Das Schaufenster des sowjetischen Ostens – Über die Diplomatie Sharof Rashidovs

Sharof Rashidov war nicht nur Erster Sekretär der Kommunistischen Partei in Usbekistan, sondern konnte auch für die Sowjetunion in den Ländern der Dritten Welt diplomatische Erfolge erzielen. Folgender Artikel erschienen im russischen Original bei Fergana News. Wir übernehmen ihn in gekürzter Fassung mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.           

Sharof Rashidov , von 1959 bis 1983 Erster Sekretär der Kommunistischen Partei und Herrscher des sowjetischen Usbekistans, war eine widersprüchliche Gestalt. Das paradoxe ist, dass seine mehrjährige Regierung innerhalb der UdSSR und Usbekistans als „rashidovchinoy“ (als Synonym für Korruption, und Vetternwirtschaft) bezeichnet wurde. Währenddessen wurde er auf der Weltbühne als Vertreter der indigenen Bevölkerung (und nicht als Kolonisator), als Intellektueller und Leiter einer modernen muslimischen Republik bezeichnet. Gerade dieses Image ermöglichte es ihm, rekordverdächtige 33 diplomatischen Missionen im Ausland durchzuführen. Der italienische Historiker Riccardo Mario Cucciolla hat zu diesem Thema die Arbeit „Sharaf Rashidov and international dimensions of Soviet Uzbekistan“ verfasst, die in der wissenschaftlichen Zeitschrift Central Asian Survey veröffentlicht wurde. Sie widmet sich Rashidovs diplomatischer Karriere, seiner Reisen nach Kairo und Kuba und dem Scheitern seines „sozialistisch-muslimischen“ Projekts mit dem Beginn des Afghanistan-Krieges.

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Die Sowjetmacht versuchte eine komplizierte Außenpolitik mit mehreren Vektoren zu führen. Das Ende des Zweiten Weltkriegs, der Kalte Krieg mit dem Westen, die Entkolonialisierung und die Entstehung neuer, von den alten Machtzentren unabhängiger Akteure (Indien, China, die Länder der Dritten Welt) – all das veranlasste die UdSSR dazu, eine „Paradiplomatie“ mit Vertretern der Unionsrepubliken zu entwickeln. Taschkent spielte als Hauptstadt des sowjetischen Ostens und Vorbild für das sowjetische Entwicklungsmodell eine wichtige Rolle. Mit Hilfe von  Losungen wie  Dekolonisierung,  Internationalismus,  sozialistischer Fortschritt und  Völkerfreundschaft wies Nikita Chruschtschow Vorwürfe aus den Ländern Asiens und Afrikas zurück, die UdSSR sei eine weitere imperialistische Macht der Weißen.

Der Erste Sekretär der kommunistischen Partei Usbekistans, Nuritdin Muhitdinov, organisierte 1955 in Taschkent ein Treffen mit Jawaharlal Nehru und diente dann viele Jahre als Botschafter in Damaskus, um die Beziehungen zwischen der UdSSR und dem  von Hafiz al-Assad zu stärken. Laut Cucciolla spielte Muhitdinov eine wichtige Rolle bei der Ernennung Sharof Rashidovs gespielt.

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Nachdem er Kliment Woroschilow 1957 auf eine Reise nach Indonesien, Birma, China und Vietnam begleitet hatte, ging der Stern Rashidovs auf. Während des Treffens mit Rashidov freute sich Hồ Chí Minh, dass der Chef der multinationalen Republik sich mit ihm traf. Der nicht russischstämmige Rashidov erregte besondere Sympathien bei den Kämpfern gegen den Kolonialismus in Birma, China und Vietnam.  Moskau schätze das und sandte Rashidov im Jahr 1957 als Leiter der sowjetischen Delegation zur Solidaritätskonferenz der Völker Asiens und Afrikas nach Kairo. Dort beschuldigte er den westlichen Imperialismus und die Vereinigten Staaten, den Osten unter dem Vorwand der Hilfe ausgeraubt zu haben, während die UdSSR selbstlos zur Entwicklung von Industrie und Wirtschaft im Allgemeinen beitrage, ohne sich in innere Angelegenheiten einzumischen. CIA-Agenten berichteten alarmiert: Rashidov ist kriegerisch, er ist überzeugt, dass die Doktrin des friedlichen Zusammenlebens zwischen der UdSSR und der NATO die Dritte Welt nicht betreffe, in der es einen Kampf um die Freiheit gibt, den man unterstützen müsse.

