durch Gebete bekommen.

Freiheit der Seele, so fühle ich, ist entscheidend für diese armen Tauben. Ohne das ist Leben sinnlos, aber sie scheinen noch nicht einmal von diesem Wort gehört zu haben.

Die alte Taube berührt den Kopf seines Enkels und sagt: „Ich weiß auch nicht, was eine Seele ist. Ich habe das Wort einmal von meinem Großvater gehört, der es von seinem Ur-Großvater gehört hatte. Und der hörte es vielleicht von seinem Ur-Ur-Großvater. Mein eigener Großvater sagte manchmal: ‚Wir Tauben haben unsere Seele vor langer Zeit verloren‘ und vielleicht ist das die Seele, von der diese wilde Taube spricht – und heute besitzen wir nicht einmal einen Schatten von so etwas.“

Die alte Taube dreht sich um mich anzuschauen und fragt: „Sag, Kind, weißt du, was eine Seele ist?“

Die Debatte der Tauben

Ich bin paralysiert, als ich bemerke, dass ich die Frage nicht beantworten kann, die meine Worte initiierten. Schließlich aber antworte ich: „Ich kann es nicht sagen. Aber meine Mutter sagt mir, ich besitze meines Vaters mutige und abenteuerliche Seele… Wenn sie einmal ausgewachsen ist, werde ich sicher wissen und verstehen, was eine Seele ist.“

Die alte Taube antwortet: „Das muss der Geist deines Vaters sein. Es ist nicht nur die Generation unserer Väter,  die wir verloren haben. sondern die Seele der gesamten Taubengemeinschaft ist schon verschwunden. Auch meine Mutter und ihre Familie haben ihre Seele nie erwähnt und auch ich habe dieses Wort niemals vor meinen Kindern benutzt. Also haben wir vielleicht bereits ein seelenloses Zeitalter begonnen. Wie schön wäre es, zu den früheren Zeiten zurückzufinden.“ Die alte Taube lächelt und fällt in einen angenehmen Tagtraum.

„Ohne eure Seelen“, sage ich ihnen, “werden Generationen von Tauben versklavt von den Menschen sein – die jederzeit ein Essen aus euch machen können. Selbst wenn sie euch befreien, werdet ihr weder eure Familie noch eure Essensrationen zurücklassen. Du willst nicht dein Ort der Ruhe und die kleinen Portionen des Taubenfutters verlassen. Aber ihr lasst eure Nachkommen Sklaven der Menschen sein. Ihr werdet einen Anführer brauchen, aber zuerst müsst ihre eure Seelen befreien – und verstehen, was eine Seele ist. Warum kommt ihr nicht mit mir und wir können meine Mutter fragen?“

Ich kann kaum sagen, wen ich über die Seele erhellen möchte, ob ich es bin oder die alte Taube. Vielleicht beide.

“Ich bin schon mit einem Fuß im Grab“, erzählt er mir, „und mein Taubenkäfig ist sicher. Wo kann ich hinschauen, um die Seele zu verstehen? Ich könnte eine Seele nicht einmal erkennen, wenn ich selbst eine wäre und ich wüsste nicht, wo ich nach ihr gucken sollte. Und was soll es mir nützen, meine zu finden? Hier ist unser Leben friedlich. Nichts passiert und unser Leben ist ruhig. Wie kann ich andere darum bitten, dieses Leben aufzugeben, um etwas zu finden, dessen Wert wir nicht sehen können?“

Ich denk über die Worte der alten Taube nach – sie klingen weise zu Beginn, aber nach reichlicher Überlegung sind sie doch vollkommen falsch. Plötzlich schäme ich mich, bin in Verlegenheit, eine solch philosophische Diskussion mit diesen Tauben zu führen, diesen seelenlosen Vögeln. Ich entscheide mich, zu gehen und meine Mutter aufzusuchen.

Seltsame Wörter ersetzen Muttermilch

In diesem Moment sinken eine Gruppe Tauben neben uns auf den Ast. Ich höre ihr Gespräch, aber ich verstehe ihre Wörter nicht. Vielleicht nutzen sie ihre eigene Muttersprache. Wir haben auch manchmal solche Fremden, die in unsere Heimat fliegen. Sind sie fremde Besucher? Freunde oder Verwandte der alten Taube? Ich weiß es nicht. Auch weiß ich nicht, ob sie mich an ihrer Unterhaltung teilhaben lassen wollen.

