US Panzer Afghanistan

Lässt sich Taschkent erneut auf das afghanische Spiel ein?

Am 12. August kam eine Delegation der Taliban auf Einladung der usbekischen Behörden zu Gesprächen nach Taschkent. Alexander Knjasjew, russischer Politikwissenschaftler und Afghanistanspezialist erklärt die Hintergründe. Der Artikel wurde zuerst im kasachstanischen Onlinemagazin 365info.kz veröffentlicht und erscheint hier in Übersetzung.

Vergangenen August verbrachten Vertreter der Taliban vier Tage in Taschkent. Der usbekische Außenminister Abdulasis Komilow und die Sonderbeauftragte des Präsidenten von Usbekistan, Ismatilla Ergachew, nahmen an den Verhandlungen teil. Der Besuch fand auf Einladung Usbekistans statt.

Laut dem usbekischen Außenministerium diskutierten beide Seiten über eine friedliche Beilegung des Konflikts in Afghanistan. Die Taliban fügten hinzu, dass auch nationale Projekte zur Sicherheit des Eisenbahnverkehrs und der Stromleitungen diskutiert werden müssten.

365info.kz: Während der Gespräche in Taschkent wurde der „Rückzug ausländischer Truppen“ aus dem afghanischem Territorium diskutiert. Wie kann dieser Rückzug von Usbekistan abhängen und gegen wen richtet sich diese Forderung?

Alexander Knjasjew: Die USA, China und Russland sind die Hauptakteure in Afghanistan. Dazu kommen andere Länder, die gleiche oder andere Interessen in der Region haben. Es handelt sich um alle Nachbarländer Afghanistans und um die Länder, die an grenzüberschreitenden Afghanistanprojekten interessiert sind. Dazu zählen aber auch die arabischen Monarchien, die von Saudi-Arabien beherrscht werden, die Türkei und europäische Länder.

Das Verhalten dieser externen Mächte zeigt, dass praktisch keiner von ihnen wirklich an einer endgültigen friedlichen Beilegung des Konflikts in Afghanistan interessiert ist.

Gleichzeitig hat die Mehrheit der externen Akteure verschiedene Einflussmöglichkeiten auf die Ereignisse in Afghanistan, durch die verschiedene Konfliktebenen reguliert werden können. Der Rückzug ausländischer Truppen ist generell eine bedingungslose Forderung nicht nur der Taliban, sondern fast aller politischer Kräfte in Afghanistan. Einzige Ausnahme: Der politische Kreis um den scheidenden Präsidenten Aschraf Ghani, dessen Politik überhaupt erst durch diese ausländische Präsenz gewährleistet ist.

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Der „Rückzug der amerikanischen Truppen“ war schon Ende 2013 in aller Munde. Nach diesem medialen „Rückzug“ aus Afghanistan bleiben nur sieben ausreichend ausgestattete Flugplätze der US-Luftwaffe und bis zu einem Dutzend Bodenstützpunkte erhalten. Tatsächlich sind alle Militärstützpunkte, und keine kleinen. Es ist also eher die Imitation eines „Rückzugs“, um Spannungen in der afghanischen Gesellschaft abzubauen und „edle Absichten“ zu demonstrieren. Aber die Amerikaner sind nicht wirklich gegangen und sind auch nicht bereit, Afghanistan zu verlassen.

Seit Kurzem gibt es eine Vereinbarung zwischen Kabul, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten über die Möglichkeit, ihre militärischen Kontingente nach Afghanistan zu bringen. Kürzlich fanden in Doha Verhandlungen zu diesem Thema statt.

Andererseits unternehmen die USA erhebliche Anstrengungen, um Neu-Delhi zu einer militärischen Präsenz in Afghanistan zu zwingen. Bedenkt man die Bedeutung Pakistans für die Region, würde dies den Konflikt maßgeblich beeinflussen.

