Kunst Usbekistan Gesellschaftskritik

Umida Achmedowa – eine Ausnahmekünstlerin in Usbekistan

Die Künstlerin Umida Achmedowa zeigt mit ihren Fotografien unangenehme Wahrheiten im Leben der Usbeken. Wahrheiten, die die Behörden am liebsten Todschweigen würden. Umdias Fotos werden deshalb zwar als unsittlich gebrandmarkt, aber nicht geahndet. Zeichnet sich da ein umdenken in Usbekistan ab? Umdia wäre das wohl egal, sie würde trotzdem fotografieren. Ein Korrespondent der Onlinezeitung The Open Asia besuchte ihre aktuelle Ausstellung in Taschkent und sprach mit dieser besonderen usbekischen Künstlerin.

„Wir sagen in Usbekistan oft: “Wir haben einen friedlichen Himmel“ und “Stiller Himmel“ ist unser gemeinsamer Name (Anm. d. Red.: Es handelt sich hierbei um ein Wortspiel der russischen Wörter „mirny“ = „friedlich“ und „smirny“ = „still, ruhig). Nach dem Prinzip: Jeder versteht auf seine Weise. Ich denke, das klingt sehr poetisch!“, sagte Umida Achmedowa auf der Eröffnung ihrer ersten Ausstellung in Taschkent, die ebenfalls unter dem Motto „Stiller Himmel“ läuft.

Während der Sowjetzeit hätte man diese Frau möglicherweise als Rebellin bezeichnet. Nur ist sie keine von denjenigen, die in Ruhe protestieren, indem sie in ihrer kleinen Küche sitzen und einen “Samisdat“ lesen (Samisdat wörtlich übersetzt = “Eigenauflage“, bezeichnet es die Weitergabe alternativer Literatur auf inoffiziellen Wegen, z.B. Fotokopien. War in der ehemaligen UdSSR und großen Teilen der Ostblockstaaten weit verbreitet).

Den anderen voraus, schon in der Sowjetzeit

Umida Achmedowa versuchte stets, deutlich auf sich und ihre Position aufmerksam zu machen, doch lediglich über die Kunst, die Fotokunst. Allerdings musste sie auch deswegen vor Gericht erscheinen.

Umida Achmedowa ist Fotografin, Dokumentarfilmerin und Mitglied der Kinematografischen Union und Usbekischen Kunstakademie. Außerdem ist sie die erste Kamerafrau in Usbekistan, die während der Sowjetzeit an der WGIK (Gerassimow-Institut für Kinematographie) in Moskau ihr Studium absolviert hat.

Die Hauptthemen ihrer Werke sind Genderungleichheiten, Armut und ethnische Probleme.

Die Ausstellung wurde von der Gründerin der ZERO LINE Gallerie, Bella Sabirowa, organisiert.

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„Alle Werke von Umida, die auf der Ausstellung vorgeführt werden, scheinen die in ihren Augen Besten zu sein. Es ist die Auswahl der Künstlerin, die ich sehr schätze und der ich auf keinen Fall im Weg stehen möchte“, sagt Bella.

Hier gibt es insgesamt fünfzehn Fotografien und drei Arbeiten im Stile der Videokunst. Sie wurden alle im Laufe des vergangenen Jahres angefertigt.

Ein langer Freund und Partner von Umida, der in Usbekistan bekannte Kinodokumentarfilmer Oleg Karpow, freut sich: Entgegen der Erwartungen haben die Behörden die Eröffnung weder behindert noch dabei Druck ausgeübt. Auch Umida selbst atmet vor Erleichterung auf. Sie ist sich sicher, dass für eine solche Vernissage hier und jetzt die Zeit und der Ort seien:

„Die Menschen sind einfach müde von Verboten, Sperren, Kontrollen und genauso von Katzen- und Landschaftsbildern. Die Leute wollen die Wirklichkeit sehen.“

2007 erlangte Umida skandalöse Bekanntheit, als sie ihr Fotoalbum „Frauen und Männer: Vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang“ herausbrachte. In diesem befanden sich 110 Fotografien.

„Darin sind all meine besten Arbeiten dieser Jahre gesammelt. Ich habe mein ganzes Leben lang das reale Leben der Menschen fotografiert, ohne nachzudenken, ob schön oder nicht“, erklärt die Fotokünstlerin.

Aber die usbekischen Behörden sahen in Umidas Fotos damals ganz und gar nicht zu die Besten und Schönsten. Es wurde ein Strafverfahren gegen Umida Achmadowa eingeleitet, wofür sogar eine spezielle Kommission für die Ahndung komplexer Fotoexpertise ins Leben gerufen wurde.