„Wie geht es dir, mein Kind?“, fragt die alte Taube, an den Federn einer kleineren Taube herumpickend.

„Nicht gut. Ich habe Hunger.“, antwortet die kleinere Taube. „Warum füttert mich meine Mutter nicht mehr?“ Die kleine Taube redet weiter über Taubenfutter – Ich meine die Wörter Mais oder Hirse oder Hanf. Sie nutzen eine Menge Wörter für Taubenfutter, die ich nicht kenne. Diese gezähmten Tauben sind sehr seltsam – ich erkenne so viele ihrer Wörter nicht.

“Deine Mutter spart all die Nahrung für deine Geschwister, die du bald haben wirst.“, antwortet die alte Taube, „Du musst auf die Menschen warten, die kommen und uns füttern.“

„Ich kann nicht warten – Ich sollte in die Wüste fliegen und für mich selbst schauen.“, antwortet der junge Vogel.

„Bitte höre mir zu, mein guter Junge. Es ist zu gefährlich – wenn du dorthin fliegst, wird dich jemand fangen und dich essen. Bitte geh nicht.“ Die junge Taube versucht sich zu beruhigen. Diese Tauben scheinen alle auf den älteren der Gruppe zu hören.

Akzeptanz eines Lebens im Käfig

Diese Tauben leben unter Menschen, die sie fangen und essen könnten, aber wie sie das machen können, verstehe ich. Habe ich das Wort „essen“ falsch verstanden? Vielleicht heißt es das gleiche wie „sich kümmern“ in ihrem Dialekt. Sollte das ein Fremdwort sein, könnte ich es vielleicht falsch interpretiert haben. Und doch ist es ein wichtiges Wort – jede Taube muss es kennen. Meine Mutter rät mir, vorsichtig zu sein „Lass die Menschen dich nicht fangen und essen.“ Wenn diese Tauben sich davor fürchten, gefangen und gegessen zu werden, wie können sie nur mit Menschen leben? Vielleicht haben sie sogar vergessen, dass sie Flügel haben und vielleicht wollen sie den Taubenkäfig, an den sie sich so gewöhnt haben nicht verlassen.

„Also wie ist dein Herr?“, fragt die kleine Taube die ältere.

„Sehr gut“, antwortet die ältere.

„Aber vielleicht ist unser Herr wie andere Menschen und würde uns fangen und essen, wenn er eine Möglichkeit erblickte.“

„Das ist anders“, antwortet die ältere, „die Menschen halten uns in den Taubenkäfigen, um uns zu füttern und es ist ihr Recht uns zu essen, wenn nötig; es ist notwendig für die Menschheit uns fangen und essen zu können. So sollte es sein. Keine Taube unter uns ist berechtigt, gegen dieses Arrangement Widerspruch einzulegen.“

Wer ist der Feind?

Jetzt verstehe ich, dass „essen“ hier die gleiche Bedeutung hat wie in der Heimat. Noch vor einem Moment versuchte ich zu erraten, was sie meinen, wenn sie das Wort „essen“ sagen. Jetzt muss ich nicht mehr raten.

„Aber unser Herr hat all unser Essen verschüttet – und die größte Taube hat alles gegessen. Ich kann nicht anfangen, für das Essen zu kämpfen, das ich brauche. Was kann ich tun? Ich werde schwächer und dünner von Tag zu Tag. So kann ich nicht lang überleben.“

„Langsam wirst du auch wachsen und auch du wirst lernen, dir ein bisschen Essen um die große Taube herum zu schnappen. Aber du darfst auf keinen Fall anderen Essbares abgeben. So überlebst du hier.“

Die Tauben debattieren über die Seele.

„Aber Großvater-“, beginnt die junge Taube.

„Das ist genug, mein Kind. Sag nichts mehr. Tauben sollten lernen, zufrieden zu sein mit dem, was sie haben. Versuch nicht um etwas zu streiten, was über das Notwendige hinausgeht.“

Mehr Raum

In diesem Moment fühle ich mich verpflichtet, etwas zu sagen und zu unterbrechen. „Du hast etwas von seiner Freiheit abgeschnitten“, sage ich, „Du musst ihm mehr Raum geben. Du musst ihm erlauben, nach seinem eigenen freien Willen zu leben.“ Ich kann einfach nicht still bleiben. Zu leben, wie es die alte Taube vorschlägt würde alle Kameradschaft in unserer Spezies zerstören.