Die ausländische Militärpräsenz in Afghanistan, egal unter welcher Flagge, stellt immer einen sehr langfristigen Faktor dar. Natürlich hängt diesbezüglich nichts von Usbekistan ab. Alle bisherigen Erfahrungen mit Verhandlungen über Afghanistan zeigen, dass sie nur diejenigen betreffen, mit denen die jeweiligen Gesprächspartner direkt zu tun haben, aber nicht eine umfassende Befriedung des Landes erzielen. Verhandlungen haben nie eine definitive Form und dienen nur als Instrument zur Steuerung eines verteidigungspolitischen Vorgehens.

Welche Bedeutung hat die Stellung der Taliban heute in Afghanistan?

In Bezug auf die Gebietskontrolle und die Anzahl der Anhänger werden unterschiedliche Zahlen genannt. Die wichtigste Frage ist die nach der Unterstützung der Taliban durch einen großen Teil der afghanischen Bevölkerung. Denn das ist das Hauptparadox der Situation: Die Unterstützung wächst als Folge der antinationalen Politik der gegenwärtigen Regierung und der Aktionen ihrer Verbündeten, also die USA und die NATO. Eine wichtige Rolle spielt auch die finanzielle Unterstützung von außen, vor allem von den arabischen Monarchien.

Allgemein gesagt, könnte die Stellung der Taliban als unüberwindbar angesehen werden. Es scheint, dass alle beteiligten Akteure bereits eingeräumt haben, dass es für den Konflikt in Afghanistan keine militärische Lösung gibt.

Das ist ein wichtiger Konsens bezüglich der politischen Stellung der Taliban. Natürlich gibt es auch Schwächen, die Zersplitterung, die unstete Kommandostruktur – aber das ist zugleich auch eine Stärke. Denn es macht die Taliban zu einer asymmetrischen Konstruktion, bei der Soldaten leicht von einer Truppe zu einer anderen wechseln können und es schwierig ist, zu verhandeln.

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Wir erinnern uns an den sogenannten „Sieg über die Taliban“ in den Jahren 2001-2002, als sie gerade vor der US-Militäroperation geflohen waren. Sie verschwanden, um gestärkt wieder aufzutauchen. Offenbar ziehen sich die Regierungstruppen jetzt von allen abgelegenen und unzugänglichen Orten des Landes zurück und konzentrieren sich auf die Sicherheit in den Großstädten. Regionen der Provinz sind unter Kontrolle der Taliban, sofern sie nicht von starken Lokalregierungen geführt werden, die in der Lage sind, das Territorium ohne den Einfluss Kabuls zu kontrollieren. Aber davon gibt es nicht viele.

Die Heterogenität der Taliban, einer nicht vertikal organisierten oder klar strukturierten Bewegung, erzeugt Uneinigkeiten, wer aus Sicht der Taliban berechtigt ist, im Namen der gesamten Vereinigung bei Verhandlungen zu sprechen. Daher können alle Verhandlungen stets von den politischen Kräften in Afghanistan und von externen Akteuren infrage gestellt werden.

Wie sieht ihrer Meinung nach der wahre Einfluss Usbekistans auf die Situation in Afghanistan aus? Worum könnten diese Verhandlungen wirklich gehen? Warum sollte sich Taschkent bei diesem Konflikt in Afghanistan engagieren, obwohl man dort behauptet, neutral zu sein?

Es ist sehr wichtig, dass Usbekistan im Rahmen der derzeit angestoßenen Wirtschaftsreform eine Reihe von Projekten in Afghanistan durchführt. Usbekistan will von einer isolationistischen Wirtschaft, die Importe ersetzt, zu einer exportorientierten Wirtschaft übergehen, die sowohl neue Märkte als auch neue Kommunikation erfordert. Ich denke, dass die Maßnahmen der usbekischen Regierung gegenüber der Situation in Afghanistan auf etablierten Ideen über die entscheidende Vorherrschaft der Vereinigten Staaten in allen Prozessen der Region, einschließlich natürlich Afghanistan, basieren.

