Nomoz und seine Söhne

Stiller Held: Wie ein usbekischer Rentner die Wüste besiegte und einen 35 Fußballfelder großen Wald pflanzte

Nomoz Jumayev, ein Rentner aus Surkhandarya, verwandelte die Wüste vor seiner Mahalla (ein Stadtviertel, Anm. d.Ü.) in einen Wald von 35 Fußballfeldern. Das folgende Porträt erschien auf Gazeta.uz. Wir übernehmen es mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Wir sind es gewöhnt, unser Land blühend und grün darzustellen. In Wirklichkeit besteht Usbekistan jedoch zu 80 Prozent aus Wüsten und Halbwüsten. Unsere Vorfahren haben Jahrtausende lang daran gearbeitet, dieses Land wohlhabend und fruchtbar zu machen.

Ende des 20. Jahrhunderts starteten Wüsten in Usbekistan einen Gegenangriff. Die Weiden sind überweidet und degradieren. Die Dorfbewohner, denen Kohle und Gas fehlt, holzen die gesamte Vegetation in der Gegend für den Treibstoff ab und lassen nicht einmal die Wurzeln zurück. Nur wenige denken an die Zukunft.

Am Rande der Stadt Dzharkurgan in der Region Surxondaryo befindet sich eine Mahalla mit dem  Namen „Kora Yantak“. Hier leben ungefähr hundert Familien. Alhagi gibt es hier wirklich viel. Die Wüste nähert sich der Mahalla und erobert immer mehr Gebiete. Der Wind verteilt den Sand auf den Straßen. Manchmal weht ein starker und heißer „Afghane“. Dann schließen die Bewohner die Fensterläden und verstecken sich in Häusern vor dem Staubsturm.

Nomoz, der Einzelkämpfer

Die Hauptstraße der Mahalla heißt „Broilernaya“. Hier, im Haus Nummer 92, leben der Rentner Nomoz Jumayev und seine große Familie.

„Einmal kamen Leute aus Buchara zu uns und versammelten alle in der Schule. Man führte uns eine Kassette vor und sprach darüber, wie man mit dem Sand umgehen kann. Niemand außer mir in der Mahalla zeigte Interesse daran und entschied sich Saxaul zu pflanzen “, erzählt uns Nomoz.

Unter den Gästen aus Buchara waren auch der Förster Abdusalom Normatov und der nationale Koordinator des GEF Small Grants Programme Alexey Volkov.

„Abdusalom war die Inspiration für dieses Projekt. Er hat lange in dieser Gegend gelebt. Er sagte mir, dass die Wüste wächst und etwas getan werden muss. Die Menschen wissen nicht, wie man Bäume pflanzt. Sie graben sogar Wurzeln als Brennstoff aus. Nur nehmen, aber der Natur nichts geben. Abdusalom war begeistert von der Idee, sie zu lehren“, sagt Alexey Volkov.

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Nomoz war auch von der Idee inspiriert, den Wald wiederherzustellen. Ein lokale Unternehmer erlaubte, sein Land zu nutzen. GEF Small Grants Programme teilte Geld für den Kauf von Setzlingen zu. Und… es klappte nicht. Im ersten Jahr schlugen die Saxaul-Setzlinge keine Wurzeln.

„Ich fing an zu pflanzen und alles vertrocknete. Anfangs wusste ich nicht, wie ich richtig pflanzen sollte. Es stellte sich heraus, dass den Wurzeln etwas Lehm zugesetzt werden musste. Ich habe das verstanden und angefangen, alles neu zu machen “, sagt Nomoz.

Das Scheitern hat den „Wüstenbezwinger“ nicht aufgehalten. 2010 begann er erneut Saxaul und andere Pflanzenarten anzupflanzen – innerhalb von drei Jahren pflanzte er von Hand ungefähr 15.000 Setzlinge.

Ein Mann steht im Buschland

Jetzt hat der Wald eine beeindruckende Fläche von mehr als 50 Hektaren. Dies entspricht 35 Fußballfeldern oder drei Mustakillik-Plätzen (der „Unabhängigkeitsplatz“ in Taschkent, Anm. d. Red.) Von einem Ende zum anderen muss man mit dem Auto fahren – zu Fuß ist es zu weit. Der Saxaul hier ist hoch – manchmal viel höher als Menschen. Um ihn herum blühen Sträucher, Gras bahnt sich seinen Weg, Nagetiere und Reptilien graben Löcher. Echter Wald. Er ist noch sehr jung – acht Jahre alt.