„Ah, du verstehst unsere Situation nicht.“, tut die alte Taube ab. „Unseren Herren zu verärgern ist unmöglich. Wenn irgendjemand seinen Regeln und Unternehmungen nicht folgt, werden alle von uns in einem Käfig landen – zwischen den Gittern herausstarrend für Monate. Wir würden den Ast, auf dem wir sitzen, verlieren.“

Was genau ist dieses Ding, ein Taubenkäfig? Ich habe keine Ahnung, keine Idee. Diese Tauben sagen, sie seien so verängstig davor, in dem Käfig zu landen, aber gleichzeitig haben sie Angst, ihn zu verlieren. Am schockierensten ist, dass sie es ertragen, unter Menschen zu leben. Habe ich darüber mit meinem eigenem Großvater diskutiert? Ich glaube nicht, dass er mir je eine klare Antwort gegeben hat.

Stattdessen sage ich der älteren Taube: „Du klingst genauso, wie einer von denen – einer von den Menschen. Den schwächeren und kleineren Tauben Essen wegnehmen und ihnen verbieten sich zu wehren. Dann gibst du dir große Mühe, dein schlechtes Verhalten zu verbergen. Wie kann diese Umwelt dem Wachstum und der Gesundheit den zukünftigen Generationen helfen? Du bist verkommen – ungebildet und dumm.“

„Beleidige nicht die Menschen.“, antwortet er entrüstet, „Ohne sie wären wir nicht hier. Verbreite deine Anti-Menschen-Propaganda woanders.“

Wie kann er nicht sehen, dass ich nichts Böses – dass ich nur helfen wollte. Vielleicht sollte ich weiter erklären.

Ein Traum von Schicksal

„Du hast kein Verantwortungsbewusstsein – du verdammst andere zu dieser Existenz; du bewegst dein Vermächtnis an den Rand des Feuers.“, fahre ich fort. Ich will weitermachen, die gleiche Botschaft noch eindringlicher vertreten. Aber plötzlich höre ich ein ohrenbetäubendes Geräusch und fühle einen teuflischen Schmerz in meinen Beinen. Ich versuche zu fliegen, aber meine Flügel hängen schlaff an meinen Seiten. Alle anderen Tauben fliegen empor und schweben über mir.

„Schau dich an, wie du Ärger machst – jetzt wirst du das Leben im Taubenkäfig kennenlernen.“, schreit einer von ihnen, „Lass uns sehen, ob du danach so weitermachst!!“

Plötzlich verstehe ich. Die alte Taube lenkte mich ab, um mich in eine Falle zu locken, damit sein Herr mich fangen konnte. Mein Herz füllte sich mit Schmerz. Die Menschen waren nicht gefährlich – es war meine eigene Art, die mich betrog in Hoffnung auf eigenen Gewinn. Ich verstehe es nicht und ich bin getroffen. Plötzlich überkommt mich die Idee, dass ich nicht aufgeben darf – solange ich meine Beine lösen kann, kann ich mich befreien. All meine Kraft gebrauchend fliege ich in diese Richtung, dann in die andere.

„Sei nicht dumm, Kind, wehre dich! Was ist los mit dir?“, es ist die Stimme meiner Mutter. Sie starrt mich an und ich verstehe, dass ich unverletzt bin.

Meine Mutter sagt: „Du hattest einen Albtraum“.„Ich hatte einen furchtbaren Traum“. Ich umarme meine Mutter innbrünstig und erzähle ihr meinen ganzen Traum.

„Kind, du hast in deinem Traum dein Schicksal gesehen.“, antwortet sie. „Die Menschheit drängt sich uns auf, Stück für Stück nimmt sie, was einmal unser Raum war. Sie wollen uns von dem Land jagen, dass wir für Tausende von Jahren bewohnt haben. Sie wollen unsere Traditionen ändern – uns unserer Intelligenz und unserer Kameradschaft berauben. Sie wollen uns unsere Erinnerungen und Identität entwenden. Vielleicht werden sie hier in naher Zukunft Fabriken und Hochhäuser bauen und der Rauch, der von der Produktion von Gütern kommt, die wir nicht brauchen, wird in unsere Umwelt sickern und unser Land und unser Wasser vergiften. Kein verbleibender Fluss wird so sauber und süß fließen wie jetzt, sondern sie werden schwarz von dem Dreck der Fabriken sein.“