Rashidov und Ho Chi Minh

Dann wurde Rashidov spezielle Anweisungen gegeben, um Gespräche mit der ägyptischen Führung zu führen. Woroschilow persönlich bat ihn, Gamal Abdel Nasser  nach Usbekistan einzuladen, da den ägyptischen Präsidenten das große Potenzial usbekischer Baumwolle, die Bewässerung von Wüstengebieten und die usbekische Industrie faszinieren müsse. Nasser kam, was auf eine erfolgreiche usbekische Diplomatie hinweist.

Rashidov im Kalten Krieg

Mit der Zeit erhielt Rashidov verantwortungsvollere Missionen. Im Mai 1962 führte er eine sowjetische Delegation nach Havanna, deren offizielles Ziel die Zusammenarbeit im Bereich der Landwirtschaft und Bewässerung war. Tatsächlich war dies jedoch nur ein Vorwand, um die Reise des Marschalls der Raketentruppen Sergej Birjusow und des Generalleutnants der Luftwaffe Sergej Uschakow nach Kuba zu vertuschen. Ihr Ziel war es, Fidel Castro davon zu überzeugen, ballistische Raketen und strategische Bomber in Kuba zu stationieren. Bei der Gelegenheit freundete Rashidov sich mit dem kubanischen Staatspräsidenten an und empfing ihn ein Jahr später in Usbekistan, wo Castro Samarkand besuchte und in den Kolchosen der Hungersteppe Traktor fuhr.

Rashidov und Castro während dessen Besuch in Usbekistan 1963

Den Rücktritt Chruschtschows schadete Rashidov nicht – ganz im Gegenteil: Er wurde ein treuer Verbündeter Breschnews. Rashidov setzte seine diplomatischen Reisen fort und reiste im Jahr 1965 nach Jakarta. Wenige Monate vor den Massenexekutionen der Kommunisten durch das Suharto-Regime, forderte er eine antiimperialistische Solidarität. Er besuchte Algerien, dessen Kampf um die Unabhängigkeit von Frankreich die UdSSR aktiv unterstützte. Rashidov kam nicht mit leeren Händen: Die UdSSR bot dem Partner Kredite für 90 und 115 Millionen Rubel, Hilfe beim Bau eines Stahlwerks und der Entwicklung von Baumwolle. Vor dem Hintergrund der sich verschlechternden Beziehungen zwischen mit Ägypten, schenkte die UdSSR Algerien besondere Aufmerksamkeit. Mehrmals leistete Rashidov auch diplomatische Arbeit auf der Parteiebene. 1971 vertrat er die KPdSU auf dem Kongress der Chilenischen Sozialistischen Partei, später empfing er in Taschkent die amerikanische Kommunistin Angela Davis.

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Am Ende des Jahrzehnts widmete sich Rashidov mehr den inneren Problemen der Republik, aber schon in den frühen 80er Jahren kehrte er in die internationale Arena zurück, diesmal nach Afrika. 1980 flog er nach Simbabwe, um sich die Unterstützung der schwarzen Mehrheitsregierung unter der Führung von Robert Mugabe zu sichern. Mugabe traf Rashidov am Flughafen, verzögerte jedoch die offiziellen Verhandlungen, was zur Unzufriedenheit der UdSSR führte. In denselben Jahren nahm Rashidov persönlichen Kontakt zu den Revolutionären in Mosambik (FRELIMO) und Angola (MPLA) auf. Sein letzter diplomatischer Auftrag war Äthiopien, wo er im Jahr 1983 als Leiter der Delegation der KPdSU in Addis Abeba das erste Lenin-Denkmal Afrikas einweihte. Das Denkmal stand bis 1991.

Taschkent als Schaufenster des sozialistischen Ostens

Rashidovs „Hauptstadt“ Taschkent erfüllte in der Sowjetunion eine wichtige Funktion als Schaufenster für die Errungenschaften des sozialistischen Ostens, als Beweis für die Wohltätigkeit des sowjetischen Herangehens an die traditionellen islamischen Gesellschaften. Wichtige diplomatische Treffen fanden hier statt. So wurde zum Beispiel die Friedensdeklaration zwischen Indien und Pakistan 1966 in Taschkent unterzeichnet. Obwohl 1971 ein neuer Krieg begann, konnte Rashidov sich also als Friedensstifter betrachten.