„Als ich einige Jahre später kam, um die Ergebnisse zu sehen, war ich überrascht. Es ist großartig“, sagt Alexey Volkov.

„Ich weiß nicht, warum niemand meinem Beispiel folgt“, – sagt Nomoz. Er zeigt mit seiner Hand auf die Wüste herum: „Dieses Land hat einen Besitzer – aber er baut dort nichts an. Stellen Sie sich vor, wie grün unser Land wäre, wenn alle Bäume pflanzen würden.“

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Nomoz beschwert sich, dass die Menschen ihr Heimatland nicht nur nicht wiederherstellen, sondern weiter vergiften wollen. Gegenüber von „seinem Wald“ bildete sich eine Müllhalde. Die lokalen Behörden haben es trotz der Bitte von Nomoz nicht eilig, sie zu beseitigen. Sehr vielsagend.

Ein VAZ-2101, ein Pferd namens Beck, Schafe, Ziegen, etwas Grün auf den Beeten und Maulbeerbäume – das ist alles, was Nomoz zur Verfügung hat. Hier gibt es kein Gas. Die Schwiegertöchter backen Lepjoschka (ein flaches Brot, Anm. d. Ü.) in einem Tandoor (ein Ofen, Anm. d. Ü.) und verkaufen sie in einem örtlichen Geschäft. Die Rente, die Nomoz als Fahrer bei der örtlichen Geflügelfarm erhält, reicht für ein angenehmes Leben im Alter nicht aus – es sind gerade einmal 250.000 Sum (circa 250 Euro).

Mit seinen 63 Jahren ist er mit allen Wassern gewaschen: er erlebte die Hitze in Surkhandarya und Schnee. Er diente in der sowjetischen Armee in Tschukotka. Selbst engen Freunden erzählte er nicht von seinem Wald.

„Ich hätte nicht gedacht, dass er diesen Wald gepflanzt hat. Er hat nie um Hilfe gebeten, obwohl ich einst Vorsitzender des Mahalla-Komitees war“, sagt sein bester Freund Kulmurod Eshmurzoev. „Er hat mir erst 2015 ein Geheimnis über den Wald verraten. Und ich war sehr überrascht. Er ist so ein bescheidener Mensch.“

„Niemand hat mich von den Behörden beachtet, niemand hat geholfen, aber sich auch nicht eingemischt. Einmal kam der Hokim (Leiter der lokalen Verwaltung, Anm. d. Ü.) der Region Surkhandarya mit dem Auto vorbei, sah meinen Wald und hielt an. Er fragte: „Wer hat das gepflanzt?“ Aber ich war nicht zu Hause. Er bat, einen Dank an mich auszurichten“, sagt Nomoz.

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„Das Problem von Dzharkurgan ist nicht einzigartig, Wüsten sind wie andere Ökosysteme mit extremen Bedingungen sehr anfällig. Deshalb ist der Erfolg von Nomoz Jumayev ein hervorragendes Beispiel dafür, wie die Wüste mit minimalen externen Investitionen und Grundkenntnissen zurückgedrängt werden kann. Hierhin müssen Ausflüge aus anderen Wüstengebieten unseres Landes unternommen werden, Nomoz sollte eingeladen werden, über seine Erfahrungen in ganz Zentralasien zu berichten. Das Wichtigste ist schließlich der Wunsch, die Fruchtbarkeit der Wüste wiederzugewinnen und etwas für die Nachkommen zu hinterlassen“, sagt der Landschaftsökologe Rustam Murzakhanov, ein Mitarbeiter der deutschen Michael-Succow-Stiftung.

Nomoz zeigt seine Urkunde

Wenn Sie unseren Helden besuchen, wird er Ihnen mit Sicherheit einen eingerahmten Brief zeigen – ein Dank für das inspirierende Projekt, das der ehemalige UNDP-Vertreter in Usbekistan, Stephan Prisner, unterzeichnet hat. Dies ist der einzige materielle Beweis für die Anerkennung der Verdienste von Nomoz.