Aufbruch von der Erdbeer-Senke

„Diese Invasion der Menschen ist furchtbar“, sagt sie. „Zukünftige Generationen werden niemals reines Wasser und saubere Luft sehen – und sie werden denken, so sei es schon immer gewesen. Sie werden in die Falle der Menschen tappen. Diese Menschen kommen näher und näher zu uns, und bald wird es zu spät zur Rückkehr sein. Niemand anderes kann uns von diesem Schicksal befreien – wir müssen uns selbst retten. Lass uns rausgehen. Es ist Zeit, dass ich dir von deinem Vater erzähle.“

Sie führt mich heraus. Das Land um uns ist bedeckt von wilden Blumen und einem Teppich von Grün – keine Straßen, keine Fußspuren, nur eine endlose riesige Steppe. Unser Land sitzt auf einer Klippe über einem Flussufer mit tausenden Taubennestern in der Nähe. Ein unberührter Fluss fließt darunter, der zu uns, wo wir stehen, eine Art Wiegenlied sendet. Für mich ist das der schönste und sicherste Ort der Welt. Ohne die Beeinträchtigungen der Menschen könnten wir in diesem Paradies für immer leben.

„Das ist dein Land“, sagt meine Mutter, „Das ist das Land deiner Vorfahren. Dein Vater und Großvater, alle Führer all der Tauben in diesem Territorium haben beide geholfen das alles sogar noch schöner zu machen. Ihre Arbeit, ihre Hinterlassenschaften ließ uns unter den Tauben noch weiter aufsteigen. Das Gewicht auf deinen Schultern ist schwer und ich hoffe, dass du den Spuren deines Vaters folgen kannst. Jeden Morgen habe ich dich trainiert, habe dir beigebracht täglich Hunderte von Meilen zu fliegen. Deine Muskeln sind hart und stark und deine Weisheit ist bereits riesig.“

„Dein Körper ist erwachsen und jetzt muss dein Geist, deine Intelligenz aufholen. Sei immer, immer vorsichtig mit Menschen. Glaube nicht, wir seien sicher, nur weil  sie auf dem Boden unter uns laufen. Sie haben Gewehre. Sie können dich von tausenden Metern entfernt abschießen. Weißt du, wie dein Vater starb?“

„Nein“, sage ich ihr, „Du hast einmal begonnen, es mir zu erzählen, hast dann aber abgebrochen und sagtest es wäre noch nicht Zeit.“

„Nun gut, die Zeit ist gekommen.“, sagt sie, „ Vor ein paar Tagen habe ich einige Menschen hier herumschnüffeln sehen. Sie sind uns vorsichtig mit ihren Augen gefolgt, Wir müssen einen sicheren Ort finden, bevor sie herkommen. Dein Vater ist durch ihre Hände gestorben.“

Ein stolzes Erbe

„Bitte sage mir, Mutter: wie ist er in ihre Hände gelangt?“ Meine Mutter denkt nach – ihr Gesicht ist traurig.

„Eines Tages führte dein Vater eine Gruppe von Tauben auf der Suche nach Essen für uns. Normalerweise nutzten sie sichere Gebiete mit viel Essen. Dein Vater führte diese Missionen immer – er war ein starker und verantwortungsvoller Anführer. Also führte er sie dieses Mal wieder aus, aber nach einigen Tagen war er noch nicht zurückgekehrt. Ich war furchtbar besorgt. Normalerweise, wenn er einen Ort mit viel Essen weiter entfernt als ein einen halben Flugtag entfernt gefunden hatte, würden wir umziehen. Er würde niemals so weit fortfliegen oder so lange fortbleiben von der Heimat.“

„In meinem Herzen war ich sicher, dass er einen Unfall hatte. Zu dieser Zeit waren du und deine jüngeren Brüder und Schwestern erst kürzlich geschlüpft, also konnte ich euch nicht zurücklassen, um ihn zu suchen. Schließlich, nach einigen Monaten, kehrte eine der Tauben zurück, die mit deinem Vater losgeflogen war. Das machte mich nur noch sicherer, dass dein Vater in eine Art Falle getappt sei. Dann ist auch der Rest von ihnen sicher nach Hause gekehrt – einer nach dem anderen. Alle außer deinem Vater.“

Mittlerweile erwartete ich, dass meine Mutter jammerte oder trauerte, aber ein mutiger Schimmer füllte ihr Auge.