So kommentierten die “Experten“ beispielweise ein Foto, auf dem ein Junge während des Beschneidungsrituals dargestellt war: „Die Autorin schaut kritisch auf die Beschneidung, sie möchte dem Jungen ihr Mitleid zeigen, während sie das usbekische Volk als barbarisch darstellt.“

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Oder folgende Antwort der selben Kritiker auf ein Foto von Frauen, die eine Straße kehren: „Die Autorin fotografiert gern fegende Frauen. Als ob Frauen in Taschkent keinen anderen Beruf ausüben würden außer Putzfrau.“

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So war das gesamte Urteil der Kommission. Man sagte, dass das Objektiv der Fotografin nicht die schönen Orte, zeitgenössischen Gebäude und gut erhaltenen Dörfer wiederspiegle. „Umida Achmedowas Album wurde mit einem eigennützigen Ziel erstellt. Die Autorin stellt die Beziehung zwischen Männern und Frauen und im allgemeinen Genderprobleme unangemessen dar. Informationen dieser Art können zu einer falschen Wahrnehmung der Wirklichkeit der heranwachsenden Generation der Republik Usbekistan führen.“

Aber nach dieser “Ohrfeige“ von den Behörden war Umida nicht nur beruhigt, sie ging sogar weiter und drehte einen Dokumentarfilm unter dem Namen „Die Last der Jungfräulichkeit“ (russ. „Bremja dewstwennosti“). Der Film berührt eines der intimsten Themen in familiären Beziehungen. In einigen Regionen Usbekistans hat sich eine Tradition erhalten: Den nahen Verwandten der Braut und des Bräutigams wird das Bettlaken nach der ersten Hochzeitsnacht gezeigt, als Zeichen dafür, dass das Mädchen eine Jungfrau war.

Für die Wahrheit vor Gericht

Achmedowa denkt, dass dieses Ritual die Ehre und Würde eines jungen Mädchens verletzt. Die Fotografin ist darüber empört, dass auch jetzt, im 21. Jahrhundert, in Usbekistan niemand über diese Fragen diskutiert, niemand über dieses Thema nachdenkt: Tradition ist Tradition – und Punkt.

Umida wurde erneut angeklagt dafür, dass sie „das Bild Usbekistans und des usbekischen Volkes befleckt“ und „das Leben der Usbeken sehr hässlich darstellt“. Im November 2009 begannen die usbekischen Behörden gegen sie eine strafrechtliche Verfolgung nach Art. 139, Abs. 3 („Verunglimpfung aus eigennützigen oder anderen niederträchtigen Veranlassungen“) und Art. 140, Abs. 2 („Beleidigung im gedruckten oder auf andere Weise vervielfältigten Text oder in den Massenmedien“) des usbekischen Strafgesetzbuches einzuleiten.

Im Gerichtsprozess erklärte Umida Achmedowa, dass sie in ihren Werken lediglich das Leben der Menschen so gezeigt hat, wie es ist und dass sie beabsichtigt, dies auch weiterhin zu tun.

Ein neuer Kurs der usbekischen Behörden?

Das Urteil über Umida Achmedowa wurde am 9. Februar 2010 in Taschkent der Öffentlichkeit zugänglich vollführt. Sie wurde beiden Artikeln schuldig gesprochen, daraufhin jedoch begnadigt.

Lest auch bei Novastan: Teil 1: Die nationale Identität Usbekistans 2.0: Das Erbe einer Debatte

Und so ist es ihr nun ohne Umstände gelungen, die Ausstellung zu organisieren. Was ist das? Hat etwa das Tauwetter eingesetzt? Spricht die neue Obrigkeit für die Schaffensfreiheit? Bis jetzt hat Umida auf diese Fragen keine Antworten, doch darüber denkt sie nie nach.

Eine vorherige persönliche Ausstellung von Umida Achmedowa in Usbekistan fand in Fergana 2008 statt. Ihre Arbeiten wurden ebenso in Kopenhagen (2006), Nischni Nowgorod (2010), Rostow am Don (2010) und Tiflis (2005-2007) ausgestellt. Im Mai 2016 wurde sie mit dem internationalen Václav Hável Preis ausgezeichnet, der für das Andersdenken in der Schaffenskunst mit der Formulierung „für den kreativen Protest“ überreicht wird.

Die Ausstellung „Stiller Himmel“ in Taschkent dauert bis zum 26. August. Aber Umida Achmedowa hat schon ein neues Projekt in Angriff genommen. Es nennt sich „SNAP“ – Mittel der bildhaften Werbung und Propaganda (russ. „sredstwa nagljadnoj agitacii i propagandy“).

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Auf den Fotos befinden sich Parolen und ideologische Aufrufe, welche auf Bannern in allen Städten und Dörfern Usbekistans zu sehen sind. Der Meinung der Autorin nach sind dies alles Spuren eines totalitären Systems. Diese Fotos werden in Bischkek in dem Projekt „Posttotalitarismus“ des Künsters Gamal Bokonbaew ausgestellt, welches im September diesen Jahres präsentiert wird.

theopenasia

Aus dem Russischen von Sarah Rudloff

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Umida Achmedowa auf ihrer Ausstellung in Taschkent
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Galeristin Bella Sabirowa schätzt die Arbeit Achmedowas
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Der Vorwurf bei diesem Bild: Es stelle die Kultur der Beschneidung junger Männer hässlich dar.
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“Als ob alle Frauen in Taschkent Putzfrauen wären”, so das Urteil der vom Gericht eingeschalteten Kunstkritiker zu diesem Bild
Umida Achmedowa
Die Absurdität von Propaganda-Plakaten ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, ist ihr jüngstes Projekt
Umida Achmedowa
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