Die Afghanistanpolitik Usbekistans ist Teil des bekannten  , das auf die Integration Afghanistans in das postsowjetische Zentralasien abzielt. Die USA verstehen die regionale Bedeutung von Usbekistan, das in allen amerikanischen Szenarien der erste oder einer der ersten Akteure ist. Usbekistan ist in Afghanistan aktiv und baut auf die Unterstützung der Vereinigten Staaten bei der Umsetzung von Projekten in der Region.

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So ist seit 2011 die Mazar-e-Sharif-Bahn in Betrieb, die von der usbekischen Bahngesellschaft Ozbekiston Temir Yollari betrieben wird. Zudem ist Usbekistan der wichtigste Stromlieferant für die nördlichen Provinzen und Kabul. Es gibt auch eine Reihe weiterer erfolgreicher usbekischer Projekte im Land.

Taschkent hat aus dieser Sicht Grund, optimistisch zu sein, aber die Situation in Afghanistan ändert sich. Die russische Regierung wechselt ihren Kurs in der Afghanistanpolitik, es gibt ernsthafte Interessen Chinas – das Gleichgewicht der Mächte in der Region ist nicht statisch, sondern in ständiger Bewegung. Was gestern mit Unterstützung der USA möglich war, wird morgen nicht unbedingt ebenso und mit der gleichen Unterstützung möglich sein.

Die Verteidigungspolitik Taschkents konzentriert sich vor allem auf die Sicherung der 140 Kilometer langen Grenze zwischen Usbekistan und Afghanistan. Diese wird besonders bewacht und scheint keine Gefahr darzustellen. Indirekte Bedrohungsszenarien können natürlich auch erwogen werden, aber nur wenige haben die Ressourcen dazu.

Nach dem Treffen gab es Berichte über die Eröffnung einer Repräsentanz der Taliban in Taschkent. Das usbekische Außenministerium wies diese Information jedoch zurück. Halten Sie es für möglich, dass ein getarntes illegales Büro geschaffen wird? Oder kann man mit Sicherheit sagen, dass so etwas nicht geschaffen wird?

Bereits der Besuch der Talibandelegation in Taschkent ist skandalös, obwohl das in den Medien kaum angesprochen wird. Der Leiter der Delegation, Sher Mohamad Abbas Stanekzai, steht gemäß den Resolutionen 1267 (1999) und 1333 (2000) über die Handlung und Aktivitäten der Taliban unter den Sanktionen des UN-Sicherheitsrates. Usbekistans Regierung hat Informationen über die Eröffnung des Talibanbüros in Taschkent abgewiesen, weil ihnen diese Resolutionen bekannt sind.

Ein weiterer wichtiger Aspekt dieser Verhandlungen ist, dass Mulla Stanekzai und Masum Stanekzai, einer der Hauptvertreter Kabuls, nicht nur den gleichen Namen haben. Sie sind Vertreter eines paschtunischen Stammes aus der Provinz Logar. Es ist durchaus zu erwarten, dass eine lokale Vereinbarung, die der ganzen Welt präsentiert werden kann, in Wirklichkeit eine Vetternwirtschaft ist. Was das „versteckte Büro“ angeht, denke ich, dass es nicht nötig ist, so etwas aufzubauen.

Kann man erwarten, dass die Taliban mit anderen zentralasiatischen Ländern sprechen werden?

Möglicherweise wird Ashgabat auf Grundlage der Verhandlungen in Taschkent ähnliche Ansätze zeigen. Eine andere Frage ist, welche Ziele diese Besuche und Verhandlungen haben werden. Ich denke, dass alle diese Aktionen in der optimistischsten Version in absehbarer Zukunft nur in lokal sehr begrenzten Dimensionen erfolgreich sein können. In den meisten Fällen werden sie die Lage in Afghanistan nicht nachhaltig verändert.

Aus dem Französischen und Russischen von Elisabeth Rudolph

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Ein Amerikanischer Panzer in Afghanistan
David Axe
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