„Dein Vater war ein Taubenkönig mit majestätischem Geist. Wie konnte er die anderen beschützen, wenn er sich nicht selbst schützen konnte? Wie könnte eine Taube, die von Menschen gefangen wurde zurückkehren und seine Rolle als Taubenkönig erfüllen? Die Menschen haben ihn gefangen, ihn behalten und in der Tradition des königlichen Hofes biss er sich selbst die Zunge ab. Er konnte es nicht eine Sekunde mehr in diesem Taubenkäfig ertragen. Der Taubenkäfig war in seinem Blut getränkt. Er lehnte ihr Essen und Trinken ab, und er lebte exakt eine Woche. Er opferte sich. Sein Geist war wirklich frei. Ich hoffe, dass du in die Fußstapfen deines Vaters wächst und für immer ein Schutzpatron der Freiheit bleibst.“

„Mami, warum konnte mein Vater nicht wie die anderen Tauben einen Weg zur Flucht finden?“

Freiheit oder Tod

„Die Menschen hofften, dein Vater würde sich mit einer anderen Taube paaren, einer gezähmten Taube und gemischte Nachwuchs hinterlassen. Aber er hätte niemals Kinder haben können, die als Sklaven gehalten würden – es wäre zu beschämend für ihn. Jene Tauben in deinem Traum waren die Nachkommen derer, welche die Sklaverei akzeptierten und um ihr Leben bettelten. Kind, ihre Seele werden in Gefangenschaft gehalten. Tausend Tode wären besser als ein solches Leben. du bist der Sohn dieser mutigen Taube. Halte seinen Geist in dir“, sagt sie.

Die Worte meiner Mutter erschütterten meine Seele für eine lange Zeit. Ich bin unendlich glücklich darüber, Sohn einer solch mutigen Taube zu sein, ich fühle eine Welle von Stolz und Freude. Mein Herz fühlt sich stark und stolz. Mit all der Liebe in meinem Herzen umarme ich meine Mutter.

„Jetzt musst du gehen“, sagt sie mir, „Ich gebe dich frei im Namen unseres Vaterlands und aller Tauben. Lass diese Tauben nicht ohne Anführer zurück. Die Menschen werden immer aggressiver, sie nutzen allerlei Taktiken um uns zu fangen. Geh jetzt und finde einen sicheren Platz für uns, mein Kind.“

Meine Flügel sind nass von den Tränen meiner Mutter. Jetzt ist die Bedeutung meines Traumes klar: Dass ich fortgehen muss auf eine Expedition. Aber auf keinen Fall, denke ich, werde ich den Menschen in die Falle gehen.

Ich fliege weiter und weiter fort, zuerst entlang des Sees und dann in das Gebiet, in dem die Menschen ihre Häuser machen. Es ist vollkommen anders als die Behausungen in meinem Traum, aber ich bin vorsichtig – ich fliege höher und höher.  Meine Flügel haben genügend Kraft. Ich höre keine menschliche Debatte, sondern die Musik des Windes in meinen Ohren.

Auf der Suche nach einer neuen Heimat

Diese Menschen sind nicht so stark und angsteinflößend, denke ich. Fliege ich zu hoch, fürchte ich, werde ich mein Ziel verfehlen. Fliege ich zu weit, schade ich unseren Umzugsplänen. Um ehrlich zu sein, bin ich mit den Umzugsplänen meiner Mutter nicht einverstanden. Unser Land ist auf einem sehr hohen Steilhang – wie könnten Menschen hinaufklettern, wenn es schon für Tauben schwierig ist? Wir waren hier, Generation für Generation, lebten ein glückliches Leben. Warum sollten wir jetzt fort, um Menschen zu entfliehen, die schwächer sind, als wir uns ausmalen? Jetzt fliege ich über der Menschensiedlung. Ich fühle keine Gefahr. Vielleicht sorgt sich meine Mutter zu sehr.

Jetzt ist der Wind schwarz. Alles um mich wird schwarz und die Welt verschwindet in vollkommener Dunkelheit. Alles verschwindet in die Nacht und mir wird klar, dass ich einen ganzen Tag lang geflogen und ermüdet bin. Ich muss mich ausruhen. Ich habe bereits Westen, Norden und Süden erkundet und noch habe ich nichts gefunden, wo wir leben könnten. Ich habe noch keinen guten Ort gefunden, an den wir ziehen könnten.