Kampf um Ressourcen

Der gepflanzte Wald bringt der Familie von Nomoz noch kein Einkommen. Er schneidet hier keine Bäume für seine Bedürfnisse oder zum Verkauf. Er sammelt nur sorgfältig Alhagi für den Tandoor. Experten glauben jedoch, dass das Potenzial des Waldes enorm ist.

„Dies ist ein Entwicklungsmodell, an das wir zu glauben begonnen haben und das wir für die Umsetzung im ganzen Land in Betracht ziehen. Jeder Bauer kann die Wüste bekämpfen und anfangen, mäßig Vieh zu weiden und Brennholz zu sammeln. Nach unseren Berechnungen kann man mit einem Jahr aus einem Hektar restaurierten Waldes 300 bis 500 Dollar verdienen“, sagt Alexey Volkov.

Rein theoretisch kann die Nutzung eines Waldes mit einer Größe von 50 Hektar ca. 1.600 US-Dollar monatliche Einnahmen bringen. Das sind viel Geld auch für die Hauptstadt.

„Wir möchten sagen: wenn man die Wüste als natürliches Kapital betrachten und wie Nomoz bewalden würde, könnte man Geld verdienen. Jetzt führen wir bereits ein ähnliches Projekt im Bezirk Farishsky in der Region Jizzax durch“, sagt Volkov.

Aber nicht alles ist so ungetrübt. Es stellte sich heraus, dass es nicht ausreicht, nur den Wald zu pflanzen. Die Menschen wollen nicht nur dem Beispiel von Nomoz nicht folgen, sondern versuchen auch, die Früchte seiner Arbeit zu zerstören. Die meiste Zeit verwenden Nomoz und seiner Familie heute für den Schutz des Waldes vor den Nachbarn. Sie versuchen, Vieh im Wald zu weiden, wodurch junge Pflanzen zerstört werden und Bäume gefällt werden.

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Nomoz nennt den Wald „seinen“. Sein rechtlicher Status ist jedoch unbekannt, und es ist nicht klar, wer bei seiner Verteidigung helfen soll. Er hat keine Dokumente zu dem Land, nur eine mündliche Erlaubnis, die einmal von den örtlichen Behörden erteilt wurde, und von einem Geschäftsmann, der die Nutzung seines Landes genehmigt hat.

„Wenn dieses Land niemandem gehört, kann er es mieten. Dies ist der einzige Weg, um es zu schützen. Weil es in der Gesetzgebung keine direkten Normen gibt, die solche Waldplantagen schützen würden“, sagt Alexey Volkov.

„Mit wie vielen Leuten habe ich mich gestritten. Wir sind gezwungen, Tag und Nacht den Wald zu bewachen. Ich komme mit meinen Söhnen im Auto, wir stellen die Couch auf und übernachten hier“, klagt Nomoz. „Wir mussten die Waldränder mit Glasscherben abdecken. Davor fuhren Wilderer direkt in Autos in den Wald, fällten Bäume für Brennholz und sammelten Dornen.“

Ich denke, Nomoz würde sich freuen, Dokumente für seinen Wald zu erhalten, um sich sicher zu fühlen. Ich hoffe, dass die lokalen Behörden ihn dabei unterstützen und helfen.

Er selbst bittet nur um eines: „Ich brauche mehr Setzlinge. Ich kann sie nicht aus meiner Tasche kaufen. Noch zehn, fünfzehn Tausend. Dann werde ich weitere 30 Hektar Wald pflanzen. Genre auch mehr. Soviel man gibt, so viel werde ich pflanzen.“

Nomoz ist ein glücklicher Mann. Er erzog Kinder, baute ein Haus. Und er pflanzte nicht einen Baum, sondern einen ganzen Wald.

Nikita Makarenko für Gazeta.uz

Aus dem Russischen von Esmira Saudkasova

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Nomoz Jumayev hat aus eigenen Antrieb einen Wald angepflanzt
Elyor Nematov für Gazeta.uz
Dank Nomoz muss die Wüste immer weiter der Vegetation weichen
Elyor Nematov für Gazeta.uz
Für das Anpflanzen des Waldes erhielt Nomoz ein Dankesschreiben
Elyor Nematov für Gazeta.uz
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