Außerdem entwickelte Taschkent sich zum kosmopolitischen Kulturzentrum. Von 1968 bis 1988 fanden in Taschkent zehn Kinofestivals statt. Zu diesen Festivals kamen Tausende Schriftsteller, Dichter, Journalisten, Filmmacher und Sportler aus Asien, Afrika und Lateinamerika.

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Taschkent sollte der ganzen Welt zeigen, dass die UdSSR gegenüber Religion tolerant und dass das sowjetische System perfekt mit dem Islam vereinbar ist. Rashidov forderte die maximale Nutzung von Moscheen und Medresen in der Republik – nicht nur, um sie Touristen zu zeigen, sondern auch, um es den Gläubigen zu ermöglichen, sie für ihre beabsichtigten Zweck zu nutzen. Die Führung des Landes folgte diesen Forderungen und versuchte, der westlichen Propaganda entgegenzuwirken, die sich über die Verfolgung der Religion in der UdSSR empörte. Die theologische Ausbildung wurde in Taschkent wiederbelebt, das nach Imam al-Buchari benannte Islamische Institut wurde eröffnet und Hunderttausende Rubel wurden in die Restaurierung von Denkmälern und für das Studium der alten Kulturen Usbekistans investiert. 1970 fand zum ersten Mal in der Geschichte der UdSSR in Taschkent eine internationale Islam- Konferenz statt. Alle Veranstaltungen fanden natürlich unter der Kontrolle der Partei und des KGB statt und das obligatorische Element der Diskussionen war die Propaganda der sowjetischen Lebensweise und die Zurechtweisung des Imperialismus.

Die afghanische Falle

Rashidov hatte bald die Gelegenheit, dem nächsten muslimischen Nachbarn den Charme des „islamisch – sozialistischen“ Projekts zu demonstrieren. Nach der Aprilrevolution 1978 und der sowjetischen Invasion in Afghanistan 1979 wurde Usbekistan zum Hauptbrückenkopf und zum Zentrum der Kommunikation und der Militärverwaltung. Darüber hinaus erwiesen sich nach Angaben von Cucciolla die Kommunistische Partei Usbekistans und Rashidov als aktive Anhänger der Saur-Revolution und als wichtige Vermittler mit der Demokratischen Volkspartei Afghanistans, um das „usbekische Modell“ südlich des Amudarja zu verbreiten. Taschkent war aktiv an der Sowjetisierung Afghanistans beteiligt. Deswegen wurde dort ein Konsulat eröffnet und 1982 wurden 5000 afghanische Studenten zum Studium eingeladen. Außerdem wurden in der Hauptstadt Usbekistans afghanische Zeitungen und anderes Propagandamaterial gedruckt.

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Letztendlich führte der Krieg in Afghanistan aber dazu, dass das gesamte Image der Usbekischen SSR als Republik, in der Islam und Sozialismus harmonisch miteinander verschmelzen, zerstört wurde. Die Taschkenter Konferenz 1980 anlässlich des 1500-jährigen Jubiläums der Hidschra wurde von der Welt boykottiert. Nur 76 der 500 eingeladenen muslimischen Persönlichkeiten kamen. Die sowjetische islamische Geistlichkeit hatte ihre Reputation im Ausland beschädigt.

Und dann machten die Perestroika und die Krise in der Sowjetunion diese leuchtende Seite des Bildes von Rashidov, dem “Botschafter” der UdSSR in der Dritten Welt und im muslimischen Osten, völlig irrelevant. Die Moskauer Eliten, die Presse und die Bevölkerung interessierten sich viel mehr für das „Baumwollgeschäft“, die Überbevölkerung, die Probleme des Aralsees und andere innere Probleme Zentralasiens. Rashidovs Erbe wurde im unabhängigen Usbekistan wieder erkennbar, zum Beispiel in der Stadtlandschaft von Taschkent, in internationalen Foren und schließlich in der Idee eines staatlichen, ideologisch treuen und nachhaltigen Islam.

Artjom Kosmarskij für Fergana News

Aus dem Russischen von Jahongir Zaynobiddinov

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Sharof Rashidov hatte einen guten Draht zu Politikern der Dritten Welt
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Rashidov und Ho Chi Minh
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Rashidov und Castro während dessen Besuch in Usbekistan 1963
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