Vielleicht bin ich zu hoch geflogen. Vielleicht kann ich morgen Richtung Osten fliegen, in tieferer Höhe. Die Sterne glänzen am Himmel. Wie kann sich überhaupt jemand, der in so einer Welt der Schönheit lebt, nur ängstigen? Ich sinke langsam herab, falle in einen Baum. Morgen werde ich erwachen, aber ich weiß nicht wo. Dann werde ich wieder zu fliegen beginnen, niederer im Himmel. Vielleicht werde ich uns dann eine neue Heimat finden.

Teil 2

Eine gefühlvolle Stimme weckt mich, gräbt mich aus dem tiefen, süßen Schlaf, der nur den sehr Jungen gehört und jenen, die ungeheuerlich erschöpft sind. Eine Gruppe von Tauben strömt zu mir – ich höre ihre Stimmen Seite an Seite mit ihren schlagenden Flügeln und ich bin schockiert, dass sie genauso aussehen wie ich. Zunächst scheinen sie wie die Tauben aus meinem Traum, aber näher betrachtet kann ich sehen, dass sie anders sind.

Zunächst aber muss ich herausfinden, wo ich meinen Magen füllen kann. Ich frage diese Tauben, wo ein sicherer Ort zum Essen ist. Plötzlich ändern sie ihre Flugrichtung, sie fliegen fort von den Behausungen. Ich folge ihnen.

Ein leerer Magen

„Wo gehst du hin?“, fragt mich eine Taube am Schwanz der Gruppe.

„Zur Mühle.“

„Was wirst du dort machen?“

„Nach Taubenfutter suchen.“

„Suchst du etwas zu Essen?“

Seine Augen sind eiskalt, als er mich fragt: „Also bist du eine wilde Taube?“

„Warst du ursprünglich eine wilde Taube?“

„Ja, ich komme von der Erdbeer-Senke.“

Die Taubenfänger

Ich folge ihnen zur Mühle, wo ich einen großen Vorrat von mit Stroh bedecktem Weizen sehe. Es schmeckt sehr süß und ich denke, dieses Lagerhaus sieht gut aus – ohne Spur eines Menschen. Die anderen Tauben scheinen friedlich und glücklich. Auch ich beginne, dieser friedlichen Umwelt zu vertrauen, traue mich und fülle meinen Magen.

Es ist überhaupt nicht so, wie meine Mutter die Außenwelt beschrieb. Vertrauend lange ich nach dem Weizen vor mir. Plötzlich würgt eine heftige Kraft meinen Hals. Ich versuche, so schnell, wie ein Pfeil aus dem Bogen schießt, fortzukommen, aber ebenso schnell hält mich eine unbekannte Kraft würgend zurück. Ich versuche mich zu verstecken, aber ich kann nicht – ich werde heruntergezogen, fliegend, herumzirkelnd, ohne Richtung.

Alle anderen Tauben jagen nach oben und ich befürchte, ich werde wie in meinem Traum auf den Boden krachen. Ich fürchte, ich falle in Menschenhände, aber kein Mensch ist in der Nähe. Zeit vergeht, aber ich habe keine Ahnung, wie viele Stunden verstreichen. Plötzlich tauchen zwei Menschen auf und ich denke, dass ich gefangen bin – dann lässt das Würgen am meinem Hals nach.

„Das ist eine wilde Taube“, sagt ein jünger aussehender Mensch.

„Halt ihn fest – binde seine Flügel, so dass er nicht wegfliegen kann.“, sagt der andere. Gemeinsam binden sie meine Flügel, packen meinen Hals und starren mir in die Augen.

„Hey das ist eine tolle Art – was für ein Glück.“ sagt der ältere Mensch, dreht mich hin und her in seinen Händen, um genauer zu sehen.

„Lass ihn frei!“

„Diese wilde Taube ist nutzlos – lass sie frei.“, sagt der Ältere. „Lass ihn frei. Er hat bereits seine Zunge abgebissen. Wenn du diese Taubenart fängst, hast du keine Wahl als sie freizulassen. Normalerweise ist es nur der Anführer des Schwarms, der das macht.“

„Lass ihn uns wenigstens für Eier behalten.“, protestiert der jüngere Mensch.

„Diese Art von Taube – er wird nicht essen oder trinken, wenn wir ihn behalten. Er wird sich bis zum Tod wehren und widerstreben.“

Der jüngere Mensch ist unnachgiebig: „Wir können ihn nicht einfach freilassen!“

„Na gut, es ist deine Wahl. Du wirst sehen, dass ich die Wahrheit sage. Ich habe einmal so eine Taube gefangen und darauf bestanden, sie zu behalten – aber sie lebte nur für eine Woche.“, sagt der ältere.

Die Feuerprobe im Käfig

„Ich werde sie auf jeden Fall zähmen.“, antwortet der jüngere Mensch selbstbewusst.

Du wirst mich niemals zähmen, denke ich. Ich werde einen Weg zurück finden. Ich schäme mich, nicht auf meine Mutter gehört zu haben und den Menschen in die Falle gegangen zu sein. Ich sammele all meine verbliebene Kraft und habe kurz den Eindruck, dass ich in Freiheit fliege. Stattdessen stürze ich auf den Boden.

„Dreckiger Bastard!“, heult der jüngere Mensch, „Immerhin habe ich einen Flügel gebunden – ich vermute, das hat ihn am fortfliegen gehindert.“

Er steckt mich in eine Tasche, offensichtlich mit dem Plan mich irgendwohin mitzunehmen. Vielleicht hat er vor, mir beide Flügel zu binden und mich in einen Käfig zu stecken. Ich sehe einige Tauben hinter Eisengittern, alle in einer Ecke versammelt.

„Du musst wirklich sehr hungrig gewesen sein, sonst wärst du nicht in meine Falle getappt.“, sagt der jüngere Mensch, als er Essen und Wasser in eine Ecke des Eisenkäfigs stellt. Sobald er das Essen ablegt, schwärmen die Tauben in die Ecke wie wahnsinnig darauf zueilend. In diesem Moment brennt Wut in mir und ich frage mich, ob mir gegen eine Eisenstange zu krachen einen tödlichen Stoß zufügen würde und diesen Horror beendet.

Aber meine Flügel bleiben gebunden – und ich bin bewegungsunfähig. Ich hebe meinen Kopf leicht in Richtung Sonne, daran denkend, dass ich in weniger als einem Tag in eine von den Menschen aufgestellte Falle getappt bin. Könnte meine Mutter mich jetzt sehen, was würde sie denken? Ich lege mich auf den Boden.

Weder essen, noch gegessen werden

In meinem Traum sehe ich meine Mutter vor einem dunkelblauen Himmel, mich rufend. Mein Vater taucht auf, groß und stattlich und ich fühle mich Stolz auf ihn. Sie rufen mich wieder und ich fliege in ihre Richtung – aber sie ziehen sich zurück. Nochmals fliege ich in die Richtung meiner Eltern und sie ziehen sich weiter zurück. Ich beende den Flug und sie stoppen auch. Ich bin durstig und rufe: „Mutter, Wasser!“

Eine menschliche Stimme schüttelt mich wieder wach. „Diese Taube ist wirklich stur.“, sagt die Stimme. „Sie ist hier seit fünf Tagen und hat noch nichts gegessen.“ Es ist der jüngere der beiden Menschen die mich gefangen haben.

„Habe ich dir nicht gesagt, dass es sinnlos ist, ihn zu füttern?“ sagt der Ältere grollend.

„Aber wenn er weiter fastet, wird er sterben. Wäre es nicht besser, wenn ich ihn jetzt zu einer Brühe für mein Kind kochen würde?“

Der Ältere ist höhnisch: „Du würdest nicht viel aus ihm herausbekommen und du würdest wahrscheinlich erkranken. Lass ihn einfach frei. Solch eine Taube langsam sterben zu sehen ist zu mitleiderregend.“

„Sie freizulassen nützt uns nicht.“, antwortet der Jüngere.

„Nichts Gutes kommt dabei heraus.“

„Nichts Gutes kommt dabei heraus, egal was passiert.“

„Wir hätten sofort Suppe aus ihm machen sollen“, sagt der jüngere Mann. Als er versucht, meine Flügel loszubinden und mich auf den Käfigboden zu legen, sammle ich all meine Kraft, die ich noch übrig habe, der Meinung ich könnte den Himmel herauf fliegen. Aber der Faden ist zu stark und ich kann es nicht.

Ich will zur Käfigtür rasen und entkommen, aber ich kann es nicht. Dieser Käfig ist zutiefst clever in seiner Grausamkeit, denke ich, indem er allen, die hier gefangen sind, reichlich Ausblick auf die ihnen verwehrte Freiheit gibt – ohne Hoffnung, sie wieder zu erlangen.

Die Luft innerhalb und außerhalb des Käfigs ist identisch, denke ich, aber das Leben auf meiner Seite der Eisenstangen könnte auch zu einem anderen Universum gehören. Wer auch immer solch ein Gerät entworfen hat, herrschte wirklich mit eiserner Faust und dem schwärzesten Herzen – entschlossen, kleine Kreaturen wie mich bewegungsunfähig zu machen, obwohl ich ihnen keinen denkbaren Nutzen bringen könnte. Indem sie meinen Körper einsperren, hoffen sie, meine Seele zu versklaven, denke ich. Ich möchte mein Leben beenden, aber ich kann es nicht und das ist das Schlimmste. „Herzlose Menschen, die meine Freiheit töteten“, will ich herausrufen, „entweder lasst mich frei oder lasst mich sterben!“

Ein bekannter Geruch kommt mir entgegen und dann sehe ich meine Mutter – ihre Augen betrachten glänzend, ängstlich meine sich lösenden Federn, mein gebrochener Mund, meine erbärmlichen, verdrehten Flügel.

Die Befreiung der Seele

„Verzeih mir, Mutter“, beginne ich zu sagen, „Ich wurde dem Vertrauen, das du in mich gesetzt hast, nicht gerecht. Ich verdiene nicht, dein Sohn zu sein.“ Ich senke meinen Kopf wie ein verurteilter Straftäter auf der Anklagebank. Warum bin ich nicht gestorben, bevor sie hierher kam?

„Du hast alles in deiner Macht Stehende getan.“, antwortet sie, „Jetzt musst du es beenden.“

„Aber Mama, ich kann es nicht.“, sage ich ihr, „Ich bin ein Gefangener – ohne Energie, ohne Kraft. So sehr ich auch sterben möchte, ich kann es nicht.“

„Das ist klar.“, sagt sie, „Also bin ich hier, um dir Freiheit zu bringen.“

„Ich verdiene keine Freiheit mehr“, sage ich, „ich bin es nicht mehr wert, dein Kind zu sein.“

„Dann muss ich dir nochmals sagen – ich habe dir Freiheit gebracht. Du bist noch immer mein mutiges Kind – du darfst nicht gezwungen sein, wie ein Sklave zu leben, sondern dir muss erlaubt sein, mutig zu sterben, mit Würde“, sagt sie mir etwas Essen hinschiebend.

Ein hoher Preis für Freiheit

„Diese Erdbeere ist die giftige Sorte – iss sie und du wirst frei sein. Stelle die Ehre unseres Schwarms wieder her. Und vergiss nicht, dass wahre Freiheit immer nur für einen hohen Preis zu haben ist. Hier, bewege dein Mund näher zu mir.“

Ich blicke ein letztes Mal auf meine Mutter. Sie scheint friedlich und mutig. Ich strecke ihr meinen versehrten Mund entgegen. Mein Schnabel, meine einzige verbliebene Waffe – ein Feind der Menschen, er hat mich beschützt und gefüttert und mich dann in die Falle der Menschen geführt. Er ist jetzt gebrochen, gesplittert durch die vergebliche Kollision mit den Eisenstangen.

Die Gifte der Erdbeere fließen durch mich wie der Klang der Freiheit selbst Seite an Seite mit Dankbarkeit, dass ich jetzt, jetzt endlich befreit streben kann. Ich fühle mich, als brenne meine Seele – aufsteigend und frei.

Ich sehe jetzt alles klar – der Himmel ist immer noch solch ein dunkles Blau und die Welt bleibt so schön und alles ist so leise und still. Eine Gruppe von Tauben sammelt sich am Rande des Käfigs um mich, sie betrachten mich, verblüfft und überrascht.

 

Nurmemet Yasin 24. März 2004
Aus dem Uigurischen ins Englische von Dr. Dolkun Kamberi
Aus dem Englischen ins Deutsche von der Redaktion

Eine Illustration zeigt die Novelle und den Autor Nurmemet Yasin
Regards sur les Ouïghour.e.s
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